Pichler , Karoline Agathocles www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karoline Pichler Agathokles 1. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im December 300 . Welcher Einfall von Sulpicien , in diesen Tagen auf ' s Land zu gehen , und den Zeitpunkt , worin die Hauptstadt der Welt in ihrem glänzendsten Lichte erscheint , auf einer einsamen Villa am Ufer der See zuzubringen , die in dieser Jahreszeit von Stürmen gepeitscht und mit Nebeln bedeckt ist ! Was , um aller Götter willen , kann sie dort halten ? Wie ist es möglich , allen Freuden und Herrlichkeiten der Saturnalien1 zu entsagen , um in der abgeschiedensten Einsamkeit sich selbst zu leben ? Sich selbst ! nicht doch . Wer das nicht besser wüßte ! Laß immerhin die Welt ist jene Ausrufungen ausbrechen , und vergebens rathen , was dich jetzt in jene Stille lockt : sie soll und darf die heimlichen Reize nicht kennen , die deine Verborgenheit verschönern . Das ist recht und in der Ordnung . Aber daß du auch mir ein Geheimniß daraus machen willst , das kann ich dir nicht verzeihen . Ich darf ja nur Einen Namen nennen , um dein Gesicht mit dem schönsten Purpur zu überziehen , und dich , falls du den Brief in Gegenwart einer gewissen Person liefest , noch reizender zu machen ! Aber da würde dir ja ein Dienst damit geschehen , und das will ich in diesem Augenblicke nicht . Es sey dir genug , zu wissen , daß ich von Allem unterrichtet bin , und deine Zurückhaltung dir nichts nützt . Wahrlich , du machst deine Sachen schlau und gut ! Unter dem Verwande der Sorgfalt für deine Landwirthschaft erhältst du von deinem Manne die Erlaubniß , und einen großen Dank obendrein , jetzt auf deine Villa zu gehen , um den nachlässigen Verwalter zu überraschen , und - während der gute Ehemann in Rom die Emsigkeit seiner Frau nicht genug rühmen kann , hat sie sich nur Gelegenheit verschafft , ihren Liebling ganz ungestört und nach Gefallen zu sehen . Doch Scherz bei Seite , liebe Freundin ! Die Sache hat eine viel zu ernste Seite , als daß ich länger in jenem Tone fortfahren könnte . Wie war es dir möglich , diesen Schritt zu wagen , und die Augen ganz vor den Folgen , die er wahrscheinlich haben wird , zu verschließen ? Tiridates ist liebenswürdig , tapfer , edel , seine königliche Abkunft , sein und seiner Familie Unglück macht ihn anziehend , und ich begreife wohl , daß er einem feinfühlenden gebildeten Weibe , besonders einem , das leider in seinem Hause nichts solches aufzuweisen hat , gefährlich werden kann ; ich begreife , daß du ihn liebst : und daß er dich , die schöne geistreiche Frau , dafür anbetet , ist nicht mehr als seine Schuldigkeit . Aber muß man darum so halsbrechende Dinge wagen ? Du konntest ja den armenischen Prinzen täglich in deinem Hause sehen . Dein Mann , ich weiß es , schätzt sich ' s zur Ehre , den Liebling des Cäsar Galerius2 seinen Freund nennen zu können . Er prahlt damit , er gibt sich das Ansehen , die Absichten des Prinzen durch sich und seine Freunde an den Höfen von Mailand und Nikomedien zu unterstützen , und wenn einst Tiridates den Thron seiner Väter besteigt - gib Acht - dein Serranus läßt dann nicht undeutlich merken , daß ohne ihn das Alles wohl nicht geschehen wäre . Was trieb dich denn also fort ? Was bewog dich , jetzt nach Bajä zu gehen , wo dein Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen muß , als in Rom , und deine häusliche Ruhe , deinen Ruf vor der Welt auf ' s Spiel zu setzen ? Wenn dein Mann , der , wie alle eitle Menschen , eifersüchtig ist , erfährt , was auf seiner Villa vorgeht , ( und wie leicht ist das nicht , da deine Leute darum wissen müssen ? ) wird er nicht toben , rasen und ein Aufsehen machen , das dich dem boshaftesten Gelächter der Stadt Preis geben , dir die Herrschaft über ihn , die allein deine häusliche Ruhe sichert , entreißen , und dir den Aufenthalt bei ihm vollends unerträglich machen wird ? Willst du dich dann von ihm trennen ? Wird das dein Vater zugeben , der in die Verbindung mit der Anicischen Familie seinen Stolz setzt ? Und was steht dir dann für ein Leben bevor ? Es ist wahr , du kannst in Nom deinen Tiridates weder so oft noch so ungestört sehen , als dein Herz wünschen mag . Dein Mann , die Freunde deines Mannes , deine Verwandten , die dich besuchen , sind öfters zugegen . Das ist aber auch das Einzige , was du zu ertragen hast , und - aufrichtig gesprochen - liegt nicht selbst in dieser Störung , in diesen Entbehrungen ganz eigentlich die Würze der Liebe , die wohl ohne sie gewiß nicht halb so warm und reizend seyn würde ? Du nennst mich immer die Leichtsinnige , die Epikuräerin ; aber du kennst entweder die Lehren dieses Weisen nicht in ihrem ganzen Umfange , oder du schließest die Augen absichtlich vor ihrem Werth . Kluges Maaß , sparsamer Genuß der Freude , Kraft zur Entbehrung des Liebsten , wenn es die Vernunft fordert , das ist es , was man in seiner Schule lernt , die bei weitem nicht so leicht , so locker ist , als du glaubst . Ich an deinem Platze , zum Beispiel , würde nicht nach Bajä3 gegangen seyn , ich würde mir den Genuß der Freuden , die mich dort erwarteten , aus Grundsätzen versagt haben , und meinen Geliebten lieber seltner , und mit minderer Freiheit sehen , um ihn immer sehen zu können ; den großen Vortheil abgerechnet , daß unsre gegenseitige Liebe dann viel länger neu und anziehend geblieben , und mit dem großen Reize der Heimlichkeit gewürzt gewesen wäre . Du siehst , meine Sulpicia , daß ich besonnener und klüger bin , als du glaubst , und jener Leichtsinn , jene Kälte , die du mir so oft vorwirfst , ist nichts als Ausübung wohl überdachter Grundsätze . Sogar die Lehren der strengen Stoa , die du einst so warm behauptet , und jetzt so arg verlassen hast , verwerfe ich nicht . Ich erkenne z.B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes , daß man alle Güter der Erde an einen solchen Ort stellen soll , woher sie das Schicksal nehmen kann , ohne das Gebäude unserer Ruhe zu erschüttern4 . An diesen Platz nun würde ich , wenn ich je liebte ( und das könnte sich denn wohl ereignen ) , auch meinen Geliebten stellen ; denn der gehört ja , wie dein Beispiel mich lehrt , ganz vorzüglich zu den edelsten Gütern des Lebens . Doch was helfen alle diese Vorstellungen ! Was hälfe die Beredtsamkeit eines Cicero , gegen die Macht einer Leidenschaft , deren zerstörende Wirkungen ich mit Bedauern an meinen Freunden erfahre , und vor denen mich die gütigen Götter bewahren mögen ! Ohne also nur im Geringsten zu hoffen , daß mein Brief dich bekehren werde , will ich blos hiemit die Pflicht der Freundschaft erfüllt und dich gewarnt haben , zugleich aber dich versichern , daß , was auch der Ausgang der Begebenheiten seyn möge , mein Herz , meine Liebe zu dir unverändert bleiben wird , und daß ich meinen Stolz darein setzen werde , wenn - was die Götter verhüten - die Sache schlimm abläuft , dich nie zu verlassen , und aus allen meinen Kräften dein böses Schicksal entweder abzuwehren , oder redlich mit dir zu tragen . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Die Saturnalien waren eines der glänzendsten und allgemeinsten Feste in Rom , beinahe das , was jetzt der Carneval ist , und wurden im December gefeiert . Zum Andenken des goldenen Zeitalters , unter Saturns Herrschaft , schien Alles während jener Tage in den Zustand ursprünglicher Gleichheit zurückzutreten ; die Sclaven aßen mit ihren Gebietern , und aller Unterschied der Stände hörte auf . 2 Zu der Zeit , in welcher dieser Roman spielt , hatte Rom bereits aufgehört , der Sitz der römischen Kaiser zu seyn . Diocletian , der sich aus dem Sclavenstande zur Würde eines der vornehmst n Offiziers , zum Befehlshaber der k. Leibwache , und nach dem Tode des Kaisers Numerius auf den Thron desselben geschwungen hatte , hatte sich in seinem ehemaligen Waffengenossen und Landsmann Maximian einen Gefährten der Regierung erwählt , und das römische Reich so zwischen ihm und sich getheilt , daß Maximian die Abendländer von Mailand aus , wo er residirte , Diocletian hingegen den östlichen Theil des Reichs in Nikomedien , wohin er seinen Sitz verlegte , beherrschte . Bald darauf fand er nöthig , noch zwei Mitregenten zu erwählen . Maximian gesellte sich den Constantius Chlorus als Cäsar zu , und Diocletian nahm den Galerius in dieser Würde zu sich . Beide Cäsaren standen zu ihren Augusten in dem Verhältniß von Söhnen zu ihren Vätern , auch mußten beide sich von ihren vorigen Gemahlinnen trennen . Maximian gab dem Constantius seine Tochter zur Ehe , und Diocletian vermählte dem Galerius die seinige , Valeria . Diese vier Beherrscher theilten sich in den weiten Umfang des römischen Reichs . Constantius besaß Gallien , Spanien , Brittannien ; Galerius die Ufer der Donau und die illyrischen Provinzen ; Maximian Italien und einen Theil von Afrika ; Diocletian selbst , Aegypten , Thrazien , und die asiatischen Provinzen . Jeder dieser vier Monarchen war unumschränkt in seinem Bezirke , aber ihr vereinigtes Ansehen erstreckte sich über die ganze Monarchie . Man sehe Gibbons Geschichte des Verfalls des römischen Reichs , 2ter Theil , woraus überhaupt fast alle geschichtlichen Notizen und Züge in diesem Buche genommen sind . 3 In Bajä , einer der reizendsten Gegenden von Italien , auf dem Wege zwischen Rom und Neapel , hatten die meisten römischen Großen ihre Landhäuser , die sie Villa nannten . 4 Seneca de consolatione . 2. Sulpicia an Calpurnien . Bajä , im December 300 . Du liebst nicht , Calpurnia , du wirst nie lieben . - In diesen Worten liegt der Aufschluß zu deinem ganzen Betragen , und zugleich die Antwort auf Alles , was mir deine Freundschaft , die ich mit innigstem Danke erkenne , so wohlmeinend , so vernünftig vorstellt . Glaube nicht , meine geliebte Jugendgespielin , meine warme treue Freundin , daß ich den Werth deiner Grundsätze mißkenne , oder deinem schönen Gemüth auch nur um einen Grad weniger Wärme und Eifer für ' s Gute zutraue . Du hast Recht - vollkommen - unbestreitbar ; aber ich , meine Freundin , obwohl ich das Widerspiel von dir scheine , ich habe auch nicht Unrecht . Und warum ? Wir sehen Beide uns selbst , die Welt um uns , und unsere Verhältnisse zu ihr aus einem andern Gesichtspunkte an ; wir handeln nach den Regeln , die dieser uns an die Hand gibt ; kurz - wir thun Beide , nicht was wir wollen , sondern was wir eben nicht lassen können . Last uns doch , liebe Calpurnia , den eiteln Stolz auf Grundsätze und Systeme aufgeben , in welchen wir ohne Verdienst , blos dem Antriebe der Natur folgen ! Wir sind nichts , als was die Umstände aus uns machen wollen . Dich haben sie mit einem leichten Blute , mit vielem Verstande , und einer so glücklichen Proportion deiner Leibes- und Seelenkräfte ausgestattet , daß das Gleichgewicht unter ihnen selten gestört , und gestört , leicht wieder hergestellt wird . Zudem hat dich das Glück in einer großen reichen Familie geboren werden lassen . Die Pisonen bedürfen keiner fremden Unterstützung . Dein Vater hat außer zwei hoffnungsvollen Söhnen - dem Stolz , und den Stützen seines edeln Hauses - nur dich , das Ebenbild einer geliebten längst entschlafenen Gattin . In dir lebt ihm seine Sempronia wieder auf , in dir liebt er Tochter und Weib zugleich , dich wird er nie zu einem Eheband zwingen , das dein Herz verwirft , und ob er gleich wünscht , durch dich einen dritten Sohn zu erhalten , drängt er dich doch nie zu diesem Schritt , und wendet nicht einmal die Waffen der Ueberredung gegen dich an . Du bist also von Natur und Glück zur Epikuräerin bestimmt , ja du bist die geborne Schülerin dieses Weisen . Mich leitete ein düsteres Temperament , das Unglück eines herabgekommenen Hauses , der Kummer einer geliebten Mutter , die ihr häusliches Leiden standhaft trug , der harte Zwang , unter welchem mein Vater nach alt römischer Sitte das ganze Haus hielt , zu einer ernsteren Schule . Ich glaubte in den Lehren der Stoa die Kraft zu finden , die mich mein Loos ertragen machen sollte . Ich suchte meinen Stolz darin , den Göttern das Schauspiel eines starken , mit seinem feindlichen Schicksal ringenden Gemüthes zu geben1 , und so folgte ich mit keinem besondern Widerwillen dem Befehle meines Vaters , als er , ohne mich zu fragen , laus Rücksichten für seine übrigen Kinder , meine Hand einem Sohne des Anicischen Hauses verhieß . Serranus Anicius wurde mein Gemahl , und ich glaube , ich hatte ihn vorher kaum dreimal , und nie anders als in Gegenwart unserer Verwandten gesehen . Ich fühlte keine besondere Abneigung gegen ihn , aber eine große Neigung , meine Pflichten auf ' s strengste zu erfüllen . Die Matronen des alten Roms , jene würdigen großen Gestalten der Vorwelt , waren meine Vorbilder : ihnen suchte ich zu gleichen . Wie sie , lebte ich nun in meinem Gynecäum2 , versammelte meine Sclavinnen um mich , arbeitete mit ihnen , und ich kann mit Wahrheit behaupten , daß in den drei Jahren unserer Ehe mein Mann und ich kein anderes Gewand trugen , als was durch meine Hände , oder unter meiner Aufsicht gesponnen , gewoben , genäht oder gestickt wurde . Die volle Zufriedenheit meines Vaters , die unbegränzte Achtung des Serranus war der Lohn meiner Anstrengungen . Die Eitelkeit , seine einzige Leidenschaft , war durch den Gedanken geschmeichelt , eine Frau von ächt römischer Sitte zu besitzen , die sich vor den Meisten ihrer Zeitgenossinnen auszeichnete . Ich war zufrieden - aber bei weitem nicht glücklich . Da kam Tiridates in unser Haus . Laß mich von dem Eindrucke schweigen , den seine Gestalt , sein Schicksal auf mich gemacht haben . Du weißt es ohne dies , du warst größtentheils Zeugin jener Begebenheiten . Nur das laß mich sagen , daß seit jenem Augenblicke mein ganzes Wesen verändert und umgestaltet war . Laß mich das Gleichniß brauchen , das meine Empfindungen am besten erklärt . In mir war es , wie in einer düstern Nachtgegend , wenn auf einmal Aurora die Pforten des Tages öffnet , und Licht und Wärme durch die kalte Dunkelheit sich ergießt . In mir ward es Licht . Ich wußte , was ich wollte , was mir so lange gefehlt hatte , wozu ich eigentlich auf der Welt war . Diese Leidenschaft hat das Räthsel meines bis dahin zwecklosen Daseyns gelöset - und was hindert mich , mit frommem Glauben der Meinung des göttlichen Plato beizupflichten , und überzeugt zu seyn , daß ich jetzt die zweite Hälfte meines Ichs gefunden habe ? Was thut ' s zur Sache , daß Tiridates an den Ufern des Arares und ich in Rom geboren wurde ? Die Seelen , die sich vor ihrer Herabkunft auf die Erde kannten und liebten , haben sich wieder gefunden , und nichts als der Tod kann sie scheiden . In diesem festen - Glauben ? - nein , in dieser unumstößlichen Ueberzeugung wird und kann mich nichts irre machen , und nichts bewegen , auch nur um einen Grad kälter , oder besonnener , wie du es nennst , zu handeln . Tiridates oder den Tod ! Es gibt kein Glück , kein Leben , keine Tugend ohne ihn . Mag die Welt sagen , was sie will - mag Serranus durch Argwohn oder Verrath mein Geheimniß entdecken , mag er und mein Vater dann über mich verhängen , was sie wollen - es gilt mir gleich . Achtet der Taucher , der sich in ' s Meer stürzt , um eine köstliche Perle zu holen , achtet er der Wogen , die über ihn zusammenschlagen ? Muß er sie nicht über sich ergehen lassen , wenn er seinen Zweck erreichen will ? Und dann endlich - was kann Serranus von mir fordern , das ich nicht bereit wäre , ihm immer fort so zu leisten , wie bisher ? Sein Hauswesen will ich fortan mit pünktlicher Treue besorgen , seine Sclaven und Sclavinnen zur Arbeit anhalten , auf die Wirthschaft , auf seinen Nutzen sehen , wo und wie ich ' s vermag . Mehr fordert er nicht - mehr bedarf er nicht . Liebe hat er nie verlangt - ich nie gegeben - ihm nie geben können . Sein Herz hat keine Bedürfnisse . Worin wäre er also verkürzt ? Ich verletze keine Pflicht gegen ihn , und bin sicher , nie eine zu verletzen ; denn dafür , daß mein Umgang mit Tiridates in den Schranken der Tugend bleiben soll - bürgt mir meine Denkart . Uebrigens glaube nicht , daß ich so tief herabsinken würde , ihn zu betrügen . Die Reise nach Bajä war weder mein Vorwand , noch mein Plan . Sie war sein Wunsch - er ersuchte mich darum , weil die Anwesenheit eines von uns jetzt schlechterdings auf der Villa nothwendig war , und er sich nicht entschließen konnte , Rom während der Saturnalien zu verlassen . Er schickt mich - ich gehe gern - denn Tiridates hält sich seiner Geschäfte wegen in Puteoli auf . Ich mache mir kein Verdienst aus dieser Reise , ich will nicht , daß Serranus sie dafür ansehe - es bleibt Alles klar und würdig zwischen ihm und mir . Doch genug von mir . Jetzt auch ein Weilchen von dir , meine Freundin . Wir haben noch eine kleine Rechnung mit einander abzuthun . Ist es wohl recht von dir , während ich , die Aeltere von uns Beiden , die Matrone , dir , dem Mädchen , meine Geheimnisse aufdecke , so verschlossen gegen mich zu seyn ? Woher weißt du meine Zusammenkünfte mit Tiridates ? Woher kömmt dir diese Allwissenheit ? Soll ich glauben , du könntest wie eine thessalische Zauberin das Verborgene errathen ? O halte mich nicht für leichtgläubig , weil ich so offenherzig bin . Soll auch ich dir einen Namen nennen , um dein Gesicht mit Purpur zu überziehen ? Agathokles ? - Nicht ? Er , der Freund des armenischen Prinzen , der Sohn des Hegesippus , der Gastfreund deines Hauses , ist jetzt in Rom , täglich in eurem Hause , ja ich glaube , er wohnt bei euch . Er ist edel , verständig , und ein düster glühender Schwärmer für Alles , was ihm Größe und Tugend scheint . Wie könnte es anders seyn , als daß die schöne blühende Römerin , mit allen Vorzügen , die Natur und Fleiß einem weiblichen Wesen geben können , geschmückt , den Beifall des feinen Kenners alles Schönen und Guten erhalten mußte , daß der liebenswürdige Sonderling zuerst Achtung , und dann vielleicht auch eine wärmere Empfindung für diese seltne Erscheinung fühlte . Erröthe nicht , Calpurnia ! Agathokles ist deiner würdig . Wenn ich wieder in Rom seyn werde , werde ich dir viel Schönes und Schätzbares von ihm erzählen , das ich durch Tiridates von ihm erfuhr , das aber für einen Brief viel zu lang wäre . Leb ' wohl , liebe Calpurnia , und zürne mir nicht , daß ich nicht wollen kann , weise und besonnen seyn . Bald hoffe ich bei dir in Rom zu seyn , denn ich denke mit meinen Geschäften hier nicht sehr lange zu thun zu haben . Ich habe die Villa in einem sehr zerrütteten Zustande angetroffen - wie es denn bei der gänzlichen Abwesenheit der Gebieter , wo Alles dem Gesinde überlassen wurde , nicht anders zu vermuthen war . Indessen habe ich mancherlei Anstalten und Einrichtungen getroffen , mit denen Serranus , wie ich glaube , zufrieden seyn wird , und die künftigen Unordnungen vorbeugen sollen . Sobald Alles in gehörigem Gange ist , eile ich in deine Arme . Fußnoten 1 Seneca de Providentia . 2 So hieß der Ort des Hauses , in welchem die Frauen abgesondert wohnten . 3. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im Jänner 301 . Bald hätte mich dein Brief böse gemacht , wenn ich dir überhaupt jemals zürnen könnte , und wenn mich nicht die feinen Schmeicheleien am Ende wieder besänftiget hätten . Von dir sage ich also nichts mehr . Du scheinst es nicht zu wollen - und kannst auch jetzt nicht hören . Dir darzuthun , daß die Leidenschaft , die dich beherrscht , deine gesunde Vernunft gefangen halt , und dich Alles durch das gefärbte Glas ihrer Eingebungen ansehen läßt , würde eben so vergeblich seyn , als wenn ich mich jetzt an ' s Ufer des Meeres hinstellte , um den Fischen den Homer vorzulesen . Alles , was ich hinzufügen will , ist der fromme und gewiß herzliche Wunsch , daß die Bezauberung , in der ich dich zu meiner Betrübniß sehe , eher aufhören möge , als es für deine Ruhe zu spät ist . Nun also von mir und unserm Gastfreunde . Wie kannst du glauben , daß ich dir etwas verschweigen wollte ? Gewiß , der Gedanke kam nicht in meine Seele . Ich schrieb dir nicht von ihm , weil - weil ich nicht an ihn dachte , weil deine Angelegenheit mich zu sehr beschäftigte , um andern Gedanken Raum zu lassen . Du nennst ihn einen Sonderling , darin hast du vollkommen Recht - aber auch einen liebenswürdigen ? O da fehlt noch viel ! Erstlich ist seine Gestalt , obwohl edel und bedeutend , doch nichts weniger als schön . Zweitens ist seine Art , sich zu kleiden , viel zu einfach , ja beinahe nachlässig , und er wird nie zwischen allen den schöngelockten , geschmückten , von Salben duftenden Jünglingen , die uns umschwärmen , einen vortheilhaften Eindruck machen . Drittens ist mir seine Tugend und Philosophie zu rauh , zu düster . Er kömmt auch mit Niemand besser aus , als mit deinem Vater . Ich wünschte , du wärst einmal gegenwärtig , wenn diese zwei glühenden Republikaner , diese geschwornen Feinde der Tyrannei , mit einander eifrig reden . Der Contrast der Wirklichkeit mit ihren Ideen erhitzt ihre Einbildungskraft noch mehr , sie ergießen sich in bittern Tadel der jetzigen Zeit und Sitte , und erheben die Vergangenheits mit den ungemessensten Lobsprüchen . Dann bekömmt die Haltung unsers Gastfreundes etwas so hohes , edeltrotztges , sein dunkles Aug ' sprüht Funken , sein sonst bleiches Gesicht überzieht eine so feine Röthe , und um seinen Mund , der überhaupt nicht unangenehm ist , bildet sich ein so lieblicher Zug , daß man in solchen Augenblicken versucht wäre , den begeisterten Redner für hübsch , und das , was er sagt , für nicht ganz so abenteuerlich und überspannt zu halten , als sonst . Aber das sind nur Augenblicke , und so , wie er schweigt , und man Zeit hat , über seine Behauptungen nachzudenken , sieht man ihre Unstatthaftigkeit ein . Ich weiß übrigens wenig - beinahe nichts von ihm ; denn mit mir spricht er nicht viel . Ich stehe viel zu tief unter den hohen Idealen der Lucretien , Portien u.s.w. , die seinem Geiste vorschweben . Schon der erste Eindruck , den ich auf ihn machte , muß höchst ungünstig für mich gewesen seyn . Mein Vater führte ihn zu mir , als ich eben - ich muß gestehen - ziemlich nachlässig gekleidet , und ein milesisches Mährchen1 in der Hand , auf meinem Ruhebette lag . Welch ein Abstand von jenen Matronen ! Welche Versündigung an seinen Grundsätzen ! Wie könnte ein so leichtfertiges Ding vor so strengen Augen Gnade finden ! Du wirst dein Glück bei ihm machen - und ich - werde dich sicher nicht beneiden . Eins habe ich an ihm bemerkt , und es sollte mir leid thun , wenn ich richtig gesehen hätte ; denn bei allen seinen Sonderbarkeiten halte ich ihn für einen achtungswürdigen Mann . Er scheint einen geheimen Kummer zu haben . Diese trübe Ansicht des Lebens , diese strenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der Jugend ist bei einem geistvollen , im Schooße des Glückes gebornen jungen Manne sonst nicht zu erklären . Auch bestätigen manche seiner Aeußerungen diese Vermuthung . Wenn sie gegründet wäre - wie gesagt - es würde mir sehr leid thun . Erkundige dich doch darüber bei Tiridates , und schreibe mir noch , ehe du Bajä verlässest . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Milesische Mährchen hießen die kleineren Erzählungen und Romane jener Zeiten , deren Gegenstand die Liebe , und nicht immer die platonische war . 4. Agathokles an Phocion . Rom , im Jänner 301 . Ich bin in Rom . Daß ich dir seit meinem Aufenthalte von vierzehn Tagen noch nicht geschrieben , mag die Neuheit der Dinge , die mich umgibt , und ihre Einwirkung auf mich entschuldigen . Daß ich aber hier jene Heiterkeit und Fröhlichkeit nicht gefunden habe , und nicht finden werde , die man sich in Nikomedien für mich versprach - das fühle ich . Auch ist Rom vielleicht unter allen Orten der Welt gerade derjenige , wo ich am wenigsten genesen werde . - Bin ich denn aber krank ? Man bildet es sich ein , weil ich nicht leben kann , wie die Uebrigen um mich herum . Ihre Verkehrtheit macht mich seltsam - ihre Thorheiten mich streng und unverträglich erscheinen . Nicht , daß ich das Ungeheure , das Unmögliche fordere ; aber daß Wahrheit und Tugend , Zucht und Sitte ihnen unmöglich scheint , das ist der eigentliche Grund unseres Streites . Das Jahrhundert ist krank , nicht der , der kühn genug ist , mit voller Kenntniß der bessern Vergangenheit es so zu nennen . Wie soll ich es unter diesen Menschen aushalten ! Mit der Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Land will ich dich , aus Achtung für deine Zeit , verschonen . Dir genügt zu wissen , daß ich gesund und mit recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam . Der Genuß der unbeschränkten Natur , die Unendlichkeit des Meeres , die Freiheit meiner Muße hatte mich froh und für jeden guten Eindruck empfänglich gestimmt . Dir , dem Lehrer meiner Jugend , dem keine meiner Empfindungen fremd ist , darf ich gestehen , daß ein seltsames Gefühl mich ergriff , als unser Schiff in die Mündung der Tiber einlief , und nun bald der Schauplatz jener großen würdigen Scenen , die mein Gemüth von Kindheit an ergriffen hatten , vor mir erscheinen sollte . Es glühte in mir , meine Brust schlug stärker . So kam ich in Rom an . Von der Höhe des Kapitols schienen die Manen der großen Vorfahren herabzuschweben . Rund umher war heiliger Boden . Ueberall Erinnerung , - Würde , - Hoheit . Durch die menschenvollen Straßen führte mich mein Wegweiser in das Haus unsers Gastfreundes Lucius Piso . An manchem Denkmal ehrwürdiger Vergangenheit , an manchem Weiser auf einen hellen Punkt der Geschichte , ging ich mit hochschlagendem Herzen vorüber , mit dem festen Vorsatz , sie alle nächstens zu besuchen . Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven . Man führte mich in ' s Atrium1 . Die Bildsäulen des Pisonischen Hauses , viel merkwürdige Gestalten , dem Geschichtskundigen wohlbekannt , standen hier . Ihre erhebende Gegenwart hatte die Länge der Zeit getäuscht . Ich sah erst am Sonnenzeiger im Hofraume , daß man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen . Jetzt erschien ein zierlicher Sclave , der vorzüglich schön griechisch sprach - und führte mich durch viele kostbar geschmückte Gemächer , voll Vasen , Gemälden , Bildsäulen - zum Lucius Piso . Er ist ein würdiger Mann - an der Gränze des Greisenalters , kräftig , verständig , edel - weit edler aber ohne den Prunk , der ihn umgibt , und seinen innern Werth verhüllend mindert . Der Vater gefiel mir - minder die Söhne . Es sind Jünglinge , nicht ganz so von allen Vorzügen entblößt , wie die übrigen , die ich hier und zu Hause kennen gelernt habe ; aber die Farbe des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgetheilt , um sie wahrhaft achtungswerth zu lassen . Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter vor . Bei den Göttern , ein reizendes Geschöpf ! Das Gerücht hatte mich bereits auf sie aufmerksam gemacht - ich fand dennoch in jedem Sinne mehr , als ich erwartet hatte . So viel Schönheit , so viel unaussprechliche Anmuth des Körpers und Umgangs , und so viel Leichtsinn und Verkehrtheit der Gesinnungen ! Die Tochter eines der ersten römischen Häuser - die Abkömmlingin so edler Matronen , im Anzug und den Umgebungen einer griechischen Hetäre2 , und dennoch in Reden und Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit ! Besser als alle übrigen Menschen , die ich in