Klingemann , August Die Nachtwachen des Bonaventura www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . August Klingemann Die Nachtwachen des Bonaventura Erste Nachtwache Die Nachtstunde schlug ; ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung , nahm die Pike und das Horn zur Hand , ging in die Finsterniß hinaus und rief die Stunde ab , nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte . Es war eine von jenen unheimlichen Nächten , wo Licht und Finsterniß schnell und seltsam mit einander abwechselten . Am Himmel flogen die Wolken , vom Winde getrieben , wie wunderliche Riesenbilder vorüber , und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel . Unten in den Straßen herrschte Todtenstille , nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm , wie ein unsichtbarer Geist . Es war mir schon recht , und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt , denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Mährchen in der bezauberten Stadt , wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte ; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth . Der letzte Vergleich machte mich schaudern , und ich war froh ein einzelnes mattes Lämpchen noch hoch oben über der Stadt auf einem freien Dachkämmerchen brennen zu sehen . Ich wußte wohl , wer da so hoch in den Lüften regierte ; es war ein verunglückter Poet , der nur in der Nacht wachte , weil dann seine Gläubiger schliefen , und die Musen allein nicht zu den letzten gehörten . Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten : » O du , der du da oben dich herumtreibst , ich verstehe dich wohl , denn ich war einst deinesgleichen ! Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk , das seinen Mann ernährt , und das für denjenigen , der sie darin aufzufinden weiß , doch keinesweges ganz ohne Poesie ist . Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine Träume von Unsterblichkeit , die du da oben in der Luft träumst , hier unten auf der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit . Nachtwächter sind wir zwar beide ; schade nur daß dir deine Nachtwachen in dieser kalt prosaischen Zeit nichts einbringen , indeß die meinigen doch immer ein Übriges abwerfen . Als ich noch in der Nacht poesirte , wie du , mußte ich hungern , wie du , und sang tauben Ohren ; das letzte thue ich zwar noch jetzt , aber man bezahlt mich dafür . O Freund Poet , wer jezt leben will , der darf nicht dichten ! Ist dir aber das Singen angebohren , und kannst du es durchaus nicht unterlassen , nun so werde Nachtwächter , wie ich , das ist noch der einzige solide Posten wo es bezahlt wird , und man dich nicht dabei verhungern läßt . - Gute Nacht , Bruder Poet . « Ich blickte noch einmal hinauf , und gewahrte seinen Schatten an der Wand , er war in einer tragischen Stellung begriffen , die eine Hand in den Haaren , die andre hielt das Blatt , von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich vorrezitirte . Ich stieß ins Horn , rief ihm laut die Zeit zu , und ging meiner Wege . - Halt ! dort wacht ein Kranker - auch in Träumen , wie der Poet , in wahren Fieberträumen ! Der Mann war ein Freigeist von jeher , und er hält sich stark in seiner letzten Stunde , wie Voltaire . Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im Fensterladen ; er schaut blaß und ruhig in das leere Nichts , wohin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt , um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen . Die Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen , aber sie blühen rund um ihn auf den Gesichtern dreier holder Knaben . Der jüngste droht ihm kindlich unwissend in das blasse starre Antlitz , weil es nicht mehr lächeln will , wie sonst . Die andern beiden stehen ernst betrachtend , sie können sich den Tod noch nicht denken in ihrem frischen Leben . Das junge Weib dagegen mit aufgelößtem Haar und offner schöner Brust , blickt verzweifelnd in die schwarze Gruft , und wischt nur dann und wann den Schweiß , wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden . Neben ihm steht , glühend vor Zorn , der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe , den Freigeist zu bekehren . Seine Rede schwillt mächtig an wie ein Strom , und er mahlt das Jenseits in kühnen Bildern ; aber nicht das schöne Morgenroth des neuen Tages und die aufblühenden Lauben und Engel , sondern , wie ein wilder Höllenbreugel , die Flammen und Abgründe und die ganze schaudervolle Unterwelt des Dante . Vergebens ! der Kranke bleibt stumm und starr , er sieht mit einer fürchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen , und fühlt wie sich die kalte Eisrinde des Todes höher und höher zum Herzen hinaufzieht . Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schüttelte die morschen Fensterladen , wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist . Ich schauderte , der Kranke blickte plötzlich kräftig um sich , als gesundete er rasch durch ein Wunder und fühlte neues höheres Leben . Dieses schnelle leuchtende Auflodern der schon verlöschenden Flamme , der sichere Vorbote des nahen Todes , wirft zugleich ein glänzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstück , und leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frühlingswelt des Glaubens und der Poesie . Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Corregios Nacht , und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu Einem wunderbaren Glanze . Der Kranke wieß die höhere Hoffnung fest und entschieden zurück , und führte dadurch einen großen Moment herbei . Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele und mahlte jezt mit Flammenzügen wie ein Verzweifelnder , und bannte den ganzen Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden . Dieser lächelte nur und schüttelte den Kopf . Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiß ; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken , während der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert , der sich , ein freies Wesen , ihr frei opfern kann , wie sich die Indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen , und der Vernichtung weihen . Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen , und getreu seinem Karakter redete er jezt , indem ihm das Beschreiben zu ohnmächtig erschien , in der Person des Teufels selbst , der ihm am nächsten lag . Er drückte sich wie ein Meister darin aus , ächt teufelisch im kühnsten Style , und fern von der schwachen Manier des modernen Teufels . Dem Kranken wurde es zu arg . Er wendete sich finster weg , und blickte die drei Frühlingsrosen an , die um sein Bette blüheten . Da loderte die ganze heiße Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf , und über das blasse Antlitz flog ein leichtes Roth , wie eine Erinnerung . Er ließ sich die Knaben reichen , und küßte sie mit Anstrengung , dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust des Weibes , stieß ein leises , Ach ! aus , das mehr Wollust als Schmerz schien , und entschlief liebend im Arm der Liebe . Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu , donnerte ihm , der Bemerkung gemäß , daß das Gehör bei Verstorbenen noch eine längere Zeit reizbar bleibt , in die Ohren , und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bündig , daß der Teufel nicht nur seine Seele , sondern auch seinen Leib abfodern würde . Somit stürzte er fort , und hinaus auf die Gasse . Ich war verwirrt worden , hielt ihn in der Täuschung wahrhaft für den Teufel , und sezte ihm , als er an mir vorüberfahren wollte , die Pike auf die Brust . » Geh zum Teufel ! « sagte er schnaubend , da besann ich mich und sagte : » Verzeiht , Hochwürdiger , ich hielt euch in einer Art Besessenheit für ihn selbst , und sezte euch deshalb die Pike , als ein » Gott sei bei uns ! « aufs Herz . Haltet mir ' s diesmal zu Gute ! « Er stürzte fort . Ach ! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden . Das schöne Weib hielt den blassen Geliebten still in ihren Armen , wie einen Schlummernden ; in schöner Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht , und glaubte , daß ihn der Schlaf zum neuen Leben stärken werde - ein holder Glaube , der im höhern Sinne sie nicht täuschte . Die Kinder knieten ernst am Bette , und nur der jüngste bemühete sich den Vater zu wecken , während die Mutter , ihm schweigend mit den Augen zuwinkend , die Hand auf sein umlocktes Haupt legte . Die Szene war zu schön ; ich wandte mich weg , um den Augenblick nicht zu schauen , in dem die Täuschung schwände . Mit gedämpfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster , um in dem noch hörenden Ohre den Feuerruf des Mönchs durch leise Töne zu verdrängen . Den Sterbenden ist die Musik verschwistert , sie ist der erste süße Laut vom fernen Jenseits , und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester , die zum Himmel zeigt . So entschlummerte Jakob Böhme , indem er die ferne Musik vernahm , die Niemand , ausser dem Sterbenden hörte . Zweite Nachtwache Die Stunde rief mich wieder zu meiner nächtlichen Handthierung ; da lagen die öden Straßen , wie zugedeckt vor mir , und nur dann und wann flog ein Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin , und weit , weit in der Ferne murmelte es drein wie unverständlicher Zauberspruch . Mein Poet hatte das Licht ausgelöscht , weil der Himmel leuchtete und er dies leztere für wohlfeiler und poetischer zugleich hielt . Er schauete hoch droben in die Blitze hinein , im Fenster liegend , das weiße Nachthemd offen auf der Brust , und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf . Ich erinnerte mich an ähnliche überpoetische Stunden , wo das Innere Sturm ist , der Mund im Donner reden , und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen möchte , um damit in feurigen Worten zu schreiben . Da fliegt der Geist von Pole zu Pole , glaubt das ganze Universum zu überflügeln , und wenn er zulezt zur Sprache kommt - so ist es kindisch Wort , und die Hand zerreißt rasch das Papier . Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir , der am Ende immer nur schadenfroh über meine Schwäche aufzulachen pflegte , gewöhnlich durch das Beschwörungsmittel der Musik . Jezt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn zu stoßen , und da geht ' s auch vorüber . Überall kann ich allen denen , die sich vor ähnlichen poetischen Überraschungen wie vor einem Fieber scheuen , den Ton meines Nachtwächterhorns als ein ächtes antipoeticum empfehlen . Das Mittel ist wohlfeil und von großer Wichtigkeit zugleich , da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie für eine Wuth zu halten pflegt , mit dem einzigen Unterschiede , daß jener diese Wuth vom Himmel und nicht aus dem Narrenhause herleitete . Mag dem indeß sein , wie ihm wolle , so bleibt es doch heut zu Tage mit der Dichterei überall bedenklich , weil es so wenig Verrückte mehr giebt , und ein solcher Überfluß an Vernünftigen vorhanden ist , daß sie aus ihren eigenen Mitteln alle Fächer und sogar die Poesie besetzen können . Ein rein Toller , wie ich , findet unter solchen Umständen kein Unterkommen . Ich gehe deshalb auch nur jetzt blos noch um die Poesie herum , das heißt , ich bin ein Humorist worden , wozu ich als Nachtwächter die meiste Muße habe . - Meinen Beruf zum Humoristen müßte ich hier freilich wohl zuvor erst darthun , allein ich lasse mich nicht darauf ein , weil man es überhaupt jezt mit dem Berufe selbst so genau nicht nimmt , und sich dagegen mit dem Rufe allein begnügt . Giebt es doch auch Dichter ohne Beruf , durch den bloßen Ruf - und somit ziehe ich mich aus dem Handel . Eben flammte ein Bliz durch die Luft , da schlichen drei an der Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven . Ich rief sie an , doch war ' s schon wieder Nacht rings um , und ich sah nichts , als einen glühenden Schweif und ein paar feurige Augen , und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nähe , wie zu einer Don Juans Begleitung : » Thu was deines Amtes ist , Nachtrabe ; aber mische dich nicht ins Geisterwerk ! « Das war mir doch etwas zu arg , und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme her kam ; eben blizte es wieder - da waren die drei in Luft zerronnen , wie Makbeths Hexen . » Erkennt ihr mich nicht für einen Geist an ; « - rief ich noch zornig hinterdrein , in der Hoffnung daß sie ' s vernähmen - » und doch war ich Poet , Bänkelsänger , Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nach einander . Ich möchte doch Eure Geister gekannt haben im Leben - wenn ihr anders wirklich bereits daraus seid ! - ob sich der Meinige mit ihnen nicht hätte messen können ; oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode , wie wir das Beispiel bei manchen großen Männern erfuhren , die erst nach ihrem Tode berühmt wurden , und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen ; gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird . « - Jezt war ich der Wohnung des exkommunizirten Freigeistes bis auf einige Schritte nahe gekommen . Aus der offenen Thür legte sich ein matter Schein in die Nacht hinein , und floß oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen , auch murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen herüber , wie wenn das Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedächte . Auf der Hausflur war der Todte , der üblichen Sitte gemäß , offen ausgestellt , um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen , weil der Pfaff , teuflischen Andenkens , die Weihe verweigert hatte . Der Verstorbene lächelte in seinem festen Schlafe darüber , oder über seinen eignen thörichten Wahn , den das Jenseits widerlegt hatte , und sein Lächeln glänzte wie ein ferner Wiederschein vom Leben über die starren vom Tode verfestigten Züge . Durch eine lange , wenig erleuchtete Halle , schaute man in eine schwarz behängte Nische ; dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter vor einem Altare - die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern - in stummes angstvolles Gebet versunken , um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel , dem der Pfaff sie zugesprochen , zu entreißen . Der Bruder des Abgeschiedenen allein , ein Soldat , hielt im festen sichern Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Muth , der es mit dem Teufel selbst aufzunehmen wagte , Wache an dem Sarge . Sein Blick war ruhig und erwartend , und er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Todten und in das Wetterleuchten , das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte ; sein Säbel lag gezogen auf der Leiche , und glich mit seinem wie ein Kreuz gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich . Übrigens herrschte Todtenstille rings um , und außer dem fernen Murren des Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts . So bliebs , bis in einzelnen ernsten Schlägen die Klocke Mitternacht ankündigte ; - da führte plözlich der Sturmwind hoch oben in den Lüften die Gewitterwolke wie ein nächtliches Schreckbild herüber , und bald hatte sie ihr Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet . Die Kerzen um den Sarg verlöschten , der Donner brüllte zürnend , wie eine aufrührerische Macht herunter und rief die festen Schläfer auf , und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus , wodurch das starre blasse Antliz des Todten allein grell und periodisch beleuchtet wurde . Ich sah jezt , daß der Säbel des Soldaten durch die Nacht blizte , und dieser sich muthig zum Kampfe rüstete . Es währte auch nicht lange - die Luft warf Blasen auf , und die drei Makbeths Geister waren plötzlich wieder sichtbar , wie wenn der Sturmwind sie beim Scheitel herangewirbelt hätte . Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und Schlangenhaar , und den ganzen höllischen Apparat . Mich faßte in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare , und als sie die Gasse herauffuhren , mischte ich mich rasch unter sie . Sie stuzten , wie wenn sie auf bösen Wegen gingen , über den vierten ungebetenen der zu ihnen stieß . » Nun zum Teufel ! Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen ! « rief ich wildlachend aus . » Drum laßt euch nicht irren , daß ich euch auf bösen antreffe . Ich bin eures Gleichen , Brüder , ich mache mit euch Gemeinschaft ! « - Das brachte sie wahrhaftig in Verlegenheit . Der Eine stieß ein » Gott sei bei uns ! « aus , und kreuzte sich , was mich Wunder nahm , weshalb ich ausrief : » Bruder Teufel fall nicht so hart aus dem Karakter , ich möchte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich für einen Heiligen halten , zum mindesten für einen Geweihten . - Überlege ich ' s indeß reiflicher , so muß ich dir wohl eher Glück wünschen , daß du endlich auch das Kreuz verdauet hast , und von Haus aus ein eingefleischter Teufel , dich dem Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest ! « An der Sprache mochten sie es endlich weg haben , daß ich nicht einer ihres Gleichen wäre , und sie fuhren alle drei auf mich ein , und sprachen nun gar in einem ächt klerischen Tone von Exkommuniziren , u.d. gl . wenn ich sie in ihrer Handthierung stören würde . » Sorgt nicht , « erwiederte ich , » ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht geglaubt , doch seit ich euch gesehen , ist er mir klar worden , und ich bin gewiß , daß ihr zunftfähig seid . Macht eure Sachen ab , denn mit der Hölle und der Kirche kann ' s kein armer Nachtwächter aufnehmen . « Dahin fuhren sie , ins Haus hinein . Ich folgte bedenklich nach . Es war ein furchtbares Schauspiel , Blitz und Nacht wechselten Schlag auf Schlag . Jezt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und das Blitzen des Säbels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes , dazwischen schauete der Todte mit seinem blassen starren Gesichte unbeweglich wie eine Larve . Dann war es wieder tiefe Nacht , und nur fern , im Hintergrunde der Nische ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im verzweifelnden Gebet . Es ging alles still und ohne Worte zu ; aber jezt krachte es auf einmal zusammen , wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte . Die Blitze wurden sparsamer und es blieb längere Zeit Nacht . Nach einem Weilchen indeß fuhren zwei rasch zur Thür heraus , und ich sah es durch die Finsterniß bei dem Leuchten ihrer Augen - sie trugen wirklich einen Todten mit sich fort . Da stand ich , in mich hineinfluchend vor der Thür ; auf der Flur war es ganz finster , keine Seele regte sich , und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmanne , zum mindesten , den Hals gebrochen . In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz , mit dem sich die Gewitterwolke völlig entlud , und blieb , gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel , eine zeitlang in der Luft , ohne zu verlöschen . Da sah ich den Soldaten wieder ruhig und kalt am Sarge stehen , und die Leiche lächelte wie zuvor - aber , o Wunder ! dicht neben dem lächelnden Todtenantlitze grinsete eine Teufelslarve , und der Rumpf fehlte zum Ganzen , und ein purpurrother Blutstrom färbte das weiße Sterbegewand des schlafenden Freigeistes . - Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel , vergaß es , zu blasen und die Stunde abzusingen und floh meiner Hütte zu . Dritte Nachtwache Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage , in der That wenig ; denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten : Die Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens wenn sie träumen einiges Interesse abgewinnen . Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit nur Unzusammenhängendes , das ich eben so unzusammenhängend mittheilen will . Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe , war es doch kein gewöhnlicher , sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt . Die Justiz , der es vorgelegt wurde , wies die Sache von sich , indem sie äußerte , daß die Köpfe eben nicht in ihr Fach schlügen . Es war in der That ein böser Handel und man gerieth sogar in Streit darüber , ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren , indem er einen Todschlag begangen , oder ihn vielmehr kanonisiren müße , weil der Erschlagene der Teufel . Aus dem leztern entsprang wieder ein neues Übel ; es wurde nemlich in mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt , weil man den Teufel jezt geradezu läugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief . Die Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres , daß ein Teufel auch ohne Kopf bestehen könne , wovon sie Beweisgründe , aus ihren eigenen Mitteln , anzuführen , erböthig wären . Aus dem Kopfe selbst konnte man in der That nicht ganz klug werden . Die Physiognomie war von Eisen ; doch ein Schloß , das sich an der Seite befand , führte fast auf die Vermuthung , daß der Teufel noch ein zweites Gesicht unter dem ersten verborgen hätte , welches er vielleicht nur für besondere Festtage aufsparte . Das Schlimmste war , daß zu dem Schlosse , und also auch zu diesem zweiten Gesichte , der Schlüssel fehlte . Wer weiß was sonst für fruchtbare Bemerkungen über Teufelsphysiognomien hätten gemacht werden können , da hingegen das erste nur ein bloßes Alltagsgesicht war , das der Teufel auf jedem Holzschnitte führt . In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewißheit , ob man ein ächtes Teufelshaupt vor sich habe , wurde beschlossen , daß der Kopf dem Doktor Gall in Wien zugesandt würde , damit er die untrüglichen satanischen Protuberanzen an ihm aufsuchen möchte ; jezt mischte sich plötzlich die Kirche ins Spiel , und erklärte daß sie bei solchen Entscheidungen als die erste und lezte Instanz anzusehen sei , sie ließ sich den Schädel ausliefern , und wie es bald darauf hieß , war er verschwunden , und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben , wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm . Somit blieb die ganze Sache so gut , wie unaufgeklärt , um so mehr , da der einzige , der allenfalls noch einiges Licht hätte geben können , jener Pfaff nemlich , der das Anathema über den Freigeist aussprach , an einem Schlagflusse plötzlich Todes verfahren war . So sagte es wenigstens das Gerücht und die Klosterherren ; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen , weil er , der warmen Jahrszeit wegen , schnell beigesetzt werden mußte . Die Geschichte ging mir während meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum , denn ich hatte bis jezt nur an einen poetischen Teufel geglaubt , keinesweges aber an den wirklichen . Was den poetischen anbetrifft , so ist es gewiß sehr schade , daß man ihn jezt so äußerst vernachlässiget , und statt eines absolut bösen Prinzips , lieber die tugendhaften Bösewichter , in Ifland- und Kotzebuescher Manier , vorzieht , in denen der Teufel vermenschlicht , und der Mensch verteufelt erscheint . In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbstständige ; deshalb mögen wir denn auch weder ächten Spaß , noch ächten Ernst , weder ächte Tugend noch ächte Bosheit mehr leiden . Der Zeitkarakter ist zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke , und was das Ärgste dabei ist - der Narr , der darin stekt , mögte ernsthaft scheinen . - Als ich diese Betrachtungen anstellte , hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt , der eben einen solchen grauen Mantel trug , als ich . Da bewegten sich plözlich eine weibliche und eine männliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich , weil sie mich für den Blind- und Taubstummen von Stein hielten . Der Mann ließ es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast , und sprach in einem Athem von Liebe und Treue ; das Frauenbild dagegen zweifelte gläubig , und machte viel künstlichen Händeringens . Jezt berief sich der Mann keklich auf mich , und schwur er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild . Da wachte der Satyr in mir auf , und als jener die Hand gleichsam zur Betheuerung auf meinen Mantel legte , schüttelte ich mich boshaft ein wenig , worüber beide erstaunten ; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel , und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt , wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren . Er verschwur jezt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und Tragödien seine Seele , wenn er jemals treulos ; zulezt redete er gar noch in der Manier des Don Juan , dem er diesen Abend beigewohnt hatte , und schloß mit den bedeutenden Worten : » dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei unserm nächtlichen Mahle , meine ich ' s nicht redlich . « Ich merkte mir ' s und hörte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb , und eine geheime Feder an der Thür , wodurch er diese öffnen könne , zugleich auch die Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte . Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Plaze , fand das Haus , die Thür , nebst der geheimen Feder , und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem Saale , auf dem es dämmerte . Das Licht fiel durch zwei Glasthüren ; ich nahete mich der einen , und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische , von dem ich anfangs zweifelhaft blieb , ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sey , so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt , und nur bloß der Ausdruck von Arbeit geblieben . Das Wesen schrieb , in Aktenstöße vergraben , wie ein lebendig eingescharrter Lapländer . Es kam mir vor als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus , über ihr , kosten , denn alles Leidenschaftliche und Theilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne ausgelöscht , und die Marionette saß , leblos aufgerichtet , in dem Aktensarge voll Bücherwürmer . Jezt wurde der unsichtbare Drath gezogen , da klapperten die Finger , ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander ; ich blickte schärfer hin - es waren Todesurtheile . Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung , gleichsam die personifizirte Seele der Marionette . Tadeln konnte ich ' s nicht ; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine , die willenlos niederfällt ; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstäte , auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurtheile vollstreckt hatte . Beim Himmel hätte ich die Wahl zwischen beiden , lieber wäre ich der lebende Sünder , als dieser todte Gerechte . Noch mehr ergriff es mich , als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah , als wäre es an einem leblosen Exemplare nicht genug , und eine Doublette nöthig , um die todte Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen . Jezt trat die Dame von vorhin ein , und die Marionette zog die Mütze ab , und legte sie ängstlich erwartend bei sich hin . » Noch nicht schlafen gegangen ? « sagte jene , » was führen Sie für ein wildes Leben ! die Phantasie ewig angespannt ! « - » Phantasie ? « fragte er verwundert , » was meinen Sie damit ? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten , in denen Sie jezt reden . « - » Weil Sie sich für nichts Höheres interessiren ; nicht einmal für das Tragische ! « - » Tragisch ? Ei allerdings ! « antwortete er selbstgefällig , » sehen Sie hier , ich lasse drei Delinquenten hinrichten ! « - » O weh , welche Sentiments ! « - » Wie ? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen , weil in den Büchern die Sie lesen , so viele ums Leben kommen . Deshalb habe ich auch , um Sie zu überraschen , die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt ! « - » Mein Gott ! Meine Nerven ! « - » O weh , Sie bekommen den Zufall jezt so häufig , daß mir jedesmal bang im Voraus wird ! « » Ach ja , Sie können leider dabei nicht helfen . Gehen Sie nur , ich bitte , und legen