Unger , Friederike Helene Bekenntnisse einer schönen Seele www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friederike Helene Unger Bekenntnisse einer schönen Seele Von ihr selbst geschrieben An Cäsar Die Lage , worin ich mich gegenwärtig befinde , ist recht eigentlich dazu gemacht , meiner Phantasie einen ganz neuen Schwung zu geben . Abgeschnitten von Ihrem interessanten Umgang , mein angenehmer Freund , und auf mehrere Wochen getrennt von meiner theuren Eugenie , bin ich , mehr als jemals , auf mich selbst zurück geworfen . Die süße Gewohnheit , mich Ihnen oder meiner Freundin mitzutheilen , würde für mich zur Folter werden , böte mir die Schriftsprache keinen Ausweg dar . Wenn ich mich lieber an Sie , als an meine Freundin , wende , so geschieht dies , weil ich aufs bestimmteste weiß , daß Sie nur allzu oft gewünscht haben , die Geschichte meiner Entwickelung vollständig zu vernehmen . Wie vollendet Ihre Diskretion auch seyn mag , mein angenehmer Freund , dieser Wunsch mußte in Ihnen entstehen , so oft Sie sich die Frage vorlegten : Woher es doch kommen möge , daß Ihre Mirabella , trotz ihrem Alter und ihrer Jungfrauschaft , noch immer ihren Platz in der Gesellschaft behauptet , und sogar ein Gegenstand der Zuneigung und Achtung bleibt ? Gestehen Sie nur , daß Sie sich einige Mühe gegeben haben , dies Räthsel zu lösen , wäre es auch nur geschehen , um begreiflich zu finden , wie ich , zwischen einem Philosophen Ihres Schlages und einer so gebildeten Frau , als unsere gemeinschaftliche Freundin ist , in der Mitte stehend , ein Band abgeben kann , das man als nothwendig empfindet , und immer ein wenig ungern zerreissen sehen wird . Ich müßte Sie aber sehr wenig kennen , wenn ich nicht vorher wissen sollte , daß die Hauptfrage , welche Sie sich in Hinsicht meiner vorgelegt haben , ohne sie jemals vollständig beantworten zu können , immer die gewesen ist : Wie ich mit den körperlichen und geistigen Eigenschaften , in deren Besitz ich gewesen und allenfalls auch noch bin , eine Jungfrau habe bleiben können ? In Wahrheit , dies ist das Hauptproblem , das gelöset werden muß , wenn man mich in meiner Individualität begreifen will . Nun , mein angenehmer Freund , jegliche Frage , die Sie sich , während unserer zehnjährigen Bekanntschaft , in Beziehung auf mich vorgelegt haben mögen , soll Ihnen durch die nachfolgende Erzählung beantwortet werden . Ich will den Zufall , der mir die Feder in die Hand gegeben hat , recht eifrig benutzen , Sie mir für immer zu verbinden . Erst nach drei Wochen kann Eugenie zurückkehren . Bis dahin gehöre ich Ihnen , so viel ich die mit dem Schreiben unauflöslich verbundene Arbeit ertragen kann . Mein Wille ist der beste von der Welt ; auch an Heiterkeit und Laune gebricht es mir nicht ; denn der lange Winter , den wir seit einigen Wochen überstanden haben , macht einem so angenehmen Frühlinge Platz , daß das Gefühl des inneren Lebens mit verdoppelter Stärke zurückkehrt . Erwarten Sie aber in meiner Erzählung keine Abentheuer ; ich habe nie zu denjenigen gehört , denen dergleichen begegnen können . Was in meiner Geschichte Außerordentliches ist , bleibt noch immer in der Regel , wenn man die Eigenthümlichkeit der Personen ins Auge faßt , welche einen so wesentlichen Einfluß auf meine Entwickelung hatten . Im Übrigen wissen Sie , mein angenehmer Freund , daß es wenig Menschen giebt , die mit ihrem Geschick zufriedener sind , als ich . Die Natur wollte nun einmal , daß in der Reihe der Wesen auch ein solches Geschöpf existiren sollte , wie ich bin . Eben so weit davon entfernt , mich als Muster darstellen zu wollen , als ich entfernt bin , meine eigene Anklägerin zu werden , will ich mich also nur in meiner Eigenthümlichkeit schildern . Ob diese gut sey , oder nicht , darüber mögen Andere entscheiden . Ich selbst bin , wenn ich die Wahrheit gestehen darf , dahin gelangt , daß mich nichts so sehr in Verlegenheit setzt , als die Frage : Ob dies oder jenes gut sey ? und nehme , sowohl für mich selbst als für Andere , meine Zuflucht sehr gern zu dem Grundsatz : What ever is , is right . Auch Sie , mein angenehmer Freund , werden mich so nehmen ; und unter dieser Voraussetzung will ich Ihnen alles bekennen , was nur von einigem Interesse für Sie seyn kann . Erstes Buch Wer meine Eltern gewesen sind , vermag ich nicht zu sagen ; denn ich habe sie nie kennen gelernt . In einer gewissen Periode meines Lebens lag mir sehr viel daran , hinter das Geheimniß meiner Geburt zu kommen ; allein so viel Mühe ich mir auch zu diesem Endzweck gegeben habe , so hab ' ich mit aller angewandten Sorgfalt doch nur zu der Vermuthung aufsteigen können : Meine Existenz sey die Wirkung eines Mißbündnisses , welches entweder durch meine Geburt , oder bald nach derselben aufgehoben wurde . Meine Erinnerungen reichen bis zu meinem sechsten Lebensjahre herab . - Wo ich auch vorher existirt haben mag , in diesem Alter brachte man mich , nach einer Reise , welche wenigstens drei Tage dauerte , in die Wohnung eines französischen Geistlichen , der mit seiner Schwester auf dem Lande lebte . Ich wunderte mich darüber , daß man mich auch hier Mirabella nannte , sobald ich aus dem Reisewagen gestiegen war ; denn ich konnte nicht begreifen , wie ganz fremde Personen mich kennen könnten . Wesen und Namen war für mich noch einerlei . Welche Richtungen mein Inneres auch bis dahin erhalten haben mochte , so lag es in der Natur der Sache , daß sie durch die neue Lage verdrängt wurden ; denn so lange der Mensch noch der Entwickelung fähig ist , bestimmt er sich nach seiner Umgebung , die um so kräftiger auf ihn einzuwirken pflegt , je abhängiger er in jedem Betracht von ihr ist . Eigenen Charakter darf man nur solchen Personen zuschreiben , die sich zu Meistern ihrer Umgebung gemacht haben . Meine Erzieher waren , nach den Bildern , die mir von ihnen übrig geblieben sind , sehr achtungswerthe Personen . Der Geistliche war nämlich ein Mann von mannigfaltigen Talenten , und in jeder Hinsicht so gesetzt und verständig , daß man hätte in die Versuchung gerathen können , ihn für einen Deutschen zu halten ; ja , ich muß bemerken , daß er mir von allen französischen Geistlichen , die mir jemals vorgekommen sind , immer als der einzige erschienen ist , der ein lebendiges Gefühl von der Würde seines Berufs hatte . Seine Schwester war seiner würdig . Höchst reinlich in ihrem ganzen Wesen , geschickt in allem , was zu den Verrichtungen einer guten Hausmutter gehört , sanft und nachgiebig , weil sie in ihrem Verstande immer die nöthigen Hülfsmittel fand , war sie das baare Gegentheil von dem , was Französinnen zu seyn pflegen . Dieselbe Deutschheit , welche ihren Bruder zu einem Mann machte , gab ihr die ächte Weiblichkeit , die man bei so wenigen Französinnen antrifft , weil sie immer erst dann einen Werth errungen zu haben glauben , wenn sie aus ihrem Geschlecht getreten sind . Gleichwohl sprachen diese beiden Personen unter sich immer französisch . Hätte die Sprache ihr Wesen bestimmen können , so würden sie Franzosen gewesen seyn ; aber dies vermag keine Sprache in der Welt . Nur der Umgang , oder die Totalität gleichartiger Eindrücke , bestimmt die Individualität . In dem Hauswesen herrschte die größte Ordnung . Der Bruder bewegte sich in seinem Kreise , die Schwester in dem ihrigen . Beide Kreise berührten sich ; aber sie griffen nie in einander , weil dies der Freiheit der Bewegung geschadet haben würde . Es war in der That eine Freude , zu sehen , wie diese Geschwister sich gegenseitig achteten . Großmüthig durch sein ganzes Wesen , fand der Bruder nie den Widerspruch der Schwester , wenn seine Liberalität ihrer Sparsamkeit in den Weg trat . Nicht minder entging der ökonomische Geist der Schwester der Kritik des Bruders . Beide schienen , ohne förmliche Verabredung , darin überein gekommen zu seyn , daß sie sich als vernünftige Wesen in ihrem Thun und Treiben respektiren wollten , da es in der Natur der Sache lag , daß sie sich gegenseitig ergänzen mußten , wenn sie den Charakter der Menschlichkeit in der Staatsbürgerei retten wollten , von welcher sich Niemand ganz losreissen kann . Des Bruders einzige Liebhaberei war eine Baumschule ; allein auch in dieser Liebhaberei folgte er nur seinem Hange zur Großmuth und zum Wohlthun . Da er von seinen Einkünften nichts verschenken konnte , ohne sich zu schaden ; so wollte er wenigstens die Produkte seines Fleisses verschenken . Die ganze Nachbarschaft versorgte er mit jungen Baumstämmen von der edelsten Gattung , ohne jemals eine Entschädigung in baarem Gelde dafür anzunehmen . Je mehr der ganze Gang des Hauswesens den Bedürfnissen meines Alters entsprach , desto leichter gewöhnte ich mich daran ; und da meine Pflegeeltern unter sich selbst so einig waren , daß alles , was Leidenschaft genannt werden mag , aus ihrem Bezirk verbannt war , so konnte es nicht fehlen , daß ich in diese ihre Stimmung hineingezogen wurde . In so fern Liebe ein bestimmtes Gefühl ist , das zur Aufopferung treibt , war dies Gefühl nicht in mir ; aber ich theilte die Harmonie des Hauses , und theilte sie um so mehr , weil ich von allen Hausgenossen gleichmäßig behandelt wurde , und die Entstehung dessen , was man Eigensinn zu nennen pflegt , in mir ganz unmöglich war . Was mir immer vorgehalten werden mochte , ich nahm es als Beschäftigung des Thätigkeitstriebes , und fand daher meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer , als in der Küche und im Garten . Nur in Hinsicht der Autorität unterschied ich meine Umgebung . Die meines Pflegevaters gab den Ausschlag über jede andere . Ihn betrachtete ich im eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt , und wo sein Ausspruch einmal erfolgt war , da galt mir kein anderer . Hätte man mir damals gesagt : Es ist ein Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung , so würde ich , vorausgesetzt , daß zwei so abstrakte Dinge nicht ganz für mich verloren gewesen wären , auf der Stelle geantwortet haben : Das weiß ich recht gut ; denn die Wahrheit ist bei meinem Vater und die Meinung bei den Andern . Das Geschlecht , zu welchem ich gehörte , gab mir diese Deferenz . Wär ich ein Knabe gewesen , so würde die Autorität meiner Pflegemutter entschieden haben . Ich habe oft gedacht , daß die Erziehung jedes menschlichen Wesens , das nur einigermaßen gerathen soll , höchst einfach seyn müsse . Es kommt zuletzt doch nur darauf an , daß man eine achtunggebietende Individualität gewinne . Wie will man aber zu einer solchen gelangen , wenn es durchaus nicht gestattet ist , bleibende Falten zu schlagen , die , sie mögen nun in Gefühlen oder in Ideen zum Vorschein treten , allein den Charakter ausmachen ? In Städten , vorzüglich aber in Hauptstädten , besteht die Erziehung eigentlich darin , daß der eine Eindruck sogleich durch den andern vernichtet werde , so daß der Zögling am Ende in einem leeren Nichts dasteht ; dies ist eine nothwendige Folge der allzuweit getriebenen Zusammengesetztheit der Richtungen , welche der Zögling ( ob mit oder ohne Absicht , gilt hier gleich viel ) in den Städten erhält . Auf dem Lande kann so etwas durchaus nicht statt finden ; da der Richtungen an und für sich wenigere sind , so ist die ganze Erziehung einfacher , und die natürliche Folge davon ist , daß das Innere des Zöglings eine bestimmte Form annimmt , die sich zuletzt von selbst gegen alle Unform vertheidigt , und im Kampfe mit derselben zu einer höheren Entwickelung führt . Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den größten , sondern auch den besten Theil meines Wesens der Erziehung , die ich in dem Hause meines Pflegevaters erhielt . Die Gewöhnung zur Reinlichkeit mußte mir die Reinlichkeit zum Bedürfniß machen ; und indem der materielle Schmutz ein Gegenstand des innigsten Abscheues für mich wurde , konnte der immaterielle , vermöge des Zusammenhanges , worin das Physische mit dem Geistigen im Menschen steht , keinen Eingang bei mir finden . Mit der Liebe zur Reinlichkeit aber stand die Schamhaftigkeit in der vollkommensten Harmonie . Da das Wohnhaus geräumig genug war , so hatte jedes Mitglied der Familie sein eigenes Schlafzimmer ; dabei erforderte eine hergebrachte Sitte , nicht anders als vollkommen angekleidet aus demselben zu treten . Jene Einrichtung und diese Sitte brachten die Wirkung hervor , daß , wie ungezwungen der Umgang im Übrigen auch seyn mochte , doch Keiner von uns begriff , wie es möglich sey , sich in Gegenwart eines Andern aus- oder anzukleiden . Ich mochte ein Alter von zehn Jahren erreicht haben , als der Anblick eines achtjährigen Knaben , der sich in meiner Gegenwart die Strümpfe aufband , mich in eine solche Verlegenheit setzte , daß ich nicht im Zimmer bleiben konnte ; und der bloße Umstand , daß ich diese Scene niemals habe vergessen können , beweiset mehr , als alles , was ich darüber zu sagen vermag , wie sehr die Schamhaftigkeit in mein Wesen übergegangen war . Dies verhinderte indessen nicht , daß ich den Umgang mit Knaben , so oft dazu Gelegenheit war , nicht unendlich interessanter gefunden hätte , als den mit jungen Mädchen . Ein geheimer Zug that hier alles ; allein wie unwiderstehlich er immer seyn mochte , so folgte ich ihm doch , ich will nicht sagen , mit Vorsichtigkeit - denn diese war für mich gar nicht vorhanden - sondern mit Beibehaltung alles dessen , was mir einmal zur Gewohnheit geworden war , und worüber ich nicht weiter Herr werden konnte . Und so geschah es , daß ich selbst in einem Alter , dem die Herrschsucht ganz fremd ist , die widerstrebende Natur meiner Gespielen männlichen Geschlechts in den Strudel meiner Individualität zog , und diese rettete , ohne für sie zu kämpfen . Fremde Personen nannten mich nicht selten die gesetzte Mirabella ; meinen Pflegeeltern hingegen war eine solche Benennung eben so fremd , als mir ; unstreitig weil sie einsahen , daß mit dieser Gesetztheit keine Art des Zwanges oder des Calculs verbunden war . Ich bewegte mich minder lebhaft , weil die Freiheit mir habituell war , und ich folglich keine Aufforderung hatte , mich zu übernehmen . Mein Pflegevater lehrte mich Zeichnen , Rechnen , Lesen , Schreiben ; und nachdem ich ein Alter von zwölf Jahren erreicht hatte , kam der Unterricht in der Naturgeschichte und Geographie hinzu . Wie sehr er auch Geistlicher war , so befaßte er sich doch nicht mit der Unterweisung in der Religion ; unstreitig aus keinem anderen Grunde , als weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich niederlegen wollte . Auch trug er mir nie eine förmliche Moral vor ; und deute ich sein Wesen recht , so hatte er dazu den sehr vernünftigen Grund , daß die Liebe keiner Regulative bedarf , und daß der Haß sie verachtet . Seine Urtheile über Menschen und menschliche Verhältnisse waren die eines gebildeten Mannes , der zwar an Unverstand , aber nicht an Bosheit glaubt , und sich daher immer zur Nachsicht und Schonung berufen fühlt . Nie hab ' ich ihn in Leidenschaft gesehen ; und wenn der Charakter eines Weisen in der Apathie enthalten ist , so war er mehr als tausend Andere ein Weiser . Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken , Nähen , Brodiren ; alles dieses in einem hohen Grade von Vollkommenheit . Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren Wirthschaftsangelegenheiten versenkt schien , so fehlte es ihr doch durchaus nicht an Kunstsinn . Die Gewalt des Wahren war für sie eben so wenig vorhanden , als für irgend ein Weib ; aber die Gewalt des Schönen offenbarte sich in allen ihren Schöpfungen , in so fern sie alles verabscheuete , was den ewigen Gesetzen der Harmonie widersprach . Zwar sagt man : » Nur das Wahre sey schön « ; allein , so weit meine Beobachtung reicht , gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf Männer ; für Weiber ist nur das Schöne wahr , das heißt , sie wollen immer und ewig nur das Schöne , unbekümmert um das Wahre . Vielleicht rührt dieser Unterschied der Geschlechter daher , daß bei den Männern sich die Phantasie dem Verstande , bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet . Wie dem aber auch seyn mag , noch immer soll das Weib geboren werden , bei welchem die Schönheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist . Unbemerkt wuchs ich unter so wohlthätigen Einflüssen , als meine Pflegeeltern waren , heran . Meine Entwickelung ging um so glücklicher von statten , da nichts vorhanden war , was sie hätte stören oder verhindern können . In einem Alter von funfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet , und meinem Umriß nach hätte man mich für ein junges Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten können . Über das Mittelmaaß hinaus groß und von einer anziehenden Fülle , vereinigte ich Brünettheit mit einer blendenden Weiße , und keiner von meinen Gesichtszügen widersprach der Weiblichkeit . Wer mich sah , verweilte mit Wohlgefallen bei meinem Anblick ; was man aber ganz laut bewunderte , war die Üppigkeit meines kastanienbraunen Haarwuchses ; ich hätte ihn als Schleier gebrauchen können , so lang und dicht war er . Die Aufmerksamkeit , welche mir alle Fremden bewiesen , führte mich vor den Spiegel , der mir bisher durchaus gleichgültig gewesen war ; ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit , und wer will es mir verargen , daß ich ihn in dem Abstich fand , den meine Gestalt von denen meiner Umgebung machte ? Mit Wahrheit aber kann ich versichern , daß mich das öftere Hintreten vor den Spiegel nicht eitel machte ; diese Beschauung gewährte mir nur ein Bild von mir selber , und mit dem Bilde die Überzeugung , daß ich , wo nicht schön , doch wenigstens hübsch sey ; zu Ansprüchen und zur Coketterie verleitete sie nicht , und konnte sie nicht verleiten , weil meine Vorzüge mir von Niemand bestritten wurden . Man könnte glauben , ich sey in meiner Jugend sehr eitel gewesen , da mir ein so bestimmtes Bild von mir selbst geblieben ist ; allein das ist das Eigenthümliche der weiblichen Einbildungskraft , daß sie im Stande ist , die Bilder fest zu halten , welche derselbe Gegenstand in seinen verschiedenen Entwickelungsperioden gegeben hat . Schwerlich wird irgend ein Mann die Gestalt , welche er als Jüngling hatte , in späteren Jahren bei sich selbst zur Anschauung bringen können ; ein Weib aber kann dies ohne alle Mühe , und wenn sie sich auf Malerei versteht , so muß an der Wahrheit des Bildes , das sie von ihrem früheren Wesen entwirft , auch nicht das Geringste abgehen , vorausgesetzt nur , daß ihre Einbildungskraft nicht durch Eitelkeit verdorben worden ist . Es war um diese Zeit öfters davon die Rede , daß meine Erziehung nur in der Hauptstadt vollendet werden könnte ; und da mir die Nothwendigkeit einer höheren Ausbildung nicht einleuchtete , so rief der Gedanke an eine nahe Trennung von meinen Pflegeeltern die ersten traurigen Gefühle auf , die ich bis jetzt gehabt hatte . Ob ich diese meine Pflegeeltern liebte oder nicht , war mir bisher eben so unbekannt geblieben , als dem wirklich Gesunden das Gefühl der Gesundheit . Jetzt , wo ich der süßen Gewohnheit mit ihnen zu leben , entsagen sollte , wurde mir zuerst klar , wie innig ich mit allen meinen Neigungen an ihnen hing . Meine Traurigkeit war um so tiefer , je größer meine Unerfahrenheit war , und je weniger ich folglich der Lockung folgen konnte , welche mit der Aussicht auf neue Verhältnisse in der Regel verbunden ist . Dieselbe Stimmung waltete bei meinen Pflegeeltern ob ; es lag nur allzu sehr am Tage , daß auch sie sich seit neun Jahren verwöhnt hatten , und daß es ihnen Mühe machte , dem natürlichen Bedürfniß des Menschen , zu lieben und geliebt zu werden , schnell zu entsagen . Selbst mein Pflegevater verlor einen guten Theil seiner gewöhnlichen Heiterkeit , während seine Schwester , den edleren Theil ihres Wesens hinter dem unedleren verbergend , nicht aufhörte zu bedauern , daß ihr für ihre Wirthschaft eine so zuverlässige Stütze entrissen würde , als sie seit drei Jahren an mir gehabt . Das Schicksal nahm sich der ganzen Familie dadurch an , daß mein Pflegevater als Prediger in die Hauptstadt berufen wurde . Ich sage : » das Schicksal , « weil ich mich nicht anders ausdrücken kann . Unstreitig ging auch dies sehr natürlich zu , und allen meinen späteren Vermuthungen nach , hatte mein Pflegevater seine Berufung bei weitem mehr dem Verhältniß zu verdanken , in welchem er zu mir stand , als seinen persönlichen Eigenschaften , wie achtungswerth diese auch seyn mochten . Dem sey indeß wie ihm wolle , es war uns allen herzlich lieb , daß wir zusammen bleiben konnten . Das einzige Problem , das noch zu lösen war , bestand in der Trennung von dem Grund und Boden , auf welchem wir bisher gelebt hatten , die Nachbarschaft mit inbegriffen . Vorzüglich fiel es meinem Pflegevater schwer , sich von seiner Baumschule zu trennen , die ihm um so theurer seyn mußte , weil die Entwickelung in ihr nach solchen Gesetzen erfolgte , deren sich die Willkühr vollkommen bemächtigen kann . Er pflegte öfters zu sagen : Er habe nie heirathen mögen , weil er nichts so sehr verabscheut habe , als den Gedanken an ein ungerathenes Kind ; aber er freue sich darüber , daß er ein Gärtner geworden sey , weil die Gärtnerei ihm jede Schadloshaltung gewähre , die der Kinderlose wünschen könne . Dem ungeachtet gab das Menschliche in ihm den Ausschlag über das Räsonnement , so oft beide in Opposition geriethen ; und dies zeigte sich auch gegenwärtig , da die großmüthige Zuneigung , die er für mich gefaßt hatte , ihn den Kummer überwinden ließ , der mit einer ewigen Trennung von seiner geliebten Baumschule unauflöslich verbunden war . Wie sehr sie ihm am Herzen lag , zeigte sich in der Folge sehr häufig , indem sein Gemüth ihn in den Abendstunden regelmäßig den Gedanken an seine Baumschule zurückrief , bis er nach einigen Jahren die Nachricht erhielt , daß sie durch die gänzliche Vernachlässigung seines Nachfolgers eingegangen sey . Der Seufzer , der ihm bei dieser Gelegenheit entfuhr , sagte sehr deutlich , wie viel er mir aufgeopfert hatte ; in der That um so mehr , je uneigennütziger und anspruchsloser er in jeder Hinsicht war . Nach unserer Ankunft in der Hauptstadt sollte ich vor allen Dingen Musik und Tanz lernen . Beides würde ich mit großer Leichtigkeit gelernt haben , hätte ich solche Lehrer gefunden , als mein Pflegevater war . Es fehlte mir weder an Lust , noch an Fähigkeit ; aber die Eigenthümlichkeit meiner Lehrer verhinderte alle Fortschritte , die ich hätte machen können , und wurde auf diese Weise die Ursache , warum zwei Talente , die ich erwerben konnte , mir immer fremd geblieben sind . Mein Lehrer in der Musik galt für einen Meister in seiner Kunst . Wäre er blos Künstler gewesen , so würde von seinem Wesen so viel auf mich übergegangen seyn , als sich mit meiner Natur vertrug ; allein da er zugleich ein galanter Mann seyn wollte , so mußte das , was er seine Artigkeit nannte , ihm einen so lächerlichen Anstrich bei mir geben , daß wesentliche Fortschritte in der Musik unter seiner Leitung für mich unmöglich wurden . Alles ging vortrefflich , so lange er mich für eine junge Person seines Standes hielt ; sobald er aber gehört hatte , daß man mich Fräulein Mirabella nannte , veränderte er seine Methode auf Kosten seiner Kunst . Bis dahin hatte er ganz treuherzig gesagt : So und so muß es seyn . Jetzt bat er , daß es mir belieben möchte , es so und so zu machen . Griff ich f statt fis , so bat er sich ein gnädiges fis aus . Überhaupt war seine Deferenz gegen das Vorurtheil des Geburtsadels so groß , daß er es nicht offenbaren konnte , ohne mich aus allen meinen Angeln zu heben . Unbeschreiblich weh that mir diese Wegwerfung ; und um den unangenehmen Gefühlen zu entgehen , welche so wie der Mann nun einmal war , von dem Unterricht nicht getrennt werden konnten , gebrauchte ich den Ausweg , ihn allein ans Clavier zu setzen , und das zu singen , was er spielte . Auf diese Weise bildete ich meinen Sinn für Musik aus , ohne jemals die gewöhnliche Fertigkeit zu erwerben , welche sich durch die Fingerspitzen offenbaret ; und ich weiß nicht , ob diese Ausbildung nicht die vorzüglichere war , da sie hinreichte , um zur Kenntniß dessen zu gelangen , was wahre Musik ist , und mich im Übrigen von jener Virtuosität , welche die Weiblichkeit vernichtet , entfernt hielt . Im Grunde hab ' ich nie bedauert , daß ich keine größeren Fortschritte gemacht habe . Mein Tanzmeister war das vollkommenste Gegentheil von meinem Lehrer in der Musik . Ein geborner Franzose , lebte und webte er in seiner Kunst , welche in seinem Urtheil das Complement aller menschlichen Vollkommenheiten war . Ich sage nicht zuviel , wenn ich behaupte , daß er auf das allervollkommenste in ihr untergegangen war ; denn nichts verdiente seine Schonung , was der vollendeten Ausübung der Tanzkunst in den Weg trat . Wie wurde mir gleich in der ersten Lection zu Muthe , als er , nach den ersten Vorzeigungen , mich unsanft bei der Schulter faßte , um meinen Füßen durch die seinigen die kunstmäßige Stellung zu geben ! Alles , was Gemüth genannt werden kann , wurde in mir aufgeregt , und hätte ich nicht die Idee eines Lehrers festgehalten , so würde ich auf der Stelle die verletzte Schamhaftigkeit gerächt haben . Mit glühenden Wangen kehrte ich auf mein Zimmer zurück , als die Lection geendigt war ; und als meine Pflegemutter mich fragte , was mich in einen solchen Aufruhr gesetzt habe , war ich schlechterdings nicht im Stande , ihr irgend eine Antwort zu geben ; so groß war meine Verworrenheit . Zagend ging ich in die zweite Lection . Daß meine Geschicklichkeit dadurch nicht gewann , versteht sich ganz von selbst . Mein Lehrer sprach mir den Muth ein , der die große Mehrheit aufrichtet , mir aber gar nicht fehlte . Die Übung wurde fortgesetzt , wiewohl ich schon halb betäubt war . Anstatt zu rechter Zeit abzubrechen , gerieth der Meister in den gemeinen Kunsteifer ; und indem er sagte , daß eine so edle Figur , wie die meinige , sich auch edel bewegen müsse , stürzte er auf mich zu , und bog , weil ich die Füße nicht auswärts genug setzte , meine Knie mit den seinigen aus einander . Dies war aber mehr , als ich ertragen konnte . Eine Beleidigung meiner Schamhaftigkeit hatte ich verschmerzt ; einen Angriff auf dieselbe glaubte ich ahnden zu müssen . Ich sprang also unmittelbar nach geschehener That auf den Meister zu , gab ihm eine Ohrfeige und lief athemlos auf mein Schlafzimmer . Jetzt mußte die Sache zur Sprache kommen . Der Meister , der nicht wußte , wie er zu der Ohrfeige gekommen war , beklagte sich darüber bei meinem Pflegevater , und als mich dieser zur Rechenschaft forderte , kam mit meiner Unschuld die seinige freilich an den Tag , die Lectionen aber waren einmal für allemal abgebrochen , weil ich erklärte , daß ich lieber gar nicht tanzen lernen , als allein unterrichtet werden wollte . Diese Erklärung hatte die Folge , daß man noch einige andere junge Mädchen in die Lectionen zog ; aber wie sehr mein Gefühl dadurch auch erleichtert werden mochte , so konnte ich mich doch nie gewöhnen , das Tanzen als eine freie Kunst zu nehmen . Mit brennenden Wangen ging ich in den Tanzsaal ; mit brennenden Wangen verließ ich ihn . Es war mehr ein Abäschern gegen den Willen des Gemüths , als eine Bewegung auf Geheiß desselben , was ich Tanzen nennen mußte ; und daher ist es unstreitig gekommen , daß ich mein ganzes Leben hindurch so gleichgültig gegen dies Vergnügen geblieben bin , dem Andere so bereitwillig Gesundheit und Leben aufopfern . Auch bin ich in dieser Hinsicht immer eine Stümperin gewesen . Obgleich die Lektüre damals noch nicht zu den Dingen gehörte , welche die Elemente einer weiblichen Erziehung ausmachen ; so war ich doch durch meinen Pflegevater von meinem funfzehnten Jahre an mit drei französischen Dichtern bekannt geworden , die ich unablässig las und beinahe auswendig lernte . Es waren de la Fontaine , Peter Corneille und Racine . Die Fabeln des erstern zogen mich unendlich an , weil in ihnen eine Welt enthalten ist , worein ein jugendlicher Geist sich nur mit Entzücken verlieren kann . Corneille und Racine beschäftigten mich gleich sehr ; und ob man gleich glauben sollte , daß ich , als Frauenzimmer , meine Rechnung nur bei dem letzteren gefunden