Fouqué , Caroline de la Motte Die Frau des Falkensteins www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline de la Motte Fouqué Die Frau des Falkensteins Ein Roman in zwei Bändchen von der Verfasserin des Rodrich Erstes Bändchen Zueignung Mit der Bescheidenheit gesenkter Wimper Tritt vor die hohe , königliche Herrin Die Frau des Falkensteins verlegen hin . Sie fühlt sich ihr genaht durch das Geschlecht , Das zarte , weibliche , dem sie gehört ; Genaht ihr , weil auch sie den Namen trägt , Den unsre Königin ihn führend ehrt . Doch ach , wie fern , wie fern in Allem sonst ! Mich Frau des Falkensteines traf der Himmel Barmherzig , aber strafend , mit Gewittern , Abbrennend mir des schwachen Herzens Schuld . Und wenn auch um die schöne Königin Gewitter einst sich hoben , Blitze zuckten , So war es nur glorreiches Prüfungsfeuer , Aus dem das Gold , vorher schon rein und klar , Gleich rein und klar hervorgeht , unverwandelt . Daher auch scheidet streng ' sich meine Bahn Von jenen seegensreichen , freud ' gen Wegen , Zu denen trüb ' mein Blick hinüberstreift . Ich , aus des Unheils Gluthen kaum gerettet , Trat still ergeben in die Klosterwelt Der Abgeschiedenheit und der Entsagung ; Kein zartes Kind hat Mutter mich gegrüßt . Der Herrin blüht nach finstrer Wetternacht Ein Frühlingsmorgen wundersam hervor , Als holde Kinder leuchten um sie her Viel künft ' ge Helden , rühmliche Regenten , Und künft ' ger edler Frau ' n ein schöner Kreis . O , reicher Seegen zeigt sich meinem Blick In ferner Jahre labendem Gefild ! Was Deine Völker beten , hohe Kön ' gin , Dein Heil und Deines Stamm ' s , es wird erhört , Denn Reinheit , frommer Muth und edle Huld , Die in der Prüfungszeit Dich treu umwallten , Sie bringen nun des gottgesandten Lohnes Frischlaub ' ge Kränz ' aus Paradiesesland . Erstes Buch Komm , ich bitte Dich , rief Mathilde , indem sie ein verhülltes Körbchen in die Höhe hielt . Wüßtest Du - Luise flog den Lindengang hinunter , in dessen Schatten die geliebte Mutter , durch kränkelndes Unvermögen gehalten , sie unruhig erwartete . Der Wind strich spielend durch die Zweige und hob das Tuch , ehe noch Luise jenes geheimnißreiche Körbchen ergreifen konnte . Ein reiches Stirnband blitzte ihr wie tausend Liebesblicke daraus entgegen . Geschenke von Julius , rief sie , und sank überrascht zu den Füßen der Mutter , die behaglich die hellen Steine zwischen den braunen Locken der Tochter spielen ließ . Luise küßte gerührt die schönen Hände , die so oft in lieber Ungeduld ihre Lippen streiften . Das schwindende Leben in Mathildens Zügen , ihr naher Tod und der bräutliche Schmuck , der so sichtlich auf die kommende Feier hindeutete , alle Freuden ihres jungen Lebens und der ernste Wechsel desselben , das ganze wunderbare Gewebe der Zukunft schien sich in den Steinen zu spiegeln , die sie schnell wieder verbarg , indem sie bittend sagte : noch nicht , beste Mutter , noch nicht ! und als habe sie das goldne Band gedrückt , so strich sie die Locken aus der Stirn und ließ sich anmuthig von den streifenden Lüften kühlen . Wie seltsam ! sagte die Mutter , sie unruhig betrachtend , Du fragst nicht einmal , wie Dir die reichen Gaben kommen , und ob sie nicht irgend ein geliebtes Wort begleitet ? So , - fiel Luise zerstreut ein : hat er geschrieben ? Ja lies nur , du unstätes Kind , erwiederte Mathilde , indem sie ihr ein offnes Blatt hinreichte . Luise ward bei dem Anblick der festen , sichren Schriftzüge , die ihr den gehaltnen Sinn des ernsten Mannes so klar aussprachen , plötzlich gesammelt , und eine innre Aengstlichkeit kaum beachtend , gab sie sich gern dem Dank und der Rührung hin , die folgende Worte in ihr erregten . » Ihre Hand , geliebte Mutter , möge meine Luise mit dem Schönsten zieren , was ich für sie auffinden konnte . Sah ich doch immer mit Entzücken , wie sich das mütterliche Auge in dem Glanz des aufblühenden Kindes belebte , und wie jedes Gefühl durch diese heilige Liebe erhöht wird . Darum lege ich auch heute all mein Wünschen und Hoffen einzig an Ihr Herz , und bitte Sie , es so erfreulicher vor Luise hintreten zu lassen . Liebe Mutter , mich quält so oft der Gedanke , daß ich überall nicht fähig sei , ein weibliches Gemüth zu beglücken , am wenigsten ein solches , das sich im zartesten Liebeshauch erschloß . Der schwerfällige Ernst unsrer Altväter , der auf mir und meinen düstren Umgebungen ruht , und den die Gluth meiner italienischen Mutter nur im Innern , wie eine zuckende Flamme , durchbricht , läßt mich so wortarm , so schroff , wo ich voll Liebe die Menschen an meine Brust drücken und das tiefste innerste Leben ausweinen möchte ! Oft ist es grade das Gefühl dieser äußren Starrheit , was meine Zunge lähmt und mich in wildem Unmuth über die Welt und mich selbst hinaustreibt . Und wie ich dann so einsam hier im dunklen Harzwalde auf mich und den uralten Sitz meiner Ahnen blicke , und es inne werde , daß so wenig modische Macht dem alten Falkenstein ein heitres Ansehn geben konnten , auch mich Jahre langes Reisen und ein bewegliches Leben unter fremdem Himmel unverändert ließen , so denke ich zagend an die lachende Luise und den seltsamen Willen des Schicksals , das uns beide verband . Sie sehen , der wunderliche Knabe blickt noch überall hindurch , der einst Musik und Kerzenschein verschmähend , ruhig in der nahen Klosterkirche , unter dem steinernen Bilde seiner Ahnfrau schlief , bis Sie und die bunte Schaar der Gäste ihn dort erweckten . Aber es soll nun alles anders werden . Ich eile zu Ihnen und führe Sie und Luisen hieher . Gewiß , Sie dürfen mir keinen Augenblick länger fehlen . Sie allein verstanden mich immer . Ihre milde Güte söhnte mich zuerst mit mir selbst aus und öffnete mir die seligste Zukunft . - Ach ich erschrecke , wie ich das Wort schreibe ! - Wer kennt ihre verborgne Tiefen ! und wem hat sie nicht mit neckenden Zauberkünsten gelogen ! Schelten Sie nicht über den ewig wiederkehrenden Trübsinn . Mir wird so wehmüthig wie ich von Ihnen scheide . Schon gestern ließ ich das Blatt unvollendet , und lief hinaus in den Wald , mich selbst und meine Träumereien zu vergessen . Ich traf hier zufällig den Mönch , dem ich schon mehreremale begegnete , ohne gleichwohl je ein Wort mit ihm zu wechseln . Diesmal begrüßte er mich auf eine feine , sittige Weise . Seine Stimme hat eine Weichheit , die die schärfsten Töne verschmilzt und unsrer Sprache etwas Fremdes , unendlich Anmuthiges leiht . Ich gesellte mich gern zu ihm . Wir sprachen bald vertraulicher , und mein Herz , das sich selten verschließt , lag in der heimlichen , stillen Sommernacht offen vor ihm da . Er sprach mit leutseligem Ernst über das trübe Versinken jugendlicher Gemüther , und warnte mich vor jener zagenden Unthätigkeit , die so oft die besten Kräfte untergrabe . Zwar , setzte er lächelnd hinzu , sei dies eine Klippe , an welcher nur Wenige scheitern , da die meisten Menschen durch freches Eingreifen ihr Leben verwirrten . Ueberall sprach eine große Kenntniß der Welt aus seinen Worten , deren Andenken ihn wohl oft wehmüthig bewegen mag . Wir schieden endlich mit dem Versprechen , uns öfter zu begegnen , was mir einen neuen Zuwachs von Freuden verheißt . Mein alter Georg drängt mich , zu schließen , er will Ihnen selbst diese Zeilen und das Geschmeide überbringen . Leben Sie denn wohl , meine gütige , liebe Mutter ! In wenig Tagen bin ich bei Ihnen , um endlich an Luisens Seite ein freudigeres Dasein kennen zu lernen . Mit tiefer Rührung schließe ich Sie Beide an mein Herz . Der Ihrige , Julius von Falkenstein . « Der arme , gute Mensch , sagte Luise , indem sie den Brief gedankenvoll zusammenfaltete . Ist denn , fuhr sie nach einer Weile fort , das alte Schloß wirklich so öde und düster , wie es ihm erscheint ? Es sieht fremd und sehr erhaben aus einer verschollnen Zeit hervor , sagte Mathilde , und scheint mit seinen gewaltigen Mauern und Gewölben des kindischen Flitters zu spotten , den Julius Mutter ersindrisch verbreitete , um die Riesengestaltung der Vorzeit zu vergessen . Sie konnte sich nie recht mit der freundlichen Stille dieser Gegend vertragen , am wenigsten aber mit ihrem Wohnsitz und dessen Umgebungen . Was war es doch eigentlich mit ihr ? fragte Luise , ich entsinne mich , sie in einem hellen Kleide und vielen Blumen gesehen zu haben . Sie erzählte Julius und mir wunderliche Mährchen , worin etwas von einem Salamander vorkam , und dabei leuchteten ihre großen , dunklen Augen so hell , daß ich die Meinigen gar nicht wieder abwenden konnte . Seitdem sah ich sie niemals wieder , aber das Bild ist mir für mein ganzes Leben geblieben . Sie starb bald darauf , sagte Mathilde , durch eine eigne Vorstellung geängstet , die sie ins Grab zog . Ich habe mir niemals einen rechten Begriff von einer so ungleichen Gemüthsart , als die ihrige , machen können , da mein Leben stets sehr einfach blieb und nur durch fremde Stürme getrübt ward ; noch weniger konnte ich die phantastische fast wilde Fröhlichkeit mit dem Trübsinn vereinen , der ihr zu Zeiten wie ein fremder Geist inwohnte und ihrem Wesen eine Einförmigkeit lieh , die jeden ermüdete . Und dennoch so durch Sitte und Gemüth als Vaterland und Sprache von einander geschieden , verband uns in der Ferne ein unglückseliges Verhältniß , das meinem Herzen die erste Wunde schlug . Hier schwieg Mathilde und ließ in Luisen das lebendigste Verlangen , mehr von einer Begebenheit zu erfahren , die ganz dunkel aus den frühesten Erinnerungen hervorsah . Das Andenken der schönen Viola , wie sie ihre Mutter sonst wohl mit Rührung nannte , hatte immer einen eignen Zauber über sie ausgeübt , und ohnerachtet sie nur in flüchtigen Hindeutungen von ihr hörte , so setzte sich dennoch der kindische Sinn ein Bild zusammen , das noch jetzt sehr reizend in ihrer Phantasie fortlebte . Ich weiß , sagte sie , in der Hoffnung mehr zu erfahren , die Gräfin Falkenstein trug früher den Schleier , den sie bald darauf willig zerriß , um dem Grafen nach Deutschland zu folgen , allein der eigentliche Zusammenhang des Ganzen ist mir fremd geblieben . Liebes Kind , hub die Mutter nach einer Weile an , man soll die Vergangenheit nie absichtlich aufdecken . Was ihr Schoos verbirgt , das ruhe , bis im Laufe der Zeiten die junge That unwillkührlich auf ihren frühern Ursprung zurückweist . Das Verborgene tritt so ungerufen allmählig ans Licht , und verliert im Zusammenhang des Ganzen das Fremde , was den gewagten Rückblick in die Tiefe oft schwindelnd zurückstoßt . Allein wie Julius Brief längst verklungene Saiten in mir anschlägt , so geht auch der Ton in Deine Seele über und könnte Dich verwirren , wenn ich nicht dreist fortgriffe , um den reinen Akkord wieder aufzusuchen . Aber laß uns hinunter an den See gehn , die Sonne neigt sich so groß und herrlich in die Fluth ! Sieh wie der Harz in seiner bläulichen Hülle feierlich dasteht , als wolle er ihr ein langes Lebewohl sagen . Es ist wohl schön , daß sich so oft am Abend die aufgeregte Natur sänftigt ! alles wird stiller , die Luftzüge wehen wie lange , heilige Seufzer , und ganz zuletzt reißen die Nebel und glänzen in tausend wehmüthigen Thränen auf der Erde ! Sie setzten sich an das Ufer ; den Blick nach dem Harz gewandt , fuhr Mathilde fort : das dunkle Gebürge , das dort wie eine Wolke vor uns aufsteigt , scheint mir in diesem Augenblick die ganze Welt zu umfassen , wie es denn auch wirklich alle Bilder meines Lebens umfängt , die allesammt wie ein Punkt in der hereinbrechenden Nacht verschwinden . Es fließt schon so manches ineinander , was ich nicht mehr deutlich erkenne ; nur der frische Duft einer ungetrübten Jugend durchdringt mich jetzt wie ehemals und läßt mich mit Wehmuth auf die spätere Störungen blicken . Ich erzählte Dir wohl früher von einem geliebten Bruder , den die Lust an den Waffen in fremde Dienste , fernhin nach Italien zog . Es war wenige Tage nachdem ich mich Deinem Vater verlobte , als das Schicksal so über ihn entschied . Meine junge Seele kämpfte zum erstenmal gegen die eigenen Wünsche und das Verlangen meines Bruders , der von je mein ganzes Herz besaß und mir den Verlust einer früh beweinten Mutter allein ersetzte , da mein Vater , in Geschäften versunken , wenig auf mich achtete . Ich hatte indeß nicht den Muth , meinen Schmerz zu äußern , da Eduards laute Freude jedes andre Gefühl überhörte . Ich ging daher bang und verschlossen neben ihm hin , bis endlich am Abend vor unsrer Trennung , als wir allein in seinem aufgeräumten Zimmer standen , und die öden Wände seinen Namen , den er lachend ausrief , dumpf erschallen ließen , sein Herz brach , und er weinend in meine Arme sank . Es war , als rühre ihn die Zukunft warnend an , er blickte zagend um sich her , und wiederholte mehremale : liebe , liebe Mathilde , ich verliere Dich nicht , Du bleibst mir gewiß , Deine treue Liebe begleitet mich unter fremden Himmel und findet unverändert ein deutsches Herz in meiner Brust ! Ich konnte nicht sprechen . Seine Thränen lösten den lang verhaltnen Schmerz unwiderstehlich auf , ich glaubte in seinen Armen zu vergehen . Bald darauf riß er sich von mir los und eilte seiner Bestimmung entgegen . Dein Vater führte mich mit schonender Güte hieher . Allein ich konnte mich an nichts erfreuen , bis ich endlich nach mehrern Monaten einen Brief aus Neapel erhielt . Ich glaubte Anfangs , Worte einer fremden Welt zu lesen . Eduard wogte in dem frischen Strom eines neuen Lebens . Die reiche Natur rauschte wirbelnd durch sein Innres . Alle Worte klangen wie abgerißne Töne , die in innrer Gluth erzitternd , Violas Nahmen heraufbeschworen . Er hatte sie gesehn und ihre Gunst ohne Wissen der Eltern gewonnen . Der lockende Zauber verborgner Seligkeit riß ihn fort , er verlor sich im üppigsten Taumel . Ich konnte lange den Eindruck jener Worte nicht los werden , die unwillkührlich mein Gemüth erschütterten und einen trüben Schein auf die einfache Gestaltung meiner Umgebungen warfen . Traurig blickte ich hinauf zu dem wolkigen Himmel unsers Vaterlandes und maaß beklommen den langen , einförmigen Gang einer farblosen Zukunft . Nach und nach versöhnte ich mich indeß mit meinem Loose , das sich mir in der stillen Wirksamkeit eines thätigen Lebens allmählig freundlicher erschloß . Eduard schrieb jetzt seltner . Sein Glück ward häufig durch äußre Stöhrungen getrübt . Viola sollte die Hand eines reichen Deutschen , den er gleichwohl nicht nannte , nach dem Willen ihrer Eltern annehmen . Ihr standhaftes Weigern erregte Argwohn und setzte sie harten Verfolgungen aus . Nach langem , ängstigendem Schweigen meldete er mir endlich aus Venedig , alles sei entdeckt , Viola habe den Schleier genommen , und er irre , verfolgt , halb sinnlos vor Schmerz , umher , ohne zu wissen , wohin er seine Schritte lenken sollte . Ich bat ihn dringend , zu mir zurückzukehren ; allein meine Briefe blieben unbeantwortet , wie späterhin alle Nachforschungen fruchtlos . Ich sah mit wachsender Angst , bei jedem wiederholten Versuche , Nachricht von ihm einzuziehen , der Gewißheit seines Todes entgegen , und ich versank zuletzt in jene dumpfe Muthlosigkeit , an welcher alle Freuden des Lebens unbemerkt vorübergehn . Eines Abends saß ich einsam in meinem Zimmer und überschaute mein freudloses Dasein , als sich die Thür öffnete , und Dein Vater mit einer verschleiereen Dame hereintrat , welcher ein Mann von hohem Ansehn und ausgezeichneter Kleidung folgte . Der Graf und die Gräfin Falkenstein , sagte er , mit sichtlicher Freude , die kürzlich aus Italien zurückkehrten . Aus Italien ! rief ich , von tausend Ahndungen durchbebt , und eilte der Gräfin entgegen . Sie warf den Schleier zurück , und indem sie sich mit vieler Anmuth zu mir neigte , überzog eine flüchtige Röthe ihr etwas bleiches Gesicht , dessen bewegliche Züge keinen bleibenden Eindruck gestatteten . Aus Italien ! wiederholte ich mit bangem Zagen , haben Sie - - Der Graf trat hier zu mir , und entschuldigte auf eine feine Weise sein unerwartetes Erscheinen mit der unveränderten Anhänglichkeit an meinem Gemahl , für dessen Jugendfreund er sich erklärte , und von welchem , wie er verbindlich hinzusetzte , ihn nur widerstrebend ein vieljähriger Gesandschaftsposten habe entfernen können . Ich sah mich in ein gleichgültiges Gespräch verwickelt , während die dringendste Frage auf meinen Lippen schwebte . Die Gräfin maß mich mit ihren großen vielsagenden Augen , und sagte hinterher , in gebrochnem Deutsch , mit der lieblichsten Stimme , ein schmeichelndes Wort . So hielten mich beide gefangen , und ich verzweifelte fast , irgend etwas Näheres zu erfahren , da des Grafen wortreiche Höflichkeit mich immer mehr in mich selbst zurückdrängte , als dieser hinzusetzte , er habe nicht gehofft , seiner Viola so bald eine Freundinn zuzuführen , da er erst seit wenigen Stunden von der Heirath seines Freundes unterrichtet sei . Dieser Nahme überflog jede anderweitige Rücksicht . Ich bitte Sie , rief ich , ihn unterbrechend , kannten Sie in Neapel eine Viola , welche den Schleier nahm , die mein Bruder Eduard von Mansfeld - Viola lag schon längst zu meinen Füßen , drückte meine Knie an ihre Brust und rief unter lautem Weinen : ich - ich - die arme Viola . - Mit stummer Verwunderung blickte ich auf sie und den Grafen , der , eine kleine Verlegenheit verbergend , sich von mir abwandte ; indeß bald darauf mit beispielloser Ruhe sagte : hätte ich ahnden können , wie nahe jene Begebenheit Sie angeht , ich würde Sie ohnfehlbar vorbereitet haben , denn ich hasse sicher nichts so sehr als Erschütterungen , die den gebildeten Menschen aus dem schicklichen Gleichgewicht reißen . Jetzt ist indeß die Entdeckung gemacht , und ich zweifle nicht , wir Alle gewinnen bald die Fassung wieder , die wir dem äußren Anstand schuldig sind . Die Gräfin lag wie zerschmettert am Boden , und schien auf nichts zu achten . Ich fuhr aufs neue wie ein Blitz durch den ruhigen Gang seiner Rede , indem ich dringend nach meinem Bruder fragte . Verzeihen Sie , erwiederte er gütig , wenn ich dieser Frage nicht früher zuvorkam , ich glaubte Sie besser unterrichtet . Herr von Mansfeld ist wohl , und in diesem Augenblick auf einem Schiff , das nach Constantinopel unter Segel ging . Um jede verletzende Erklärung , fuhr er fort , schnell zu beendigen , sage ich Ihnen noch , daß Viola zwischen mir und dem Schleier zu wählen hatte , daß ein kurzer Aufenthalt im Kloster , der Anfang des Probejahrs , sie auf immer mit einer so düstern , ihrem Gemüth wenig angemessenen , Zukunft entzweite , und sie es vorzog , eine fremde Blume , in deutschen Wäldern zu glänzen , als zwischen hohen Mauern zu verschmachten . - Lassen wir jetzt , setzte er lächelnd hinzu , die kleine Wolke vorüberziehn , glauben Sie mir , der heitre italienische Himmel durchbricht diese Nebelstreifen leicht ! Ich blickte auf die schone Frau , der ich um so weniger feind sein konnte , da sie durch ihr unstätes Betragen jeden Einfluß auf das künftige Schicksal meines Bruders verloren hatte . Diese Sicherheit und die Freude , ihn wohl und kräftig neuen Unternehmungen entgegen eilen zu sehen , setzte mich schnell über die augenblickliche Störung hinaus . Ich wandte mich versöhnt zu Viola , die sich willig an mir aufrichtete und in ein andres Zimmer führen ließ . Es gelang mir bald ( indem ich sie französisch anredete ) ihr Vertrauen ohne Rückhalt zu gewinnen . Sie klagte sich selbst mit vernichtender Reue an , und beweinte in ihrer dunklen Zukunft alle verlorne Freuden der Liebe . Allein während die glühendste Phantasie sie immer weiter und weiter fortriß , schuf sie sich selbst die besten Trostgründe , und endete damit , ein behagliches Licht auf ein Leben zu werfen , in welchem , wie in ihrem Ideengange , Eines ganz natürlich aus dem Andren zu entspringen schien . Ich kannte die Fertigkeit wenig , Ursach und Wirkung so geschickt zu folgern , daß alles gerade und eben dasteht , während der eigentliche Grund der Handlung in den innren Tiefen des Gemüths verschüttet wird . Daher blieb ich in dem künstlichen Netze gefangen , und schwieg , wie es mir nachher oft geschah , ohne gleichwohl eine innre Unbehaglichkeit los werden zu können . Mit unwiderstehlicher Anmuth schmiegte sie sich darauf an meine Brust , und bat mich , sie nicht auf dem einsamen Wege zu verlassen , den ihr jetzt des Grafen kaltes Herz vorzeichne . Ich habe niemals dem Zauber ihrer Worte und Mienen widerstehen können , und wie bei ihr bestechende Erinnrungen die Ungleichheit unsrer Gemüther ausglichen , so hielt mich der glänzendste Farbenschmuck einer glühend weiblichen Natur an sie gefesselt . Ich sicherte ihr eine Freundschaft zu , die durch lange Jahre unerschüttert blieb . Als wir bald nachher zu den Herren zurückkehrten , fanden wir sie im Gespräch vertieft über italienische Weine , und die Möglichkeit , ähnliche Sorten auf unsern kalten Boden fortzupflanzen . Ich mußte aufs neue über die gemeßne Haltung des Grafen staunen , die Violas Leichtigkeit , in jeden Gegenstand der Unterhaltung einzugehn , nichts nachgab . Ich gerieth in Verlegenheit , die ganze Begebenheit für einen Traum zu halten , da auch die leiseste Erinnrung daran verwischt schien , und wirklich ist nie wieder öffentlich die Rede davon gewesen , ob wir gleich von da an fast unzertrennlich verbunden blieben . Ich brachte nach diesem Tage die meiste Zeit auf dem Falkenstein zu , wo die Gräfin bald ein neues Leben verbreitete , das fast spottend an dem alten Geist dieser Mauern vorüberzog . Der Graf sonnte sich im Glanz seines Hauses , und sah es gern , daß Viola den rauhen Einflüssen des Klimas wie dem farblosen Einerlei geselliger Unterhaltung zu Hülfe kam , wobei Kunst und Sitte sie immer auf der Bahn des Schicklichen erhielten . Allein ohnerachtet dieser stets erneueten Anregungen , versank sie dennoch augenblicklich in eine Abspannung und ein Mißbehagen , das sich nicht selten mit zerreißender Heftigkeit in bittern Thränen auflöste . Mir schien es oft , als ruhe irgend etwas in ihrer Brust , das sie drücke , ohne es gleichwohl kund geben zu wollen : weshalb ich auch niemals in sie drang . Zu diesen innren Störungen kam noch die gänzliche Unwissenheit , in der wir über Eduards Schicksal lebten . Ich hatte mich vergebens an den Gesandten in Constantinopel gewandt , und der Graf , der uns vielleicht allein behülflich sein konnte , verscheuchte jedes Vertrauen dieser Art. Unter so streitenden Einflüssen ward Julius geboren . Viola hatte sich eine Tochter gewünscht , und war mehr über das Dasein des Kindes gerührt , als erfreut . Oft sah ich ihre Blicke schmerzlich auf den seinen ruhen und Erinnrungen einer Zeit erwachen , wo Glück und Liebe Hand in Hand gingen . Als Du mir einige Jahre darauf , nachdem ich lange kinderlos blieb , vom Himmel geschenkt wardst , beschloß die Gräfin sogleich eure Verbindung . Dieser Gedanke beschäftigte sie angenehm und ließ sie den Verlust eigner Glückseligkeit weniger empfinden . Wie sie alles an sich zog , was sie gewinnen wollte , so hingst auch Du mit solcher Liebe an ihr , daß Du nie von ihrem Arm fortzulocken warst , und jener Augenblick , der noch in Deiner Erinnrung lebt , war einer von den vielen , wo sie Deine Aufmerksamkeit durch Gesang und Erzählung fesselte , ohnerachtet noch kein festes Bild in dir haften konnte . So verfloß uns die Zeit in Hoffnung und Glauben an eine heitre Zukunft unsrer Kinder , als ich bei der Gräfin ein trübes Nachdenken wahrnahm , das sie häufig von allem Aeußern abzog . Sie verschloß sich Stundenlang in ihr Kabinet und ging öfter als gewöhnlich zur Messe ins benachbarte Kloster . Einst begleiteten ihr Gemahl und ich sie dorthin . Auf dem Wege sprachen wir über die seltsame Lage des Gebäudes , das in sumpfigem Grunde , von Klippen umgeben , recht wider Gewohnheit der Klöster , öde dasteht . Darüber , sagte der Graf , giebt die Geschichte meines Hauses völligen Aufschluß , und wenn auch der dumpfe Glaube meines Ahnherrn manches Wunderbare hinzusetzte , so liegt doch eine zuverlässige Wahrheit zum Grunde . Wir drangen in ihn , uns das Nähere mitzutheilen . Frauen , erwiederte er lächelnd , lieben alles , was sie aus dem eintönigen Gange ihrer Bestimmung hinauszieht , und staunen mit offnen Sinnen an , was diese beweglichen Sinne ungewohnt anregt , vorzüglich hat Sie , liebe Mathilde , ihr abgeschloßnes Leben noch begieriger auf dergleichen gemacht , und darum hören Sie nur . Vor mehrern hundert Jahren herrschte eine Frau von Falkenstein über diese Gegend , die , wie die Sage erzählt , in geheimer Verbindung mit den Geistern des Waldes stand . Durch diese wußte sie , daß ihre Söhne einander nach dem Leben trachten und Unheil über ihr Geschlecht bringen würden . Sie beschloß daher , zu Gunsten des Einen den Andern bald nach seiner Geburt aufzuopfern , und ließ ihn zwischen diesen Klippen , die damals ein reißender Bach durchzog , aussetzen . Der Aeltere wuchs nun ungestört heran , ward tapfer und fromm , weshalb er auch eine Reise nach dem heiligen Lande unternahm . Die Mutter verwaltete während dem die Geschäfte , und erwartete ungeduldig seine Rückkehr ; allein nach zwei langen Jahren kamen seine Begleiter ohne ihn zurück und meldeten seinen Tod . Die Frau vom Falkenstein sah nun alle ihre Erwartungen vereitelt , entzweite sich mit der Welt und ihren verbündeten Geistern und beschloß keinen Fuß aus ihrer Burg zu setzen , weshalb auch nach und nach Sand und Steine die Zugänge bedeckten . Da trat einst ein Bettler in ihren Hof , und bat sie dringend um die Erlaubniß , den Schutt von ihrer Schwelle wegräumen zu dürfen . Sie gestattete das , ohne sich um die Ursach einer so seltsamen Bitte zu bekümmern . Nicht lange darauf kam der Bettler voller Freuden zu ihr hin , zeigte ein breites , schönes Schwerdt , das er unter dem Schutte gefunden hatte und welches er für das seine erklärte , wobei er eilend hinzusetzte , daß er , in der Wildniß aufgewachsen , endlich in eine Schmiede gerathen sei und dies Gewerbe mit Lust gelernt und getrieben habe . Nun sei vor kurzem ein kleiner , grauer Mann auf einem weißlichen Pferde gekommen , welches er habe beschlagen lassen . Während der Arbeit habe er ihm einen goldnen Siegelring gegeben und gesagt : er solle das dazu gehörige Schwerdt , welches am Knopf ein ähnliches Zeichen führe , sorgfältig unter Trümmern und Steinen alter Vesten suchen , und müsse er auch Jahrelang als Bettler umherwandern ; beides gehöre seinem Vater , und werde ihm zu hohen Ehren bringen . Die beglückte Mutter erkannte sogleich die Waffen ihres Gemahls , und den Bettler für den einst freventlich geopferten Sohn , den sie unter besonderm Schutz der Geister wähnte und ihn mit erhöhtem Glauben in seine Würden einsetzte . Sie beschloß sogleich , hier am Rande des Baches eine Kapelle zu erbauen , und ging oft mit ihrem Sohn dahin , der Arbeit zuzusehen . Da kam eines Tages derselbe kleine Mann im Gefolge eines schwarzen Ritters auf sie zu , indem er neckend sagte , jetzt sei es Zeit , das gefundne Schwerdt zu brauchen , worauf er sich schnell wieder zwischen den Klippen verlor . Der schwarze Ritter aber rief der erschrocknen Frau zu , warum sie es dulde , daß ein Fremdling in seinem Eigenthum herrsche , und ob sie so seine Rückkehr zu feiern gedächte ? Ohne eine Erklärung zu erwarten , fielen sich nun die Brüder in wildem Grimm an und stürzten bald darauf sterbend nieder . Der Bach stockte den Augenblick , nur die Erde blieb feucht von dem Blute der Erschlagnen . Der Graf lachte hier laut über mein ängstliches Aussehen , da ich wirklich unwillkührlich zusammen fuhr , wie wir über den nassen schlüpfrigen Boden hingingen . Das Abentheuerliche der Geschichte abgerechnet , fuhr er fort , ist es wahr , daß sich hier zwei Brüder erschlugen , und daß die Mutter auf derselben Stelle das Kloster errichten ließ , weshalb ihr steinernes Bild noch darin aufbewahrt ist . Jesus ! rief Viola , und ich sah sie bleich und zitternd an des Grafen Brust sinken . - Mein Gemüth war so ergriffen von den eben empfangenen Eindrücken , daß ich überall ähnliche Schrecken sah und ganz trostlos rief : sie stirbt , sie stirbt ! Der Graf , durch nichts erschüttert , trug Viola zu einer Anhöhe , die