Fischer , Caroline Auguste Margarethe www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline Auguste Fischer Margarethe Ein Roman Von der Verfasserin von Gustavs Verirrungen Stephani an seine Verwandten . Scheltet nur ! es ist nichts angefangen , noch weniger vollendet . Eure Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und euere Aufträge nicht besorgt . Der Alte ! - werdet ihr rufen . O nein ! nicht ganz der Alte . Seit acht Tagen , die ich hier bin , noch kein Schauspiel besucht , alle Kunstschätze unbesehen , alle mondhellen Nächte durchschlafen . Ihr werdet das Alles begreifen , wenn ich euch sage , daß Bernhard plötzlich in Dienstesangelegenheiten verreist war , von meiner Ankunft nichts wußte und nun gerade am Abende vor seinem Geburtstage zurückkehren wollte . Da nahmen mich dann sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altäre , verschlungene Namen und Illuminationen . Das herrliche Weib , die Mutter , schämte sich beinahe ihres Ungestümms ; doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen , und so machten die kleinen Quälgeister mit mir , was sie wollten . Bernhards Ueberraschung war unbeschreiblich . Er vergaß im ersten Augenblicke Weib und Kind . O die glückseligen Menschen ! Ich sage euch , mein sehnsüchtiger Geist ist befriedigt , oder wenn ihr wollt , eingewiegt , seitdem ich das Alles so dicht um mich her sehe . Die Kinder nennen mich den grossen Bruder und Abends mag ich mich flüchten , wohin ich will , sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenplätzchen zu bringen , wo des Erzählens kein Ende wird ; es sey denn , daß uns die Mutter zum Abendessen herein treibt . Gelingt es ihnen aber nicht , mich von der Gegend zu entfernen , komme ich früher als sie , so bin ich unbeweglich und sie müssen mich allein lassen . Auch des Morgens dürfen sie mich nicht stören . So hoffe ich doch noch etwas zu Stande zu bringen und , seyd nur ruhig , euere Aufträge sollen auch besorgt werden . Es ist eine liebliche Gegend und schon vom südlichen Hauche belebt . Landschaft möchte ich aber doch nicht hier studiren : denn , wie gesagt , es bleibt Alles beim Lieblichen , und Scenen wie bei uns , fehlen ganz und gar . Um so treuer widme ich mich dem historischen Fache , für welches ich , wie ihr wißt , unschätzbare Kleinode hier finde . Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll ? - Ich bitte euch , laßt mich ! laßt mich doch ! Ich gebe euch nichts zu bereuen , darauf könnt ihr bauen . Wenn nun der Anblick himmlischer Schönheit mich erquickt , wenn mein umdüsterter Geist heller , mein hochpochendes Herz ruhiger wird , handle ich dann wider euch ? wider mich ? Denkt an euere Angst , ich würde mich der Bühne widmen - war sie gegründet ? Vertraut nur der Mutter , wenn ihr mir wieder nicht glaubt . Sie wußte immer früher als ich selbst , was ich wollte . Ich bin im Schauspiele gewesen , und es hat mich wunderbarer als jemals angezogen . Besonders tief hat mich das Ballet erschüttert . Sie haben Tänzer ! eine Tänzerin ! bei dem allwissenden Gott , das ist ein Geschöpf sonder Gleichen ! Thränen des Entzückens füllen mein Auge , wenn ich daran zurückdenke . Ich weiß nicht , warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht . Hier ist Ernst , hoher , heiliger Ernst . Ich kann , ich mag euch noch nicht sagen , welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat . Ich wollte , ihr kämet und sähet selbst . Seht , ich prüfe , vergleiche , finde nichts ihr Gleiches , Aehnliches ; nicht einmal unter den Werken der Kunst . Das ist Alles todt neben ihr . Nur in dieser Lebendigkeit , sagen ihre Feinde , liege der ganze Reiz ihrer unvergleichlichen Schönheit . Die Thoren bilden sich ein , das sey Tadel . O daß sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist ! die ihren Werth kaum ahnen . Ob sie das weiß ? Ob sie weiß , wie sie verkannt wird ? Sonderbar genug hat mich bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten . Aber soll sie das ferner ? Sie ist nicht männlich diese Scheu - und was fürcht ' ich ? - Wahrlich es fehlt mir die Antwort ! Wohin ich sehe , wohin ich gehe , da schwebt sie . Diese Scheu war Ahnung , Ahnung , daß sie mein ganzes Wesen umfangen würde . Ich denke nichts mehr , als sie . Bernhard scheint mich zurückhalten zu wollen . Wovon ? Von Anbetung der höchsten , seelenvollsten Schönheit , die ich je sah ? Und ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir . Sie ahnet , daß ich sie kenne ; verstehen wir keiner den Andern . Doch hat sie noch kein Wort von mir gehört . Wie könnt ' ich auch sprechen , wenn diese Rosenlippen sich öffnen ! O nur diesen Mund möcht ' ich euch zeichnen ! Ein erbärmlicher Mensch , ein Graf , bat mich letzt um ihr Bild ; aber ich schlugs ab und gab vor , Porträt sey nicht mein Fach . Doch stellt er sich , als gäbe er die Hoffnung nicht auf , und meinte , wenn sie mir nur sitzen wolle , würde ich mich schon erbitten lassen . Erbitten ! Morgen ! Morgen ! Aber daß dieser Mensch mich bei ihr einführt , soll ich es dulden ? Nein , wie sie es auch nimmt , ich gehe früher . Mathilde erblaßte , da sie es hörte , und Bernhard ward roth , wie vor Zorn . Bald hätte mich das erbittert ; doch Mathildens Blick machte , daß ich mich schnell wieder faßte . Die Kinder drängten sich dicht um mich her , als geschähe ein Unglück , und Bernhard verließ plötzlich das Zimmer . Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders , befürchten eine gemeine Verbindung : von mir ! von ihr ! - Mathilden spräch ' ich , beruhigte ich gern ; aber Bernhard ist bei ihr . Ich war bei ihr . Ein ganzes Zimmer voll Rosen duftete mir entgegen ; Stühle , Tische , der Fußboden , Alles mit Rosen bedeckt . Sie selbst schwebte aus einem andern Rosenzimmer herein , gestand mir diese Rosenleidenschaft , die sich jeden Frühling erneuere , und ihr den Winter ertragen helfe . » Uebrigens , « fügte sie hinzu , » scheinen mir die Männer am liebenswürdigsten , welche die wenigsten Rosen zertreten . « Auf diese Worte setzte ich mich schnell ihr zur Seite . Sie war wunderbar schön , fühlte es , lächelte , und wurde noch schöner . Ich starrte sie eine Weile sprachlos an , aber da ihr Auge fragend auf mir ruhete , faßte ich mich endlich und wagte meine Bitte . » Ach ja ! « - antwortete sie - » der Graf hat mir schon lange davon gesagt , aber ich habe immer gezweifelt , daß irgend Jemand die nöthige Geduld mit mir haben würde , denn lange auf einer Stelle zu bleiben , ist mir unmöglich . « Ich versicherte ihr , dies sey gar nicht nöthig , und ich hoffe um so mehr für meine Arbeit , je weniger Zwang sie sich anthun werde . » O wenn das ist ! « - rief sie mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung - » so können wir anfangen , wann Sie wollen . « Wir sprachen nun noch einiges über den Anzug , und sie gestand mir , daß sie sich für die Bühne in ganze Stücke Zeug kleide , welche , ohne Hülfe des Schneiders , sich nach ihrer Laune fügen müßten , dann reichte sie mir noch ein Paar Rosen , und verschwand in das andere Rosenzimmer . Den Abend sah ich sie noch als Psyche und so will ich sie bitten , sich malen zu lassen . Bernhard war nicht bei Tisch und doch nicht verreist ; Mathildens Augen waren roth , die Kinder fragten nach dem Vater , der Aelteste wollte ihn holen und sie verbot es . Länger nun zu schweigen war mir unmöglich . Mathilde - sagt ' ich - warum sind wir getrennt ? - Warum ? O Gott ! Bernhard sagt , ich sey Schuld . Sie ? Ja , ich hätte Sie früher warnen sollen . Was fürchten Sie ? Ach Gott ! daß die ganze Ruhe Ihres Lebens verloren gehe . Wenn ich das bewundere , was Jeder , der ein fühlendes Herz hat , bewundert ? Bewunderten Sie es so , was hätt ' es dann für Noth ? Sie lieben ! lieben ! und wen ! - Mathilde ! wen ! - rief ich ausser mir . Sie verbarg das Gesicht in den Händen und eilte weinend davon . Ich war heftig erschüttert , und schloß die ganze Nacht kein Auge . Mein Gott , wie werde ich diese besorglichen Menschen zurückbringen ! Unbegreiflich ist es mir , wie sie , bei ihrer Bildung , sich von so ganz rohen Urtheilen hinreissen lassen . Sie , die mich liebten , die noch vor Kurzem , da sie mich in euerer Mitte sahen , Schätze für etwas , das meinen gedrückten Geist hätte erheben können , geboten haben würden , sie verbittern jetzt meine Freude . Heute wollte sie mir sitzen ; glücklicher Weise wurde sie abgehalten . Wer wüßte , was sonst aus mir , aus dem Bilde geworden wäre . Ich sah sie gestern auf der Bühne . O du ! Inbegriff von tausendfältigem Leben ! von Seligkeit ! bist du es ; die sie lästern ? - Morgen , Morgen ! Wird meine Hand nicht zittern ? Mag Alles wahr seyn , was ihr vermuthet und fürchtet ; mich kümmert das nicht mehr . Diese göttlichste Form , die mein Auge je sah , war bestimmt , einen göttlichen Geist zu umschliessen . Kann dieser Geist nun irren , geirrt haben , war es möglich , daß er sich selbst verkannte , eben weil andere ihn verkannten ? - Das nun ist gerade euere Sache zu beweisen . Und , wie gesagt , mich kümmert das nicht mehr . Kommt und seht . Meint ihr , ihr hättet schon gesehen ? - Ich sage euch , ihr irrt . Und stört mich nur nicht in meiner Seligkeit ! Was hattet ihr ? Was botet ihr , mich zu retten , da ich trostlos meine Bücher anstarrte ? sie die mein Herz mit immer giftigern Zweifeln erfüllten . Ihr betrachtet mich , wie einen Kranken , träumt von Gefahr und von Tod . Seyd ruhig ! Jetzt , gerade jetzt fühle ich die ganze Kraft , die volle Lebendigkeit meines Geistes . Naht mir der Tod , den ihr fürchtet , ich erkenne ihn , rette mich , bin genesen schneller , als ihr glaubt . Nicht als Psyche , als Hebe will ich sie malen . Sie ist die ewige Jugend . In dieses Auge voll Leben und Seligkeit darf nichts Schmachtendes kommen . Ich vertraute das einem lieben , herzlichen Jungen , der mich versteht , und wie ich der Kunst leidenschaftlich ergeben ist . Er wandte mir ein , ihr Körper sey , wenn gleich entfernt von üppiger Fülle , dennoch zu vollendet und es fehle ihrem Gesichte Hebens characteristischer Zug . Fehlen ! Haben kann sie etwas , was Hebe nicht hat ; fehlen kann ihr nichts . Wir stritten lange darüber . Endlich meinte er , wenn das Gemälde fertig sey , werden wir sehen . Die Menschen haben alle etwas gegen sie , können es nicht leiden , daß ich so mit ganzer Seele an ihr hänge . Am Ende ist es der blosse Neid - freilich bei diesem herrlichen Jungen wohl nicht - denn ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir . Es quält mich , daß irgend etwas Wahres an seiner Bemerkung seyn möchte . - Aber bin ich nicht ein Thor ? Warum will ich sie so oder so ? warum nicht ganz als sie selbst malen ? - Die Tänzerin ! - da liegt es ! die Menschen haben mich schon mit ihren kleinlichen Vorurtheilen angesteckt . Glücklicherweise ist von dem Allen noch nichts laut geworden , und ich behalte freies Feld . Die Zeichnung ist fertig und das Bild untermalt . Sie , sie selbst ist es . Nicht ruhend , nicht stehend , schwebend , wie ich sie immer sehe , auch dann , wenn ich fern von ihr bin . Die armen Menschen ! sie erzählen mir allerhand , fragen mich um dieses und jenes , und geben nachher nicht undeutlich zu verstehen : daß ich wohl so gewissen Abwesenheiten unterworfen seyn müsse . - Ganz recht ! ich bin abwesend . O Gott , möchte ich es ewig so seyn ! Eine Fülle von Seligkeit durchströmt mein ganzes Wesen . Ich schliesse Mathilde , Bernhard , dessen Zorn mich schon lange nicht mehr beleidigt , in die Arme , und sie fühlen es , wiewohl , sonderbar genug , trauernd , daß ich selig bin . Wunderbar verstehen mich die Kinder . Sie wissen , daß ich Alles thue , was sie wollen ; daß sie dafür aber auch schweigen und mein Rasenplätzchen heilig halten müssen . Sie nahen sich mir immer nur mit bedeutendem Lächeln , in das sich bei den älteren , eben so sonderbar , wie bei Bernhard und Mathilden , etwas Wehmüthiges mischt . Alle Künste sind verschwistert , deuten alle die Sehnsucht nach der verschleierten Mutter , lindern , trösten , geben Antwort auf tausend weinende Fragen ; aber keine erheitert so schnell als Malerei . Seht , ich habe sie nicht , male nur ihr Gewand und mein Geist schwebt in Sonnenschein . Wunderbare Gewalt der Farben ! noch wunderbarere Gewalt der göttlich-menschlichen , der menschlich-göttlichen Form ! O es ist mein gelungenstes Bild ! das sagen Alle . Aber idealisirt - setzen sie hinzu . Und ich sage nein . Sie selbst , nichts als sie selbst ist es ; aber in ihrem glücklichsten Momente . So sehen sie sie nicht , so können sie sie nicht sehen ; denn dazu gehört nicht allein das Auge des Künstlers , sondern das Auge der Liebe , das allenthalben das Wahrste , das heißt : das Schönste entdeckt . Nun quälen sie mich um Copien . Jetzt , da sie festgehalten ist auf der Leinwand , ahnen sie doch ihren Werth . Die sind mir nun gerade die Unerträglichsten , die das läugnen , Alles auf die Kunst schieben , und sich in ein ewiges Geschwätz über Bescheidenheit und dergleichen vertiefen wollen . Ich weiß am besten , was an dieser Bescheidenheit ist . War ich begeistert , durch dieses göttliche Auge bin ich es geworden . Morgen bringe ich ihr das Bild . Eben war sie aufgestanden und saß im Garten unter blühenden Gesträuchen . O sie war schöner als das Bild . Ich kniete nieder und überreicht ' es ihr . Sie sprach von Lohn . Das schmerzte tief . Aber die Nachtigall schlug . Sie beugte sich nieder und ihr Rosenmund berührte meine Stirne . Ich bin belohnt . Gestern , da ich zu ihr ging , begegnete mir der Graf . Er kehrte plötzlich um und klagte in ihrer Gegenwart : sie habe ihm das Bild nicht ohne meine Zustimmung lassen wollen , und es sey doch für ihn gemalt . Da sey Gott vor ! - rief ich erzürnt . - Wie so ? - sagt ' er verwundert - ich verstehe mich zu jedem Preis . Kann seyn ! - erwiedert ' ich gefaßter und mit scheinbarer Kälte - das Bild ist für mich und für Niemand anders . Doch haben sie es mir zugesagt - fiel er ein . Da rief ich , plötzlich wieder ausser aller Fassung : ist erlogen ! Wie ! - sagte er mit einem widerlich affectirten Zorn - Sie unterstehen sich ? Das verdient eine Züchtigung ! Die Ihnen werden soll ! - entgegnete ich schnell , und so verliessen wir beide das Zimmer . Wir schlugen uns . Ich bekam eine leichte Schmarre über die linke Wange und er einen ernsthafteren Hieb , als ich wollte , über den einen Arm . Seitdem ist er artiger und bettelt nur um die Copie . Ich sage weder nein , noch ja ; glaube aber nicht , daß ich sie mache . Warum ? - Es widersteht mir ; weiter kann ich nichts sagen . Der Fürst hatte von dem Bilde gehört und ließ mich rufen . Welch ein liebenswürdiger Mensch ! welch ein wahrhafter Adel in allen Bewegungen ! welch ein schönes , tiefes Zartgefühl für die Kunst ! Er fragte mich : wem das Bild eigentlich gehöre ; ich gestand ihm , daß es Anfangs für mich bestimmt gewesen , daß Rosamunde aber von Lohn gesprochen , mich wirklich belohnt , und es sich demnach zum Eigenthum erkauft , ich aber bis jetzt gezittert habe , es ihr ganz zu überlassen , aus Furcht , es möge in unrechte Hände kommen , es wieder mitgenommen und seitdem allerhand Kleinigkeiten daran verbessert habe . Er faßte mit sonderbarer Heftigkeit meine Hand , und fragte , welche Summe ich bekommen habe . Ich sah beschämt vor mir nieder , und konnte die Worte nicht finden . Er aber drang immer heftiger in mich , und ich gestand die Wahrheit . » O du lieblicher Schwärmer ! « - rief er - » kann man dich so gewinnen ? dann bist du mehr mein , als irgend eines Anderen ! Ich habe Küsse zu verkaufen , die du mir mit noch köstlicheren Gemälden einhandeln sollst . Das heißt viel gesagt , wenn man dieses sieht - denn du mußt nur wissen , daß ich es und zwar in deiner eigenen Wohnung gesehen habe - doch soll es nicht zu viel gesagt seyn . Hier seh ' ich sie all ! « - rief er begeistert , indem er die Hand auf meine Stirne legte - » die schönen Gebilde ! sie sollen mir hervor und ich will der Zauberer seyn , der sie ruft ! « Seitdem muß ich täglich zu ihm kommen , und wie ihr seht , wäre es nun wohl Thorheit , eine andere Laufbahn zu wählen . Auch der Fürst ist gegen sie . Das schmerzt tief . Wer ist der Blinde ? ich oder sie Alle ? - Gestern saß ich zu ihren Füssen , sie streichelte meine Wange , und mein Auge blickte thränenvoll zu ihr auf . Warum weinest du ? - fragte sie . Ach ! - sagte ich - sie wissen nicht , wer du bist ! lästern , verkennen dich ganz . - Was glaubst du ? - fragte sie weiter mit ihrem Zauberlächeln . O ! - rief ich - ich fühle Schmerz ! Könnt ' ich dich retten vor ihren Blicken ! - Sie schwieg . Giebt es kein Mittel ? - rief ich angstvoll und lauter - O sag ' ! giebt es kein Mittel ? - Fasse dich ! - sprach sie - und sag was du meinest . Was ich meine ? - rief ich unwillig aufspringend - Fühlst du nicht , was ich meine ? - Der verhaßte Mensch , der Graf , trat herein , und ich ging . Meine hohe Freude hat sich in Schmerz verwandelt . Ich kann sie nicht mehr auf der Bühne sehen . O wer versteht mich , wem soll ich es klagen ? Schade , daß sie nicht Schauspielerin ist - rief letzt ein unerträglicher Mensch . Gott sey gelobt , daß sie nicht Schauspielerin ist ! - rief ich mit glühenden Wangen . Der dumme häßliche Mensch schien auf eine spitzige Antwort zu sinnen . Aber der Fürst schob mich in sein Kabinet und sagte : fangen Sie mir nur nicht von dergleichen mit meinem Tollkopf an ! da hat er seine eigenen Grillen . Ach er glaubt mich zu schonen ! und ein einziger spöttischer Blick von ihm ist mehr , als Alles , was sie schwatzen . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! ich bin recht glücklich und wohl angekommen , und von all dem Unglücke , wovor uns so bange war , ist mir gar nichts begegnet . Der Herr Vetter sagt , das komme daher , weil ich fleissig gebetet und gar keine bösen Gedanken gehabt habe ; das könne einem gleich jedermann ansehen , und nehme sich in Acht , einen zu beleidigen . Nun , herzliebste Mutter ! so braucht sie sich denn gar nicht mehr zu fürchten , daß mir ein Leides geschehe . Was das aber für eine schöne Stadt ist und wie viel prächtige Sachen man da zu sehen bekommt , das kann sie sich gar nicht vorstellen . Die Frauen sind fast alle sehr freundlich und haben fast alle recht gute Augen ; die Männer aber haben fast alle sehr häßliche Augen , und gefallen mir nicht . Sie sieht wohl , daß ich ihre Lehre noch nicht vergessen habe : ich solle den Leuten nur gleich nach den Augen sehen . Einen jungen Herrn habe ich aber gesehen , der kommt mir gerade wie ein Engel vor , und ich weiß gewiß , herzliebste Mutter , daß er ihr eben so vorkommen würde . Er wohnt bei dem Herrn Präsidenten , und malt so schöne Bilder , daß einem die Thränen in die Augen kommen , wenn man sie ansieht , und daß man des Nachts davon träumt . Der Herr Vetter konnte uns nicht genug davon erzählen , als er die vielen Bilderrahmen hingebracht hatte , und sagte auch , die Frau Präsidentin wolle dem jungen Herrn gar zu gern ein Dutzend recht feine schöne Hemden schenken , und ob ' s denn gar nicht möglich wäre , daß die Frau Base sie nähen könne ; denn die Frau Präsidentin werde wohl vor den vielen Kindern und vor der grossen Haushaltung nicht dazu kommen . Als nun die Frau Base hinging , die Leinwand abzuholen , bat ich gar zu sehr , ob ich nicht mitgehen dürfe ? Die Frau Base sagte aber : das schicke sich nicht . Der Herr Vetter wurde aber fast böse , und sagte : das schicke sich recht wohl ; ich sey ehrlicher Leute Kind und könne allenthalben hinkommen , und wenn ich so sittsam und gottesfürchtig bleibe , müssen alle Menschen Freude an mir haben , und die Mutter habe mich gerade in die Stadt geschickt , daß ich mich ein wenig umthun und nicht leutescheu werden solle , und die Frau Präsidentin sey eine Frau , die ihres Gleichen nicht habe , und sey ein grosses Glück für mich , wenn ich manchmal hinkommen dürfe . So nahm mich die Frau Base dann mit , und während sie von der Frau Präsidentin die Leinwand empfing , sah ich in den Garten , und da saß der junge Herr in tiefen Gedanken und sah aus , wie ein trauernder Engel . Die Frau Präsidentin erzählte auch , daß er eine Gemüthskrankheit habe , und daß sie recht in Verlegenheit wegen seines Zimmers sey , denn es könne ihm Niemand vorsichtig genug mit den Gemälden umgehen , und seitdem eine alte Aufwärterin , an die er einmal gewöhnt gewesen , todt sey , wisse sie gar nicht mehr , was sie anfangen solle . Die Frau Base sagte : daß ich die Aufwartung nicht wohl übernehmen könne , es der Herr Vetter auch nicht leiden werde , denn er sey ein wenig eigen ; daß ich aber jeden Tag , wenn der junge Herr ausgegangen sey , kommen solle , das Zimmer zu reinigen ; denn sie habe mich schon zugelehrt , und ich wisse mit feinen kostbaren Möbeln recht gut umzugehen ; daß die Frau Präsidentin aber mit dem Herrn Vetter ja nicht von Geld und dergleichen sprechen solle ; sonst werde er es nicht leiden . Auch der junge Herr dürfe nichts davon wissen ; sonst könne es gleich ein böses Gerede geben . Die Frau Präsidentin freute sich gar sehr darüber und streichelte mich , und nannte mich ihr liebes Kind . Der Herr Vetter hatte auch nichts dagegen ; sagte aber : ich müsse ihr erst schreiben , habe nicht nöthig , den Leuten dienstbar zu werden ; da es aber die Frau Präsidentin sey , möchte ich ihr nicht verhehlen , daß er es gern sähe ; doch wolle er nichts gesagt haben , sobald sie nicht ihren vollen Willen darein gäbe . Und so bitte ich sie denn , herzliebste Mutter , leide sie es doch ! und gebe sie dem Boten nur mündliche Antwort , damit sie durch das Schreiben nicht zu lange aufgehalten werde . Nun , ich befehle sie dem lieben Gott , herzliebste Mutter . Gretchen an ihre Mutter . Ich danke ihr tausendmal , herzliebste Mutter ! und ich habe auch dem Boten das schöne Silberstück von der Frau Pathe geschenkt . Ich weiß gewiß , daß sie nicht bös werden wird ; denn ich habe ja oft gesehen , daß sie auch in der Freude so etwas weggeschenkt hat . Sey sie nur ruhig , herzliebste Mutter ! Sie soll gewiß Freude an mir erleben . Alle Leute , die mich kennen lernen , haben mich gleich über die Maassen lieb , und da gebe ich mir immer mehr Mühe , daß ich Alles recht schön und ordentlich mache . Ich habe auch der Frau Base an den Hemden geholfen , und zuletzt hat sie gesagt , ich könne sie nur ganz allein machen , denn so gute Augen habe sie doch nicht mehr . Nun muß ich ihr aber etwas gestehen , herzliebste Mutter , wovon ich nicht weiß , ob es Recht ist . Sie kennt ja das schöne Liederbuch , was mir der Herr Pfarrer geschenkt hat . Da hab ' ich nun , als die Hemden ganz fertig waren , und sie die Frau Base nicht mehr in die Hände bekam , des Nachts allerhand schöne Verse aus dem Buche hineingenäht . Immer einen ganzen Vers um den Hals , und einen um die beiden Aermel , auf jedem die Hälfte ; und vorn auf der Brust , weiß sie ja , macht man immer so ein doppeltes Herzchen von Leinwand , daß es nicht einreissen soll ; das hab ' ich aber viel grösser gemacht , denn es hält besser , und ich hätte auch sonst nicht die grosse Krone aus meinem Zeichentuche darüber nähen können , denn es sind gar zu viel Zierrathen daran ; so aber sieht es sehr schön aus , und da der junge Herr eine Gemüthskrankheit hat , so kann der liebe Gott es wohl einmal fügen , daß er die schönen Verse bemerkt , und daß sie ihn trösten , wenn er am allerbetrübtesten ist . Ach liebste Mutter , ich glaube gewiß nicht , daß sie bös darüber wird . Es betrübt mich nur , daß ich es der Frau Base noch nicht gesagt habe , denn ich schäme mich jetzt , daß ich es heimlich gemacht . Meint sie aber , daß es Unrecht ist , wenn ich es länger verschweige , so will ich es sagen . Nun , ich befehle sie dem lieben Gott , herzliebste Mutter , und lasse sie mich doch bald ihre Meinung wissen . Stephani an seine Verwandten . Sie vermeidet mich . O mein Gott ! bin ich ihr Feind ? - Wenn es möglich wäre , daß sie mich verkenne , meine wahrhafte Liebe nicht begriffe , wäre sie dann noch meiner würdig ? - Fort ! der Gedanke vergiftet mich ! Sie , die Grausamen , die sich weiden an meiner Marter , haben ihn mir gegeben . Liebe verschloß mir den Mund , Liebe soll mir ihn öffnen . Schmerz werd ' ich hervorbringen . O mein Innerstes selbst wird er durchdringen . Am Ende ist es wohl Feigheit und Eigensucht , daß ich noch zaudere . - Dieser Vorstellung bedurft ' es , um mich unwiderruflich zu bestimmen . Es war des Fürsten Geburtstag , und sie feierte ihren glänzendsten Sieg . Der Beifall wurde ein anhaltendes Jauchzen . Aber sie war tödtlich ermüdet und klagte über Schmerzen in der Brust . Ich trug sie in ihr Zimmer . Meine Hände zitterten , und das laute Schlagen meines Herzens versetzte mir den Athem . Wie dein Herz schlägt - sagte sie . O ! - rief ich , mit halb erstickter Stimme - so trage ich dich bald , wenn das deine aufhört zu schlagen . So bald noch wohl nicht - antwortete sie mit erzwungenem Lächeln - doch was seyn muß , muß seyn . Meiner gedenkst du nicht dabei ! Hältst du mich für unsterblich ? Ist das eine Antwort auf meine Klage ? Du klagst das allgemeine Loos der Menschheit . O nein ! - rief ich ausser mir - Ich klage , daß du der Ruhe deines Herzens , deiner Jugend und Schönheit das Grab gräbst . Schön und jung zu sterben , wahrlich ein neidenswerthes Loos ! Meiner gedenkst du nicht ? - rief ich abermals - Erwiedere mir nichts ! Ruhe und schweige ! Was du hörtest , erpreßte mir der Schmerz . Bald , ein andermal