Novalis Die Lehrlinge zu Sais www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Novalis Die Lehrlinge zu Sais 1. Der Lehrling Mannichfache Wege gehen die Menschen . Wer sie verfolgt und vergleicht , wird wunderliche Figuren entstehen sehn ; Figuren , die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen , die man überall , auf Flügeln , Eierschalen , in Wolken , im Schnee , in Krystallen und in Steinbildungen , auf gefrierenden Wassern , im Innern und Äußern der Gebirge , der Pflanzen , der Thiere , der Menschen , in den Lichtern des Himmels , auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas , in den Feilspänen um den Magnet her , und sonderbaren Conjuncturen des Zufalls , erblickt . In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift , die Sprachlehre derselben ; allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen , und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen . Ein Alcahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu seyn . Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche , ihre Gedanken sich zu verdichten . So entstehen ihre Ahndungen , aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder , wie vorher , vor ihren Blicken . Von weitem hört ' ich sagen : die Unverständlichkeit sey Folge nur des Unverstandes ; dieser suche , was er habe , und also niemals weiter finden könnte . Man verstehe die Sprache nicht , weil sich die Sprache selber nicht verstehe , nicht verstehen wolle ; die ächte Sanscrit spräche , um zu sprechen , weil Sprechen ihre Lust und ihr Wesen sey . Nicht lange darauf sprach einer : Keiner Erklärung bedarf die heilige Schrift . Wer wahrhaft spricht , ist des ewigen Lebens voll , und wunderbar verwandt mit ächten Geheimnissen dünkt uns seine Schrift , denn sie ist ein Accord aus des Weltalls Symphonie . Von unserm Lehrer sprach gewiß die Stimme , denn er versteht die Züge zu versammeln , die überall zerstreut sind . Ein eignes Licht entzündet sich in seinen Blicken , wenn vor uns nun die hohe Rune liegt , und er in unsern Augen späht , ob auch in uns aufgegangen ist das Gestirn , das die Figur sichtbar und verständlich macht . Sieht er uns traurig , daß die Nacht nicht weicht , so tröstet er uns , und verheißt dem ämsigen , treuen Seher künftiges Glück . Oft hat er uns erzählt , wie ihm als Kind der Trieb die Sinne zu üben , zu beschäftigen und zu erfüllen , keine Ruhe ließ . Den Sternen sah er zu und ahmte ihre Züge , ihre Stellungen im Sande nach . In ' s Luftmeer sah er ohne Rast , und ward nicht müde seine Klarheit , seine Bewegungen , seine Wolken , seine Lichter zu betrachten . Er sammelte sich Steine , Blumen , Käfer aller Art , und legte sie auf mannichfache Weise sich in Reihen . Auf Menschen und auf Thiere gab er Acht , am Strand des Meeres saß er , suchte Muscheln . Auf sein Gemüth und seine Gedanken lauschte er sorgsam . Er wußte nicht , wohin ihn seine Sehnsucht trieb . Wie er größer ward , strich er umher , besah sich andre Länder , andre Meere , neue Lüfte , fremde Sterne , unbekannte Pflanzen , Thiere , Menschen , stieg in Höhlen , sah wie in Bänken und in bunten Schichten der Erde Bau vollführt war , und drückte Thon in sonderbare Felsenbilder . Nun fand er überall Bekanntes wieder , nur wunderlich gemischt , gepaart , und also ordneten sich selbst in ihm oft seltsame Dinge . Er merkte bald auf die Verbindungen in allem , auf Begegnungen , Zusammentreffungen . Nun sah er bald nichts mehr allein . - In große bunte Bilder drängten sich die Wahrnehmungen seiner Sinne : er hörte , sah , tastete und dachte zugleich . Er freute sich , Fremdlinge zusammen zu bringen . Bald waren ihm die Sterne Menschen , bald die Menschen Sterne , die Steine Thiere , die Wolken Pflanzen , er spielte mit den Kräften und Erscheinungen , er wußte wo und wie er dies und jenes finden , und erscheinen lassen konnte , und griff so selbst in den Saiten nach Tönen und Gängen umher . Was nun seitdem aus ihm geworden ist , thut er nicht kund . Er sagt uns , daß wir selbst , von ihm und eigner Lust geführt , entdecken würden , was mit ihm vorgegangen sey . Mehrere von uns sind von ihm gewichen . Sie kehrten zu ihren Eltern zurück und lernten ein Gewerbe treiben . Einige sind von ihm ausgesendet worden , wir wissen nicht wohin ; er suchte sie aus . Von ihnen waren einige nur kurze Zeit erst da , die Andern länger . Eins war ein Kind noch , es war kaum da , so wollte er ihm den Unterricht übergeben . Es hatte große dunkle Augen mit himmelblauem Grunde , wie Lilien glänzte seine Haut , und seine Locken wie lichte Wölkchen , wenn der Abend kommt . Die Stimme drang uns allen durch das Herz , wir hätten gern ihm unsere Blumen , Steine , Federn alles gern geschenkt . Es lächelte unendlich ernst , und uns ward seltsam wohl mit ihm zu Muthe . Einst wird es wiederkommen , sagte der Lehrer , und unter uns wohnen , dann hören die Lehrstunden auf . - Einen schickte er mit ihm fort , der hat uns oft gedauert . Immer traurig sah er aus , lange Jahre war er hier , ihm glückte nichts , er fand nicht leicht , wenn wir Krystalle suchten oder Blumen . In die Ferne sah er schlecht , bunte Reihen gut zu legen wußte er nicht . Er zerbrach alles so leicht . Doch hatte keiner einen solchen Trieb und solche Lust am Sehn und Hören . Seit einer Zeit , - vorher eh jenes Kind in unsern Kreis trat , - ward er auf einmal heiter und geschickt . Eines Tages war er traurig ausgegangen , er kam nicht wieder und die Nacht brach ein . Wir waren seinetwegen sehr in Sorgen ; auf einmal , wie des Morgens Dämmerung kam , hörten wir in einem nahen Haine seine Stimme . Er sang ein hohes , frohes Lied ; wir wunderten uns alle ; der Lehrer sah mit einem Blick nach Morgen , wie ich ihn wohl nie wieder sehen werde . In unsre Mitte trat er bald , und brachte , mit unaussprechlicher Seligkeit im Antlitz , ein unscheinbares Steinchen von seltsamer Gestalt . Der Lehrer nahm es in die Hand , und küßte ihn lange , dann sah er uns mit nassen Augen an und legte dieses Steinchen auf einen leeren Platz , der mitten unter andern Steinen lag , gerade wo wie Strahlen viele Reihen sich berührten . Ich werde dieser Augenblicke nie fortan vergessen . Uns war , als hätten wir im Vorübergehn eine helle Ahndung dieser wunderbaren Welt in unsern Seelen gehabt . Auch ich bin ungeschickter als die Andern , und minder gern scheinen sich die Schätze der Natur von mir finden zu lassen . Doch ist der Lehrer mir gewogen , und läßt mich in Gedanken sitzen , wenn die Andern suchen gehn . So wie dem Lehrer ist mir nie gewesen . Mich führt alles in mich selbst zurück . Was einmal die zweite Stimme sagte , habe ich wohl verstanden . Mich freuen die wunderlichen Haufen und Figuren in den Sälen , allein mir ist , als wären sie nur Bilder , Hüllen , Zierden , versammelt um ein göttlich Wunderbild , und dieses liegt mir immer in Gedanken . Sie such ' ich nicht , in ihnen such ' ich oft . Es ist , als sollten sie den Weg mir zeigen , wo in tiefem Schlaf die Jungfrau steht , nach der mein Geist sich sehnt . Mir hat der Lehrer nie davon gesagt , auch ich kann ihm nichts anvertrauen , ein unverbrüchliches Geheimniß dünkt es mir . Gern hätt ich jenes Kind gefragt , in seinen Zügen fand ich Verwandtschaft ; auch schien in seiner Nähe mir alles heller innerlich zu werden . Wäre es länger geblieben , sicherlich hätte ich mehr in mir erfahren . Auch wäre mir am Ende vielleicht der Busen offen , die Zunge frey geworden . Gern wär ' ich auch mit ihm gegangen . Es kam nicht so . Wie lang ' ich hier noch bleibe , weiß ich nicht . Mir scheint es , als blieb ' ich immer hier . Kaum wag ' ich es mir selber zu gestehen , allein zu innig dringt sich mir der Glauben auf : einst find ' ich hier , was mich beständig rührt ; sie ist zugegen . Wenn ich mit diesem Glauben hier umher gehe , so tritt mir alles in ein höher Bild , in eine neue Ordnung mir zusammen , und alle sind nach Einer Gegend hin gerichtet . Mir wird dann jedes so bekannt , so lieb ; und was mir seltsam noch erschien und fremd , wird nun auf einmal wie ein Hausgeräth . Gerade diese Fremdheit ist mir fremd , und darum hat mich immer diese Sammlung zugleich entfernt und angezogen . Den Lehrer kann und mag ich nicht begreifen . Er ist mir just so unbegreiflich lieb . Ich weiß es , er versteht mich , er hat nie gegen mein Gefühl und meinen Wunsch gesprochen . Vielmehr will er , daß wir den eignen Weg verfolgen , weil jeder neue Weg durch neue Länder geht , und jeder endlich zu diesen Wohnungen , zu dieser heiligen Heimath wieder führet . Auch ich will also meine Figur beschreiben , und wenn kein Sterblicher , nach jener Inschrift dort , den Schleyer hebt , so müssen wir Unsterbliche zu werden suchen ; wer ihn nicht heben will , ist kein ächter Lehrling zu Sais . 2. Die Natur Es mag lange gedauert haben , ehe die Menschen darauf dachten , die mannichfachen Gegenstände ihrer Sinne mit einem gemeinschaftlichen Namen zu bezeichnen und sich entgegen zu setzen . Durch Uebung werden Entwickelungen befördert , und in allen Entwickelungen gehen Theilungen , Zergliederungen vor , die man bequem mit den Brechungen des Lichtstrahls vergleichen kann . So hat sich auch nur allmählich unser Innres in so mannichfaltige Kräfte zerspaltet , und mit fortdauernder Uebung wird auch diese Zerspaltung zunehmen . Vielleicht ist es nur krankhafte Anlage der späteren Menschen , wenn sie das Vermögen verlieren , diese zerstreuten Farben ihres Geistes wieder zu mischen und nach Belieben den alten einfachen Naturstand herzustellen , oder neue , mannichfaltige Verbindungen unter ihnen zu bewirken . Je vereinigter sie sind , desto vereinigter , desto vollständiger und persönlicher fließt jeder Naturkörper , jede Erscheinung in sie ein : denn der Natur des Sinnes entspricht die Natur des Eindrucks , und daher mußte jenen früheren Menschen alles menschlich , bekannt und gesellig vorkommen , die frischeste Eigenthümlichkeit mußte in ihren Ansichten sichtbar werden , jede ihrer Äußerungen war ein wahrer Naturzug , und ihre Vorstellungen mußten mit der sie umgebenden Welt übereinstimmen , und einen treuen Ausdruck derselben darstellen . Wir können daher die Gedanken unsrer Altväter von den Dingen in der Welt als ein nothwendiges Erzeugniß , als eine Selbstabbildung des damaligen Zustandes der irdischen Natur betrachten , und besonders an ihnen , als den schicklichsten Werkzeugen der Beobachtung des Weltalls , das Hauptverhältniß desselben , das damalige Verhältniß zu seinen Bewohnern , und seiner Bewohner zu ihm , bestimmt abnehmen . Wir finden , daß gerade die erhabensten Fragen zuerst ihre Aufmerksamkeit beschäftigten , und daß sie den Schlüssel dieses wundervollen Gebäudes bald in einer Hauptmasse der wirklichen Dinge , bald in dem erdichteten Gegenstande eines unbekannten Sinns aufsuchten . Bemerklich ist hier die gemeinschaftliche Ahndung desselben im Flüssigen , im Dünnen , Gestaltlosen . Es mochte wohl die Trägheit und Unbehülflichkeit der festen Körper den Glauben an ihre Abhängigkeit und Niedrigkeit nicht ohne Bedeutung veranlassen . Früh genug stieß jedoch ein grübelnder Kopf auf die Schwierigkeit der Gestalten-Erklärung aus jenen gestaltlosen Kräften und Meeren . Er versuchte den Knoten durch eine Art von Vereinigung zu lösen , indem er die ersten Anfänge zu festen , gestalteten Körperchen machte , die er jedoch über allen Begriff klein annahm , und nun aus diesem Staubmeere , aber freilich nicht ohne Beihülfe mitwirkender Gedankenwesen , anziehender und abstoßender Kräfte , den ungeheuern Bau vollführen zu können meynte . Noch früher findet man statt wissenschaftlicher Erklärungen , Mährchen und Gedichte voll merkwürdiger bildlicher Züge , Menschen , Götter und Thiere als gemeinschaftliche Werkmeister , und hört auf die natürlichste Art die Entstehung der Welt beschreiben . Man erfährt wenigstens die Gewißheit eines zufälligen , werkzeuglichen Ursprungs derselben , und auch für den Verächter der regellosen Erzeugnisse der Einbildungskraft ist diese Vorstellung bedeutend genug . Die Geschichte der Welt als Menschengeschichte zu behandeln , überall nur menschliche Begebenheiten und Verhältnisse zu finden , ist eine fortwandernde , in den verschiedensten Zeiten wieder mit neuer Bildung hervortretende Idee geworden , und scheint an wunderbarer Wirkung , und leichter Ueberzeugung beständig den Vorrang gehabt zu haben . Auch scheint die Zufälligkeit der Natur sich wie von selbst an die Idee menschlicher Persönlichkeit anzuschließen , und letztere am willigsten , als menschliches Wesen verständlich zu werden . Daher ist auch wohl die Dichtkunst das liebste Werkzeug der eigentlichen Naturfreunde gewesen , und am hellsten ist in Gedichten der Naturgeist erschienen . Wenn man ächte Gedichte liest und hört , so fühlt man einen innern Verstand der Natur sich bewegen , und schwebt , wie der himmlische Leib derselben , in ihr und über ihr zugleich . Naturforscher und Dichter haben durch Eine Sprache sich immer wie Ein Volk gezeigt . Was jene im Ganzen sammelten und in großen , geordneten Massen aufstellten , haben diese für menschliche Herzen zur täglichen Nahrung und Nothdurft verarbeitet , und jene unermeßliche Natur zu mannichfaltigen , kleinen , gefälligen Naturen zersplittert und gebildet . Wenn diese mehr das Flüssige und Flüchtige mit leichtem Sinn verfolgten , suchten jene mit scharfen Messerschnitten den innern Bau und die Verhältnisse der Glieder zu erforschen . Unter ihren Händen starb die freundliche Natur , und ließ nur todte , zuckende Reste zurück , dagegen sie vom Dichter , wie durch geistvollen Wein , noch mehr beseelt , die göttlichsten und muntersten Einfälle hören ließ , und über ihr Alltagsleben erhoben , zum Himmel stieg , tanzte und weißagte , jeden Gast willkommen hieß , und ihre Schätze frohen Muths verschwendete . So genoß sie himmlische Stunden mit dem Dichter , und lud den Naturforscher nur dann ein , wenn sie krank und gewissenhaft war . Dann gab sie ihm Bescheid auf jede Frage , und ehrte gern den ernsten , strengen Mann . Wer also ihr Gemüth recht kennen will , muß sie in der Gesellschaft der Dichter suchen , dort ist sie offen und ergießt ihr wundersames Herz . Wer sie aber nicht aus Herzensgrunde liebt , und dies und jenes nur an ihr bewundert , und zu erfahren strebt , muß ihre Krankenstube , ihr Beinhaus fleißig besuchen . Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen Verhältnissen , wie mit den Menschen ; und wie sie sich dem Kinde kindisch zeigt , und sich gefällig seinem kindlichen Herzen anschmiegt , so zeigt sie sich dem Gotte göttlich , und stimmt zu dessen hohem Geiste . Man kann nicht sagen , daß es eine Natur gebe , ohne etwas überschwengliches zu sagen , und alles Bestreben nach Wahrheit in den Reden und Gesprächen von der Natur entfernt nur immer mehr von der Natürlichkeit . Es ist schon viel gewonnen , wenn das Streben , die Natur vollständig zu begreifen , zur Sehnsucht sich veredelt , zur zarten , bescheidnen Sehnsucht , die sich das fremde , kalte Wesen gern gefallen läßt , wenn sie nur einst auf vertrauteren Umgang rechnen kann . Es ist ein geheimnißvoller Zug nach allen Seiten in unserm Innern , aus einem unendlich tiefen Mittelpunkt sich rings verbreitend . Liegt nun die wundersame sinnliche und unsinnliche Natur rund um uns her , so glauben wir es sey jener Zug ein Anziehn der Natur , eine Äußerung unsrer Sympathie mit ihr : nur sucht der eine hinter diesen blauen , fernen Gestalten noch eine Heimath , die sie ihm verhüllen , eine Geliebte seiner Jugend , Eltern und Geschwister , alte Freunde , liebe Vergangenheiten ; der Andre meynt , da jenseits warteten unbekannte Herrlichkeiten seiner , eine lebensvolle Zukunft glaubt er dahinter versteckt , und streckt verlangend seine Hände einer neuen Welt entgegen . Wenige bleiben bei dieser herrlichen Umgebung ruhig stehen , und suchen sie nur selbst in ihrer Fülle und ihrer Verkettung zu erfassen , vergessen über der Vereinzelung den blitzenden Faden nicht , der reihenweise die Glieder knüpft und den heiligen Kronleuchter bildet , und finden sich beseligt in der Beschauung dieses lebendigen , über nächtlichen Tiefen schwebenden Schmucks . So entstehn mannichfache Naturbetrachtungen , und wenn an einem Ende die Naturempfindung ein lustiger Einfall , eine Mahlzeit wird , so sieht man sie dort zur andächtigsten Religion verwandelt , einem ganzen Leben Richtung , Haltung und Bedeutung geben . Schon unter den kindlichen Völkern gabs solche ernste Gemüther , denen die Natur das Antlitz einer Gottheit war , indessen andre fröhliche Herzen sich nur auf sie zu Tische baten ; die Luft war ihnen ein erquickender Trank , die Gestirne Lichter zum nächtlichen Tanz , und Pflanzen und Thiere nur köstliche Speisen , und so kam ihnen die Natur nicht wie ein stiller , wundervoller Tempel , sondern wie eine lustige Küche und Speisekammer vor . Dazwischen waren andre sinnigere Seelen , die in der gegenwärtigen Natur nur große , aber verwilderte Anlagen bemerkten , und Tag und Nacht beschäftiget waren , Vorbilder einer edleren Natur zu schaffen . - Sie theilten sich gesellig in das große Werk , die einen suchten die verstummten und verlohrnen Töne in Luft und Wäldern zu erwecken , andre legten ihre Ahndungen und Bilder schönerer Geschlechter in Erz und Steine nieder , bauten schönere Felsen zu Wohnungen wieder , brachten die verborgenen Schätze aus den Grüften der Erde wieder ans Licht ; zähmten die ausgelassenen Ströme , bevölkerten das unwirthliche Meer , führten in öde Zonen alte , herrliche Pflanzen und Thiere zurück , hemmten die Waldüberschwemmungen , und pflegten die edleren Blumen und Kräuter , öffneten die Erde den belebenden Berührungen der zeugenden Luft und des zündenden Lichts , lehrten die Farben zu reitzenden Bildungen sich mischen und ordnen , und Wald und Wiese , Quellen und Felsen wieder zu lieblichen Gärten zusammen zu treten , hauchten in die lebendigen Glieder Töne , um sie zu entfalten , und in heitern Schwingungen zu bewegen , nahmen sich der armen , verlaßnen , für Menschensitte empfänglichen Thiere an , und säuberten die Wälder von den schädlichen Ungeheuern , diesen Mißgeburten einer entarteten Fantasie . Bald lernte die Natur wieder freundlichere Sitten , sie ward sanfter und erquicklicher , und ließ sich willig zur Beförderung der menschlichen Wünsche finden . Allmählich fing ihr Herz wieder an menschlich sich zu regen , ihre Fantasieen wurden heitrer , sie ward wieder umgänglich , und antwortete dem freundlichen Frager gern , und so scheint allmählich die alte goldne Zeit zurückzukommen , in der sie den Menschen Freundin , Trösterin , Priesterin und Wunderthäterin war , als sie unter ihnen wohnte und ein himmlischer Umgang die Menschen zu Unsterblichen machte . Dann werden die Gestirne die Erde wieder besuchen , der sie gram geworden waren in jenen Zeiten der Verfinsterung ; dann legt die Sonne ihren strengen Zepter nieder , und wird wieder Stern unter Sternen , und alle Geschlechter der Welt kommen dann nach langer Trennung wieder zusammen . Dann finden sich die alten verwaisten Familien , und jeder Tag sieht neue Begrüßungen , neue Umarmungen ; dann kommen die ehemaligen Bewohner der Erde zu ihr zurück , in jedem Hügel regt sich neu erglimmende Asche , überall lodern Flammen des Lebens empor , alte Wohnstätten werden neu erbaut , alte Zeiten erneuert , und die Geschichte wird zum Traum einer unendlichen , unabsehlichen Gegenwart . Wer dieses Stamms und dieses Glaubens ist , und gern auch das seinige zu dieser Entwilderung der Natur beytragen will , geht in den Werkstätten der Künstler umher , belauscht überall die unvermuthet in allen Ständen hervorbrechende Dichtkunst , wird nimmer müde die Natur zu betrachten und mit ihr umzugehen , geht überall ihren Fingerzeigen nach , verschmäht keinen mühseligen Gang , wenn sie ihm winkt , und sollte er auch durch Modergrüfte gehen : er findet sicher unsägliche Schätze , das Grubenlichtchen steht am Ende still , und wer weiß , in welche himmlische Geheimnisse ihn dann eine reitzende Bewohnerinn des unterirdischen Reichs einweiht . Keiner irrt gewiß weiter ab vom Ziele , als wer sich selbst einbildet , er kenne schon das seltsame Reich , und wisse mit wenig Worten seine Verfassung zu ergründen und überall den rechten Weg zu finden . Von selbst geht keinem , der los sich riß und sich zur Insel machte , das Verständniß auf , auch ohne Mühe nicht . Nur Kindern , oder kindlichen Menschen , die nicht wissen , was sie thun , kann dies begegnen . Langer , unablässiger Umgang , freie und künstliche Betrachtung , Aufmerksamkeit auf leise Winke und Züge , ein inneres Dichterleben , geübte Sinne , ein einfaches und gottesfürchtiges Gemüth , das sind die wesentlichen Erfordernisse eines ächten Naturfreundes , ohne welche keinem sein Wunsch gedeihen wird . Nicht weise scheint es , eine Menschenwelt ohne volle aufgeblühte Menschheit begreifen und verstehn zu wollen . Kein Sinn muß schlummern , und wenn auch nicht alle gleich wach sind , so müssen sie doch alle angeregt und nicht unterdrückt und erschlafft seyn . So wie man einen künftigen Mahler in dem Knaben sieht , der alle Wände und jeden ebenen Sand mit Zeichnungen füllt , und Farben zu Figuren bunt verknüpft , so sieht man einen künftigen Weltweisen in jenem , der allen natürlichen Dingen ohne Rast nachspürt , nachfrägt , auf alles achtet , jedes merkwürdige zusammenträgt und froh ist , wenn er einer neuen Erscheinung , einer neuen Kraft und Kenntniß Meister und Besitzer geworden ist . Nun dünkt es Einigen , es sey der Mühe gar nicht werth , den endlosen Zerspaltungen der Natur nachzugehn , und überdem ein gefährliches Unternehmen , ohne Frucht und Ausgang . So wie man nie das kleinste Korn der festen Körper , nie die einfachste Faser finden werde , weil alle Größe vor und rückwärts sich ins Unendliche verliert , so sey es auch mit den Arten der Körper und Kräfte ; auch hier gerathe man auf neue Arten , neue Zusammensetzungen , neue Erscheinungen bis ins Unendliche . Sie schienen dann nur still zu stehn , wenn unser Fleiß ermatte , und so verschwende man die edle Zeit mit müßigen Betrachtungen und langweiligem Zählen , und werde dies zuletzt ein wahrer Wahnsinn , ein fester Schwindel an der entsetzlichen Tiefe . Auch bleibe die Natur , so weit man käme , immer eine furchtbare Mühle des Todes : überall ungeheurer Umschwung , unauflösliche Wirbelkette , ein Reich der Gefräßigkeit , des tollsten Übermuths , eine unglücksschwangere Unermeßlichkeit ; die wenigen lichten Punkte beleuchten nur eine desto grausendere Nacht , und Schrecken aller Art müßten jeden Beobachter zur Gefühllosigkeit ängstigen . Wie ein Heiland stehe dem armen Menschengeschlechte der Tod zur Seite , denn ohne Tod wäre der Wahnsinnigste am glücklichsten . Gerade jenes Streben nach Ergründung dieses riesenmäßigen Triebwerks sey schon ein Zug in die Tiefe , ein beginnender Schwindel : denn jeder Reitz scheine ein wachsender Wirbel , der bald sich des Unglücklichen ganz bemächtige , und ihn dann durch eine schreckenvolle Nacht mit sich fortreiße . Hier sey die listige Fallgrube des menschlichen Verstandes , den die Natur überall als ihren größten Feind zu vernichten suche . Heil der kindlichen Unwissenheit und Schuldlosigkeit der Menschen , welche sie die entsetzlichen Gefahren nicht gewahr werden ließe , die überall wie furchtbare Wetterwolken um ihre friedlichen Wohnsitze herlägen , und jeden Augenblick über sie hereinzubrechen bereit wären . Nur innre Uneinigkeit der Naturkräfte habe die Menschen bis jetzo erhalten , indeß könne jener große Zeitpunkt nicht ausbleiben , wo sich die sämmtlichen Menschen durch einen großen gemeinschaftlichen Entschluß aus dieser peinlichen Lage , aus diesem furchtbaren Gefängnisse reißen und durch eine freiwillige Entsagung ihrer hiesigen Besitzthümer auf ewig ihr Geschlecht aus diesem Jammer erlösen , und in eine glücklichere Welt , zu ihrem alten Vater retten würden . So endeten sie doch ihrer würdig , und kämen ihrer nothwendigen , gewaltsamen Vertilgung , oder einer noch entsetzlicheren Ausartung in Thiere , durch stufenweise Zerstörung der Denkorgane , durch Wahnsinn , zuvor . Umgang mit Naturkräften , mit Thieren , Pflanzen , Felsen , Stürmen und Wogen müsse nothwendig die Menschen diesen Gegenständen verähnlichen , und diese Verähnlichung , Verwandlung und Auflösung des Göttlichen und Menschlichen in unbändige Kräfte sey der Geist der Natur , dieser fürchterlich verschlingenden Macht : und sey nicht alles , was man sehe , schon ein Raub des Himmels , eine große Ruine ehemaliger Herrlichkeiten , Ueberbleibsel eines schrecklichen Mahls ? Wohl , sagen Muthigere , laßt unser Geschlecht einen langsamen , wohldurchdachten Zerstörungskrieg mit dieser Natur führen . Mit schleichenden Giften müssen wir ihr beizukommen suchen . Der Naturforscher sey ein edler Held , der sich in den geöffneten Abgrund stürze , um seine Mitbürger zu erretten . Die Künstler haben ihr schon manchen geheimen Streich beygebracht , fahrt nur so fort , bemächtigt euch der heimlichen Fäden , und macht sie lüstern nach sich selbst . Benutzt jene Zwiste , um sie , wie jenen feuerspeienden Stier , nach eurer Willkühr lenken zu können . Euch unterthänig muß sie werden . Geduld und Glauben ziemt den Menschenkindern . Entfernte Brüder sind zu Einem Zweck mit uns vereint , das Sternenrad wird das Spinnrad unsers Lebens werden , und dann können wir durch unsere Sklaven ein neues Dschinnistan uns bauen . Mit innerm Triumph laßt uns ihren Verwüstungen , ihren Tumulten zu sehn , sie soll an uns sich selbst verkaufen , und jede Gewaltthat soll ihr zur schweren Buße werden . In den begeisternden Gefühlen unsrer Freyheit laßt uns leben und sterben , hier quillt der Strom , der sie einst überschwemmen und zähmen wird , und in ihm laßt uns baden und mit neuem Muth zu Heldenthaten uns erfrischen . Bis hieher reicht die Wuth des Ungeheuers nicht , ein Tropfen Freyheit ist genug , sie auf immer zu lähmen und ihren Verheerungen Maaß und Ziel zu setzen . Sie haben recht , sprechen Mehrere ; hier oder nirgends liegt der Talisman . Am Quell der Freiheit sitzen wir und spähn ; er ist der große Zauberspiegel , in dem rein und klar die ganze Schöpfung sich enthüllt , in ihm baden die zarten Geister und Abbilder aller Naturen , und alle Kammern sehn wir hier aufgeschlossen . Was brauchen wir die trübe Welt der sichtbaren Dinge mühsam zu durchwandern ? Die reinere Welt liegt ja in uns , in diesem Quell . Hier offenbart sich der wahre Sinn des großen , bunten , verwirrten Schauspiels ; und treten wir von diesen Blicken voll in die Natur , so ist uns alles wohlbekannt , und sicher kennen wir jede Gestalt . Wir brauchen nicht erst lange nachzuforschen , eine leichte Vergleichung , nur wenige Züge im Sande sind genug um uns zu verständigen . So ist uns alles eine große Schrift , wozu wir den Schlüssel haben , und nichts kommt uns unerwartet , weil wir voraus den Gang des großen Uhrwerks wissen . Nur wir genießen die Natur mit vollen Sinnen , weil sie uns nicht von Sinnen bringt , weil keine Fieberträume uns ängstigen und helle Besonnenheit uns zuversichtlich und ruhig macht . Die Andern reden irre , sagt ein ernster Mann zu diesen . Erkennen sie in der Natur nicht den treuen Abdruck ihrer selbst ? Sie selbst verzehren sich in wilder Gedankenlosigkeit . Sie wissen nicht , daß ihre Natur ein Gedankenspiel , eine wüste Fantasie ihres Traumes ist . Ja wohl ist sie ihnen ein entsetzliches Thier , eine seltsame abentheuerliche Larve ihrer Begierden . Der wachende Mensch sieht ohne Schaudern diese Brut seiner regellosen Einbildungskraft , denn er weiß , daß es nichtige Gespenster seiner Schwäche sind . Er fühlt sich Herr der Welt , sein Ich schwebt mächtig über diesem Abgrund , und wird in Ewigkeiten über diesem endlosen Wechsel erhaben schweben . Einklang strebt sein Inneres zu verkünden , zu verbreiten . Er wird in die Unendlichkeit hinaus stets einiger mit sich selbst und seiner Schöpfung um sich her seyn , und mit jedem Schritte die ewige Allwirksamkeit einer hohen sittlichen Weltordnung , der Veste seines Ichs , immer heller hervortreten sehn . Der Sinn der Welt ist die Vernunft : um derentwillen ist sie da , und wenn sie erst der Kampfplatz einer kindlichen , aufblühenden Vernunft ist , so wird sie einst zum göttlichen Bilde ihrer Thätigkeit , zum Schauplatz einer wahren Kirche werden . Bis da hin ehre sie der Mensch , als Sinnbild seines Gemüths , das sich mit ihm in unbestimmbare Stufen veredelt . Wer also zur Kenntniß der Natur gelangen will , übe seinen sittlichen Sinn , handle und bilde dem edlen Kerne seines Innern gemäß ,