Arnim , Ludwig Achim von Armut , Reichtum , Schuld und Buße der Gräfin Dolores www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Achim von Arnim Armut , Reichtum , Schuld und Buße der Gräfin Dolores Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein Zueignung an des Fürsten Radzivil Durchlaucht Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben , Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit , Auf lichten Flügeln singend hinzuschweben In hohem Frieden über leeren Streit ; So ward auch mir ein hochgesellig Leben , Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht , Mein Lied und ich , wir bleiben treu ergeben Dem , der uns hat durch Melodie geweiht , Die aus dem vollen Herzen einsam weinet Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheinet . Erste Abteilung Armut Erstes Kapitel Das fürstliche Schloß und der Palast des Grafen P ... Vor einer kleineren Residenzstadt des südlichen Deutschlands erscheinen dem Reisenden , der die große Heerstraße vom Gebürge herabfährt , zwei große hervorragende Gebäude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung . Einem altertümlich getürmten und geschwärzten , von Wassergräben umzogenen Schlosse gegenüber , schimmert ein freier , leichter , heiterer , flachgedeckter italienischer Palast im schönsten Grün eines weiten Gartens , so auffallend vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und großen glänzenden Fenstern als glücklicher Nebenbuhler , als eine neue fröhliche Zeit neben einer verschlossenen ängstlichen alten , daß diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten Anblicke eingefallen sein mag . Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der fröhlichen Zeit näher bekannt zu werden , um mit ihnen in allem Überflusse der schönen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu erfreuen , verschwindet eben so schnell , wie die Furcht vor dem düster vergitterten Schlosse , sobald sich die Reisenden beiden Gebäuden hinlänglich genähert haben , um alles einzelne daran zu unterscheiden . Das schwarze Schloß , wohlunterhalten und dauerhaft , mit seinen vorspringenden spitzen Türmen , mit seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern , mit dem großen steinernen Wappen über dem Tore , vor allem mit seinen kleinen bunten Gärtchen in den Turmecken , wo vielleicht schöne Fürstentöchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorüber wandernden Ritter belauschen , dies Ganze macht einem das wunderliche Gefühl , das die Leute romantisch zu nennen pflegen , es versetzt uns aus der sonnenklaren Deutlichkeit des guten täglichen Lebens in eine dämmernde Frühzeit , die auch uns erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und gedenken , ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder Nacht werden kann . Sind wir von diesem Gefühle durchdrungen , so scheint der kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsäulen , mit seinen nackten Götterbildern , die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt zu sein scheinen , wie eine leere fremdartige Zauberei , die der Zauberer aufgegeben , nachdem sie Götter und Menschen betört hatte . Auch scheint bei näherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstörenden Elementen überlassen ; der Wohlstand , der darin lange einheimisch gewesen sein mag , hat sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht , um zu verschwinden ; die Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen , oder mit innern Fensterladen notdürftig geschlossen ; das lückenvolle Dach hat große Stücken der Gesimse losweichen lassen ; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde nachlässig auf und zu ; das zierliche eiserne Geländer , das den Vorhof schließt , ist des größten Teils seiner vergoldeten Blätter von mutwilliger Hand beraubt ; die eisernen Türen liegen ausgehoben daneben , vom hohen Grase überwachsen ; die Wände sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres Regiments bezeichnet . Der Reisende sieht ärgerlich davon weg und nach dem Lustgarten , der den Palast umschließt und hinter demselben zu einer prachtvollen Anhöhe sich erhebt . Alles grünt da , alles singt , alles ist wild verwachsen , das Auge unterscheidet nicht , ob das halb eingestürzte Haus auf dem Gipfel des Berges eine absichtliche oder zufällige Ruine ; neben den amerikanischen Sträuchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln , wahrscheinlich in kindischer Nachahmung des Feldbaus ; in den öden großen Baumgängen springen wilde Kaninchen schnell verschwindend umher , sie treiben da ungestört ihren kleinen Bergbau , wie die Vögel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln . Arme halbnackte Kinder , wahrscheinlich aus den Nachbarhütten jagen sich in dem ausgetrockneten Bette des Springbrunnens , nachdem sie ihre Ziegen an Pfählen zwischen den einzelnen Schnörkeln des Buxbaums angebunden haben , der auf dem großen Platze hinter dem Palaste , wie eine von der Hand des Schicksals halbausgewischte bedeutende Schrift , den Reisenden lange vergeblich raten läßt , bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklärt , es heiße Hektor und Sophie , die Vornamen des Grafen und der Gräfin von P ... , die dieses Schloß erbaut . Diese Kinder , diese Ziegen und ein paar Lämmer , die sich menschenfreundlicher zu jenen halten , reinigen den Garten von Kraut und Unkraut , von Blumen und Dornen . Uns beängstigen schon fürstliche Schlösser , die bloß zum Sommeraufenthalte bestimmt , den größeren Teil des Jahres mit hellpolierten , aber verschlossenen Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen , da alles Grün umher wacht und rauscht , alle Quellen rieseln , alle Gänge offen stehen ; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfüllen uns mit der wehmütigen Ahndung einer unbewußt um uns her geschehenen Völkerwanderung , die uns allein unter Fremden zurückgelassen hat , - und was ist diese Wehmut gegen den Schmerz , diese Völkerwanderung wirklich beendigt zu finden , was hoch gestanden tief gestürzt zu finden und die Kleinen wild und höhnend darüber herfallen zu sehen , ohne zu wagen , sich gleicher Höhe zu nahen ; wenn sich gemeine rohe Armut über die Trümmer fremder Pracht und Bildung triumphierend lustig macht , unwissend an den Kunstdenkmalen zerstört , weil die Besitzer nicht mehr die Kraft haben zu schützen und zu erhalten , was sie vom Überflusse geschaffen hatten - und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise lumpiger Barbarenkinder fort , die dort im Lustgarten des gräflichen Palastes an einem schönen Amor in Marmor , der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte , die schändliche Art von Geißelung wiederholten , die ihnen in roher Erziehung zu einer scherzhaften Strafe geworden . Vergebens war mein Pochen an allen Türen , ob denn keine einzige Seele in dem großen Hause , die diesen Frevel , den ich gestört , auch bestrafte ; einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein Schritt , wie von einer Schildwache , die abzulösen vergessen , unter den Säulen des Eingangs , daß die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korinthischen Säulen ausflogen , vielleicht um zu schauen , ob es gewittere . Mir war so schwül zu mute , und ich dachte nicht , daß in den oberen Zimmern zwei junge Gräfinnen versteckt wären , bei denen mir alles üble Wetter so leicht übergegangen wäre ; ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte , besser daß ein Wetterstrahl alle Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte , ein Feind sie entrisse , als daß sie in vielen Jahren vor den Augen der Völker , die sie nicht verstehen , nicht in heiliger Sitte bewahren , verderben und geschändet werden ; denn wer das Schöne zerstört , oder dessen Zerstörung duldet , kann es nie heiligen und erzeugen , wohl aber selbst der , welcher es gar nicht anders , als aus sich und der freien Welt gekannt hat . Zweites Kapitel Graf P ... und die Seinen Dieser Palast , dieser Garten mit Kunstwerken geschmückt , die jetzt niemand wert zu sein schienen und niemand nützten , das Werk vieljähriger Anstrengungen eines leidenschaftlichen Bauverständigen , des Grafen P ... , begründeten den Ruhm seiner Einsicht und seines Geschmackes ; sie galten für Weltwunder in der ganzen Gegend und wären auch in Italien ausgezeichnet worden . Der Graf hatte sich mit vielem Kunstsinne einen der schönsten Pläne Palladios angeeignet und zugerichtet , der Garten ging aus dem französischen zu dem Naturgeschmacke über . Nicht die Schönheit dieses Baues , aber seine Größe kränkte den Stolz der Fürstin , deren Neigung zum Grafen in eine Art Eifersucht übergegangen war auf seine Frau , der sie es schon allzu hoch anrechnete , daß sie den Grafen in Besitz genommen . Sie fand sich in ihrem alten Schlosse zum erstenmal wie im Gefängnisse , seit sie in die hellen Zimmer ihr gegenüber blicken konnte ; der Fürst , ihr sonst so ganz ergeben , war nicht zu einem ähnlichen Schloßbaue zu bewegen ; der Graf hatte zu viel Stolz auf sein Werk , um sich mäßigen zu können , als die Fürstin es ihm aus Verdruß tadeln wollte ; er wurde beleidigend und der Hof wurde ihm verboten , nachdem er dreißig Jahre mit dem Fürsten ganz vertraulich von der Jugendzeit an zusammen gelebt , mit ihm auf Reisen manches Abenteuer bestanden , die Fürstin ihm zugeführt hatte . Er sagte kein Wort zu seiner Verteidigung ; doch ließ er über seine Gartentüre die Worte eines Liedes eingraben : Freund , hüte dich vor Fürsten , Denn Freunde werden sie nie , Magst du auch hungern und dürsten Für sie . Wollen wir aber ruhiger sein Verhältnis überschauen , so entdecken wir , daß es nicht immer reine Freundschaft war , die ihn dem Fürsten verbunden ; die Freundschaft war ihm nur ein Mittel den Unterschied auszugleichen , den die Geburt zwischen ihnen beiden unabänderlich festgesetzt hatte . Doch war sein Geist unabhängig genug , um sich über diese Ungunst leicht hinwegzusetzen , welche gleich die meisten Einwohner der Stadt und der Gegend von ihm entfernte . Sein Einzugsfest in das vollendete Haus war wenig glänzend , auch von unangenehmen Zeichen begleitet . Der Erbprinz , der mit kindischer Neigung an der jüngeren Tochter des Grafen , Dolores , hing , war heimlich hinübergeschlichen ; Dolores sprang mit ihm die glatten Treppen hinunter , der Prinz fiel herab und wurde blutig halbtot in das Haus seiner fürstlichen Eltern zurück gebracht , die den Bann ihrer Kinder , nicht zum Grafen zu gehen , darum noch schärften . Dieser Bann kränkte den Grafen sehr tief , insbesondre da eben dieser Älteste der fürstlichen Kinder , gegen die Familienart , schwarzes Haar , wie der Graf zeigte ; er hatte ihn immer allen andern vorgezogen . Klelia , die ältere Tochter des Grafen wollte sich über diese Trennung tot grämen , sie erdachte die abenteuerlichsten Mittel ihre Verbindung zu erhalten , doch die Zeit und andre Gesellschaften ersetzten ihr allmählich , was Dolores in den ersten Tagen schon vergessen hatte . Der große Bau , und noch mehr das Bemühen seinen Palast mit Gesellschaften zu beleben , hatten das Vermögen des Grafen in einer Reihe von Jahren aufgezehrt , während denen Klelia ihr achtzehntes und Dolores ihr sechzehntes Jahr erreichte ; weder die Seinen noch die Fremden merkten etwas davon in dem steten Wechsel der verschiedensten Zerstreuungen . Mit heimlichem Neide sahen die Prinzessinnen , als sie eines Abends mit ihrer Fürstinmutter in goldverschnörkeltem Wagen langsam daher fuhren , die Gräfin Dolores auf einem zierlichen englischen Pferde in rotem Reitkleide , von den artigsten Reisenden in mancherlei Uniform umgeben , zu einem Feste im Walde vorüberjagen , das sie aus der reichen Jagdmusik erraten hatten . Dolores machte dann wohl spielend die Herren auf den Kutscher mit dem großen Barte , auf die uralten schön geputzten Geschirre der sechs alten glänzenden dicken Rappen aufmerksam . So etwas erzählte sich leicht wieder und erbitterte ; aber was bedurften sie der Herrscher , die froh sein mußten , daß so viel Geld in ihrer Stadt verzehrt werde . Klelia war mildtätig gegen Arme , Dolores kannte die Armut gar nicht , sie war ihr eine poetische Person , die sie einmal als Maske darstellte ; sie erzählte den jungen Herren ganz ernsthaft , sie sehne sich nach einem einfacheren Leben und die jungen Herren bewunderten sie . Der Graf , ungeachtet er seine Umstände genau übersah , lebte in gleicher Sorglosigkeit und guter Gesundheit , den fröhlichen Tagen , die jede Altersschwäche noch lange von ihm ab zu halten schienen ; mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstände , die nicht zu berechnen waren , auf den Tod einiger Lehnsverwandten , die statt zu sterben , sich verheirateten und Söhne zeugten , zuletzt auf die Lotterie . Als ihm zuerst deutlich wurde , daß er nicht gut noch einen Monat seinen gewohnten Aufwand bestreiten könne , träumte ihm , nachdem er spät zu Bette gekommen , seiner Frau und Kinder Alter , als die Zahlen , in denen sein Glück begründet . Statt diesen Traum moralisch zu deuten , meinte er ihn unmittelbar zu bewähren und besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien ; er war seiner Sache so gewiß , meinte es eine so bestimmte , himmlische Offenbarung , damit er sein angenehmes Leben fortsetzen könne , daß er mehrere Schuldner auf den Tag bestimmte , wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten . Der Tag kam schnell heran , er öffnete mit Zuversicht die Briefe , keine seiner Zahlen war heraus gekommen . Er war leichtsinnig genug über sich selbst zu lachen , und ohne den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen , nahm er Abschied , als wollte er eine kleine Reise machen , um neue Gäste zu holen , da die letzten eben abgereist ; und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes bis zu einem deutschen Seehafen , und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu gehen , als eben ein günstiger Wind einen Ostindienfahrer , auf dem er sich eingeschifft , zum Absegeln anblies . Drittes Kapitel Tod der Gräfin P ... Armut ihrer Töchter . Kriegsvorfälle Ehe dieser Brief anlangte , waren in seinem Schlosse manche ängstliche herzzerreißende Ereignisse Schlag auf Schlag über die armen Unschuldigen eingebrochen . Einige Kaufleute , die seinem Vermögen schon lange heimlich nachgespürt hatten , waren mit ihrer verzögerten Zahlung dringend geworden , die Gräfin hatte sie mit Lächeln erst abweisen lassen , aber die Leute kamen den andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes über die Rückkehr des Grafen wissen . Die Gräfin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen , insbesondre da ihr die längere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien ; sie sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte , wo sie ihn vermutete ; die jungen Gräfinnen befürchteten , ihm sei ein Unglück begegnet , Klelia betete und Dolores blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen . Ein alter Bediente , der sie einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit großer Treue vorstand , drückte ihnen die Hände und sagte bedeutend : sie möchten sich nur fassen , es sei nicht alles , wie es sein sollte , er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt , wenn er den Herrn rasiert ; er habe zwar wohl ausgesehen , aber das Fleisch sei doch nicht fest gewesen , auch habe er wie im Traume gesessen ; sicher sei er krank geworden . Der Brief des Grafen löste endlich alle bangen Zweifel und erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund , vor dem sie standen . Die Gräfin hatte sich bis zu der Zeit bei dem fröhlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden schönen Töchtern , jugendlich frisch erhalten ; der Graf hatte sie aus mehr als bloßer Gewohnheit unverändert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt ; seine Abwesenheit allein , die Sorge für ihn hätte sie unabhängig von den übrigen Sorgen elend gemacht ; sie alterte schnell und starb zu ihrem Glücke sehr bald ; die Demütigung , bei der Fürstin , der sie es sonst in allem zuvortun wollte , um einen Indult vergebens nachzusuchen , gab ihr den Todesstoß . Die liebenswürdigen beiden Töchter blieben mit ihrer Trauer , die sie äußerlich aus Armut nicht einmal anlegen konnten , einsam in dem weiten Schlosse zurück ; ein Leid bekämpfte das andre und so viel sie geweint hatten , als sie ihre erste Kammerjungfern entlassen und die gewohnten Besuche abweisen mußten , so gleichgültig sahen sie die kostbaren Hausgeräte , Betten , Silberzeug in öffentlicher Versteigerung den Meistbietenden zuschlagen . Ihr alter Bedienter wütete gegen die hartherzige Schändlichkeit der Kaufleute , die durch des Grafen Unterstützung ihren Handel angefangen , durch unverschämten Betrug sich an ihm bereichert , und nun wegen einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen ; er schwor , es könne ihnen nie wohlgehen , aber was half das den Gräfinnen , denen es nun recht ernstlich übel ging . Die männlichen Lehen fielen in Administration , auch aus dem Hause wären die armen schönen Kinder vertrieben , trotz allen Schmeichelungen , die sie an die harten Schuldner verschwendeten , denen es zugesprochen , hätte nicht der Krieg das Städtlein durchzogen , der den fürstlichen Hof für immer aus dem Schlosse seiner Vorfahren entfernte und die Grundstücke im Werte so rasch herabsetzte , daß ein Haus von dieser Größe viel mehr Last als Einkommen brachte ; darum zögerten die Leute weislich mit der Besitznahme . Die Gräfinnen hatten zu dem Schlosse eine so natürliche Neigung , sie kannten jedes Winkelchen darin ; statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen , in seinem Häuschen ein Zimmer anzunehmen , zogen sie sich auf ein kleines Stüblein ihrer Kammerjungfern zurück und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung , so schlossen sie drei- und vierfach alle Türen rings . Mehrmals drangen die müden Soldaten mit Gewalt in das Haus , und ließen sich , da sie niemand fanden , ihr Essen von der Stadt dahin bringen , tranken die Nächte durch , lärmten im Hause und die armen geängsteten Mädchen horchten bange , wie sich der wilde Zug ihnen nahe . Einmal drang sogar ein raubgieriger Haufen durch alle Türen bis zu ihnen ein , immer glaubt das Volk versteckte Kostbarkeiten zu entdecken , wo es verschlossene Türen findet ; endlich traten sie nach aufgehauenen Türen in das Zimmer und fanden die Mädchen knieend vor einer Mutter Gottes , sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen ; von Furcht gebleicht , sahen sie rührenden Steinbildern gleich ; der Anblick erschütterte selbst das rohe Volk . Die Soldaten fragten , warum sie denn nicht zu ihnen gekommen wären , sie hätten ihnen schon etwas geben wollen , und somit warf ihnen jeder ein paar Geldstücke hin , die leichtsinnig erworben , und nahmen dafür ein paar Handküsse ; auch sagte einer zu der Gräfin Dolores , sie sei das schönste Mädchen , das er je erblickt , er wolle sie heiraten , sie möchte mitkommen . Er gefiel ihr auch recht wohl , doch wie er so in sie drang , mußte er schnell aufsitzen und auf und davon ; sie sah ihn nie wieder . - Der Krieg entfernte sich , der Mangel wurde um so fühlbarer aller Orten , je weniger er sich durch unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte . Manche der harten Schuldner waren eben so arm wie die Gräfinnen , die sich jetzt ohne Scheu durch Bearbeitung ihres Gartens zu nähren suchten . Leider waren nur wenige Fruchtbäume , meist wilde Waldbäume und amerikanische Gesträuche darin gepflanzt ; diese Bäume , zum Schatten in der Hitze bestimmt , mußten ihnen Feuerung geben , in den Gängen zogen sie Kartoffeln ; ein paar Ziegen , die sie sich für Handarbeiten der Klelia kauften , gaben ihnen Milch , einige wilde Kaninchen , die sie in Fallen fingen , eine geringe Fleischspeise . Der alte Bediente , der sie verlassen mußte , um ihnen nicht lästig zu fallen , brachte ihnen allerlei Mundvorrat ; sie schämten sich nicht von ihm etwas anzunehmen , er hatte ihnen von Jugend auf manches Leckere , das ihnen der Gesundheit wegen vorenthalten wurde , heimlich zugesteckt ; er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf . Dolores stand meist zu spät auf , um in diesen Arbeiten etwas zu leisten , auch hatte sie am Zeichnen und an der Musik so überwiegende Freude , daß sie außer den notwendigen häuslichen Verrichtungen , selten etwas anderes vornahm . Ihr Zeichenbuch waren aber die großen weißen Wände im obersten Stockwerke des Schlosses , die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle und Ruß bemalte . Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Büchern nichts , als was die Schuldner wegen der Altertümlichkeit verschmäht hatten . Doch die Einsamkeit führte sie durch einen Quartanten nach dem andern ; meist waren es alte historische Bücher , deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stände einnahm ; und so entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit , die mit kriegerischer Sittenlosigkeit gepaart das Leben ärmerer Mädchen des Städtchens erheiterte und verderbte . Der Adel der Gegend war teils entflohen , immer im Wahne dem unvermeidlichen Schicksale zu entgehen , teils zu sehr verarmt und in eigenen Angelegenheiten zu weit verloren , um auf ein paar junge Mädchen zu achten , die in Tagen des Glücks jeden Fremden ihnen vorgezogen ; denn ein Vorzug scheint es oft selbst da , wo nur die Artigkeit obwaltet , einem ganz Fremden Gelegenheit zu geben , sich bekannt zu machen . Dolores , wenn sie Morgens spät aufgestanden war und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat , hatte immer einen wunderbaren Traum im Kopfe , der ihr großes Glück versprochen und sie beide belustigte ; bald war ein ritterlicher Fürst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr ehelich verbunden , zum Danke , wie sorgfältig sie seine Wunden verbunden ; bald hatte ihr von einem Baume geträumt im Garten , unter welchem ein Schatz liege - und dann ging sie wohl hin , grub eifrig und ließ auch der Schwester keine Ruhe , bis sie ihr geholfen , und dann gruben sie , bis die Quellen , die durchdringend den Sand näßten , auch ihre Hoffnung zu Wasser machten . So lebten die beiden Mädchen , jede in ihrer Art , in den Tag hinein ; Klelia betete und arbeitete , Dolores träumte und erlustigte sich , ein Tag kam zum andern und endlich behauptete einer , er fange ein neues Jahr an , und so wieder und wieder , daß sie schon dreimal seit dem großen Unglücke die Nester aus ihren Gartenhecken ausgenommen , die Vögel groß gezogen und heimlich verkauft hatten , aber kein Fürst kam sich im öden Hause ein Lager zu erflehen ; selbst die Bettler scheuten sich vor einem Hause zu singen , vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch aufgewachsen war . Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die geputzten Stadtleute Sonntags vorüber ziehen und sagte zu ihrer Schwester : » Sieh einmal das Mädchen , welches dort geht , ich glaube , wenn man ihr ordentliche Kleider anzöge , sie sähe wie unser eins aus . « - » Wie unser einer ordentlich « , seufzte die Schwester , » ich glaube , wir könnten beide in den Röcken allein ordentlich gekleidet werden , die das Mädchen zum Überfluß trägt , ihre blanke Mütze schon gäbe ein paar Kleider . « - » Sonderbar « , meinte Dolores , » die Leute wissen nichts Rechts zu ihrem Vergnügen mit dem Gelde anzufangen , da fallen sie auf so abenteuerlichen Putz ; hör , ich wollte , wir hätten Verwandte unter den Leuten , ich glaube doch , sie täten mehr für uns als unsre Lehnsverwandten . « - » Hör Dolores « , erwiderte Klelia , » da habe ich neulich eine Geschichte in dem alten Buche von Hugh Schapler gefunden , das du immer wegen der alten Sprache nicht leiden mochtest ; ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast alles in den alten Büchern , die muß ich dir doch wieder erzählen ; es ist doch immer auf eigene Art gewesen , wie adlige Menschen der Not begegnet sind , und wir beweisen ' s auch wieder . « - » Aber sieh einmal den hübschen Bauerburschen mit der roten Weste « , unterbrach sie Dolores , » sieht der nicht unserm Erbprinzen ähnlich ; hör Klelia , das sage ich dir , wenn ich denke , daß ich immerdar in so bäurischer , gemeiner Beschäftigung mein Leben zubringen sollte , wahrhaftig ich möchte lieber solch einen Burschen zum Manne haben , als gar keinen . « - » Schäme dich « , sagte Klelia , » auch im Scherze muß man nicht so reden ; ich hätte nichts dagegen , wenn du dich in einen armen Jüngling , den du zufällig kennen lerntest , verliebt hättest ; ich würde dich bedauern , aber nicht verdammen , wenn du dieser Leidenschaft die alte Sitte und Ehre unsres Hauses durch eine Mißheirat aufopfertest , aber so im allgemeinen von den Männern , vom Heiraten reden , das geziemt keinem ehrlichen Mädchen . « - » Ei « , sagte Dolores , und sang lustig : » Will ich mit schönen Knaben reden , Die neigen sich in Demut gleich , Und merken nicht , wie gern ich jedem Den roten Mund zum Kusse reich ; Ach dacht ich oft bei mir so schwer , Ach wenn ich nur nicht Gräfin wär ! Wo hast du denn wieder diese Weisheit gelesen , du wirst dich noch überstudieren ; erzähle nur die alte Geschichte , ich hoffe , sie wird unterhaltender sein . « - Wir müssen ihr kürzlich nacherzählen , teils weil die Geschichte uns erlustigt , teils weil sie zu den beiden Pflegetöchtern in naher Beziehung steht . Viertes Kapitel Hugh Schapler und sein Vetter Simon Herr Gernier Schapler ( Capet ) , von Geblüt und Stamm ein edler rittermäßiger Mann , hatte sich nicht geschämt die Tochter eines reichen Metzgers zu Paris , eine fromme , tugendsame und überschöne Jungfrau zu einer ehelichen Gemahlin zu nehmen . Gott , der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen , hat ihm auch einen jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert , an den er beider Kräfte so wunderbar gewendet , ein Kind von außerordentlicher Stärke und adliger Gesinnung hervor zu bringen . Der Vater starb , noch ehe dieser Sohn geboren , die Mutter aber in der Geburt . Die Verwandten ließen ihn Hugh ( Hugo ) taufen , er wuchs in allen ritterlichen Tugenden auf , es war kein Turnier im Lande , wo er nicht Ehre eingelegt hätte , doch weil er ohne elterliche Zucht geblieben war , so schöpfte er mit dem großen Löffel auf , und weil er viel vertragen konnte , so verschlemmte er viel . Seine Wirte , Schuster , Schneider , Harnischer , Sporer versahen es sich am wenigsten , als Hugh gar nichts mehr im Vermögen hatte , sie schlossen immer noch falsch , wer so viel vertäte , müsse so viel übrig haben , wie noch jetzt häufig der Fall ist . DOLORES : » Auch bei unserm Vater , - es ist doch unrecht , daß er gar nicht für uns gesorgt hat , warum hat er uns in die Welt gesetzt . « ... Als nun diese Schuldleute kamen , saß Hugo in großem Unmute einige Tage bei sich verschlossen und aß Arme Ritter statt der reichen Braten , bis ihm endlich einfiel zu seinem Vetter Simon nach Paris zu reiten , der ein reicher Metzger daselbst und seiner Mutter nächster Blutsverwandter war . Also machte sich Hugh eines Morgens heimlich auf , ritt nach Paris und da er vor seines Vetters Haus kam , das mit roten ausgeschnitzten und aufgeblasenen Braten , wie mit einer köstlichen Tapete behangen war , da wurde er bald erkannt und ihm die Türe geöffnet . Hugh aber wollte nicht also hineinreiten , sondern stieg ab von seinem Pferde , zog seinen Hut ab und grüßte seinen Vetter ganz demütiglich , welcher ihn mit gleicher Demut bewillkommte und sprach : » Lieber Herr und Vetter , wie soll ich das verstehen , daß Ihr Euch gegen mich so demütig erzeiget , hab ich Euch doch all mein Tage nie so schlecht gerüstet gesehen ; so hat auch Euer Vater Herr Gernier Euch solchem geringen Stande nie zugeführt ; Ihr wißt wohl , wie er oft mit zwölf gerüsteten Pferden in meinem Hause zu Herberge gelegen , er hatte auch stets die auserlesensten Knechte aus ganz Frankreich , deshalb ich mich über Euch entsetze und besorge , es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne . Darum so kommt in mein Haus , Euer Pferd soll wohl versorgt werden , habt Ihr dann ein heimlich Anliegen , dadurch Ihr so betrübt seid , wollet mir solches nicht verhalten ; kann ich Euch dann mit Leib und Gut behülflich sein , so sollt Ihr an mir keinen Zweifel haben , ich will mich hierin nicht sparen , noch verdrossen sein . « - DOLORES : » Ja wenn unsre Vettern so gedacht hätten , und das war doch nur ein gemeiner Mann ; ach Schwester , wenn wir doch den Stadtschlächter zu unserm Blutsverwandten hätten . « ... Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter Simon in sein Haus ; sein Pferd wurde abgezäumt , er zog seinen Harnisch und Rüstung ab . Indem ließ sein Vetter Simon ein herrlich Nachtmahl auftragen , frische Würste in der Suppe , Rindermark auf geröstetem Brot , Rippenstücke mit