Fouqué , Caroline de la Motte Rodrich www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline de la Motte Fouqué Rodrich Ein Roman in zwei Theilen Erster Theil Erstes Buch Es war Abend , als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr . Die erleuchteten Straßen zeigten ihm das Getümmel vieler Tausende , die des Lebens Spiel kreisend hin und her trieb . Glänzende Wagen , ferne Citherklänge , verworrenes Rufen und Flistern , alles rauschte durch seine Sinne , und trieb ihn unruhig über die neue Welt hinweg , bis er endlich bei den hohen Pallästen verweilte , in deren Inneres er wie in einen magischen Spiegel flüchtig hinein schauete . Der Zierrath der Gemächer wie die reichen Diener entzückten ihn . Oft hörte er lustige Musik , sah schwebende Gestalten längs den hellen Fenstern hingleiten , und hätte die Welt darum gegeben , mitten unter ihnen zu seyn . Da gedachte er plötzlich seines unscheinbaren Daseyns , und das widrige Gefühl in dem Strom gemeinen Wirkens ungekannt , unbeachtet mit fortzuschwimmen , stellte sich recht feindselig zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn . Wie erhaben er sich auch den Mittelpunkt eines Staates , den Hof und seine Umgebungen gedacht , so stand er selbst , ohne es zu wissen , unter den Hauptfiguren der bunten Gemälde . Was dort im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz , stand jetzt einzeln und abgerissen vor ihm da . Die übersprungenen Stufen geselliger Verhältnisse erschienen ihm plötzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter , und er blickte zum erstenmal geringschätzig auf sich und die ärmlichen Mittel , die seine Ansprüche geltend machen sollten . Voll Unmuth schloß er die Augen , und flüchtete zu den Erinnerungen der Vorwelt , in die er sich so oft versenkte , um die eigne Beschränkung in den weiten Kreisen menschlicher Thätigkeit zu vergessen . Die Heroen der Profan- und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf . Er hatte die Letzteren immer geliebt , um der Kraft willen , mit der sie das einmal Unternommene vollführten . Ja , rief er , nach kurzem Sinnen , die Welt bleibt ewig dieselbe , und wem die rechte Feuerkraft im Busen glüht , der muß vom Schicksal erzwingen , was es ihm kärglich versagte . In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gasthof , vor welchem sein Wagen hielt . Der Trotz der noch in seinen Mienen lag , und die etwas gebieterische Stimme , mit welcher er eingelassen zu werden forderte , ließen auf einen vornehmen Gast schließen . Er bekam ein gutes Zimmer und anständige Bedienung . Indeß war er viel zu bewegt , um hier lange in müßiger Beschauung zu verweilen . Was ihm allein zu thun übrig blieb , das sollte gleich geschehen . Überdem brannte er vor Begier , irgend einen Menschen zu finden , dem er einigermaßen angehöre , mit dem er reden und ihm seine Wünsche und Hoffnungen mittheilen könne . Er beschloß also noch diesen Abend zu dem Künstler zu gehen , an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte , und eilte , bei dem Wirth die nöthigen Erkundigungen deshalb einzuziehen . Ein Maler also ? fragte dieser , und blickte nachlässig zu ihm auf . Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd geklungen , als in diesem Augenblick . Er erschrack selbst darüber , und wandte sich mit dem verdrießlichen Ja von dem Neugierigen , der ihm statt einer Antwort eine Frage zurückgab . O , sagte dieser einlenkend , wollten Sie nicht einige Augenblicke verweilen ; Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde finden , die Ihnen vielleicht nähere Auskunft geben können . Sie nannten gewiß einen unserer berühmtesten Meister , allein ich kann Ihnen seine Wohnung nicht sogleich bezeichnen . Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder . Einer der Berühmtesten , dachte er , und sie kennen seine Wohnung nicht einmal ! Ach , wer kommt denn auch zu der einsamen Werkstatt des Künstlers , der in abgeschloßner Welt sich selbst und der innern Gottheit lebt ! Er fühlte jetzt , wie mühselig der Weg sey , den er eingeschlagen hatte , und wie wenig er zu der unstäten Beweglichkeit seines Gemüthes passe . Er gedachte der Worte seines Lehrers , der ihm oftmals sagte : daß er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe , und sie alles Fleißes ohnerachtet nur als Mittel betrachte . Er hatte das immer bestritten und gemeint : der Wunsch , durch die Kunst berühmt zu seyn , ließe sich von der Liebe zu ihr nicht trennen . Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen , und suchte den schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen . So gelang es ihm denn , während er die innere Stimme durch tausend große Worte übertäubte , und die gesunkne Achtung für sein Gewerbe auf alle Weise anregte , die alte Begeisterung aufs neue zu entflammen . Und um sich selbst zu entfliehen , zögerte er nicht länger , den Maler , aller Gegenrede des Wirthes ohnerachtet , aufzusuchen . Er war lange Zeit gegangen , ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft gebeten zu haben , weil er überall nicht gern bat , am wenigsten den gaffenden Pöbel . So kam er zu einer langen prachtvollen Brücke , von deren jenseitigem Ende sich ein breiter Kastaniengang längs dem Ufer hinwand . Unzählige bunte Schiffchen glitten noch über das stille Wasser hin , während viele andere unfern der Brücke landeten und dem dunklen Gange manch ' fröhliches Paar zuführten . Rodrich gesellte sich zu diesen , indem er sich hier , wo ihn nichts so drückend auf die eigne Nichtigkeit zurückführte zum erstenmal wieder wohl und leicht fühlte . Das dumpfe Geräusch der Wagen , wie das ganze Gewirr der Menge , ward in der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer übertäubt , die längs dem Ufer das dürftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten . Das seltsame Spiel des Lichtes zwischen den dunklen Bäumen ergötzte ihn unendlich . Er glaubte den Zauber der Beleuchtung noch nie so gekannt zu haben , und entwarf tausend Plane , die vor ihm schwebenden Gruppen darzustellen , als er bei einer Beugung des Ganges plötzlich vor einem geöffneten Gitterthor stand , das die Vorübergehenden recht gastlich zum Eintreten einlud . Die blühenden Ufer waren hier zum kunstreichen Garten umgewandelt . Zwischen duftigen Blumengewinden glänzten helle Springbrunnen , deren silberne Stralen sich in Marmorbecken ergossen . Dunkle Pinien und Cypressen beschatteten Kunstwerke der besten Meister . Rodrich stand wie in einem Zauberkreise vor den steinernen Gebilden , die in der stillen Nacht seltsam auf ihn herabblickten . Mit innerm Grausen betrachtete er einen Lakoon , der auf einem hervorspringenden Hügel einsam am Ufer stand . Ihm war , als neige sich jetzt erst das schmerzenvolle Haupt gegen den sterbenden Knaben . Er glaubte das Angstgeschrei zu hören , und unwillkührlich schloß er den starren Marmor an die bewegte Brust . Da hörte er von fern leise Musik . Die Töne zogen ihn fort zu einem kleinen Pavillon , der , wie von Wellen getragen , dicht am Wasser stand . Aus dem Innern erschollen die Worte : Blumen , süßes Angedenken , Blumen , meiner Liebsten Gabe , Seyd ein Bild der kurzen Freuden , Die mit euch verblühend schwanden . Seh euch todt nun vor mir liegen , Muß mit Wehmuth die betrachten , Deren reiches frisches Leben Freudig meinen Sinn erlabte . Zaid nimmt die welken Blumen , Drückt sie gegen Mund und Wange , Will mit Thränen sie benetzen , Will mit Küssen sie erwarmen . Und der Thränen helle Perlen Glänzen in des Mondes Stralen , Bebend so in Lichtes Wonne Spielen sie viel tausend Farben . Blumen , wollt auch ihr mich täuschen , Neu erblüh ' nd im nächt ' gen Glanze ? Wollt euch dem Gestirn verbünden . Das im Dunklen trüg ' risch waltet ? Leben habt ihr mir gelogen , Will euch länger nicht bewahren ; Denn für solch ' ein falsches Leben Wähl ' ich ' s einsam zu verschmachten . Und er wirft die Liebespfänder Von dem steilen Meeresstrande Tief hinunter in die Fluthen , Sie auf ewig zu begraben . Wie die Blumen dort verschwimmen , Gar vergessend aller Farben , Hat die Thrän ' auf ihren Blättern Bald zur Perle sich gestaltet . Hier fiel Rodrich , ohne zu wissen , was er thue , ein und sang : Perlen sind ja Liebesthränen ; Denn von Wehmuth süß umfangen Ruht des Feuers ew ' ger Funke Mild verklärt im stillen Wasser . Plötzlich rauschten die seidnen Vorhänge auf , und ein weiblicher Kopf beugte sich aus dem geöffneten Fenster . Rodrich war vergebens bemühet , die zarten Umrisse aufzufassen . In der Dunkelheit schwankte alles verwirrt in einander . Tausend Erinnerungen flogen wie Schatten vorüber ; je fester er die Blicke heften wollte , desto beweglicher wogten die wechselnden Bilder auf dem dunklen Grunde . Zuletzt glaubte er die Züge des Lakoon wieder zu erkennen ; da sank der Vorhang leise nieder , und er wandte sich gedankenvoll zur Stadt . Als er sich dem Gasthofe nahete , hörte er in den untern Zimmern sehr lebhaft sprechen , und im Hineintreten fand er eine zahlreiche Tischgesellschaft in allgemeinem Streite begriffen , der indeß bald durch seine Ankunft unterbrochen ward . Das Fremde und Stolze in seinen edlen Zügen , die dunkel glühenden Augen , der hohe Wuchs , alles erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden , die ihn mit neugierigen Blicken maßen , während er ganz unbefangen einen leer gebliebenen Platz einnahm , und sich des günstigen Eindruckes freuete , der sichtlich bei seiner Erscheinung aus jedem Auge sprach . Diese stille Bewunderung , in welcher er sich zum erstenmal klarer als in einem Spiegel erkannte , gab seinem Wesen Haltung und Sicherheit , und söhnte ihn mit der ungekannten Welt aus , die ihm Anfangs so fremd und abstoßend erschien . Indeß ward , nach einigen lebhaften Erkundigungen bei dem Wirthe , der eben mit Rodrich gesprochen hatte , das vorige Gespräch nach und nach wieder angeknüpft . Je mehr ich nachdenke , sagte ein Mann , der mit verschränkten Armen und niederhangendem Kopfe da saß , je wahrer finde ich , was Sie vorher sagten : es giebt in der That Worte , deren Bedeutung wir auf Treu und Glauben annehmen , die uns eben deswegen niemals klar wird , und dennoch mit uns aufwächst , sich uns anschmiegt und glauben läßt , sie gehöre zu unserm Wesen , während es nur eines kräftigen Stoßes bedarf , um sie als etwas ganz Fremdes uns Aufgedrungenes zu erkennen . Zu diesen gehört die äußere Ehre in dem Sinne , wie sie allgemeingültig angenommen wird . - Welchen Unterschied , ich bitte Sie , rief ein lebendiger Jüngling ihm zur Seite aus , machen Sie denn zwischen äußerer und innerer Ehre ? und was ist Ehre überhaupt , nach ihren Begriffen ? - Ehre , erwiederte ein Offizier , der bis jetzt von seinem Nachbar verdeckt , Rodrich unbemerkt geblieben war , Ehre ist freie Selbstständigkeit , innere Consequenz des Willens , die sich durch ein folgerechtes Leben behauptet . Der Zweck , wie der Ausgangspunkt , sind als freie Erzeugungen ganz individuel , und es ist nichts seltsamer , als allgemeine Prinzipien über etwas aufstellen zu wollen , was seiner Natur nach auf der Eigenthümlichkeit der Ansicht beruhet . - Daß die Ihrige Ihnen allein angehört , sehe ich , fiel der junge Mann rasch ein ; denn sie ist mir in der That fremd . Nur thun Sie doch nicht gut , die Individualitäten so scharf von einander abzuschneiden , wir könnten bei consequenter Folgerung auf den Punkt kommen , wo alle Ihre Worte verschwendet wären , wo wir wirklich nichts , gar nichts von einander wüßten , und Menschen so kalt gegenüber ständen , wie abgeschloßne Welten . Indeß könnte ich Sie fragen , um mich auf einen Erfahrungssatz zu berufen , wie es kam , daß Jahrhunderte hindurch eine Religion und eine Ehre alle Gemüther beseelte , und das Größte erzeugte , was die Welt sah , wenn sich nicht das ewige Licht über Alle ergoß und die Gluth einer Liebe jede Brust entflammte ? - Zeitalter , antwortete der Offizier , haben wie Menschen ihren eigenthümlichen Charakter . Ich tadle diese nicht , daß sie den ihrigen durchführten , nur finde ich es etwas lächerlich , daß wir unaufhörlich auf morschem , verfallenem Grunde fortbauen , ohne zu fragen , was wir wollen und können ? Hat Graf Alvarez , dessen früher Tod unserm Gespräche neues Leben gab , so durchaus in der Glückseligkeit seiner Schwester gelebt , daß sie ihm das Höchste war , und er die Treulosigkeit ihres Geliebten für eine Beschränkung seines höchsten heiligsten Willens ansah , so that er recht , mit einem verfehlten Leben auch den frechen Störer desselben zu vernichten . Hat ihn aber das blos Formelle der Ehre , der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht für die Reinheit und Unverletzbarkeit des Familien-Namens hingerissen , so opferte er einem kränklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf . - Kränklicher Wahn ! rief der kecke junge Streiter , was Sie so nennen , ist im Grunde ganz Eins mit dem , was Sie selbst zuvor als Idee der Ehre aufstellten . Die freie Selbstständigkeit des Mannes ist von der Unbeflecktheit seines Namens unzertrennlich . - Andre Zeiten andre Sitten , erwiederte der Offizier . - Die unsrigen , fiel jener ein , müssen doch von der für Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen seyn , weil sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt , so bald sein Vaterland , sein Staat angegriffen wird , um wie viel mehr denn der Name , den er trägt . - Eine Ausnahme , sagte der Offizier lachend , wirft Ihre ganze Regel über den Haufen . Ich gebe Ihnen meinen Namen für eine Hand voll tauber Nüsse hin , mich selbst aber verkaufe ich theuer , das versichre ich Ihnen . - Es beruhet nur darauf , hub der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an , den Wendepunkt zu finden , in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins wären . Hier fiel Ursprung und Zweck der That zusammen , und es könnte nicht mehr von einer augenblicklichen Erzeugung des Willens , sondern einzig von einem innern bleibenden Moralgesetz die Rede seyn , das , wie für alle Zeiten , auch für alle Individuen gelten müßte . - Was für Alle gilt , Herr Doktor , sagte der Offizier , schließt alles Charakteristische , alles , was einem Dinge Gestalt und Physiognomie giebt , aus , und so hätten wir unrecht , über einen einzelnen Fall zu streiten . - Das Einzelne , erwiederte der Doktor , ist auch überall nur wirklich etwas , in so fern es sich zur allgemeinen Idee erhebt . Von diesem Standpunkt müssen wir das Ganze betrachten , dann lernen wir die Geschichte des Menschen als unendliche Entwickelung eines Gedankens erkennen . - Dies zugegeben , sagte der Offizier , so müssen Sie mir eingestehen , daß keine Rückschritte zum Ziele führen , und daß jener Maßstab einer längst entwachsenen Zeit seltsame Carikaturen erzeugt . Warum Autoritäten aufrufen , die alles produktive Vermögen ersticken ! Trägheit ist es , die den Menschen auf dem früher geebneten Wege fortzieht , und ihm weis macht , es passe kein andrer für ihn . Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiednen Meinungen da gesessen . Jetzt erregte der Offizier seine ungetheilte Aufmerksamkeit . Die letzten Worte trafen sein Inneres . So hatte er immer gefühlt , etwas Großes und Neues sollte geschehen , was gigantisch über den Trümmern der Vorzeit hinschreitend , eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte . Er betrachtete noch das seltsame Gesicht , auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der hingebendsten , trägsten Ruhe wechselten , und über dessen scharfe Züge sich wiederum eine Milde ergoß , die es unendlich anziehend machte , als der junge Mann , der von den Anwesenden Ritter genannt wurde , aufs neue mit verhaltnem Unmuth begann : Wenn ich nur nicht hören müßte , wie man die alten ehrenwerthen Formen antastet , ohne zu erwägen , daß unsre ganze äußere Existenz ein stillschweigendes Anerkennen derselben ist , indem wir durch Sprache , Religion , Gesetze , und gesellige Verhältnisse hinlänglich darthun , daß sie uns wirklich ungetheilt angehören . - Wenn Sie mich darauf zurückführen , erwiederte der Offizier , daß der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist , so vergessen Sie auch nicht , das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten . - Das ist ohnmächtiges Wollen , fiel jener ein , kränkliches Zucken entschwindender Kraft . Seit der Blick verloren ging , mit dem wir einst das Alte betrachteten , und der Muth , es würdig zu behaupten , überreden wir uns , etwas Neues , Unerhörtes erzeugen zu müssen . Kein Mensch weiß aber eigentlich was ? Es ist erstaunlich bequem , so ins Blaue hinein zu produciren , und das unbekannte Ziel immer nur ahnen zu lassen , während man bei aller produktiven Kraft einschläft - bis uns das Alte über dem Kopf zusammenstürzt , unterbrach ihn der Offizier , da haben Sie ganz recht . Aber das liegt nicht daran , daß wir es nicht wieder herstellen ; denn das wäre am Ende doch nur Flickwerk , und zerbröckelte wohl leicht in einer kräftigen Hand , die es derb anfaßte , eher indeß , weil es an Kraft und Genialität fehlte , aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen . Doch seyn Sie ganz ruhig , es geschieht dennoch vieles , was wir übersehen . Was in der Vergangenheit wie aus einem Guß geformt da steht , ist in der Gegenwart ein langsames Werden . Der Wein gährt still im verschloßnen Dunkel , ehe der Geist sich frei macht und die Gemüther entzündet . Er hob bei diesen Worten ein schäumendes Champagnerglas in die Höhe und rief mit freudigen Blicken : gute Zeiten und lebendiger Muth ! Alle stießen an , und der Ritter sagte bewegt : wir verstehen einander dennoch . Solche , die das Schwerdt und die höhere Vaterlandsliebe verbindet , sollten eigentlich nie über Ehre streiten . Sie sind in der Hauptsache gewiß einig . - Dies fiel wie ein Blitz in Rodrichs Seele , das war der ungekannte Magnet , der ihn in die Welt zog . Darum hatte er im Kloster nur Augen und Sinn für den Erzengel Michael ; darum saß er Stunden lang vor dem Bilde und zeichnete mit unsichrer Hand die kräftigen Züge , bis es ihm gelang und Alle über die Geschicklichkeit des Knaben staunten . Jetzt war es , als träte er vor ihn hin , gewapnet , mit fliegendem Haar und eingelegter Lanze , das breite Schwerdt an der Hüfte , wie die alten Götter über die Erde hinschreitend . Seiner nicht mehr mächtig , rief er : Alle gute Geister verbinde das Schwerdt ! - Bravo ! sagte der Offizier , und flog auf ihn zu . In Ihren Augen glüht etwas , das mit früher verkündete , wie Sie Pinsel und Palette wohl am längsten würden geführt haben . Kommen Sie nur , der Wein erschließt die Herzen , und der Mann darf dem Manne ein freies Wort sagen . Sie waren bei diesen Worten in ein abgelegnes Zimmer getreten . Der Ritter hatte sich zu ihnen gesellt , und alle drei setzten sich in eine kleine Nische . Den perlenden Wein zwischen hellen Kerzen vor sich auf einem Tischchen , hub der Ritter an : Solche Momente sind die heiligsten , wo der innere Lebensblitz , plötzlich angefacht , einen flüchtigen Schein auf die dunkle Zukunft wirft , und ein prophetischer Laut uns die ganze Welt offenbart ! - Sie wissen , erwiederte der Offizier , ich halte in der Regel wenig von jenen mystischen Anklängen und Offenbarungen . Daß uns das Regen einer lichthellen Vernunft so oft nur dunkle Ahnung bleibt , liegt darin , daß der Mensch überall wenig auf sein Inneres achtet , die verworrenen Strebungen selten scharf und bestimmt auffaßt und mit Besonnenheit vor sich hinstellt . - Ach , sagte Rodrich , der beleuchtende Verstand tritt das Lebendigste im Menschen nieder . Ich habe das wohl in der Kunst erfahren , und weiß , wie das Gelungenste aus dem augenblicklichen Zusammenfallen von Gedanken und That entsteht . Auch im Leben will sich mir das so bewähren . Jene , fast bewußtlos herausgestoßenen , Worte , haben mir zwei Freunde gewonnen , zu denen ich endlich einmal aus voller Seele reden darf . - Wenn Ihr Gefühl Sie nie auf schlimmere Wege führt , sagte der Offizier , so folgen Sie ihm nur getrost . - Ja wohl , setzte der Ritter hinzu . Es ist nicht das Schlechteste im Menschen , daß er sich so ohne weitere Beglaubigung rücksichtslos hingeben und das überfließende Herz eröffnen kann . - So nehmen Sie mich denn hin , sagte Rodrich in höchster Bewegung , ich gehöre ja ohnehin Niemand an ! Er hielt einen Augenblick ein , und kämpfte , ob er seine dunkle Abkunft hier berühren und sich selbst als ein Kind des Zufalls hinstellen sollte . Doch bald fuhr er fort : Es wehet etwas Geheimnißvolles durch mein ganzes Leben , das mich oft selbst mit Bangigkeit erfüllte , und schon da mit der Welt entzweite , als sie mir noch fremd war . Meine frühesten Erinnerungen führen mich in ein Kloster an die Seite eines Greises zurück , der mit der zärtlichsten Sorge über mich wachte . Ich kann nicht sagen , ob ich je andre Umgebungen gekannt ; allein oft vor dem Einschlafen , und wenn Eusebio die Laute spielte , überfiel mich eine Sehnsucht , daß ich weinend nach einem hellen , bunten Hause verlangte , wo ich mit schönen Kindern spielen könne . Einst war ich mehrere Tage hindurch nicht zu beruhigen , weil mir im Traum eine Frau , in weiße Tücher gehüllt , auf einem Ruhebette liegend , erschienen war , nach der ich vergebens die Arme ausgebreitet und sie zu erfassen gestrebt hatte . Eusebio weinte mit mir , und schien mich mehr durch Liebkosungen als durch Bestreitung meiner Wünsche zu beruhigen . Nach und mach ward ich indeß stiller . In der steten Einförmigkeit schwieg indeß jedes unruhige Verlangen . Meine bescheidnen Wünsche drängten sich nicht über die kleine Zelle hinaus , in deren Innerem alle dürftigen Freuden meines Lebens blüheten . Denn selbst der fruchtreiche Klostergarten ward mir durch die Aengstlichkeit , mit welcher ich in die Steigen gebannt war , zuwider . So verlebte ich meine Tage unter Gesang und Gebet , lernte Heiligenbilder zeichnen und fromme Thiere in Holz schnizzen . Die erlöschende Kraft , die nur in der Liebe zu Eusebio und beim Anblick des Erzengels Michael , der recht groß und hehr über dem Altar in unserer Kirche hing , aufblitzte , gab dem Prior die besten Hoffnungen für die Zukunft . Auch hatte Eusebio strenge Befehle , jede weltliche Anregung gewissenhaft zu vermeiden . Ich erfuhr das in einem Augenblick , der mir jetzt noch wehmüthige Erinnerungen giebt . Er hatte mir einst ein Pferd in Holz geschnitten , und , ich weiß nicht , war es Instinkt , oder hatte ich sonst schon etwas ähnliches gesehen , genug , ich besaß einen zierlichen heiligen Georg , den ich auf das Pferd befestigte und mit lautem Freudengeschrei auf und nieder hüpfen ließ . Eusebio blickte lächelnd auf mich hin , während ein finsterer Mönch hereintrat , mir mein liebes kleines Spiel entriß und es unter Flüchen und Verwünschungen gegen die gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf . Eusebio bekam einen harten Verweis und wir trauerten beide über die gestörte Lust . So mochten wohl zehn Jahre verflossen seyn , als ich einst in der Nacht von einem leisen Geräusch erwachte . Ich blickte um mich , und sah beim schwachen Schein einer Lampe , wie Eusebio sorgsam ein Kästchen unter seinem Lager hervorzog , es eröffnete , und einen reichgestickten Mantel mit goldenem Ordenskreutz daraus hervorzog . Er breitete ihn vor sich hin , blieb gedankenvoll stehen , und küßte dann ehrerbietig den Saum des Gewandes . Ich hatte mich während dem genahet , und rief voll Entzücken : Vater , was hast du da für herrliche Sachen ! Der Alte ließ erschrocken die Arme sinken und sagte mit wehmüthigem Tone : Kind , das sollte Dir ewig ein Geheimniß bleiben ! Mußt Du so voreilig in das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen ! Begierig nahm ich indeß den Mantel von der Erde , hüllte mich hinein , und trat so in höchster Lust vor Eusebio hin , der von dem Anblick überwältigt , mich in seine Arme schloß , und weinend ausrief : Ist mir doch , als sehe ich deinen unglücklichen Vater , als er das letzte mal vor der Welt und seinem König erschien . Ihn deckt die kalte Erde , während Du mit den Trümmern seiner Herrlichkeit spielst . War es doch immer mein Wunsch , Dich so geschmückt zu sehen ! und , fuhr er fort , indem er mir die Hand auf die Stirn legte , ich ahnde es , diese Flammen werden ihrer weltklugen Weisheit spotten , was vermag der allmächtige Geist des Menschen nicht ! Er sank bei diesen Worten erschöpft auf sein Lager . Ich kniete neben ihn , und um ihn zu erheitern , wie ich es sonst wohl that , nahm ich die Laute , die vor ihm auf einem Tischchen lag , und griff leise in die Saiten . Von dem Klange wie begeistert richtete er sich in die Höhe , nahm mir das Instrument aus der Hand , spielte und sang folgendes Lied , das mir wie mit Flammenzügen eingegraben blieb . Vergebens hab ich hier gerungen , Vergebens war der eitle Wahn , Es könne Leib und Geist durchdrungen Auf Erden gleiche Lust empfah ' n. Ich fühlte Herz von Herz sich reißen , Und Angst und Schmerz in wunder Brust Wollt ' ich dem Tod zu leben heißen , Und kämpft ' und rang in trüber Lust . Ich seh ' dich , farb ' ge Pracht , erblassen , Es naht sich bleich und kalt der Tod . Ach süßes Kind , dich muß ich lassen , Mich ruft ein göttlich ernst Gebot . So rauscht denn einmal noch ihr Saiten , Ihr dringt aus einer frischen Welt ; Der leise Hauch soll euch begleiten , Der mich noch hier gefangen hält . Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen , und flossen so mit dem Klange zusammen , der immer leiser verhallte , bis die Laute den starren Händen entsank . Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Mönche herzu . Es währte lange , ehe sie mir begreiflich machen konnten , daß Eusebio todt und für mich verloren sey . Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen , wie die geliebte Leiche , die man mit Gewalt aus meinen Armen riß . Jener furchtbare Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben . Der natürliche Trotz in meinem Gemüth lehnte sich gegen die ganze mir bekannte Welt auf , ich haßte alles , was sich mir nahete , da ich unter den erloschenen abgezehrten Gesichtern nicht eins fand , das meinem Eusebio glich , und Niemand als er mich je geliebt hatte . Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner höchsten Freude versenkt , und erst sehr lange nachher unter freudigern Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte , die mich zuerst über die Klostermauern hinaushoben . Als ich von Eusebio ' s Begräbniß zurückkam , ward ich in eine fremde Zelle unter die Aufsicht eines jungen Mönches gebracht , der in eigenen Schmerz versenkt , wenig auf mich achtete . Ich fühle noch heute die entsetzliche Angst , die mich in dem Augenblick überfiel , da man mich vor meinem alten , geliebten Zimmer vorbei in dies neue führte . Mit innerer Wuth schloß ich die Augen , um nichts zu sehen , was mich so kalt und fremd abstieß . Auch lernte ich nie meinen neuen Aufseher lieben , vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch thun konnte was ich wollte . Überall bekümmerte sich Niemand sonderlich um mich , man schien hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen trägen Sinn gefunden zu haben . So kam es denn , daß man mich , als einst Feuer im Kloster ausbrach , mit anderem Geräth in den Garten schleppte , und dort allein ließ . Ich war weder erschrocken noch erfreut . Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf : wenn die Flammen das häßliche Gebäude verzehrten , so müsse man mich wohl frei lassen , und ich könne dann hingehen , wohin ich wolle . Doch war das auch kein bleibender Wunsch , ich kannte ja nichts , wonach ich mich hätte sehnen können . So ging ich gleichgültig auf und ab , bis ich eine kleine Pforte , die nach einem See hinaus führte , und durch welche man wohl in der allgemeinen Noth Wasser herbeigeschafft hatte , offen fand . Ich trat hinaus , ohne etwas Bestimmtes zu wollen , und ging Anfangs den schmalen Fußsteig , der den See hinauf führte , ganz langsam fort . Doch je weiter ich ging , desto freier hob