Goethe , Johann Wolfgang Die Wahlverwandschaften www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johann Wolfgang Goethe Die Wahlverwandtschaften Ein Roman Erster Teil Erstes Kapitel Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht , um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen . Sein Geschäft war eben vollendet ; er legte die Gerätschaften in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen , als der Gärtner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleiße des Herrn ergetzte . » Hast du meine Frau nicht gesehen ? « fragte Eduard , indem er sich weiterzugehen anschickte . » Drüben in den neuen Anlagen « , versetzte der Gärtner . » Die Mooshütte wird heute fertig , die sie an der Felswand , dem Schlosse gegenüber , gebaut hat . Alles ist recht schön geworden und muß Euer Gnaden gefallen . Man hat einen vortrefflichen Anblick : unten das Dorf , ein wenig rechter Hand die Kirche , über deren Turmspitze man fast hinwegsieht , gegenüber das Schloß und die Gärten . « » Ganz recht , « versetzte Eduard ; » einige Schritte von hier konnte ich die Leute arbeiten sehen . « » Dann « , fuhr der Gärtner fort , » öffnet sich rechts das Tal , und man sieht über die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne . Der Stieg die Felsen hinauf ist gar hübsch angelegt . Die gnädige Frau versteht es ; man arbeitet unter ihr mit Vergnügen . « » Geh zu ihr « , sagte Eduard , » und ersuche sie , auf mich zu warten . Sage ihr , ich wünsche die neue Schöpfung zu sehen und mich daran zu erfreuen . « Der Gärtner entfernte sich eilig , und Eduard folgte bald . Dieser stieg nun die Terrassen hinunter , musterte im Vorbeigehen Gewächshäuser und Treibebeete , bis er ans Wasser , dann über einen Steg an den Ort kam , wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte . Den einen , der über den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging , ließ er liegen , um den andern einzuschlagen , der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebüsch sachte hinaufwand ; da , wo beide zusammentrafen , setzte er sich für einen Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder , betrat sodann den eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Absätze auf dem schmalen , bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshütte geleitet . An der Türe empfing Charlotte ihren Gemahl und ließ ihn dergestalt niedersitzen , daß er durch Tür und Fenster die verschiedenen Bilder , welche die Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten , auf einen Blick übersehen konnte . Er freute sich daran in Hoffnung , daß der Frühling bald alles noch reichlicher beleben würde . » Nur eines habe ich zu erinnern , « setzte er hinzu , » die Hütte scheint mir etwas zu eng . « » Für uns beide doch geräumig genug , « versetzte Charlotte . » Nun freilich , « sagte Eduard , » für einen Dritten ist auch wohl noch Platz . « » Warum nicht ? « versetzte Charlotte , » und auch für ein Viertes . Für größere Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten . « » Da wir denn ungestört hier allein sind « , sagte Eduard , » und ganz ruhigen , heiteren Sinnes , so muß ich dir gestehen , daß ich schon einige Zeit etwas auf dem Herzen habe , was ich dir vertrauen muß und möchte , und nicht dazu kommen kann . « » Ich habe dir so etwas angemerkt , « versetzte Charlotte . » Und ich will nur gestehen , « fuhr Eduard fort , » wenn mich der Postbote morgen früh nicht drängte , wenn wir uns nicht heut entschließen müßten , ich hätte vielleicht noch länger geschwiegen . « » Was ist es denn ? « fragte Charlotte freundlich entgegenkommend . » Es betrifft unsern Freund , den Hauptmann , « antwortete Eduard . » Du kennst die traurige Lage , in die er , wie so mancher andere , ohne sein Verschulden gesetzt ist . Wie schmerzlich muß es einem Manne von seinen Kenntnissen , seinen Talenten und Fertigkeiten sein , sich außer Tätigkeit zu sehen und - ich will nicht lange zurückhalten mit dem , was ich für ihn wünsche : ich möchte , daß wir ihn auf einige Zeit zu uns nähmen . « » Das ist wohl zu überlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten , « versetzte Charlotte . » Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen , « entgegnete ihr Eduard . » In seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des tiefsten Mißmutes ; nicht daß es ihm an irgendeinem Bedürfnis fehle , denn er weiß sich durchaus zu beschränken , und für das Notwendige habe ich gesorgt ; auch drückt es ihn nicht , etwas von mir anzunehmen , denn wir sind unsre Lebzeit über einander wechselseitig uns so viel schuldig geworden , daß wir nicht berechnen können , wie unser Kredit und Debet sich gegeneinander verhalte - daß er geschäftlos ist , das ist eigentlich seine Qual . Das Vielfache , was er an sich ausgebildet hat , zu andrer Nutzen täglich und stündlich zu gebrauchen , ist ganz allein sein Vergnügen , ja seine Leidenschaft . Und nun die Hände in den Schoß zu legen oder noch weiter zu studieren , sich weitere Geschicklichkeit zu verschaffen , da er das nicht brauchen kann , was er in vollem Maße besitzt - genug , liebes Kind , es ist eine peinliche Lage , deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit empfindet . « » Ich dachte doch , « sagte Charlotte , » ihm wären von verschiedenen Orten Anerbietungen geschehen . Ich hatte selbst um seinetwillen an manche tätige Freunde und Freundinnen geschrieben , und soviel ich weiß , blieb dies auch nicht ohne Wirkung . « » Ganz recht , « versetzte Eduard ; » aber selbst diese verschiedenen Gelegenheiten , diese Anerbietungen machen ihm neue Qual , neue Unruhe . Keines von den Verhältnissen ist ihm gemäß . Er soll nicht wirken ; er soll sich aufopfern , seine Zeit , seine Gesinnungen , seine Art zu sein , und das ist ihm unmöglich . Je mehr ich das alles betrachte , je mehr ich es fühle , desto lebhafter wird der Wunsch , ihn bei uns zu sehen . « » Es ist recht schön und liebenswürdig von dir , « versetzte Charlotte , » daß du des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst ; allein erlaube mir , dich aufzufordern , auch deiner , auch unser zu gedenken . « » Das habe ich getan , « entgegnete ihr Eduard . » Wir können von seiner Nähe uns nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen . Von dem Aufwande will ich nicht reden , der auf alle Fälle gering für mich wird , wenn er zu uns zieht , besonders wenn ich zugleich bedenke , daß uns seine Gegenwart nicht die mindeste Unbequemlichkeit verursacht . Auf dem rechten Flügel des Schlosses kann er wohnen , und alles andere findet sich . Wieviel wird ihm dadurch geleistet , und wie manches Angenehme wird uns durch seinen Umgang , ja wie mancher Vorteil ! Ich hätte längst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewünscht ; er wird sie besorgen und leiten . Deine Absicht ist , selbst die Güter künftig zu verwalten , sobald die Jahre der gegenwärtigen Pächter verflossen sind . Wie bedenklich ist ein solches Unternehmen ! Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht verhelfen ! Ich fühle nur zu sehr , daß mir ein Mann dieser Art abgeht . Die Landleute haben die rechten Kenntnisse ; ihre Mitteilungen aber sind konfus und nicht ehrlich . Die Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar und ordentlich , aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache . Vom Freunde kann ich mir beides versprechen ; und dann entspringen noch hundert andere Verhältnisse daraus , die ich mir alle gern vorstellen mag , die auch auf dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe . Nun danke ich dir , daß du mich freundlich angehört hast ; jetzt sprich aber auch recht frei und umständlich und sage mir alles , was du zu sagen hast ; ich will dich nicht unterbrechen . « » Recht gut , « versetzte Charlotte ; » so will ich gleich mit einer allgemeinen Bemerkung anfangen . Die Männer denken mehr auf das Einzelne , auf das Gegenwärtige , und das mit Recht , weil sie zu tun , zu wirken berufen sind , die Weiber hingegen mehr auf das , was im Leben zusammenhängt , und das mit gleichem Rechte , weil ihr Schicksal , das Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang geknüpft ist und auch gerade dieses Zusammenhängende von ihnen gefordert wird . Laß uns deswegen einen Blick auf unser gegenwärtiges , auf unser vergangenes Leben werfen , und du wirst mir eingestehen , daß die Berufung des Hauptmannes nicht so ganz mit unsern Vorsätzen , unsern Planen , unsern Einrichtungen zusammentrifft . Mag ich doch so gern unserer frühsten Verhältnisse gedenken ! Wir liebten einander als junge Leute recht herzlich ; wir wurden getrennt ; du von mir , weil dein Vater , aus nie zu sättigender Begierde des Besitzes , dich mit einer ziemlich älteren , reichen Frau verband ; ich von dir , weil ich , ohne sonderliche Aussichten , einem wohlhabenden , nicht geliebten , aber geehrten Manne meine Hand reichen mußte . Wir wurden wieder frei ; du früher , indem dich dein Mütterchen im Besitz eines großen Vermögens ließ ; ich später , eben zu der Zeit , da du von Reisen zurückkamst . So fanden wir uns wieder . Wir freuten uns der Erinnerung , wir liebten die Erinnerung , wir konnten ungestört zusammenleben . Du drangst auf eine Verbindung ; ich willigte nicht gleich ein , denn da wir ungefähr von denselben Jahren sind , so bin ich als Frau wohl älter geworden , du nicht als Mann . Zuletzt wollte ich dir nicht versagen , was du für dein einziges Glück zu halten schienst . Du wolltest von allen Unruhen , die du bei Hof , im Militär , auf Reisen erlebt hattest , dich an meiner Seite erholen , zur Besinnung kommen , des Lebens genießen ; aber auch nur mit mir allein . Meine einzige Tochter tat ich in Pension , wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet , als bei einem ländlichen Aufenthalte geschehen könnte ; und nicht sie allein , auch Ottilien , meine liebe Nichte , tat ich dorthin , die vielleicht zur häuslichen Gehülfin unter meiner Anleitung am besten herangewachsen wäre . Das alles geschah mit deiner Einstimmung , bloß damit wir uns selbst leben , bloß damit wir das früh so sehnlich gewünschte , endlich spät erlangte Glück ungestört genießen möchten . So haben wir unsern ländlichen Aufenthalt angetreten . Ich übernahm das Innere , du das Äußere und was ins Ganze geht . Meine Einrichtung ist gemacht , dir in allem entgegenzukommen , nur für dich allein zu leben ; laß uns wenigstens eine Zeitlang versuchen , inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen . « » Da das Zusammenhängende , wie du sagst , eigentlich euer Element ist , « versetzte Eduard , » so muß man euch freilich nicht in einer Folge reden hören oder sich entschließen , euch recht zu geben ; und du sollst auch recht haben bis auf den heutigen Tag . Die Anlage , die wir bis jetzt zu unserm Dasein gemacht haben , ist von guter Art ; sollen wir aber nichts weiter darauf bauen , und soll sich nichts weiter daraus entwickeln ? Was ich im Garten leiste , du im Park , soll das nur für Einsiedler getan sein ? « » Recht gut ! « versetzte Charlotte , » recht wohl ! Nur daß wir nichts Hinderndes , Fremdes hereinbringen ! Bedenke , daß unsre Vorsätze , auch was die Unterhaltung betrifft , sich gewissermaßen nur auf unser beiderseitiges Zusammensein bezogen . Du wolltest zuerst die Tagebücher deiner Reise mir in ordentlicher Folge mitteilen , bei dieser Gelegenheit so manches dahin Gehörige von Papieren in Ordnung bringen und unter meiner Teilnahme , mit meiner Beihülfe aus diesen unschätzbaren , aber verworrenen Heften und Blättern ein für uns und andere erfreuliches Ganze zusammenstellen . Ich versprach , dir an der Abschrift zu helfen , und wir dachten es uns so bequem , so artig , so gemütlich und heimlich , die Welt , die wir zusammen nicht sehen sollten , in der Erinnerung zu durchreisen . Ja , der Anfang ist schon gemacht . Dann hast du die Abende deine Flöte wieder vorgenommen , begleitest mich am Klavier ; und an Besuchen aus der Nachbarschaft und in die Nachbarschaft fehlt es uns nicht . Ich wenigstens habe mir aus allem diesem den ersten wahrhaft fröhlichen Sommer zusammengebaut , den ich in meinem Leben zu genießen dachte . « » Wenn mir nur nicht « , versetzte Eduard , indem er sich die Stirne rieb , » bei alle dem , was du mir so liebevoll und verständig wiederholst , immer der Gedanke beiginge , durch die Gegenwart des Hauptmanns würde nichts gestört , ja vielmehr alles beschleunigt und neu belebt . Auch er hat einen Teil meiner Wanderungen mitgemacht ; auch er hat manches , und in verschiedenem Sinne , sich angemerkt : wir benutzten das zusammen , und alsdann würde es erst ein hübsches Ganze werden . « » So laß mich denn dir aufrichtig gestehen , « entgegnete Charlotte mit einiger Ungeduld , » daß diesem Vorhaben mein Gefühl widerspricht , daß eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt . « » Auf diese Weise wäret ihr Frauen wohl unüberwindlich , « versetzte Eduard , » erst verständig , daß man nicht widersprechen kann , liebevoll , daß man sich gern hingibt , gefühlvoll , daß man euch nicht weh tun mag , ahnungsvoll , daß man erschrickt . « » Ich bin nicht abergläubisch « , versetzte Charlotte , » und gebe nichts auf diese dunklen Anregungen , insofern sie nur solche wären ; aber es sind meistenteils unbewußte Erinnerungen glücklicher und unglücklicher Folgen , die wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben . Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten . Ich habe Freunde gesehen , Geschwister , Liebende , Gatten , deren Verhältnis durch den zufälligen oder gewählten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert , deren Lage völlig umgekehrt wurde . « » Das kann wohl geschehen « , versetzte Eduard , » bei Menschen , die nur dunkel vor sich hinleben , nicht bei solchen , die , schon durch Erfahrung aufgeklärt , sich mehr bewußt sind . « » Das Bewußtsein , mein Liebster , « entgegnete Charlotte , » ist keine hinlängliche Waffe , ja manchmal eine gefährliche für den , der sie führt ; und aus diesem allen tritt wenigstens soviel hervor , daß wir uns ja nicht übereilen sollen . Gönne mir noch einige Tage , entscheide nicht ! « » Wie die Sache steht , « erwiderte Eduard , » werden wir uns auch nach mehreren Tagen immer übereilen . Die Gründe für und dagegen haben wir wechselsweise vorgebracht ; es kommt auf den Entschluß an , und da wär es wirklich das Beste , wir gäben ihn dem Los anheim . « » Ich weiß , « versetzte Charlotte , » daß du in zweifelhaften Fällen gerne wettest oder würfelst ; bei einer so ernsthaften Sache hingegen würde ich dies für einen Frevel halten . « » Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben ? « rief Eduard aus ; » denn ich muß mich gleich hinsetzen . « » Einen ruhigen , vernünftigen , tröstlichen Brief , « sagte Charlotte . » Das heißt soviel wie keinen , « versetzte Eduard . » Und doch ist es in manchen Fällen « , versetzte Charlotte , » notwendig und freundlich , lieber nichts zu schreiben , als nicht zu schreiben . « Zweites Kapitel Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer , und wirklich hatte die Wiederholung seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens , die Vergegenwärtigung ihres beiderseitigen Zustandes , ihrer Vorsätze sein lebhaftes Gemüt angenehm aufgeregt . Er hatte sich in ihrer Nähe , in ihrer Gesellschaft so glücklich gefühlt , daß er sich einen freundlichen , teilnehmenden , aber ruhigen und auf nichts hindeutenden Brief an den Hauptmann ausdachte . Als er aber zum Schreibtisch ging und den Brief des Freundes aufnahm , um ihn nochmals durchzulesen , trat ihm sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen Mannes entgegen ; alle Empfindungen , die ihn diese Tage gepeinigt hatten , wachten wieder auf , und es schien ihm unmöglich , seinen Freund einer so ängstlichen Lage zu überlassen . Sich etwas zu versagen , war Eduard nicht gewohnt . Von Jugend auf das einzige , verzogene Kind reicher Eltern , die ihn zu einer seltsamen , aber höchst vorteilhaften Heirat mit einer viel älteren Frau zu bereden wußten , von dieser auch auf alle Weise verzärtelt , indem sie sein gutes Betragen gegen sie durch die größte Freigebigkeit zu erwidern suchte , nach ihrem baldigen Tode sein eigner Herr , auf Reisen unabhängig , jeder Abwechslung , jeder Veränderung mächtig , nichts Übertriebenes wollend , aber viel und vielerlei wollend , freimütig , wohltätig , brav , ja tapfer im Fall - was konnte in der Welt seinen Wünschen entgegenstehen ! Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen , auch zum Besitz Charlottens war er gelangt , den er sich durch eine hartnäckige , ja romanenhafte Treue doch zuletzt erworben hatte ; und nun fühlte er sich zum erstenmal widersprochen , zum erstenmal gehindert , eben da er seinen Jugendfreund an sich heranziehen , da er sein ganzes Dasein gleichsam abschließen wollte . Er war verdrießlich , ungeduldig , nahm einigemal die Feder und legte sie nieder , weil er nicht einig mit sich werden konnte , was er schreiben sollte . Gegen die Wünsche seiner Frau wollte er nicht , nach ihrem Verlangen konnte er nicht ; unruhig wie er war , sollte er einen ruhigen Brief schreiben ; es wäre ihm ganz unmöglich gewesen . Das Natürlichste war , daß er Aufschub suchte . Mit wenig Worten bat er seinen Freund um Verzeihung , daß er diese Tage nicht geschrieben , daß er heut nicht umständlich schreibe , und versprach für nächstens ein bedeutenderes , ein beruhigendes Blatt . Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben Stelle die Gelegenheit , das Gespräch wieder anzuknüpfen , vielleicht in der Überzeugung , daß man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann , als wenn man ihn öfters durchspricht . Eduarden war diese Wiederholung erwünscht . Er äußerte sich nach seiner Weise freundlich und angenehm ; denn wenn er , empfänglich wie er war , leicht aufloderte , wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward , wenn seine Hartnäckigkeit ungeduldig machen konnte , so waren doch alle seine Äußerungen durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert , daß man ihn immer noch liebenswürdig finden mußte , wenn man ihn auch beschwerlich fand . Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die heiterste Laune , dann durch anmutige Gesprächswendungen ganz aus der Fassung , so daß sie zuletzt ausrief : » Du willst gewiß , daß ich das , was ich dem Ehemann versagte , dem Liebhaber zugestehen soll . Wenigstens , mein Lieber , « fuhr sie fort , » sollst du gewahr werden , daß deine Wünsche , die freundliche Lebhaftigkeit , womit du sie ausdrückst , mich nicht ungerührt , mich nicht unbewegt lassen . Sie nötigen mich zu einem Geständnis . Ich habe dir bisher auch etwas verborgen . Ich befinde mich in einer ähnlichen Lage wie du und habe mir schon eben die Gewalt angetan , die ich dir nun über dich selbst zumute . « » Das hör ich gern , « sagte Eduard ; » ich merke wohl , im Ehestand muß man sich manchmal streiten , denn dadurch erfährt man was voneinander . « » Nun sollst du also erfahren , « sagte Charlotte , » daß es mir mit Ottilien geht , wie dir mit dem Hauptmann . Höchst ungern weiß ich das liebe Kind in der Pension , wo sie sich in sehr drückenden Verhältnissen befindet . Wenn Luciane , meine Tochter , die für die Welt geboren ist , sich dort für die Welt bildet , wenn sie Sprachen , Geschichtliches und was sonst von Kenntnissen ihr mitgeteilt wird , so wie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt ; wenn bei einer lebhaften Natur und bei einem glücklichen Gedächtnis sie , man möchte wohl sagen , alles vergißt und im Augenblicke sich an alles erinnert ; wenn sie durch Freiheit des Betragens , Anmut im Tanze , schickliche Bequemlichkeit des Gesprächs sich vor allen auszeichnet und durch ein angebornes herrschendes Wesen sich zur Königin des kleinen Kreises macht , wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine Gottheit ansieht , die nun erst unter ihren Händen recht gedeiht , die ihr Ehre machen , Zutrauen erwerben und einen Zufluß von andern jungen Personen verschaffen wird , wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer nur Hymnen sind über die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes , die ich denn recht gut in meine Prose zu übersetzen weiß : so ist dagegen , was sie schließlich von Ottilien erwähnt , nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung , daß ein übrigens so schön heranwachsendes Mädchen sich nicht entwickeln , keine Fähigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen wolle . Das wenige , was sie sonst noch hinzufügt , ist gleichfalls für mich kein Rätsel , weil ich in diesem lieben Kinde den ganzen Charakter ihrer Mutter , meiner wertesten Freundin , gewahr werde , die sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiß , wenn ich Erzieherin oder Aufseherin sein könnte , zu einem herrlichen Geschöpf heraufbilden wollte . Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen Lebensverhältnissen nicht soviel zupfen und zerren , nicht immer was Neues an sie heranziehen soll , so trag ich das lieber , ja ich überwinde die unangenehme Empfindung , wenn meine Tochter , welche recht gut weiß , daß die arme Ottilie ganz von uns abhängt , sich ihrer Vorteile übermütig gegen sie bedient und unsre Wohltat dadurch gewissermaßen vernichtet . Doch wer ist so gebildet , daß er nicht seine Vorzüge gegen andre manchmal auf eine grausame Weise geltend machte ! Wer steht so hoch , daß er unter einem solchen Druck nicht manchmal leiden müßte ! Durch diese Prüfungen wächst Ottiliens Wert ; aber seitdem ich den peinlichen Zustand recht deutlich einsehe , habe ich mir Mühe gegeben , sie anderwärts unterzubringen . Stündlich soll mir eine Antwort kommen , und alsdann will ich nicht zaudern . So steht es mit mir , mein Bester . Du siehst , wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen , freundschaftlichen Herzen . Laß sie uns gemeinsam tragen , da sie sich nicht gegeneinander aufheben ! « » Wir sind wunderliche Menschen , « sagte Eduard lächelnd . » Wenn wir nur etwas , das uns Sorge macht , aus unserer Gegenwart verbannen können , da glauben wir schon , nun sei es abgetan . Im ganzen können wir vieles aufopfern , aber uns im einzelnen herzugeben , ist eine Forderung , der wir selten gewachsen sind . So war meine Mutter . Solange ich als Knabe oder Jüngling bei ihr lebte , konnte sie der augenblicklichen Besorgnisse nicht los werden . Verspätete ich mich bei einem Ausritt , so mußte mir ein Unglück begegnet sein ; durchnetzte mich ein Regenschauer , so war das Fieber mir gewiß . Ich verreiste , ich entfernte mich von ihr , und nun schien ich ihr kaum anzugehören . « » Betrachten wir es genauer , « fuhr er fort , » so handeln wir beide töricht und unverantwortlich , zwei der edelsten Naturen , die unser Herz so nahe angehen , im Kummer und im Druck zu lassen , nur um uns keiner Gefahr auszusetzen . Wenn dies nicht selbstsüchtig genannt werden soll , was will man so nennen ! Nimm Ottilien , laß mir den Hauptmann , und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht ! « » Es möchte noch zu wagen sein , « sagte Charlotte bedenklich , » wenn die Gefahr für uns allein wäre . Glaubst du denn aber , daß es rätlich sei , den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen , einen Mann ohngefähr in deinen Jahren , in den Jahren - daß ich dir dieses Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage - , wo der Mann erst liebefähig und erst der Liebe wert wird , und ein Mädchen von Ottiliens Vorzügen ? « » Ich weiß doch auch nicht , « versetzte Eduard , » wie du Ottilien so hoch stellen kannst ! Nur dadurch erkläre ich mir ' s , daß sie deine Neigung zu ihrer Mutter geerbt hat . Hübsch ist sie , das ist wahr , und ich erinnere mich , daß der Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte , als wir vor einem Jahre zurückkamen und sie mit dir bei deiner Tante trafen . Hübsch ist sie , besonders hat sie schöne Augen ; aber ich wüßte doch nicht , daß sie den mindesten Eindruck auf mich gemacht hätte . « » Das ist löblich an dir , « sagte Charlotte , » denn ich war ja gegenwärtig ; und ob sie gleich viel jünger ist als ich , so hatte doch die Gegenwart der ältern Freundin so viele Reize für dich , daß du über die aufblühende , versprechende Schönheit hinaussahest . Es gehört auch dies zu deiner Art zu sein , deshalb ich so gern das Leben mit dir teile . « Charlotte , so aufrichtig sie zu sprechen schien , verhehlte doch etwas . Sie hatte nämlich damals dem von Reisen zurückkehrenden Eduard Ottilien absichtlich vorgeführt , um dieser geliebten Pflegetochter eine so große Partie zuzuwenden ; denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie nicht mehr . Der Hauptmann war auch angestiftet , Eduarden aufmerksam zu machen ; aber dieser , der seine frühe Liebe zu Charlotten hartnäckig im Sinne behielt , sah weder rechts noch links und war nur glücklich in dem Gefühl , daß es möglich sei , eines so lebhaft gewünschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten Gutes endlich doch teilhaft zu werden . Eben stand das Ehepaar im Begriff , die neuen Anlagen herunter nach dem Schlosse zu gehen , als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen ließ : » Kommen Euer Gnaden doch ja schnell herüber ! Herr Mittler ist in den Schloßhof gesprengt . Er hat uns alle zusammengeschrieen , wir sollen sie aufsuchen , wir sollen Sie fragen , ob es not tue . Ob es not tut , rief er uns nach , hört ihr ? aber geschwind , geschwind ! « » Der drollige Mann ! « rief Eduard aus ; » kommt er nicht gerade zur rechten Zeit , Charlotte ? - Geschwind zurück ! « befahl er dem Bedienten ; » sage ihm , es tue not , sehr not ! Er soll nur absteigen . Versorgt sein Pferd ; führt ihn in den Saal , setzt ihm ein Frühstück vor ! Wir kommen gleich . Laß uns den nächsten Weg nehmen ! « sagte er zu seiner Frau und schlug den Pfad über den Kirchhof ein , den er sonst zu vermeiden pflegte . Aber wie verwundert war er , als er fand , daß Charlotte auch hier für das Gefühl gesorgt habe . Mit möglichster Schonung der alten Denkmäler hatte sie alles so zu vergleichen und zu ordnen gewußt , daß es ein angenehmer Raum erschien , auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten . Auch dem ältesten Stein hatte sie seine Ehre gegönnt . Den Jahren nach waren sie an der Mauer aufgerichtet , eingefügt oder sonst angebracht ; der hohe Sockel der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und geziert . Eduard fühlte sich sonderbar überrascht , wie er durch die kleine Pforte hereintrat : er drückte Charlotten die Hand , und im Auge stand ihm eine Träne . Aber der närrische Gast verscheuchte sie gleich . Denn dieser hatte keine Ruh im Schloß gehabt , war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten , wo er still hielt und seinen Freunden entgegenrief : » Ihr habt mich doch nicht zum besten ? Tuts wirklich not , so bleibe ich zu Mittage hier . Haltet mich nicht auf ! Ich habe heute noch viel zu tun . « » Da Ihr Euch so weit bemüht habt , « rief ihm Eduard entgegen , » so reitet noch vollends herein ; wir kommen an einem ernsthaften Orte zusammen ; und seht , wie schön Charlotte diese Trauer ausgeschmückt hat ! « » Hier herein « , rief der Reiter , » komm ich weder zu Pferde , noch zu