Unger , Friederike Helene Albert und Albertine www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friederike Helene Unger Albert und Albertine Die frühe sich verloren hatten , Die finden sich im Abendschatten , Und eilen Hand in Hand zur Ruh . Erstes Kapitel Vergebens hatte Albertine am Ufer des Baches Gras und Gesträuch durchsucht ; nirgend , nirgend war der werthe Ring zu finden . » Er ist verloren , « rief sie schmerzlich . Die Abendsonne röthete ihr Gesicht und ließ eine Thräne der Beängstigung sichtbar werden . Traurig ließ sie sich am Ufer des Baches nieder , das zarte Händchen auf ein Polster von Moos stützend . Plötzlich fiel , unfern von ihr , ein Schuß im Schilf ; sie sprang auf . Eine männliche Stimme rief voll Entsetzen : Herr Jesus ! und in dem Augenblick stand ein junger , schöner , stattlicher Jäger vor Albertinen . Albert hatte an dem Geräusch vernommen , daß sich da , wo er nur Enten vermuthete , etwas viel Besseres in seiner Schußlinie befände . Rasch warf er die Flinte von sich und eilte der Stelle zu . Über alle Beschreibung überraschte ihn die Gegenwart des reizvollen jungen Mädchens , das er , dem schlichten anspruchlosen Anzuge nach , für ein gewöhnliches Landmädchen gehalten hätte , wenn der edle hohe Anstand der schönen Gestalt und die Fülle von Geist aus dem dunkelblauen Auge , ihn nicht eines andern belehrt hätte . Im ersten Momente glaubte Albert , ein leichtes Gespräch anknüpfen zu können . Jetzt aber schämte er sich so , daß er sich nur in Alltagsformeln über den Schrecken auszubreiten wußte , den ihr sein Schuß verursacht haben mußte . » So leicht erschrecke ich nicht , « antwortete Albertine ganz unbefangen ; » ich schieße zum Scherz wohl selbst zuweilen ein Gewehr ab . « Jetzt bückte sie sich , und begann von neuem den Ring zu suchen . Albert bückte sich und suchte emsig mit , ohne zu wissen was ? » Was suchen denn Sie ? « fragte Albertine lächelnd . Albert sahe ihr ins Auge und lächelte beschämt . Nun erzählte sie , daß sie am frühen Morgen hier mit einer Freundin gewesen sei , Kräuter zu suchen , wobei sie einen Ring verloren habe , welchen sie erst nachher vermißte . » Der Ring ist von großem Werth ? « sagte Albert . » Für mich von unsäglichem , « erwiederte Albertine lebhaft . » Ein Haargeflecht von ganz so schönem glänzend blondem Haar , als das Ihrige ist , umschlingt ihn . « Hier zeigte sie mit kindlicher Unschulds Geberde auf Alberts volle blonde Locken , die seine schöne weiße Stirn umflossen . Albert erröthete . Gewiß ein Pfand der Liebe , daß sie der Ring so kümmert , dachte er mit einigem Unmuthe . Doch war er zu delicat , irgend eine Bemerkung der Art laut werden zu lassen . Der reine Ausdruck ihres unschuldvollen Gemüthes gebot ihm Ehrfurcht . Daher keine Frage um Stand und Namen . Auch Albertine fragte nicht darnach ; ihr war es genug , er war liebenswürdig und bescheiden ; auch hatte der reine Tenor seiner biegsamen Stimme , schon leise zu seinem Besten bei ihr gesprochen . Zutraunsvoll legte sie ihren Arm in den seinigen , als sie sich wegbegeben wollte , wobei sie ungezwungen äusserte , ihrem Onkel , der gern Gesellschaft bei sich sähe , würde seine Bekanntschaft sehr angenehm seyn . Unterweges sprach Albert von den Vorzügen des Landlebens . Albertine drückte sich mit Wärme über Naturgenuß aus ; doch gestand sie freimüthig , das fortwährende Landleben habe ihr Langeweile gemacht , deshalb habe sie ihren Bruder verlassen und sich zu ihrem Onkel begeben , der nur die Sommermonate auf seinem Landsitze zubringe . Alberten gefiel dies offene Geständniß , je seltener es war ; weil mehrentheils die entschiedensten Weltfrauen sich für die Stille des Landlebens zu erklären affectiren , die dann freilich ihrer erschlafften Existenz durch Landluft und Badecur neue Spannung , zum Vollgenuß des bunten Weltlebens verschaffen müssen . Schon schwebte Alberten eine Artigkeit hierüber auf der Zunge , doch hielt er sie zurück , als er Albertinen sich über so mancherlei , so sinnig und gehaltreich auslassen hörte ; er würde sich ihr gegen über mit irgend einer Stutzer Galanterie , unbeschreiblich fade erschienen seyn . So wie sich ihm mit jedem ihrer Worte , neue Schönheiten ihrer geistvollen Bildung entwickelten , wurde sie ihm interessanter . Der lange Weg längs der duftenden Wiese und durch das kleine Buchenwäldchen , dünkte ihm gar zu kurz , als sie an Albertinens Wohnort , einem geschmackvollen einladenden Landhause angekommen waren . Zweites Kapitel Durch einen Lauben-Gang blühender Akazien , wurde Albert in einen elegant geschmückten Salon eingeführt , wo einige Herrn und Damen um einen Theetisch versammelt saßen . Ganz isolirt thronte ein zierlicher Herr aus der Classe alter Jünglinge , hoch in einem grünattlassenen Armstuhl , die geschwollenen Beine weit über ein elastisches Kissen vor sich hinstreckend . Er war Albertinens Onkel , der reiche , übersatte Banquier Dämmrig . Als Albertine ihm ihren Begleiter vorstellte , lüftete er ein wenig das seidne Baret vom künstlich nachlässigen Haar und fragte mit grellem nasenden Ton : » wer - wen - hm , hm , - hat man die Ehre ? « Albertine blickte verlegen auf Alberten ; daran hatte sie warlich noch nicht gedacht . Plötzlich flog es ihr durch die Seele , sie könne wohl etwas thörichtes begangen haben . Befriedigend war ihr also seine Antwort , als er sich Albert von Ulmenhorst nannte . Wie er sagte , war er erst kürzlich von seinen Reisen zurück gekommen und bewohne jetzt sein in der Nachbarschaft gelegenes Gut Ulmengrund . Die süßen Wörtlein : von und Reisen , durchfuhren den weiblichen Kreis , der bis dahin keine Notiz von dem schönen Jäger genommen hatte , wie ein elektrischer Schlag . Zum hohen Verdrusse eines jungen strupfköpfigen Schöngeistes , der eben ein Manuscript vorlesen wollte , rief die prima Donna der kleinen Witzbühne mit geziertem Tone : » Albertine ! wollen Sie uns ihren Fremden nicht auch vorstellen . Mon cher , ich prätendire , sie sollen uns den fremden Herrn nicht vorenthalten . « Dieser mon cher , war der Onkel mit den geschwollenen Beinen . Albertine stellte ihren Begleiter mit der leichten Grazie und dem unbefangenen Anstand , womit sie alles that , der übrigen Gesellschaft vor . Albert wurde durch den Platz neben der prima Donna der Madame Rosamund ausgezeichnet , welches der junge Schwedenkopf gar ungnädig zu vermerken schien ; denn er schnitt greuliche Gesichter und warf das Manuscript recht ungezogen auf den Tisch , auch machte er Alberten nur so eben Platz , als ob es in einem großen Gedränge gewesen wäre , wie dieser vor ihm vorbei zu seinem Sitze ging ; dabei erwiederte er dessen höfliche Verneigung gar nicht , und setzte sein Gespräch so laut fort , als ob gar keine Veränderung in der Gesellschaft vorgefallen sei , ausser daß er jetzt auf eine unverständige Weise , in der Geschwindigkeit einige Invectiven gegen den Adel einzumischen affectirte , nachher Alberten in allem widersprach , ohne jedoch das Gespräch unmittelbar an ihn zu richten ; denn das wäre ja höflich gewesen . Als eine von den Damen anmerkte , es sei ein sonderbarer Zufall , welchem die Gesellschaft die Gegenwart des Herrn von Ulmenhorst verdanke , schnitt der Strupfkopf Alberten die Antwort vor dem Mund weg , um zu beweisen , daß es eigentlich gar keinen Zufall gäbe . Nachdem er nun eine gute Zeit lang den Begriff durch ein gar kunstvolles Raisonnement verzerrt und verdüstert hatte , ließ er ab ; er hatte nun seine Absichten erreicht , Alberten um das Gespräch zu bringen und die hohe Bewundrung der Damen zu verdienen , die gar nicht begreifen konnten , wo er in aller Welt nur allen Verstand hernähme ? Albert an seinem Theile begriff nicht , wie einer zum frohen Geistesgenusse versammelten Gesellschaft , so ein pedantischer Galimatias hingegeben werden dürfe . Dabei aber wurde er inne , daß er sich in einem ästhetischen Theeklub befände , in einer der Witz-Trödel-Buden , wo alte Waare neu aufgestutzt , von Unkundigen angestaunt wird . Er nahm sich vor , ein stiller , aber desto aufmerksamerer Beobachter zu seyn . Albertine warf es Alberten scherzend vor , daß er sie beinahe erschossen hätte . Auch hier warf sich der Rundkopf mit wieherndem Gelächter dazwischen , indem er bemerkte , dies gäbe einen schönen Stoff zu einem komischen Heldengedichte , indem es ganz neu sei , daß der Ritter seine Dame für eine wilde Ente ansähe . Albertine erröthete ; Albert schwieg indignirt , ob dem arroganten Ton , und die Damen begriffen wieder nicht , wo ihr Freund all den Witz hernähme ? » Wollen Sie uns nicht etwas von ihren Reisen mittheilen , mein Herr von Ulmenhorst ? « lispelte Frau Rosamund . » Das müßte interessant seyn , « setzte der Tituskopf Wassermann hinzu . Albert antwortete den Damen etwas , wobei ihm der Name Weimar entfiel . Alle Weiber faßten dies rasch auf und alle fragten im Unisono : » also haben sie Göthe gesehen ? « » Er war der Zweck meines dasigen Aufenthalts . « » Oh ! Oh ! Göthe ! ! « wieder im Unisono . » Bitte , bitte , lieber , lieber Herr von Ulmenhorst , sagen Sie uns doch recht viel , aber recht recht sehr viel , von Papa Göthe , « zwitscherte das liebe alte Kind Elisa , Dämmrigs Schwester . » Wir werden Sie ja näher kennen lernen . « Schon öffnete Albert freundlich die Lippen , den Frauen zu willfahren , als Wassermann sich wüthig dazwischen stürzte . Ein Ungeweihter sollte nie über Göthe sprechen , sagte er ; den er ganz allein nur verstand und begriff . Überdem war er ein Philosoph , der alle Dinge wußte , alles ergründete und sich nie der erbärmlichen Krücke der invaliden Menschheit , der Erfahrung bediente , die ihm ein Greuel war . Nur in dem großen Lazarethe geistiger Krüppel brauchte man diesen traurigen Nothbehelf . Wollten es die guten Götter , sagte er oft , ich wäre taub und blind geboren , meine Begriffe über tausend Erscheinungen wären in und aus mir selber ausgesprochen , richtiger , als sie es durch die gemeine Einwirkung der Sinne geworden sind ! So gestand er zwar jetzt , daß er Göthe in seinem ganzen Leben nie anders , als in sehr unvollkommenen Abbildungen gesehen habe ; indeß stehe ihm das Bild des Verehrten so lebendig aus seinen Werken vor der Seele , daß er ihn Zug für Zug abzucontrefayen im Stande sei . Und nun begann der gute Wassermann das Werk ; er sprach vom ewigen Schnitte des Gesichts , von Mundwinkeln , von Lippenöffnung , vom Augenaufschlagen , von Nasenflügeln . Sie begreifen es , meine Damen , das ächt gebildete Wesen , das rein menschliche , muß stets von schöner Form umgeben seyn . Aber der rohe Haufen hat keine Ahnung von dem Formellen , will nur immer Stoff und wieder Stoff . Sie verstehen mich , meine Schönen ! - Es erscholl ein zweideutiges : O ja ! Albert schüttelte bedenklich den Kopf und betheuerte auf seine Ehre , an dem allen sei keine Sylbe wahr ; Göthe ' s Bild sei durchaus Zug vor Zug verfehlt . Als hier Wassermann rasend schrie , Ulmenhorst müsse sich resigniren und eingestehen , Göthe sei ihm eine zu hohe unbegreifliche Erscheinung , die sich ihrer Überlegenheit über gemeine Menschen Natur bewußt , wie ein Gott da stehe , wurde der zartsinnigen Elise bange ; sie durchschnitt den beginnenden Streit mit der Frage , ob Albert den großen Dichter der Iphigenie wohl im Negligee gesehen habe ? und von welcher Façon er es trage ? Hier bekam Wassermann einen schönen Anlaß , über die kleinliche Neugier der Weiber zu spotten ; denn nie ließ er eine Gelegenheit vorbei , etwas Verächtliches über das Geschlecht zu sagen , dem er insgeheim mit Heißhunger nachjagte . » Göthe « erwiederte Albert , als er endlich zum Worte kommen konnte , » erscheint allen , die ihn begreifen , deren unbefangene Natur in seine schöne Individualität eingreift , im liebenswürdigsten Negligee , und nie erscheint er solchen aufgesteift mit dem ranailleusen Minister Air , wie der gute Lavater das irgendwo sehr sonderbar nennt . Diese Seite wendet er nur heterogenen Naturen und unberufenen Erklärern der seinigen mit gerechtem Selbstgefühl zu . « » Möchte ich mich diesem Edlen entgegen ranken können , « lispelte Elisa ! » Möchte ich in der seligen Fluth des Genusses seiner Freundlichkeit untergehen können ! « Frau Rosamund belächelte Elisens Schwärmerei und meinte , die Gute werde die Sehnsuchtsklänge ihrer Seele in Klagliedern grünen lassen müssen . Wassermann schoß während dem grimmige Blicke und schwieg , weil ihm eben nicht etwas recht grobes einfiel . » Unserm Freunde schwebt ein schöner Einfall auf den Lippen , « sagte Laurette , schneidend boshaft ; » heraus damit . « » Um der Götter willen ! Mademoiselle , verschonen Sie mich mit dergleichen Voraussetzungen . Witz , nebst seinen Aborten , den Einfällen , überlassen reelle Producenten gern den Damen und ihren vielfarbigen Rittern . « » Unser Freund spricht und spielt mit Sonnenstrahlen , « entgegnete Frau Rosamund . Ernst und Scherz , Witz und Laune , hörte sie , wie eine Schaar von Rosen , sich in ihm regen . » Oh ! a propos vom Witz ! Wo bleibt Antonie ? Immer bleibt sie uns noch die Vorlesung ihres Romans schuldig , « sagte Elise . » Ihr Bedienter hat jetzt nicht Zeit zum Schreiben ; er muß die Farben reiben , Antoniens Jugend aufzufrischen , « sagte Wassermann , im unangenehmsten Tone . » Wie ? « rief Laurette , ihm drohend ; » haben Sie die platten Erzeugnisse dieser Schleichhändlerin mit fremden Gedanken , dieser Ideen Diebin , nicht bis in den Himmel erhoben ? « » Habe ich je ihren Wasch und Kochzeddel bewundert ? sie sind warlich das Beste , was sie edirt . Ich habe irgendwo ihre Ansprüche beleuchtet , und ich verspreche Ihnen , mes Dames , sie soll uns das Epigramm selbst vorlesen , wodurch ich sie vernichte . « » O schön ! schön ! « riefen Antoniens Herzensfreundinnen . » Die Närrin muß endlich auf ihr Nichts reducirt werden . Sie hat keinen Funken producirender Kraft . « » Kraft ! « schrie Wassermann ; » was ist Kraft ? Am Ende doch nichts anders als eine precäre Anleihe an die Phantasie , oder die Magd derselben . Warum vergeuden sie so viel Geistesaufwand an diese pitoyable Erscheinung . « » Antoniens intellectuelle Tendenzen sind die miserabelste Misere , der schmutzigste Nachdruck des unverständigsten Unverstands , « setzte die superfeine Frau Rosamund mit gespitztem Mäulchen hinzu . » Schön , herrlich ! « rief Wassermann . » Das war eine süperbe Skizze zu einem großen Gedanken . « » Sollte sich wirklich etwas Schönes über die gemeinste Gemeinheit sagen lassen ? « meinte Laurette , eine zweite Nichte des Bankiers , die sich durch ihre Herzlosigkeit , ihren schneidenden absprechenden Ton , ihre Unempfänglichkeit für zartere Weiblichkeit , ihr rasches Aufnehmen jeder Verschrobenheit , den Beinamen , die Philosophin in diesem Zirkel erworben hatte . So schleppte sich das Gespräch in dem einmal angegebenen Ton über Antonien , die sonst die Seele , das Idol dieser Versammlung zu seyn schien , immer weiter . Albert war nun im Ernste verstummt ; ihm graute vor diesem Don Lucifer und der falschen Klike . Aber wohl thats ihm im Innersten , daß Albertine dem allem ganz fremd blieb und sich indeß mit Aufmerksamkeit um ihren Onkel mühete , um den sich sonst Niemand zu bekümmern schien . Antonie hatte ganz lyrisch , mit Rosen bekränzt , und mit Gesang , den Kreis der Freunde , gleich einer himmlischen Erscheinung , plötzlich durchschweben wollen , sie hatte das freundliche , sie betreffende , Gespräch in einem anstoßenden Cabinett belauscht und stürzte jetzt ziemlich furienartig , heraus . » Ha ! Schlangen ! ihr hattet mich umwunden ; jetzt verletzt euer Gezisch mein Ohr ! Unter den Blumen eurer verhaßten Reden schlummern Nattern . Von nun an scheide ich von euch aus ; aber empfinden , ja empfinden sollt ihr ' s. Euer Ruf ist dahin , den übernehme ich ; in den Koth mit ihm , und ihr , ihr fahret zur Hölle ! « So stürzte sie heulend und schimpfend zur Thür hinaus , und gab Lauretten , die sich ihr in den Weg stellte , einen so kräftigen Stoß , daß diese taumelnd zurück fiel . Rosamunde erklärte , sie sei petrificirt . Elise behauptete , sie sei complett in einen Fels verwandelt . Laurette schickte Antonien ein schallendes Gelächter nach , weil ihr eben die Geistesgegenwart zu etwas recht Boshaftem fehlte . Traurig legte Elise den Lorbeerkranz bei Seite , womit sie eben heut Göthe ' s neu angelangte , und in dem Versammlungssaal aufgestellte , Büste feierlich hatte krönen wollen ; sie zwitscherte leise die dazu aus des Dichters Tasso erwählten Worte , als sie den Kranz , bis auf weitern Bescheid , in den zierlichen Schrein zurücklegte . » Die war ganz göttlich grob , « rief der Herr mit den geschwollenen Beinen . Ihm hatte der Auftritt unsäglich viel Spaß gemacht . Er nannte ihn ein wünschenswerthes Intermezzo in einem zum sterben trockenen Drama . Auch belachte der gute Herr die Szene sowohl , als seinen schönen Einfall darüber , so unmäßig , daß er darob in einen Stickhusten gerieth , der vor der Hand aller Unterredung ein Ende machte . Nachher bemerkte Madame Rosamund , die den Einfall mit dem Drama und dem Intermezzo sehr übel empfunden hatte , mon cher werde besser thun , sich auf sein Zimmer zu begeben , als die Unterhaltung so ungeziemend zu unterbrechen . Mon cher , der je und je seinen Witz in platten Ausfällen gegen die Ehe und den Hausstand ergossen hatte , war gut genug erzogen , dem Winke einer gebietenden Maitresse sogleich zu gehorchen . Er rief einen Bedienten , der ihn wegführte , indeß er noch immer betheuerte , dieser Auftritt sei die artigste kleine Falschheit , die drolligste Plaisanterie , die ihm je vorgekommen sei . Mit allerliebst freundlichem Gesicht folgte Albertine ihrem Onkel und trug ihm Tabatiere und Arzneiglas nach . » Dem Kinde wird die Zeit unter uns lang , « sagte Wassermann , Albertinen bedeutend nachwinkend , den andern Weibern die Cour zu machen . - Im Herzen hielt er Albertinen weder für ein Kind , noch seiner Bemerkung unwerth . - » Es ist natürlich , « entgegnete Rosamunde . » Wo soll sie ' s herhaben ? Das ist vom Lande und kennt nur seinen Gellert und seinen Haushaltcalender . « » Um Verzeihung , liebes Tantchen , « gellte Laurette dazwischen , die , um sichs recht wohl seyn zu lassen , vor Rosamunden kroch , und sie Tante nennte ; - » um Verzeihung , sie hat wirklich auch die schöne Genoveva und den Kaiser Octavian gelesen ; ja wahrhaftig das hat sie . « » Lassen sie mir das gute Kind mit Frieden , « sagte Elisa gutmüthig ; » es liegt recht viel in ihr und sie betreibt sehr ernste Studien mit ihrer Madame Euler . « Albert hatte in diesem Augenblick die Tante recht lieb , um des Guten willen , das sie von Albertinen sagte ; er hoffte jetzt mehr von ihr zu erfahren , aber das Gespräch wendete sich , als von einem zu gehaltlosen Gegenstand , wieder von ihr ab und auf literarische Erörterungen , die , weil sie alle von einem Schlage waren , unserm Albert so wenig zusagten , daß er sich empfehlen wollte . Das gaben aber die Damen schlechterdings nicht zu , und die Wahrheit zu sagen , ließ er sich auch recht gern erbitten . Albertine war ihm in den flüchtigen Augenblicken seiner Bekanntschaft mit ihr sehr werth geworden . Die Feinheit und Grazie ihres Benehmens war ihm nicht entgangen ; er wünschte von ihren Verhältnissen zu diesem seltsamen Geschlechte mehr zu erfahren ; sie schien ihm keinem unter allen diesen durch Liebe anzugehören , und die natürlichen Bande ziehen nicht stark genug , entgegenstrebende Naturen einander näher zu bringen . Die stürmische Szene mit Antonien hatte alle Fäden der Unterhaltung zerrissen ; es war nicht möglich , für diesen Abend zu einem erträglichen Ton zu gelangen , und Wassermann raffte hastig und unter mürrischen Äusserungen seine Hefte zusammen . Die Damen waren untröstlich über den Mißton , der die reine Harmonie der Gesellschaft gestört hatte , und hofften in künftiger Session alles wieder in Einklang zu bringen . Und dann waren sie doch auch wieder so hoch erfreut , daß ihr Kranz durch eine so hoch und hehr blühende Blume , an deren Wohlgeruch sie sich künftig noch erquicken würden , erweitert sei ; nemlich sie freuten sich , daß Albert ein Genosse würde ; doch machten sie es zur Bedingung , daß Albert in den nächsten Sitzungen etwas von seinen geistigen Erzeugnissen vorlesen müsse . » O ja , thun Sie ' s ja , « fügte Wassermann hinzu : » vermuthlich haben Sie sich auf Ihren Reisen nach großen Mustern gebildet , und in dem , was der Mensch , der ein Ganzes ist , producirt , spricht er sich ganz aus . « Diese Rede begleitete er mit einer unerträglich hämischen Pantomime und einem Lachen , das nicht beleidigender seyn konnte . » Ich werde Ihnen etwas vorlesen , wenn die Damen es mir vergönnen wollen ; übrigens danken Sie es diesen , wenn ich Ton und Geberde bei ihren Reden ungerügt lasse und diesmal mit dem geziemenden Stillschweigen verachte . « Elise , die süße Seele , warf sich mit einem » Bitte , Bitte , Herr von Ulmenhorst , « dazwischen , legte ihren Arm in seinen , die andern folgten und sie schlenderten friedlich zum Speisesaal hin . Herr Dämmrig saß schon an der obern Ecke des Tisches , sein restaurirendes Kraftsüppchen genießend . Albertine war im Gespräch mit einer Dame begriffen , die Albert vorher noch nicht gesehen hatte , deren geist- und gütevoller Ausdruck auf einem nicht mehr ganz jungen Gesicht , in dem alles sprach , was reichlichen Ersatz für verblühte Jugend giebt , ihn aber unbeschreiblich anzog . An der liebevollen Hinneigung zu Albertinen begriff er , daß es die Madame Euler seyn müsse , mit der die junge Schöne sich im Stillen so ernsthaft beschäftigen sollte . Bei Tische war die Unterhaltung allgemein . Albertinen in ein besonderes Gespräch zu ziehen , gelang Alberten diesen Abend weiter nicht , und so rückte die Stunde des Aufbruchs herbei , ohne daß er erfuhr , ob Albertine ihn genug auszeichne , um sein Wiederkommen zu wünschen . Denn als die Hauptacteurs des literarischen Klubs ihn zur nächsten Session einluden , gab sie durchaus kein Zeichen von Theilnahme ; doch dünkte ihm , in ihrem lieblichen Gesicht sei ein holdes zustimmendes Lächeln aufgegangen , als der Onkel ihm treuherzig sogte : » ja kommen Sie , ich bitte , recht bald ; da wollen wir den Andern einen Schmauß von unsern Reiseabentheuern auftischen . Ich bin weit gewesen , mein Herr von Ulmenhorst , und habe viel , viel gelebt . Ecce signum , « indem er mit gellendem Gelächter auf sein verfallenes Postament hinwieß . Albert empfahl sich zögernd , immer noch etwas von Albertinen erwartend ; sie war aber merklich stiller geworden , als ihre unholde Cousine Laurette einigemal mit schnöden Reden scharf über sie hingefahren war , und so mußte er endlich wohl gehen . Unterwegs überdachte er dies artige Abentheuer und that den kleinsten Vorfällen desselben Gewalt an , irgend etwas wohlthuendes für sein Herz heraus zu grübeln . Aber immer war es nichts weiter , als daß Albertine seinen Tiras gestreichelt , und da er jetzt gegangen war , das Fenster geöffnet hatte ; ob , ihn noch mit den Augen zu begleiten , oder des Mondhellen Abends zu genießen , war und blieb dem angehenden Verliebten die große , ihm lange unbeantwortete , Frage . Drittes Kapitel Und Albertine ? hatte sie nur in den Mond , nicht nach dem schönen Jäger gesehen ? Wir wissen es nicht , und ihrer Freundin , mit der sie sich vor Schlafengehen ganz ruhig unterhielt , hat sie nichts davon vertraut . So gar kein armes Wörtchen sollte sie über eine neue interessante Bekanntschaft zu der Freundin ihres Herzens gesagt haben ? Da wäre sie ja die einzige junge Dame auf Erden , die nicht Stunden lang Bemerkungen über so etwas mitzutheilen hätte . Albertine ließ sich aber wirklich nichts weiter verlauten , als daß Ulmenhorst ein sehr rechtlicher junger Mann zu seyn schiene und durch sein Ausseres vortheilhaft für sich einnähme . Das war es alles , guter Albert . Deine reizende neue Bekanntschaft hatte kein Herz und keine Hand mehr zu verschenken , wärest du auch der heilbringende Engel Gabriel gewesen . Hand und Herz gehörten ihrem Louis , dessen Gattin sie schon in ihrem siebenzehnten Jahre geworden war . Der über Deutschland losgelassene Krieg hatte ihn seit zwei Jahren von ihrer Seite gerissen und seit dem die Deutschen Armeen sich Frankreichs Grenzen genähert hatten , waren alle Nachrichten von ihm ausgeblieben ; sie schwankte zwischen der grausamen Alternative , ob er gefangen oder bei dem Überfall von Bitsch geblieben sei ? Sie konnte das tödtende Schweigen nicht erklären . Da alle Erkundigungen fruchtlos blieben , mußte sie sich beinahe für eine Witwe halten , wogegen ihr Gefühl allmächtig strebte und ihr ganzer jugendlicher Frohsinn nicht Stich hielt . Bei seinem Ausmarsch hatte er Albertinen , sein Liebstes auf Erden , gebeten , ihrer großen Jugend wegen nicht allein in dem großstädtischen fluthenden Leben zu bleiben , sondern sich zu ihrem Bruder , der ein artiges Gut besaß , auf das Land zu begeben . In diesen Augenblicken höchster Wehmuth hätte Albertine in einen Aufenthalt bei den Kamtschadalen gewilligt ; auch erschien es dem jungen zarten Gemüth so idyllenhaft süß , im stillen Hain einsam um den Geliebten zu trauern . An den Winter hatte sie nicht gedacht ; auch war es ihr in der ersten bangsten Periode der Trennung , köstliche Nahrung ihres Grams , allein in den weiten Fluren umher zu irren und auf Philomelens Klagetöne zu lauschen . Wie sich in der Welt aber alles abnutzt , so auch durch zu häufige starke Anspannung der finstere Gram des jungen achtzehnjährigen Weibes . Der Hain wurde ihr zu still ; die Fluren zu öde und Philomelens ewiges Klaglied zu eintönig . Kurz , sie sehnte sich zu Menschen zurück . So fand sie sich , halb beschämt , daß es so war , nach und nach wieder bei der Gesellschaft ein , die ihr dann auch bald gar zu beschränkt , zu einförmig , doch gar zu still häuslich erschien . Dem liebenden Bruder entgingen diese Übergänge nicht , so leise sie auch angedeutet wurden . Er bemerkte sie um so mehr ungern , da seine übellaunige Gattin das ihrige dazu beitrug , Albertinen ihre Lage bei ihm zu verleiden . Überdem hatte Albertine durch den frühen Verlust ihrer Eltern , zeitig die Vorzüge der Unabhängigkeit kennen gelernt ; sie war ihrer regsamen Natur , die sich nirgends gehemmt fühlen wollte , Bedürfniß geworden , und jede Beschränkung dünkte ihr ein Leiden zu seyn , dem sie sich nothgedrungen unterwarf . Von ihrer Ehe hatte sie nur erst das Flatterjahr genossen und noch wenig von dem , in der Natur der Sache gegründeten , Übergang des unterwürfigen Liebhabers zum despotisirenden Eheherrn erfahren , in welcher Periode der schöne Jugend-Traum des Lebens seinen poetischen Schwung einbüßt und bei einem höchst prosaischen Erwachen zerflattert . Die schöne jugendliche Schwärmerin war durch die frühe Trennung vom Geliebten , auf ihrer Höhe erhalten worden , und jetzt war sie durch eine frostige Häuslichkeit im Sinken begriffen . Albertinen war die Vorstellung eines so entseelenden Zustandes unerträglich ; deshalb hatte sie in ihrem Köpfchen einen neuen Lebensplan ausgebrütet . Der Verstellung unfähig , erklärte sie ihrem Bruder ganz unverholen , daß die Einförmigkeit des Landlebens und der üble Humor seiner Frau zwei Dinge wären , die , durch ihren Verein , ihr das Leben verbitterten . Sie wünsche zum Onkel in die Stadt zu ziehen . Ferdinand hatte eine solche Eröffnung längst gefürchtet , und doch fühlte er sich jetzt , wie so ganz unvorbereitet ; er sahe die Schwester schweigend und gerührt , fast bis zu Thränen gerührt , an . Süß schmeichelnd schlang sie ihren Arm um ihn . » Siehst du es nicht gern ? « fragte sie , ihn freundlich ins Auge blickend . » Mir wird die Zeit gar zu lang und deine Louise ist den lieben langen Tag durch immerfort so knurrig . Dich habe ich herzlich lieb , und nähme dich gern mit . « » Albertine , so entschieden sehe ich dich , uns zu verlassen ! « - Sie sah ihn betroffen und unentschlossen an . Ihr kleiner Lebensplan war entworfen und ihr durch Aussichten und Verhältnisse mancher Art , die sie künstlich genug hinein gewebt hatte , lieb geworden . Bei dieser Malerei bedient sich der feine weibliche Sinn , gewöhnlich der hellsten Rosenfarbe , sich seine Zukunft zu