Fischer , Caroline Auguste Der Günstling www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline Auguste Fischer Der Günstling Von der Verfasserin von Gustavs Verirrungen und der Honigmonathe Ich bin angekommen . Ob sie ihrem Rufe entspricht ? O ja ! viel Geist , viel Würde , und dennoch viel Milde - mehr als ich erwartete - dann aber auch viel Selbstvertrauen . Das ist kein Tadel . Was wäre sie , was wären ihre Völker , wenn sie es nicht hätte ? Sie nennen sie Mutter , und thun Recht daran . Sie ist es ; freylich mehr dem Sinne , als der That nach , die leider nur selten ihre That ist . Nun so bin ich dann hier , und bin ausgezeichneter empfangen worden , als ich wünschte . Die Sorge für meine Wohnung war überflüßig . Mein Haus steht leer . Ich habe auf ihren ausdrücklichen Befehl im Pallaste bleiben müssen . Auch meine Leute sollten mit andern vertauscht werden . Diesem ausdrücklichen Befehle habe ich aber ein ausdrückliches Verlangen entgegen gesetzt , und so ist der Befehl nicht vollzogen worden . » O Herr ! « - rief Wilhelm - » welch fürchterliche Pracht ! welche unendlichen Zimmer ! Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte . « Ja wohl ! ehrlicher Wilhelm ! Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte . - Schwermüthig ? Nun ja ! aber ich thue meine Pflicht . Mit leichtem Herzen ? Das habt Ihr gewiß nicht erwartet . Heiterkeit ! wer kann sich am Hofe der Heiterkeit rühmen ? Verlangt nur keine unmöglichen Dinge . Mit euren Briefen seyd vorsichtig . Sie werden geöffnet . Vielleicht auch die Meinigen . Vielleicht ? - Ohne Zweifel ! Dieses Paket , welches zugleich die verlangten Papiere enthält , wird durch einen Reisenden besorgt . Ihr schreibt nun nicht eher , bis Ihr von Wilhelm eine Addresse bekömmt . Er hat Anverwandte in der Hauptstadt , ehrliche Bürger , und wird prüfen , welchen man am sichersten vertrauen kann . Seht ! das ist nun schon die erste Frucht Eures mühseligen Treibens und Drängens ! Nebenwege müssen wir suchen , um uns Gedanken mittheilen zu können . Vergeßt nicht , daß Ihr ' s gewollt habt . - Nein ! keine Vorwürfe mehr ! Es ist wahr ! auch ich hab ' endlich gewollt . Euch reizte der Ruhm , mich reizte die Pflicht . Schön und des Begehrens würdig ist Euer Höchstes , schön und des ganzen Daseyns würdig ist das Meinige . Sollt ' ich geirrt haben ? - Sollte das Eurige auch das Meinige gewesen seyn ? - Ich sehe sie ernten , wo ich säe . - Vielleicht dieß der wahre Grund meines Unmuths - Das sey fern ! Wohlan ! in die Schranken bin ich getreten ; so will ich dann kämpfen bis zu Ende . Wohl gilt es auf Tod und Leben ; aber wahrlich der Tod ist es nicht , den ich fürchte . Und was , was ist es dann ? - Stehe Rede , Plagegeist , der mich wachend und träumend verfolgt ! Was ist es denn ? - Ach du nennst es mir nicht ! und schon übermannt mich wieder die fürchterliche Beklemmung . Fort ! ich will das Gute ! will es mit allen Kräften meines Geistes und Herzens ! wie kann das Böse mir schaden ? - Ihr könnt Recht haben ! Freylich liegt er sehr schwer auf mir , dieser nordische Himmel . Aber die Nebel sind endlich zerstreut , und wir athmen eine reine , erquickende Luft . Mit einer Sorgfalt , die mich ängstigt , ist sie um mein Wohlseyn bemüht . Gestern hatte ich , von Morgens vier Uhr , den ganzen Tag mit drey Secretairen gearbeitet , es schlug fünf , und wir waren nicht fertig . Auf diesen Fall habe ich mir , ein für alle Mal , die Erlaubniß verschafft , nicht zur Tafel kommen zu dürfen . So blieb ich denn auch heute , ohne zu ahnen , dieß werde für etwas Außerordentliches genommen werden . Ich irrte . Nachdem sie zwey Mal meines Befindens wegen geschickt hatte , sagte sie mir heute : sie sey auf dem Punkt gewesen , selbst zu mir zu kommen . Ich fühlte meine Wangen erkalten , dann mein Blut gewaltsam hineinströmen . Sie schien auf irgend eine Antwort zu warten . Vergebens ! Ich verneigte mich tief , und trat schnell , da P .... sich näherte , zurück . Was fragt Ihr ? Versteht sich nicht Alles von selbst ? - Der thörichte Mensch ! daß er des warnenden Gottes in seinem Busen nicht achtet ! Daß er wähnt , irgend ein Anderer verstehe ihn besser , als er sich selbst ! O wäre ich dieser heiligen Stimme gefolgt ! ich wandelte jetzt im Lichte , statt daß nun immer tieferes Dunkel mich einhüllt . Ich werde reden müssen . Sie wird mich zwingen . Warum zitt ' re ich gleich einem Verbrecher ? Ach ich möchte sie schonen - O wehe ! wehe , daß ich in dieses Labyrinth gerathen bin ! Sie scheint mir verändert . Doch wer weiß ! Vielleicht war ich ein eitler Thor . - Wie dem auch sey ! ich athme freyer und danke dem Himmel dafür ; besonders da sich meine Geschäfte täglich vermehren . Gern will ich auf diese Weise mich opfern ; aber meinen Leuten muß ich Erholung gönnen . Ach sie liegen , wie ich , an goldenen Ketten ! Ist es wahr , o Gott ? Ist es endlich dahin gekommen ? Sie , die größeste der Frauen , bittet um meine Liebe ! Warum konnt ' ich ihr gar nichts erwiedern ? Nichts auf dieses Auge voll Thränen ! Nichts auf diesen zitternden Händedruck ! Nichts auf diese Sprache der wahrsten und tiefsten Leidenschaft ! - Bin ich kein Mensch ? Ist sie nicht schön ? nicht edel ? - Aber ich wußt ' es vorher . O hätte sie geschwiegen ! Unglückliche ! und ich , ich Unglücklicher ! Wie wird das enden ! Noch begreift sie nicht mein niedergeschlagenes Auge , mein Schweigen , glaubt vielleicht das Glück habe mich betäubt . O wäre der Augenblick vorüber , wo ich die Decke wegreißen muß ! Aber bin ich nicht auch ein Mensch ? und hat mein Herz keine Rechte ? - Nein ! sie wird mich nicht hassen ! Eben weil sie edel und menschlich ist , wird sie mich begreifen , und das Unmögliche nicht fordern . Ach ! Tausende wagten ihr Leben an das Glück , was mir nicht frommt . Wohlan , ich rede ! Ich mache sie selbst zum Richter über mein Herz . Und , wer weiß - vielleicht ist es auch nur eine Laune . Ihr habt sonst viel Wesens von meinem Muthe gemacht . Seht ! jetzt handle ich , wie ein Feiger . Jeden Morgen stehe ich mit dem Vorsatze auf , frey , wie es einem Manne ziemt , mit ihr zu reden ; aber beym Annähern der Stunde , wo ich sie sehen muß , fühle ich meinen Muth immer mehr verschwinden , die Nacht überfällt mich , und das schreckliche Verhältniß besteht wie vorher . Mir selbst unbegreiflich muß noch immer etwas ihre Hoffnung Nährendes in meinem Betragen liegen , sonst hätte sie mich des Redens längst überhoben . Würde mir nicht die Freude gegönnt , Gutes zu wirken , ich risse mich plötzlich heraus , möchte daraus folgen , was da wollte . Abends . In ihren Zimmern soll ich arbeiten . So will sie Entscheidung ? - Wohlan ! sie möge ihr werden . Vorüber ist die schreckliche Stunde ! Vielleicht folgen ihr schrecklichere - Es sey ! scheine ich doch jetzt was ich bin . Zwey martervolle Tage waren ganz in ihrer Nähe verflossen . Wichtige Geschäfte waren beendigt . Daß ich sie mit Geistesfreyheit , in dieser drückenden Nähe , beendigte , ist mir noch jetzt unbegreiflich ; aber mein Entschluß , das abscheuliche Dunkel zu zerstreuen , war fest . Dieß ohne Zweifel der Grund meiner unbefangenen Besonnenheit . Sie bemerkte sie , bemerkte sie abwechselnd mit Bitterkeit und Wohlgefallen . Endlich , da ich ihr die Papiere , zwar mit niedergeschlagenen Augen , aber doch ruhig überreichte , ergriff sie plötzlich meine Hand , und ein kalter Schauer durchdrang mein Innerstes . Sie wollte reden ; die Stimme versagte ihr . So standen wir einige Augenblicke . Des Todes Bitterkeit kann mir von nun an nicht fremd seyn , ich habe sie während dieses Schweigens empfunden . » Sie sollten immer hier arbeiten , « - sagte sie endlich - » mich dünkt dieses Geschäft wurde schneller , als gewöhnlich , beendigt . « » Ich war in einer besonders glücklichen Stimmung . « » Eben deswegen ! « - antwortete sie schnell und richtete ihr durchdringendes Auge fest auf das Meinige . - Ich schwieg ; aber mein Blick muß geantwortet haben , denn ein hohes Roth überflog ihre Wangen , und meine Hand fiel aus der Ihrigen . Sie wandte sich schnell von mir ab , und ich glaubte mich entlassen ; aber kaum hatte ich einige Schritte gethan , als ich mich plötzlich umfangen fühlte . Von ihr ! von ihr ! - Fast leblos starrt ' ich vor mir hin , bis ein Thränenstrom aus ihren Augen mir die Besinnung wieder gab . » Hassest du mich ? « - rief sie mit halb erstickter Stimme - » Hassest du mich ? « - rief sie lauter . Plötzlich entstand ein Geräusch . Ich wollte antworten , als das Geräusch dicht vor den Thüren sich verstärkte , und ich , schnell aus ihren Armen mich windend , hinaus eilte . Ich warf mich an den Schreibtisch und gebot meinen Leuten jedermann zu entfernen , schilderte ihr dann den Zustand meines zerrissenen Herzens . Die Nacht hatte mich abermals überfallen ; an Ruhe war nicht zu denken . Ich hieß meine Leute sich niederlegen und eilte in die Wildniß - so nennt sie den schönsten ihrer Gärten . Das Papier , das vielleicht über mein Leben entschied , ruhte auf meinem Busen . Lang irrt ' ich herum . Nur Augenblicke trat der Mond aus den düstern Wolken . Das Bild meiner seligen Kindheit glitt in seinem Strahl bey mir vorüber . Bittrer Unmuth wollte mich ergreifen ; da warf ich mich auf eine Rasenbank , und mein Blick fiel auf ihre noch immer erleuchteten Zimmer . » Sie leidet , wie du ! « - rief eine Stimme in meinem Innern - » Vielleicht mehr noch als du ! « - Mitleid besiegte den Unmuth , und ich kehrte zurück , fest entschlossen , sie auf das Aeußerste zu schonen . - Vergebens ! sie wollte Offenheit . Schon früh am Morgen wurde eine Jagd angesagt . Es sey ihr ausdrücklicher Befehl : ich solle dabey seyn . Mit banger Ahnung hört ' ich die Worte des Boten , unterdrückte aber bald , unwillig über mich selbst , diese lähmende Empfindung und ging Iwanova mit Zuversicht entgegen . Strahlend von Schönheit erhob sie sich über ihre Frauen , und ich schalt mich undankbar und gefühllos . Ach ! sie mißverstand mich abermals und freute sich ihres Sieges . » Unglückliche ! « - dacht ' ich - » der es so schwer wird , an Unglück zu glauben ! reißt dich dein Schicksal um einen Schritt weiter , so ist die Täuschung auf immner verschwunden ! « Aber sie war fern , etwas ihr Widriges zu ahnen , und benutzte jeden Augenblick , wo sie in meine Nähe gelangen konnte . Ein Reh wurde verfolgt . Abermals schoß sie mit flammendem Blick an mir vorüber ; als ihr Pferd schäumend sich bäumte , und sie unfehlbar gestürzt seyn würde , hätt ' ich sie nicht in meinen Armen aufgefangen . Sie war heftig erschrocken und schien an mir niedersinken zu müssen . Sanft legt ' ich sie auf den Rasen und kniete an ihre Seite , allenthalben nach Hülfe umherblickend . Aber jetzt schlug sie das große brennende Auge zu mir auf , zog meine Hand an ihr Herz und fragte noch einmal , mit einer Stimme , die mein Innerstes durchbebte : Hassest du mich ? - » Jetzt , oder niemals ! « dacht ' ich , zog das Papier aus meinem Busen , legt ' es zu ihren Füßen , drückte ihre Hand an meinen Mund und zog mich schnell , da ihre Leute herbeyeilten , ins Gebüsch . Laßt mich Athem holen . S .... hatte sie auf sein Lustschloß gebeten , in dessen Nähe die Jagd veranstaltet war . Man hatte sie in einen offenen Wagen gebracht , und eilte das Schloß zu erreichen . Anfangs schien sie in dumpfer Betäubung dem Schwarm zu folgen ; aber dann riß sie plötzlich , wie von einem schweren Traume erwachend , das Papier aus ihrem Busen , Feuerröthe und Todesblässe wechselten auf ihren Wangen . Dann schoß ein Blick aus ihrem Flammenauge und traf gerade den , den er treffen sollte . Aber ich war gefaßt und denke , mein Aeußeres müsse weder Trotz , noch Feigheit verrathen haben . Ich folgte in stiller Ergebung . Ihr Wagen hielt . Schon war ich am Eingange sie zu empfangen , wurde aber von S ... übereilt . Ihr Unmuth darüber war sichtbar ; doch erzwang sie ein Lächeln und rauschte mit Majestät an mir vorüber . S .... hatte alles aufgeboten , ihre Gegenwart zu verherrlichen , und den ganzen benachbarten Adel zu Hülfe genommen . Aber sie verlangte allein gelassen zu werden , um sich - wie sie sagte - zur Freude zu sammeln . Ein Glück für S .... der mitten in seinen Anstalten überrascht war . Kaum hatte sich der Schwarm zerstreut , als ich zu ihr gerufen wurde . Ich ging ohne Beklemmung . An die Büste ihres großen Ahnherrn gelehnt , das Auge von Thränen umdüstert , schien sie mich Anfangs nicht zu bemerken ; plötzlich aber wurde sie mich gewahr und kam schnell mir entgegen . » Wer « - sagte sie mit dumpfer Stimme - » wer gab dir den Muth , mir zu schreiben ? mir also zu schreiben ? Vergaßest du , wer ich bin ? « Nein ! gewiß nicht ! Wie ! Ich schrieb der größesten und gerechtesten der Frauen . Du liebst ! Nein . Hast nie geliebt ? Niemals . Unmöglich ! - kein Weib rührte dein Herz ? Ich suchte und fand keins . Was erfüllte dann deine Jugend ? Das Schicksal meines Hauses . Ach ! das Schicksal deines Hauses ! War der Gedanke deiner nicht würdig , den Glanz deines Hauses zu erneuern ? Träume des Jünglings müssen dem Manne scheinen , was sie sind . Wie ! das müßten sie auch dir ? - das müßten auch Träume für dich seyn ? für dich , der .... Ha Undankbarer ! - - Hier lies ! lies mir die Worte , die mein Herz , wie giftige Dolche , durchbohrt haben ! Lies ! aus deinem Munde will ich sie hören ! » Was hält dich ? « - rief sie abermals mit einem Blicke , der mein Innerstes durchdringen sollte - » Mitleiden ? Fort ! fort aus meinen Augen ! « Sie selbst eilte fort , das Gesicht in den Händen verbergend . Endlich erschien sie wieder , das Auge von Thränen geschwollen ; aber mit lächelndem Munde , mit Hoheit auf der blendenden Stirn . Ein Haufen blumenbekränzter Mädchen eilte ihr entgegen . Das erste brachte ihr kniend ein Danklied . Plötzlich flog ihr Blick über die Menge , er suchte mich , fiel dann wieder auf das Mädchen , dann wieder auf mich . - Sie konnte einen großen entsetzlichen Kampf nicht verbergen . Doch fragte sie nach dem Namen des Mädchens , nach dem Vater , und ein grauer Krieger , der Graf P .... , trat hervor . Noch immer kniete das Mädchen , bis es endlich , von ihrer Hand aufgerichtet , zur Seite trat . Jetzt verstand ich ihren Blick . Das Mädchen schien , besonders in seiner idealisch-ländlichen Kleidung , ein überirdisches Wesen , das Bild der reinsten , vollendetsten Weiblichkeit ; doch wahrlich meinem Herzen blieb es fremd . Ich fühlte mich - leider möcht ' ich sagen - gezwungen , den Schein sogleich von der Wirklichkeit zu trennen . Die Unglückliche ! welche Qual sie selbst sich bereitet ! - Ach von Allem , was sie umgiebt , ist sie meinem Herzen immer noch das Nächste . Sie leidet und leidet durch mich . Das Fest dauerte bis tief in die Nacht . Einige lobten , Andere tadelten . Mir blieb alles wie in Nebel gehüllt . Nur die Gestalt der großen Leidenden wurde mir sichtbar , und verfolgte mich selbst noch im Traume . Ein Sieg war erkämpft , und ich mußte ihr diese Nachricht ohne Aufschub verkündigen . Ein schwerer Gang ! Für andere ein Triumphzug . Ich ahnete , mein ungewöhnliches Erscheinen werde ihre Erwartung aufs höchste spannen , und ich hatte nicht geirrt . Sie empfing mich mit strahlendem Auge , in jedem Blicke eine Frage . Schweigend überreichte ich ihr die Zusicherung ihrer vergrößerten Macht . Sie las ; aber das Papier entfiel ihren Händen . Wie plötzlich gelähmt sank sie zurück , und sichtbarer Unmuth war über ihr ganzes Wesen verbreitet . » Ist das Alles ? « - sagte sie endlich . Ich bekenne , daß diese Nachricht meine Erwartung weit übertrifft . Durch diesen Sieg ist beynahe ein halber Welttheil erobert . Und wenn ein ganzer Welttheil nun mein ist , bin ich dann reicher ? - Reicher an Macht , Segen über Tausende zu verbreiten . Diese Tausende sind dann gesegnet , und ich darbe unter diesen Tausenden . Mitten unter einem treuen , Sie bis zur Anbetung liebenden Volke ! Mitten unter diesem Volke . Das wird der Nachwelt unbegreiflich scheinen . Auch dir ? Auch dir ? Monarchin ! - sagt ' ich nach einigem Stillschweigen - darf ich um eine Gnade bitten ? Grausamer ! Ob du darfst ? - Sie umschließen Tausende mit Ihrer Liebe und Sorgfalt , haben Sinn für ihre Freuden und Leiden - muß ich der einzige Verwais ' te seyn unter diesen Tausenden ? Hat Iwanova keinen Sinn für meine Leiden ? Die Gnade ! die Gnade , die du erbittest ! Gerechtigkeit . Du ! du Gerechtigkeit ! von mir ! Falscher ! Wer ist der Ungerechte ? - Fordert Iwanova Gerechtigkeit ? Fordert sie das Mögliche ? - » Das Mögliche ! « - rief sie , und Todesblässe bedeckte ihre Wangen - » Barbar ! Also fordert Iwanova das Unmögliche ? - Geh ' ! du hast mich von der Hoffnung auf ewig geschieden . Komme nun wieder mit Siegesnachrichten meiner zu spotten ! Hüte dich ! « - und plötzlich brannten ihre Wangen - » Hüte dich ! die Hoffnungslosen sind gefährlich . « - So seyd denn nun auf Alles gefaßt ! Ich bin es und war es . Sie wird heftig , launisch , könnte grausam werden , wenn ich es duldete . Oft erstaune ich selbst über die Wahrheiten , die der Augenblick mir entreißt . Doch wie könnt ' ich anders , ohne den Lebensmuth gänzlich zu verlieren ? Auch scheint sie das zu begreifen ; freylich auf eine andere Weise , als ich wünsche . Noch ist ihr die Stimme der Nachwelt etwas werth ; aber an meiner Erhaltung liegt ihr mehr . Sonderbar ! und mir selbst kaum begreiflich : sie nennt sich hoffnungslos und ist es nicht . Ich liebe keine Andere ; darin , glaub ' ich , liegt Alles . Die Höflinge haben nicht umsonst gespürt . Unser Verhältniß ist entdeckt . Die mitleidigen Seelen wollen sich der großen Leidenden annehmen und den schönen R .... auf das schleunigste berufen . Sie zweifeln keinen Augenblick an meinem Falle und halten das beyspiellose Verbrechen , was sie mir doch jeder für sich von ganzem Herzen verzeihen , wenigstens der ewigen Verweisung würdig . Gebe ich meiner Sehnsucht nach Freyheit und Ruhe Gehör , so wünsche ich , es möge ihnen gelingen . Aber leider ist der schöne R .... nur sehr schön und Iwanova liebt ihren Ruhm und ihr Volk . Ich fürchte , meine Ketten werden jetzt nicht gelös ' t. Wunderbar ! bedeutet das Freude oder Schmerz ? - Ich bin im Besitze eines Schatzes , zu dem sich meine kühnsten Wünsche nicht erheben konnten , weil ich an seinem Daseyn verzweifelte . Die schönste , reinste , Seelenvollste Jungfrau ist mein . Ihr erstaunt . Ich erstaune , wie Ihr . Graf G .... kehrte aus neunjähriger Gefangenschaft zurück . Ich trug sein Schicksal an meinem Herzen und eilte ihm entgegen . Seine Schwester war vor einem Monate gestorben und hatte G ... s einzige Tochter verwais ' t zurückgelassen . Als fünfjähriges Kind war Maria aus seinen Armen gerissen . Jetzt sah er die schönste Jungfrau seine Knie umfassen , hörte sich Vater von ihr nennen . Es war zu viel . Er sank mit schmerzhaftem Lächeln zurück , und was wir auch thaten , ihn zur Freude zu stärken , er vermochte sie nicht mehr zu tragen . » Sieh , das ist mein Retter ! möcht ' er der Deinige werden ! « mit diesen Worten verschied er in unsern Armen , und Maria nannte mich Vater . Fast könnt ' ich es dem Alter nach seyn ; dem Herzen nach bin ich es schon . Ihres Vermögens bleibt sie beraubt . Immerhin ! das Meinige ist das Ihrige . G ... s Schwester lebte auf einem Guthe , zwey Meilen von der Hauptstadt . Das Guth ist an des Mannes Verwandte zurück gefallen ; von denen ich es aber sogleich gekauft habe . Der Ort , wo eine Jungfrau erblühte , scheint mir mit ihr ein heiliges Ganzes auszumachen . Mich dünkt , sie werde dort allenthalben von schützenden Göttern umschwebt , die sie nur trauernd , selbst dann , wann der Gatte sie raubt , dem Schicksal überlassen . Eine verständige Frau , altadlicher , aber dürftiger Familie , welche Mariens Erziehung seit acht Jahren leitete , wird die Führung des Hauswesens übernehmen und , wie sie es von jeher that , Mutterstelle bey Maria vertreten . Geheim kann das Alles nicht bleiben , und so muß ich Iwanova davon unterrichten . Aber wann ? Schon fühl ' ich die Wirkung des Reichthums , zittere schon vor dem Verluste meines Schatzes . - Doch warum zittern ? - Er ist und bleibt mein im höchsten Sinne des Wortes . Wer darf mir wehren , für die Bildung dieses herrlichen Mädchens Alles zu thun ? Ihr Wohl als das Meinige zu betrachten ? So lange sie selbst mir bleiben will , wer darf sie mir rauben ? Sanft mögt ' ich sie , durch alle Klippen der Jugend , in einen blumen- und fruchtreichen Lebensgarten führen . Dahin gelangt , wähle sie dann einen andern Führer , wofern sie einen sicheren findet . Vor Euch darf ich so denken . Ihr kennt und begreift mich ; aber sicher heiß ' ich Iwanoven ein Betrüger , den Höflingen ein Wahnsinniger . Es sey ! Was wär ' ich , wenn ich Ihnen jemals anders erschiene ? Ich bin im höchsten Grad unzufrieden mit mir selbst . Maria ist seit vier Wochen unter meinem Schutze , und Iwanova noch mit keinem Worte unterrichtet . Ohne Zweifel würden mir die Höflinge zuvorgeeilt seyn , läge ihnen nicht alles daran , Iwanovens Aufmerksamkeit ausschließend für den schönen R ... zu gewinnen . Auch gelingt es ihnen über Erwarten , so , daß sie sich des lauten Frohlockens kaum enthalten können . Möchten sie doch ihren Sieg allenthalben verkündigen ; wüßte Iwanova nur , was ich ihr , sicher zu meinem Nachtheile , so lange verschwieg . Will ich wahr bleiben , so muß ich gestehen , über den eigentlichen Grund dieses tadelhaften Stillschweigens nicht mit mir einig zu seyn . Bald war es Furcht Iwanovens Schmerz zu errneuern , bald die Angst Maria , die Schuldlose ! irgend einer Gefahr Preis zu geben , bald wähnt ' ich - freylich nur augenblickliche Täuschung - gänzliches Schweigen sey dennoch das sicherste . Welchen von allen diesen Gründen werde ich nun als den wahren angeben ? - Alle ! denn sie sind alle wahr ! Und so erwarte ich dann keine Gelegenheit mehr , sondern rede noch heute , wie es mir ziemt . Lebt wohl ! Mein Leben war nichts , als ein Kampf , und wird es bleiben . Noch hat sie nicht den Muth , mich warten zu lassen . Ich bekam schneller Gehör , als die Mienen der Höflinge versprachen , und eilte , Gebrauch davon zu machen . Treu und lebhaft schilderte ich ihr meine Verlegenheit , klagte über mein fehlerhaftes Betragen und gestand , es könne mir mit dem vollen Scheine des Rechts zur Last gelegt werden . » Sey ruhig ! « - unterbrach sie mich , mit erzwungenem Lächeln - » die Rechtfertigung wird dir erlassen . Du hast die Tochter eines Verwiesenen in Schutz genommen . Das arme Geschöpf wird seiner bedürfen , und dir aus Dankbarkeit eine treue Magd werden . « Es ist die Tochter des Grafen P .... Nun ja ! des verwiesenen Grafen P .... Der von allen Rechtschaffenen geliebt und verehrt , dennoch einer schändlichen Kabale unterliegen mußte . Er war unbesonnen und verscherzte die Gnade seines Monarchen . Ach , er wurde verkannt von seinem unglücklichen Monarchen ! Er war edel und wahr ! und so mußte er fallen . Du verschwendest dein Bedauern ! spare es für deine Untergebene . Monarchin ! dieses Wort soll mich schmerzen - doch fühl ' ich keinen Schmerz . Maria P .... ist Niemands Untergebene und kann es nicht werden , so wenig Iwanova es werden kann . Verschwunden war die künstliche Fassung . » Entferne dich ! « - rief sie glühend vor Zorn , und ich entfernte mich gern . Iwanova ' s Zorn schützt Maria vor dem gefährlichen Glücke , bey Hof erscheinen zu müssen , und befreyt mich von einer Menge ängstlicher Sorgen . Du schöne , zarte Blume ! blühe fort in Einsamkeit ! Möge kein Sturm dich bedrohn ! - Meine angelegentlichste Sorge wird es seyn , dir Licht und Freyheit zu erhalten . Das himmelreine Wesen ! Wie der bloße Anblick meine umdüsterte Seele erheitert ! Wie Vergangenheit und Zukunft vor mir schwindet ! Wie tiefer , seliger Frieden mich rings in ihrer Nähe umfängt ! Nur fern von Getümmel der Stadt , und ihrer verderbten Sitte , war es möglich , diesen heiligen Kindersinn zu bewahren . O Maria ! Maria ! wer ihn nur trübte ! Ich hatte gestern mit ihrer Pflegemutter eine lange Unterredung darüber . Sie wähnt , Maria trete nun in die Jahre , wo gewisse Anstandsregeln unvermeidlich wären . Das Entgegeneilen , mit ausgebreiteten Armen , sey doch von nun an nicht mehr schicklich . Man könne uns für Verlobte halten . Und wenn man uns dafür hielte ? Sie dürfen es wahrscheinlich nie werden . Weswegen ? Das fragt mich Fürst Alexander ? - Allerdings . Nun so bitte ich , daß er sich selbst darauf antworte . Das würde doch nur meine , nicht Ihre Antwort seyn . Liegt Ihnen an meiner Antwort ? Würde ich sonst darum bitten ? Wohlan denn ! Iwanova herrscht in diesem Reiche . So lang Fürst Alexander darin lebt , wird er sich nie vermählen dürfen . Ich bin ein freyer Mann und kann leben , wo ich will ! Ah das verändert die Sache ! Ich rechnete nicht auf einen so festen Entschluß . Konnten Sie einen andern erwarten ? O ja ! ich konnte glauben , Fürst Alexander wolle und dürfe Maria nur Vater seyn . In der That war das bis diesen Augenblick mein Wille ; aber es war mein freyer Wille . Ich hoffe sie jetzt davon überzeugt zu haben . Gebe der Himmel , meine Ueberzeugung möge hinlänglich seyn , Mariens Ruhe zu schützen . Was fürchten Sie ? Ist mir statt der Antwort eine ähnliche Frage erlaubt ? - Was fürchtete Fürst Alexander vor nicht gar langer Zeit ? denn daß er fürchtete , war sichtbar . Er fürchtete , den Schein irgend einer Schuld auf sich zu laden . Nicht die Schuld selbst ? Wo wäre hier Schuld ? Ich schweige . Und möchten Sie hinzusetzen : ich bin ruhig . Mutter meiner Maria ! seyn Sie es ! Vertrauen Sie einem Manne , der weiter nichts beschließt , als in jedem Verhältnisse ein Mann zu seyn und zu bleiben . Ist das so außerordentlich ? Bey Fürst Alexander ist weder das Große , noch das Schöne außerordentlich . Ich danke Ihnen für die Schmeicheley ! möge sie Wahrheit werden . Nur wenn Sie mich Ihres Vertrauens würdig glauben ; versagen Sie mir nicht meine Bitte ! Lassen Sie uns Mariens Unbefangenheit als heilig betrachten ! Sie ist es . Auch würden wir ihr das Unersetzliche rauben . - Ich könnte Sie zu rühren versuchen , könnte Sie beschweren , mir nach einem arbeitsvollen Tage , dieses Labsal nicht zu versagen . Aber Sie fühlen wohl , daß ich das nicht