Mereau , Sophie Amanda und Eduard www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Sophie Mereau Amanda und Eduard Ein Roman in Briefen Erster Theil Erster Brief Amanda an Julien Ich habe den geliebten , vaterländischen Boden wieder betreten , und bin Dir nun wieder um vieles näher , meine Julie ! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt war , dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur ein unbedeutender Zwischenraum zu seyn , obgleich nicht selten sich hier größere Schwierigkeiten in den Weg stellen , als selbst bei jenen . - Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles werther geworden , denn meine nähere Bekanntschaft mit den Menschen hat mich den Werth und die Seltenheit einer Neigung , die sich nicht auf äussere Verhältnisse sondern auf unsere Persönlichkeit gründet , sehr innig fühlen lassen . - Ich freue mich darauf , Dir , da ich hier sehr ruhig leben zu können hoffe , von Zeit zu Zeit manches aus der Geschichte dieser letzten , im Geräusch verlebten , Jahre nachholen zu können . Meine bisherigen flüchtigen Briefe müssen Dir nur einen sehr unvollkommenen Abriß meiner Lage gegeben haben . Alles war mir neu , Gegend , Menschen , Verhältnisse , und ich gestehe Dir , daß ich mich oft mit geheimem Vergnügen , oft auch mit Bangigkeit , daran erinnerte : » ich stehe nun wirklich auf dem Schauplatze der Welt , die ich mir sonst in mancher stillen Jugendphantasie verworren geträumt hatte . « Doch zuweilen schien das Gewühl von Menschen und der glänzende Schein , der mich umgab , meine Eigenthümlichkeit ganz verschlungen zu haben , und es kostete mir beinah Mühe , mich zu überzeugen , daß ich jenes stille , einfach erzogene Mädchen sei , welches die Welt und die Menschen nur aus ihren Büchern kannte . Mein ganzes , voriges Leben wich immer mehr in einen neblichen Hintergrund zurück , und selbst Dein Bild , meine Julie , schien an seiner Lebhaftigkeit verloren zu haben . Aber dann kam ein Brief von Dir , Du warst noch immer die Alte . Ganz und in Allem Deinen vorigen Ideen getreu , lebtest Du noch ungestört in jenem glücklichen Ländchen , dessen Andenken mir immer mehr zu verschwinden drohte . Mit Dir erschienen die Geister aller vergangenen , freundlichen Jugendscenen , und so waren Deine Briefe das Band , das über Berg und Thal zu mir reichte , und mich an sanften , seidenen Fäden zu einem unversiegbaren Quell von Ruhe und milder Besonnenheit zurückführte . - Ach ! ich hatte oft nöthig , aus diesem Quell zu schöpfen , wenn ich nicht unter den wechselnden Eindrücken von Vergnügen und Sorge , Neigung und Wiederwillen , mich selbst und alle innre Uebereinstimmung auf ewig verlieren wollte ! - Der erste Eintritt in das Haus meines Mannes , als wir unsre Reise vollendet hatten , überraschte mich auf das angenehmste . Der Glanz , den ich dort allenthalben herrschen sah , war mir neu , und berauschte mich mit Vergnügen . Ich wiegte mich mit Lust auf den seidnen , schwellenden Polstern , ich strich gern vor den Spiegelwänden vorüber , ich horchte mit Aufmerksamkeit auf das melodische Spiel einer Flötenuhr , welches die Stunden angenehm bezeichnete . So geschwind auch die Lebhaftigkeit dieses Eindrucks verlosch - denn das Auge gewöhnt sich bald an die Reize einer prächtigen Umgebung , und Bewunderung ermüdet leicht - so wußte doch Albret durch Neuheit und Abwechselung ihn immer wieder anzufrischen . Er führte mich in eine Welt voll glänzenden Scheins , und munterte mich unaufhörlich auf , hier alle andre zu verdunkeln . Die Art , wie ich mich , auf sein Verlangen , allenthalben zeigen mußte , war mir oft lästig , so sehr sie auch der Eitelkeit schmeichelte . Ueberall , wo ich erschien , zog ich die Blicke der Neugierde auf mich , öfterer folgten selbst Frauen mir nach ; besonders gab es Einige , die mich mit einer seltsamen , unangenehmen Theilnahme beobachteten . Einst , als wir aus einem glänzenden Zirkel zurückgekommen waren , wo diese mir , oder meiner Umgebung , geweihte Aufmerksamkeit ihren höchsten Gipfel erreicht zu haben schien , fiel mir Albret mit Innigkeit um den Hals . » Holdes Weib , rief er entzückt , wie sehr hast du mich zu deinem Schuldner gemacht ! ich sehe es , ich bin durch dich gerächet ! « - Diese Aeusserung freute und betrübte mich . Ich fühlte , daß ich sie nicht mir selbst , sondern einer fremden , mir unbekannten Ursache zuzuschreiben hatte , und doch rührte es mich , ihn endlich einmal herzlich mit mir sprechen zu hören . » Lieber Albret , sagte ich , und lehnte mich an seine Brust , wolltest du mich nur näher kennen lernen , so würdest du , wie ich hoffe , ganz andere Ursachen finden mit mir zufrieden zu seyn , als diese , von denen ich mir nichts zueignen kann . « Er sah mich einige Augenblicke lang mit zweifelhaftem Ausdruck an , und schien bewegt . Aber bald war es , als schämte er sich seiner Empfindung , er verließ mich , und blieb so verschlossen , wie vorher . Ach ! Julie , wenn ich diesen sonderbaren Mann zuweilen Sätze aufstellen hörte , die meiner heitern Ansicht von Welt und Menschen gänzlich Hohn sprachen , wenn ich sein peinliches Mißtrauen in Alle und auch in mich vergebens zu mildern versuchte , und vor diesem verschloßnen Herzen ewig unerhört stand , dann wurden mir meine Tage oft unerträglich , und die Erinnerung an das Gute , das ich ihm verdankte , sank wie eine erdrückende Last auf mein Herz ! - Freilich habe ich dies alles auch oft genug vergessen . Meine Wünsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen Gegenstand gebunden , meine Sinne standen jedem Eindruck offen , und so konnte es mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen , meinen Kummer zu vergessen . Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele , nach dem Genuß einer gegenseitigen Mittheilung , eines arglosen , innigen Umgangs , ließ sich nie ganz unterdrücken . Und wo hätte ich dies Glück eher suchen sollen , als bei Albret ? - Aber ach ! meine Julie , an welches unerklärliche , furchtbare Wesen hat mich das Schicksal gebunden ! - Du scheinst hievon weniger überzeugt zu seyn , und Deine schon oft geäusserte Meinung , daß meine Klagen über unsere wenige Uebereinstimmung wol überspannt sein möchten , bewegt mich , Dir ein Geheimniß zu entdecken , das vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte . Du bist das einzige Wesen auf der Welt , dem ich es anvertraue , das einzige , in dessen Herzen ich alle meine Sorgen niederlege . Wenn ich nicht irre , so habe ich Dir schon längst in einem meiner Briefe von dem Markese * geschrieben , der meine nähere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen schien . Bei dem zerstreuten , geselligen Leben , welches wir führten , ward es ihm nicht schwer , Zutritt in unserm Hause zu finden ; er sah mich fast täglich , und bald hörte ich das Geständniß seiner Liebe von ihm . Ich hörte es ohne Entrüstung - und ohne Vergnügen an . Ich schätzte den Markese ; seine Unterhaltung war mir von großem Werth ; doch Liebe fühlte ich nicht . Natürlich daß ich ihm dies sagte , er aber schien es nur halb zu glauben . » O ! Sie werden , Sie müssen mich lieben , rief er feurig aus , meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen . Die Natur will mein Leben ; ohne Liebe sterbe ich , und ich kann Niemand lieben , als Sie . « Was ich auch gegen diese Behauptung einwandte , so konnte es ihn doch für den Augenblick nicht überzeugen , und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz , mit welchem Recht ich widersprochen hatte . Doch gestehe ich Dir , daß ich mich selbst oft im Stillen über die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen diesen liebenswürdigen Mann wundern mußte . Das allgemeine Urtheil nannte ihn schön , ich selbst erkannte gern so viele Vorzüge in ihm an , und gleichwol fehlte meiner Empfindung für ihn jener geheimnißvolle , harmonische Zug , ohne welchen mir nun einmal jede Liebe gemein erschien . Unser Umgang , den Jedermann für ein Liebesverständniß hielt , dauerte auf diese Weise fort , ohne daß unser gegenseitiges Glück sehr dabei gewonnen hätte . Die Offenherzigkeit , mit der ich meinem Freunde den Zustand meines Herzens mittheilte , schien ihn nur fester an mich zu binden . Er zerriß , zu seinem Nachtheil , manches andere Verhältniß , und fuhr fort , mir mit einer hartnäckigen Anhänglichkeit ergeben zu seyn . Albret schien auf alles dies nicht zu merken , er beschränkte unsern Umgang nicht , und legte durchaus keine Spur seines Mißfallens an den Tag . Einst an einem schönen Abend war ich mit dem Markese im Garten , der unser Haus umgab . Das laue , schmeichelnde Wehen der Lüfte , und die balsamischen Gerüche , die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen , bewegten mein Herz auf ungewohnte Weise . Was ich empfand , war nicht Erinnerung des Vergangenen ; nicht Genuß des Gegenwärtigen ; es war eine Ahnung , ein Sehnen nach etwas Fernem , Unnennbarem . Es schien mir , als müßte ich die ganze Welt mit Innigkeit , mit Liebe umfassen ; nur das Nahe , Gegenwärtige war mir fremd . Auch der Markese war ungewöhnlich bewegt , jedoch von ganz andern Empfindungen , als ich . Wir gingen schweigend neben einander durch die duftenden , halberhellten Alleeen . » Wenn Sie nur liebten , rief er endlich , mit schmerzlichem Ausdruck , wenn auch nicht mich ! - Aber Sie lieben nicht , und werden ewig nicht glücklich seyn ! - O ! der nagende Schmerz , diese Blume , die schönste , welche je die Natur hervorbrachte , traurig verblichen , an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen , der keinen Sinn für ihre Vortrefflichkeit hat ! - und o ! fuhr er fort , indem er mir schmerzlich die Hand drückte , daß eine Zeit kommen wird , wo Sie dies alles lebhafter , aber vergebens , mit ewiger Reue empfinden werden ! « - - Mich schauderte , indem er dies sprach . Ich fühlte , daß eine Wahrheit in seinen Worten lag , die ach ! nur zu sehr mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf . Meine Gedanken flogen weit hinweg ; überall fanden sie eine trostlose Leere , und kehrten quälender zurück . So , ohne Gegenstand , verworren träumend , wußte ich es kaum , daß wir uns in einer Laube niedergesetzt hatten , und daß der Markese mir zu Füßen gesunken war , und mich mit einem Arm umschlungen hielt . In diesem Augenblick trat Albret vor uns . - Er fuhr betroffen zurück , doch war er bald gefaßt . » Gut , sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton , ich habe es erwartet . « Und hierauf , als wäre nichts geschehen , verschwand er in einen Seitengang . Der Markese sprang auf , er drückte mich mit Heftigkeit an sich , dann trennten wir uns stumm und beängstigt . Ich suchte Albret auf seinem Zimmer ; ich wünschte so sehnlich , ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdecken zu können . Er war nicht da , und als ich ihn am andern Morgen wieder sah , blickte er mich so kalt und entfernend an , daß es unmöglich war , diese Scheidewand hinwegzuschieben . Er war noch bei mir , als man uns die Nachricht brachte , der Markese sei am vorigen Abend , nicht weit von unserm Garten , ermordet gefunden worden . Todesschauer überfiel mich bei dieser Nachricht und ein gräßlicher Argwohn zuckte mir wie ein Dolchstich durch die Seele . O ! Albret ! rief ich mit leichenblassem Gesicht , und bebender Stimme . Mein Mann heftete lange einen festen Blick auf mich , und schien den schrecklichen Gedanken ohne große Befremdung in meinem Auge zu lesen . Es lag etwas furchtbares in seinem Blick , aber zugleich eine gewisse Hoheit , der ich nicht widerstehen konnte . Unsre Abreise erfolgte bald darauf , und ich blieb in dieser schauderhaften Ungewißheit , deren Quaalen nur durch die Veränderung der Gegenstände , und durch den gänzlichen Mangel einer , jenen Verdacht bestärkenden , Bestätigung , gemildert worden sind . Doch , frage Dich selbst , ob mir nicht , wenn ich darüber nachdenke , immer noch Gründe genug zu ängstlichen , entfernenden Zweifeln gegen Albrets Carakter übrig bleiben ? - Was soll , was kann ich von diesem geheimnißvollen Wesen denken ? und ist nicht vielleicht diese erhabene , in allen Fällen sich gleichbleibende , Fassung selbst ein Beweis , daß gewisse schreckliche Grundsätze ihm ganz zur Natur geworden sind ? Ich verlasse Dich , um mich zu zerstreuen , und diese Gedanken so viel als möglich aus meiner Seele zu verbannen . Wollte ich ihnen nachhängen , so müßte ja aller Frieden und aller Glauben an Menschlichkeit auf ewig daraus scheiden . Zweiter Brief Eduard an Barton Seitdem Du mich verlassen , mein Barton , habe ich schon oft den waldigen Hügel erstiegen , wo ich zum letztenmal Deines vertrauten , freundschaftlichen Umgangs genoß . Du warst damals in einer ungewöhnlich feierlichen Stimmung , und Dein Auge schaute voll tiefer Rührung herunter in die heitere , weit um uns verbreitete Welt . » Welches Leben , welche Wirksamkeit in der ganzen Natur ! sagtest Du . Stete Umschaffung , Verarbeitung , Veränderung , und eine Kraft , die immer bleibt ; denn nur das Bleibende kann sich verändern . Aber was sie ist , diese Kraft , welche die Räder des Ganzen zusammen hält , daß kein Theil sich aus seinen Fugen herausreißen darf , die den Geist mit Formen bekleidet , und das Aufgelösete , nach Ruhe strebende , zu neuem Leben , neuer Thätigkeit zwingt ? - Forsche nicht darnach ; nur das , was sich verändert , können wir wahrnehmen , und das Bleibende erkennen wir , wie unser eignes Wesen , aus seinen Wirkungen . Ja , Eduard , fuhrst Du fort , wir lernen unser inneres Leben immer deutlicher und schöner kennen , je wirksamer wir in dem äussern sind . Laß uns dem großen , guten All aufs innigste angehören , und unser Selbst nur in dem Ganzen wiederfinden . Der Mensch fängt damit an , Alles von Andern zu erwarten , und soll damit enden , Andern so viel er kann zu gewähren . Es giebt eine Zeit , wo er sich unglücklich fühlt , wenn Andere ihm nichts sein wollen , und wieder eine andere , wo es ihm Bedürfniß ist , der Welt etwas zu sein . Du hast den Weg bis dahin natürlich und gut vollendet ; ich gebe Dich mit frohem Muth der Welt ; und verlasse Dich , weil Du es werth bist , allein zu stehen . « - Dieses , und noch manches andere fällt mir ein , so oft ich den Hügel ersteige , und ich liebe diese Erinnerungen . - O ! ich begreife wohl Deine Absicht , Theurer ! Du sahest meine Anhänglichkeit an Dich , meine feurige Bewundrung Deiner seltnen Eigenschaften , und Du fürchtetest , meine Eigenthümlichkeit könnte bei diesen Empfindungen leiden , das Lebendige , Wahre in mir könnte zu einer künstlichen , nachgeahmten Tugend herabsinken , die immer unfruchtbar bleibt , so vortrefflich auch ihr Vorbild sein mag . Deshalb hättest Du mich verlassen , auch wenn keine andre Geschäfte Deine Gegenwart verlangt hätten . Aber Dein Bild wird nie aus meinen Gedanken weichen , und in den Stunden des Unmuths , wie in Stunden der Weihe , wird es , wie ein freundlicher Genius , tröstend oder theilnehmend vor meiner Seele schweben . Ja , Du hast mich der Welt gegeben , ein heitres gutgebildetes Wesen , stehe ich vor ihr , und blicke mit Lust in die weite , lebensvolle Sphäre hin , wo auch ich mit wirken soll und will . Eindrücke aller Art strömen mit Macht an mein Herz , und ich brenne vor Verlangen , dem Ganzen , durch Wort und That , das wieder zu geben , was es so wohlthuend in mir erweckte . Ich kann Dir nicht beschreiben , Barton , wie sehr mich ein frohes Selbstgefühl zuweilen emporhebt , und glücklich macht . So war ich am gestrigen Abend in einer Gesellschaft junger Männer , die sich versammelt hatten , um fröhlich zu seyn . Wir hatten Musik , tranken , und die herrschende Idee eines Jeden mahlte sich bald lebendiger und stärker im freien Gespräch . Barton ! hier fühlte ich recht meinen Werth ; ich fühlte mich voll Kraft , reich an Erfindung eine ganze Welt zu beglücken , stark an Entschließung , trotz allen Verhältnissen , der Natur getreu zu leben . Ich sah um mich her - die meisten schienen mir kraftlos , künstlich , verstimmt - nicht Einer , der sich zu meinen Gefühlen hätte emporheben können . Mitleid und Stolz bestürmten mich wechselsweise so sehr , daß ich es nicht aushalten konnte . Hinaus in die freundliche Abendwelt lief ich , und an den einsamen Ufern des Stroms , wo nur die Abendwinde mit geistigen Stimmen mich umsäuselten , fand ich mich inniger , glücklicher wieder . Ich sank auf die Kniee und küßte die Blumen und die Erde , im Gefühl einer namenlosen Liebe . - O ! was sind alle Genüsse der Sinne gegen das Entzücken eines solchen Augenblicks ! - ein dumpfes , unterbrochenes Geräusch störte meine Begeisterung . Es kam aus dem Wasser , und ich entdeckte bald durch die Gesträuche etwas Lebendiges in dem Strom . Ein Knabe war es , der noch spät am Ufer geangelt hatte , und unvorsichtig in die Fluth hinabgegleitet war . Er kämpfte noch matt gegen die Wellen . Ich sprang sogleich hinein , und brachte ihn , ohne Gefahr , leicht und glücklich ans Ufer . Seine Besinnung kehrte nach einiger Mühe bald zurück , und ich führte ihn zu seinen , um ihn besorgten , Aeltern , deren Wohnung er mir beschrieb . Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht , und selbst die Keckheit , womit er sich heimlich an den Fluß geschlichen hatte , gefiel mir ; es freute mich doppelt , ihn gerettet zu haben . Hierauf gieng ich zurück an den Strom , entkleidete mich , und tauchte von neuem in die lauen Fluthen . Der gewölbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermeßlicher Tiefe unter mir im Wasser . Ich durchkreuzte die Fluren des Himmels und verwirrte der Sterne ewige Bahnen . Ueber mir , unter mir und in mir war Himmel . Ein einziges thut mir weh , Barton ! daß sich mein Vater so lange von mir trennt , daß ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann , zu ihm , dem ich mein ganzes Glück verdanke , und dem mein Anblick gewiß belohnend sein müßte . -Jetzt erst fange ich an zu begreifen , wie er auf mich gewirkt hat . In vielem , wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand , ahne ich jetzt die wohlthätige Einwirkung eines vernünftigen heitern Geistes , der die Umstände gerade so für mich zusammenreihte . Mein Vater hielt mir nie langweilige Vorstellungen meiner Lebenspflichten , die nur den Verstand berühren und das Herz unbewegt lassen ; nur durch lebendige Eindrücke suchte er mich zu bilden , und so blieb die Eigen-thümlichkeit und Freiheit meines Gemüths ungekränkt . Wenn ich in die Zeiten meiner Kindheit zurückgehe , wie eine lachende Welt mich , von der Wiege an , umfing , und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte , der wie ich hoffe , unversiegbar sein wird . - Selbst das Zimmer , worin ich lebte , der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele , hat ein angenehmes Bild von Harmonie und Fröhlichkeit in mir zurückgelassen , und ich weiß noch ganz genau , welche Farben , welche Gemälde es zierten , welche Aussicht es gewährte . Mein Auge gewöhnte sich an heitre , liebliche Formen , und mein kindisches Herz war mit unsichtbarer Gewalt an das Schöne gebunden ; ich unterließ das Schlechte , nicht weil es böse , sondern weil es häßlich war . So ward die Sinnlichkeit zuerst in mir gebildet , und mir eine Freundin an ihr erzogen , bis ich älter ward , und mein Verstand erwachte . Von dem glücklichen Wahn erfüllt , daß man Alles lernen , Alles begreifen könne , war ich unermüdet in Fragen , und vielleicht ward meine Wißbegierde noch geflissentlich gereizt . So lernte ich Sprachen , Mathematik , Naturwissenschaft , Geschichte , mit immer neuer Lust und dankbarem Gefühl , und der Baum der Erkenntniß trug mir nur süße Früchte , bis ein reiferes Alter mir durch das Gefühl meines beschränkten Wissens auch die bittern darreichte . Aber jetzt brach ein neues Leben für mich an . Mein Vater , hieß es , müßte eine Reise in verschiedene Gegenden Europa ' s thun , und ich sollte ihn begleiten . Das heitre Bild menschlicher Thätigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr , wie der Raum um mich her . Unter der Menge neuer , lebendiger Vorstellungen verlohr ich das Andenken an mich selbst ; meine erwachende Phantasie umgab die Natur mit einem ätherischen Schimmer ; die Strahlen der Kunst berührten meine Seele mit heiliger Ahnung , und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus . Ich dachte nur so viel als gerade nöthig war , um meine Genüsse schöner und an ziehender zu machen , und so genoß ich Glücklicher ! alle Freuden der Jugend , von Phantasie , Gefühl und Geschmack zu Allem begleitet , und nur dann verlohren sie ihren Reiz für mich , wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten . - - Freylich bin ich stolz geworden . Diesen Nacken hat noch kein Unglück gebeugt , immer hat ein günstiger Zufall mir , wenn ich sorgen wollte , die Hand geboten , und selten habe ich einen Wunsch verfehlt . Ja , ich traue mir Kraft genug zu , die Gewährung meiner Wünsche , so hoch sie fliegen mögen , der Welt abzuzwingen , und von dem Schicksal die Erfüllung meines Berufes zum Glück zu fordern . Aber Barton , mein Gefühl ist lebendig und gut ; es giebt Menschen , die ich hasse , aber ich könnte sie dennoch beglücken , stände es in meiner Macht ; und selbst die , welche ich verachten muß , bedaure ich zugleich . Meine Leidenschaften sind heftig , ich weiß es , aber sie brechen sich in sanfte Farben , wie Regentropfen im Sonnenstral , vor dem allmächtigen Schönheitssinn , der mein ganzes Wesen durchdringt und emporhebt . - Und ist nicht dieser Sinn , wenn wir frei genug denken , ihn aufs Ganze zu verbreiten , das größte , heiligste in uns ? - wie weit erhebt er uns über eine engherzige Sinnlichkeit ! Diese zieht nur einen kleinen Zirkel um uns , wählt wankelmüthig bald dies , bald jenes , und selbst das höchste Interesse , das sie an Andere binden kann , wird durch den Tod zerrissen . Aber jenes Gefühl , dessen heilige Rührung durch die ganze Gattung gefühlt wird , durch welches eine wahrhaft schöne Handlung , eine große Empfindung , die vor Jahrhunderten verübt oder gefühlt ward , und auf unser persönliches Wohl oder Weh keinen Einfluß hat , Thränen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt - dies Gefühl entstand mit der Menschheit , erhielt sich und dauert fort . Du siehst , mein Lieber , daß ich Deine Auffoderung , Dir viel , und viel von mir selbst zu schreiben , treulich in Erfüllung setze . Ich habe jetzt mehr als je über mich nachgedacht , und ich hoffe , dies soll nicht ohne Nutzen gewesen seyn . Ja , Barton , ich erwarte viel von mir selbst . In dieser jugendlichen Freudigkeit gedeihen gute Entschlüsse , und die Kräfte , die ich in mir fühle , sollen eine wohlthätige Erscheinung werden , und die Fackel der Thätigkeit auch in fremden Gemüthern anzünden . Das handelnde Leben , ohne welches die edelsten Gesinnungen unfruchtbar bleiben , und alle Kraft des Gedankens verschwindet , reizt mein Verlangen , und ich brenne vor Sehnsucht mein eignes Wesen , in Wort und That , wieder zu finden . Leb wohl , mein Freund , und laß mich bald von Dir hören . Dritter Brief Eduard an Barton Liegt es in meiner gegenwärtigen Stimmung , oder ist es ein besondrer Reiz dieser Gegend , was mir diese Stadt so angenehm macht , daß ich sie ungern verlassen würde , auch dann , wenn mir der nähere Umgang des vortrefflichen Mannes , dem ich empfohlen bin , nicht so viel wahren Vortheil gewährte , als er wirklich thut ? - Ich denke mir oft , hier sollte ich eigentlich gebohren sein , und lebhaft sehnte ich mich schon sonst in diese Gegend , gleichsam als wären Theile in mir , die hier erst ihr wahres Vaterland finden würden . Und so viel ist gewiß - bin ich gleich nicht unter dem Einfluß dieses schöneren südlichen Himmels gebohren , so wird doch vieles hier in mir erzeugt , was mir ein neues schöneres Daseyn gewährt . Ein unbeschreibliches glückliches Gefühl steht mit mir auf , winkt mir ins Freie , belebt mir jede Ansicht . Blühende Mandelbäume , schmeichelnde Lüfte , muntre Vögel , die in den zarten Schatten des sprossenden Gesträuchs frölich umher hüpfen , alles , alles erhebt mein Herz mit freudiger Ahnung . Viele Stunden , die nicht ernstere Beschäftigungen einnehmen , weihe ich der Musik . Die Mitternacht findet mich oft im Genuß dieser bezauberten Welt , und kaum bin ich des Morgens wach , so tragen mich die lockenden Töne bald wieder in ihr geheimnißvolles Vaterland hin . Vor einigen Wochen ist Nanette Sensy hier angekommen . Sie hatte meine Wohnung bald erfahren , und kam , anstatt mich zu sich rufen zu lassen , selbst zu mir . Wir waren seit mehrern Jahren getrennt , und unser Wiedersehen war so fröhlich , herzlich , so kindlich , als Du Dir nur denken magst . Erinnerungen an das väterliche Haus , an unsere Jugendspiele , und ein lustiges Verwundern über jede kleine Veränderung , die wir gegenseitig an uns bemerkten , erfüllten die ersten Stunden , und seitdem vergeht kein Tag , wo wir nicht , allein oder in Gesellschaft , zusammen sind . Ich finde sie sehr liebenswürdig , und es ist mir herzlich wohl bei ihr . Sie ist jetzt Witwe und ist , wo möglich , noch heitrer , muthwilliger , unbefangner geworden , als sie vor ihrer Verheirathung war . Es leben hier in der Nähe mehrere ihrer Verwandten , und da ihr die Gegend gefällt , so gedenkt sie lange hier zu bleiben . Gestern hatten wir ganz in der Frühe , noch mit einigen Andern , eine Wallfahrt nach einem ziemlich fern gelegenen Dorfe gethan , dessen Lage uns sehr romantisch beschrieben wurde , und es auch wirklich war . Nanette war sehr ermüdet , als wir zurückkamen und wollte die noch übrigen Stunden des Tages allein sein . Ich hingegen fühlte mich noch sehr munter , und da der Abend schön war , ließ ich mein Pferd satteln und suchte das Freie . Sehnsucht nach menschlichem Anblick lockte mich auf die Landstraße , wo ich in jeden Wagen , der mir begegnete , neugierig hinein sah und mich damit belustigte , aus dem Aussehen der Reisenden auf ihren Stand , Gewerbe , Charakter und Vorhaben zu schließen . In dem letzten , den ich sah - denn für die folgenden hatte ich kein Auge mehr - schlummerte in einer Ecke des Wagens eine unbeschreiblich schöne , weibliche Gestalt . Du weißt , wie mich Schönheit , wenn und wo ich sie auch finde , unwiderstehlich anzieht , - wie mußte sie in diesem Moment auf mich wirken , da sie mich so empfänglich gegen jeden Eindruck fand ! - Ich wandte um , der Wagen fuhr langsam , und ich hatte Zeit , sie ruhig zu betrachten . Der Schlaf goß eine liebliche Unbestimmtheit über die schönen Züge , in denen kein herrschender Ausdruck sichtbar war , und mich dünkt , ein wahrhaft schönes Gesicht dürfe auch nie einen andern Ausdruck haben , als den , einer reinen Harmonie , welchen es von der Natur empfängt . - Die schöne Schläferin erwachte endlich , und nun fielen meine Blicke auch auf ihre Begleitung , auf die ich zuvor gar nicht geachtet hatte . Es war ein bejahrter Mann , mit einem sehr bedeutenden Gesicht , welches wunderbar anziehend und zurückstoßend war . Ein leichter Gram schien um die Augen zu schweben , und flößte Theilnahme ein , doch ein kaltes verächtliches Lächeln bewachte den Mund und zerstörte schnell jenen Eindruck wieder . Die Stirne zeigte Hoheit und das Auge schien geübt , in fremden Seelen zu lesen . Ich sah bald daß meine Blicke ihm lästig waren , und fühlte selbst das Unschickliche derselben . Ich nahm nun einen andern Weg , und träumte noch viel über die beiden . Nie schienen mir zwei