Novalis Heinrich von Ofterdingen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Novalis Heinrich von Ofterdingen Erster Theil : Die Erwartung Erstes Kapitel Die Eltern lagen schon und schliefen , die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt , vor den klappernden Fenstern sauste der Wind ; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes . Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager , und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen . Nicht die Schätze sind es , die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben , sagte er zu sich selbst ; fern ab liegt mir alle Habsucht : aber die blaue Blume sehn ' ich mich zu erblicken . Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn , und ich kann nichts anders dichten und denken . So ist mir noch nie zu Muthe gewesen : es ist , als hätt ' ich vorhin geträumt , oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert ; denn in der Welt , in der ich sonst lebte , wer hätte da sich um Blumen bekümmert , und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab ' ich damals nie gehört . Wo eigentlich nur der Fremde herkam ? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehn ; doch weiß ich nicht , warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin ; die Andern haben ja das Nämliche gehört , und Keinem ist so etwas begegnet . Daß ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden kann ! Es ist mir oft so entzückend wohl , und nur dann , wenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe , befällt mich so ein tiefes , inniges Treiben : das kann und wird Keiner verstehn . Ich glaubte , ich wäre wahnsinnig , wenn ich nicht so klar und hell sähe und dächte , mir ist seitdem alles viel bekannter . Ich hörte einst von alten Zeiten reden ; wie da die Thiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten . Mir ist grade so , als wollten sie allaugenblicklich anfangen , und als könnte ich es ihnen ansehen , was sie mir sagen wollten . Es muß noch viel Worte geben , die ich nicht weiß : wüßte ich mehr , so könnte ich viel besser alles begreifen . Sonst tanzte ich gern ; jezt denke ich lieber nach der Musik . Der Jüngling verlohr sich allmählich in süßen Fantasien und entschlummerte . Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen , und wilden , unbekannten Gegenden . Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit ; wunderliche Thiere sah er ; er lebte mit mannichfaltigen Menschen , bald im Kriege , in wildem Getümmel , in stillen Hütten . Er gerieth in Gefangenschaft und die schmählichste Noth . Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm . Er durchlebte ein unendlich buntes Leben ; starb und kam wieder , liebte bis zur höchsten Leidenschaft , und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt . Endlich gegen Morgen , wie draußen die Dämmerung anbrach , wurde es stiller in seiner Seele , klarer und bleibender wurden die Bilder . Es kam ihm vor , als ginge er in einem dunkeln Walde allein . Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz . Bald kam er vor eine Felsenschlucht , die bergan stieg . Er mußte über bemooste Steine klettern , die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte . Je höher er kam , desto lichter wurde der Wald . Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese , die am Hange des Berges lag . Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe , an deren Fuß er eine Öefnung erblickte , die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien . Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort , bis zu einer großen Weitung , aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte . Wie er hineintrat , ward er einen mächtigen Strahl gewahr , der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg , und oben in unzählige Funken zerstäubte , die sich unten in einem großen Becken sammelten ; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold ; nicht das mindeste Geräusch war zu hören , eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel . Er näherte sich dem Becken , das mit unendlichen Farben wogte und zitterte . Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen , die nicht heiß , sondern kühl war , und an den Wänden nur ein mattes , bläuliches Licht von sich warf . Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen . Es war , als durchdränge ihn ein geistiger Hauch , und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt . Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden , er entkleidete sich und stieg in das Becken . Es dünkte ihn , als umflösse ihn eine Wolke des Abendroths ; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres ; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen ; neue , niegesehene Bilder entstanden , die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden , und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn . Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen , die an dem Jünglinge sich augenblicklich verkörperten . Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt , schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach , der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß . Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn , in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte , und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte . Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle , die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien . Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung ; das Tageslicht [ , ] das ihn umgab , war heller und milder als das gewöhnliche , der Himmel war schwarzblau und völlig rein . Was ihn aber mit voller Macht anzog , war eine hohe lichtblaue Blume , die zunächst an der Quelle stand , und ihn mit ihren breiten , glänzenden Blättern berührte . Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben , und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft . Er sah nichts als die blaue Blume , und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit . Endlich wollte er sich ihr nähern , als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing ; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel , die Blume neigte sich nach ihm zu , und die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen , in welchem ein zartes Gesicht schwebte . Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung , als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte , und er sich in der elterlichen Stube fand , die schon die Morgensonne vergoldete . Er war zu entzückt , um unwillig über diese Störung zu seyn ; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich guten Morgen und erwiederte ihre herzliche Umarmung . Du Langschläfer , sagte der Vater , wie lange sitze ich schon hier , und feile . Ich habe deinetwegen nichts hämmern dürfen ; die Mutter wollte den lieben Sohn schlafen lassen . Aufs Frühstück habe ich auch warten müssen . Klüglich hast du den Lehrstand erwählt , für den wir wachen und arbeiten . Indeß ein tüchtiger Gelehrter , wie ich mir habe sagen lassen , muß auch Nächte zu Hülfe nehmen , um die großen Werke der weisen Vorfahren zu studiren . Lieber Vater , antwortete Heinrich , werdet nicht unwillig über meinen langen Schlaf , den ihr sonst nicht an mir gewohnt seid . Ich schlief erst spät ein , und habe viele unruhige Träume gehabt , bis zuletzt ein anmuthiger Traum mir erschien , den ich lange nicht vergessen werde , und von dem mich dünkt , als sey es mehr als bloßer Traum gewesen . Lieber Heinrich , sprach die Mutter , du hast dich gewiß auf den Rücken gelegt , oder beim Abendsegen fremde Gedanken gehabt . Du siehst auch noch ganz wunderlich aus . Iß und trink , daß du munter wirst . Die Mutter ging hinaus , der Vater arbeitete emsig fort und sagte : Träume sind Schäume , mögen auch die hochgelahrten Herren davon denken , was sie wollen , und du thust wohl , wenn du dein Gemüth von dergleichen unnützen und schädlichen Betrachtungen abwendest . Die Zeiten sind nicht mehr , wo zu den Träumen göttliche Gesichte sich gesellten , und wir können und werden es nicht begreifen , wie es jenen auserwählten Männern , von denen die Bibel erzählt , zu Muthe gewesen ist . Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben , so wie mit den menschlichen Dingen . In dem Alter der Welt , wo wir leben , findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr Statt . Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen , durch die uns eine Kenntniß von der überirdischen Welt , so weit wir sie nöthig haben , zu Theil wird ; und statt jener ausdrücklichen Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer Menschen zu uns . Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut , und ich habe nie jene großen Thaten geglaubt , die unsre Geistlichen davon erzählen . Indeß mag sich daran erbauen , wer will , und ich hüte mich wohl jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen . - Aber , lieber Vater , aus welchem Grunde seyd Ihr so den Träumen entgegen , deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewißlich rege machen müssen ? Ist nicht jeder , auch der verworrenste Traum , eine sonderliche Erscheinung , die auch ohne noch an göttliche Schickung dabey zu denken , ein bedeutsamer Riß in den geheimnißvollen Vorhang ist , der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt ? In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von glaubhaften Menschen , und erinnert Euch nur noch des Traums , den uns neulich der ehrwürdige Hofkaplan erzählte , und der Euch selbst so merkwürdig vorkam . Aber , auch ohne diese Geschichten , wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen Traum hättet , wie würdet Ihr nicht erstaunen , und Euch die Wunderbarkeit dieser uns nur alltäglich gewordenen Begebenheit gewiß nicht abstreiten lassen ! Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens , eine freye Erholung der gebundenen Fantasie , wo sie alle Bilder des Lebens durcheinanderwirft , und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht . Ohne die Träume würden wir gewiß früher alt , und so kann man den Traum , wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben , doch als eine göttliche Mitgabe , einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten . Gewiß ist der Traum , den ich heute Nacht träumte , kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen , denn ich fühle es , daß er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift , und sie in mächtigem Schwunge forttreibt . Der Vater lächelte freundlich und sagte , indem er die Mutter , die eben hereintrat , ansah : Mutter , Heinrich kann die Stunde nicht verläugnen , durch die er in der Welt ist . In seinen Reden kocht der feurige wälsche Wein , den ich damals von Rom mitgebracht hatte , und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte . Damals war ich auch noch ein andrer Kerl . Die südliche Luft hatte mich aufgethaut , von Muth und Lust floß ich über , und du warst auch ein heißes köstliches Mädchen . Bey Deinem Vater gings damals herrlich zu ; Spielleute und Sänger waren weit und breit herzugekommen , und lange war in Augsburg keine lustigere Hochzeit gefeyert worden . Ihr spracht vorhin von Träumen , sagte die Mutter , weißt du wohl , daß du mir damals auch von einem Traume erzähltest , den du in Rom gehabt hattest , und der dich zuerst auf den Gedanken gebracht , zu uns nach Augsburg zu kommen , und um mich zu werben ? Du erinnerst mich eben zur rechten Zeit , sagte der Alte ; ich habe diesen seltsamen Traum ganz vergessen , der mich damals lange genug beschäftigte ; aber eben er ist mir ein Beweis dessen , was ich von den Träumen gesagt habe . Es ist unmöglich einen geordneteren und helleren zu haben ; noch jetzt entsinne ich mich jedes Umstandes ganz genau ; und doch , was hat er bedeutet ? Daß ich von dir träumte , und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen fühlte , dich zu besitzen , war ganz natürlich : denn ich kannte dich schon . Dein freundliches holdes Wesen hatte mich gleich anfangs lebhaft gerührt , und nur die Lust nach der Fremde hielt damals meinen Wunsch nach deinem Besitz noch zurück . Um die Zeit des Traums war meine Neugierde schon ziemlich gestillt , und nun konnte die Neigung leichter durchdringen . Erzählt uns doch jenen seltsamen Traum , sagte der Sohn . Ich war eines Abends , fing der Vater an , umhergestreift . Der Himmel war rein , und der Mond bekleidete die alten Säulen und Mauern mit seinem bleichen schauerlichen Lichte . Meine Gesellen gingen den Mädchen nach , und mich trieb das Heimweh und die Liebe ins Freye . Endlich ward ich durstig und ging ins erste beste Landhaus hinein , um einen Trunk Wein oder Milch zu fordern . Ein alter Mann kam heraus , der mich wohl für einen verdächtigen Besuch halten mochte . Ich trug ihm mein Anliegen vor ; und als er erfuhr , daß ich ein Ausländer und ein Deutscher sey , lud er mich freundlich in die Stube und brachte eine Flasche Wein . Er hieß mich niedersetzen , und fragte mich nach meinem Gewerbe . Die Stube war voll Bücher und Alterthümer . Wir geriethen in ein weitläufiges Gespräch ; er erzählte mir viel von alten Zeiten , von Mahlern , Bildhauern und Dichtern . Noch nie hatte ich so davon reden hören . Es war mir , als sey ich in einer neuen Welt ans Land gestiegen . Er wies mir Siegelsteine und andre alte Kunstarbeiten ; dann las er mir mit lebendigem Feuer herrliche Gedichte vor , und so vergieng die Zeit , wie ein Augenblick . Noch jetzt heitert mein Herz sich auf , wenn ich mich des bunten Gewühls der wunderlichen Gedanken und Empfindungen erinnere , die mich in dieser Nacht erfüllten . In den heidnischen Zeiten war er wie zu Hause , und sehnte sich mit unglaublicher Inbrunst in dies graue Alterthum zurück . Endlich wies er mir eine Kammer an , wo ich den Rest der Nacht zubringen könnte , weil es schon zu spät sey , um noch zurückzukehren . Ich schlief bald , und da dünkte michs ich sey in meiner Vaterstadt und wanderte aus dem Thore . Es war , als müßte ich irgend wohin gehn , um etwas zu bestellen , doch wußte ich nicht wohin , und was ich verrichten solle . Ich ging nach dem Harze mit überaus schnellen Schritten , und wohl war mir , als sey es zur Hochzeit . Ich hielt mich nicht auf dem Wege , sondern immer feldein durch Thal und Wald , und bald kam ich an einen hohen Berg . Als ich oben war , sah ich die goldne Aue vor mir , und überschaute Thüringen weit und breit , also daß kein Berg in der Nähe umher mir die Aussicht wehrte . Gegenüber lag der Harz mit seinen dunklen Bergen , und ich sah unzählige Schlösser , Klöster und Ortschaften . Wie mir nun da recht wohl innerlich ward , fiel mir der alte Mann ein , bei dem ich schlief , und es gedäuchte mir , als sey das vor geraumer Zeit geschehn , daß ich bey ihm gewesen sey . Bald gewahrte ich eine Stiege , die in den Berg hinein ging , und ich machte mich hinunter . Nach langer Zeit kam ich in eine große Höhle , da saß ein Greis in einem langen Kleide vor einem eisernen Tische , und schaute unverwandt nach einem wunderschönen Mädchen , die in Marmor gehauen vor ihm stand . Sein Bart war durch den eisernen Tisch gewachsen und bedeckte seine Füße . Er sah ernst und freundlich aus , und gemahnte mich wie ein alter Kopf , den ich den Abend bey dem Manne gesehn hatte . Ein glänzendes Licht war in der Höhle verbreitet . Wie ich so stand und den Greis ansah , klopfte mir plötzlich mein Wirth auf die Schulter , nahm mich bei der Hand und führte mich durch lange Gänge mit sich fort . Nach einer Weile sah ich von weitem eine Dämmerung , als wollte das Tageslicht einbrechen . Ich eilte darauf zu , und befand mich bald auf einem grünen Plane ; aber es schien mir alles ganz anders , als in Thüringen . Ungeheure Bäume mit großen glänzenden Blättern verbreiteten weit umher Schatten . Die Luft war sehr heiß und doch nicht drückend . Überall Quellen und Blumen , und unter allen Blumen gefiel mir Eine ganz besonders , und es kam mir vor , als neigten sich die Andern gegen sie . Ach ! liebster Vater , sagt mir doch , welche Farbe sie hatte , rief der Sohn mit heftiger Bewegung . Das entsinne ich mich nicht mehr , so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe . War sie nicht blau ? Es kann seyn , fuhr der Alte fort , ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben . Soviel weiß ich nur noch , daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war , und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah . Wie ich mich endlich zu ihm wandte , bemerkte ich , daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte . Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam , erinnere ich mir nicht mehr . Ich war wieder oben auf dem Berge . Mein Begleiter stand bey mir , und sagte : du hast das Wunder der Welt gesehn . Es steht bey dir , das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden . Nimm wohl in Acht , was ich dir sage : wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst , und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest , so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden ; dann gieb nur acht , auf ein blaues Blümchen , was du hier oben finden wirst , brich es ab , und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung . Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen , und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber . Wie gelöst war meine Zunge , und was ich sprach , klang wie Musik . Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich ; ich sah deine Mutter mit freundlichem , verschämten Blick vor mir ; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen , und reichte mir es hin , als auf einmal das Kind zusehends wuchs , immer heller und glänzender ward , und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob , uns beyde in seinen Arm nahm , und so hoch mit uns flog , daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah . Dann erinnere ich mir nur , daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen ; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt . Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth , der mich bat , ihn oft wieder zu besuchen , was ich ihm zusagte , und auch Wort gehalten haben würde , wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte , und ungestüm nach Augsburg gereist wäre . Zweytes Kapitel Johannis war vorbey , die Mutter hatte längst einmal nach Augsburg ins väterliche Haus kommen und dem Großvater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen sollen . Einige gute Freunde des alten Ofterdingen , ein paar Kaufleute , mußten in Handelsgeschäften dahin reisen . Da faßte die Mutter den Entschluß , bey dieser Gelegenheit jenen Wunsch auszuführen , und es lag ihr dieß um so mehr am Herzen , weil sie seit einiger Zeit merkte , daß Heinrich weit stiller und in sich gekehrter war , als sonst . Sie glaubte , er sey mißmüthig oder krank , und eine weite Reise , der Anblick neuer Menschen und Länder , und wie sie verstohlen ahndete , die Reize einer jungen Landsmännin würden die trübe Laune ihres Sohnes vertreiben , und wieder einen so theilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm machen , wie er sonst gewesen . Der Alte willigte in den Plan der Mutter , und Heinrich war über die Maßen erfreut , in ein Land zu kommen , was er schon lange , nach den Erzählungen seiner Mutter und mancher Reisenden , wie ein irdisches Paradies sich gedacht , und wohin er oft vergeblich sich gewünscht hatte . Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden . Er war nie über die umliegenden Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen ; die Welt war ihm nur aus Erzählungen bekannt . Wenig Bücher waren ihm zu Gesichte gekommen . Bey der Hofhaltung des Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu ; und die Pracht und Bequemlichkeit des fürstlichen Lebens dürfte sich schwerlich mit den Annehmlichkeiten messen , die in spätern Zeiten ein bemittelter Privatmann sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte . Dafür war aber der Sinn für die Geräthschaften und Habseeligkeiten , die der Mensch zum mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt , desto zarter und tiefer . Sie waren den Menschen werther und merkwürdiger . Zog schon das Geheimniß der Natur und die Entstehung ihrer Körper den ahndenden Geist an : so erhöhte die seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne , aus der man sie erhielt , und die Heiligkeit ihres Alterthums , da sie sorgfältiger bewahrt , oft das Besitzthum mehrerer Nachkommenschaften wurden , die Neigung zu diesen stummen Gefährten des Lebens . Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfändern eines besondern Segens und Schicksals erhoben , und das Wohl ganzer Reiche und weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung . Eine liebliche Armuth schmückte diese Zeiten mit einer eigenthümlichen ernsten und unschuldigen Einfalt ; und die sparsam vertheilten Kleinodien glänzten desto bedeutender in dieser Dämmerung , und erfüllten ein sinniges Gemüth mit wunderbaren Erwartungen . Wenn es wahr ist , daß erst eine geschickte Vertheilung von Licht , Farbe und Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart , und sich hier ein neues höheres Auge aufzuthun scheint : so war damals überall eine ähnliche Vertheilung und Wirthschaftlichkeit wahrzunehmen ; da hingegen die neuere wohlhabendere Zeit das einförmige und unbedeutendere Bild eines allgemeinen Tages darbietet . In allen Übergängen scheint , wie in einem Zwischenreiche , eine höhere , geistliche Macht durchbrechen zu wollen ; und wie auf der Oberfläche unseres Wohnplatzes , die an unterirdischen und überirdischen Schätzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden , unwirthlichen Urgebirgen und den unermeßlichen Ebenen liegen , so hat sich auch zwischen den rohen Zeiten der Barbarey , und dem kunstreichen , vielwissenden und begüterten Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen , die unter schlichtem Kleide eine höhere Gestalt verbirgt . Wer wandelt nicht gern im Zwielichte , wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in höhere Schatten und Farben zerbricht ; und also vertiefen wir uns willig in die Jahre , wo Heinrich lebte und jetzt neuen Begebenheiten mit vollem Herzen entgegenging . Er nahm Abschied von seinen Gespielen und seinem Lehrer , dem alten weisen Hofkaplan , der Heinrichs fruchtbare Anlagen kannte , und ihn mit gerührtem Herzen und einem stillen Gebete entließ . Die Landgräfin war seine Pathin ; er war oft auf der Wartburg bey ihr gewesen . Auch jetzt beurlaubte er sich bey seiner Beschützerin , die ihm gute Lehren und eine goldene Halskette verehrte , und mit freundlichen Äußerungen von ihm schied . In wehmüthiger Stimmung verließ Heinrich seinen Vater und seine Geburtsstadt . Es ward ihm jetzt erst deutlich , was Trennung sey ; die Vorstellungen von der Reise waren nicht von dem sonderbaren Gefühle begleitet gewesen , was er jetzt empfand , als zuerst seine bisherige Welt von ihm gerissen und er wie auf ein fremdes Ufer gespült ward . Unendlich ist die jugendliche Trauer bey dieser ersten Erfahrung der Vergänglichkeit der irdischen Dinge , die dem unerfahrnen Gemüth so nothwendig , und unentbehrlich , so fest verwachsen mit dem eigenthümlichsten Daseyn und so unveränderlich , wie dieses , vorkommen müssen . Eine erste Ankündigung des Todes , bleibt die erste Trennung unvergeßlich , und wird , nachdem sie lange wie ein nächtliches Gesicht den Menschen beängstigt hat , endlich bey abnehmender Freude an den Erscheinungen des Tages , und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt , zu einem freundlichen Wegweiser und einer tröstenden Bekanntschaft . Die Nähe seiner Mutter tröstete den Jüngling sehr . Die alte Welt schien noch nicht ganz verlohren , und er umfaßte sie mit verdoppelter Innigkeit . Es war früh am Tage , als die Reisenden aus den Thoren von Eisenach fortritten , und die Dämmerung begünstigte Heinrichs gerührte Stimmung . Je heller es ward , desto bemerklicher wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden ; und als auf einer Anhöhe die verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde , so fielen dem überraschten Jüngling alte Melodien seines Innern in den trüben Wechsel seiner Gedanken ein . Er sah sich an der Schwelle der Ferne , in die er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut , und die er sich mit sonderbaren Farben ausgemahlt hatte . Er war im Begriff , sich in ihre blaue Flut zu tauchen . Die Wunderblume stand vor ihm , und er sah nach Thüringen , welches er jetzt hinter sich ließ mit der seltsamen Ahndung hinüber , als werde er nach langen Wanderungen von der Weltgegend her , nach welcher sie jetzt reisten , in sein Vaterland zurückkommen , und als reise er daher diesem eigentlich zu . Die Gesellschaft , die anfänglich aus ähnlichen Ursachen still gewesen war , fing nach gerade an aufzuwachen , und sich mit allerhand Gesprächen und Erzählungen die Zeit zu verkürzen . Heinrichs Mutter glaubte ihren Sohn aus den Träumereien reißen zu müssen , in denen sie ihn versunken sah , und fing an ihm von ihrem Vaterlande zu erzählen , von dem Hause ihres Vaters und dem frölichen Leben in Schwaben . Die Kaufleute stimmten mit ein , und bekräftigten die mütterlichen Erzählungen , rühmten die Gastfreyheit des alten Schwaning , und konnten nicht aufhören , die schönen Landsmänninnen ihrer Reisegefährtin zu preisen . Ihr thut wohl , sagten sie , daß ihr euren Sohn dorthin führt . Die Sitten eures Vaterlandes sind milder und gefälliger . Die Menschen wissen das Nützliche zu befördern , ohne das Angenehme zu verachten . Jedermann sucht seine Bedürfnisse auf eine gesellige und reitzende Art zu befriedigen . Der Kaufmann befindet sich wohl dabey , und wird geehrt . Die Künste und Handwerke vermehren und veredeln sich , den Fleißigen dünkt die Arbeit leichter , weil sie ihm zu mannichfachen Annehmlichkeiten verhilft , und er , indem er eine einförmige Mühe übernimmt , sicher ist , die bunten Früchte mannichfacher und belohnender Beschäftigungen dafür mitzugenießen . Geld , Thätigkeit und Waren erzeugen sich gegenseitig , und treiben sich in raschen Kreisen , und das Land und die Städte blühen auf . Je eifriger der Erwerbfleiß die Tage benutzt , desto ausschließlicher ist der Abend , den reitzenden Vergnügungen der schönen Künste und des geselligen Umgangs gewidmet . Das Gemüth sehnt sich nach Erholung und Abwechselung , und wo sollte es diese auf eine anständigere und reitzendere Art finden , als in der Beschäftigung mit den freyen Spielen und Erzeugnissen seiner edelsten Kraft , des bildenden Tiefsinns . Nirgends hört man so anmuthige Sänger , findet so herrliche Mahler , und nirgends sieht man auf den Tanzsälen leichtere Bewegungen und lieblichere Gestalten . Die Nachbarschaft von Wälschland zeigt sich in dem ungezwungenen Betragen und den einnehmenden Gesprächen . Euer Geschlecht darf die Gesellschaften schmücken , und ohne Furcht vor Nachrede mit holdseligem Bezeigen einen lebhaften Wetteifer , seine Aufmerksamkeit zu fesseln , erregen . Die rauhe Ernsthaftigkeit und die wilde Ausgelassenheit der Männer macht einer milden Lebendigkeit und sanfter bescheidner Freude Platz , und die Liebe wird in tausendfachen Gestalten der leitende Geist der glücklichen Gesellschaften . Weit entfernt , daß Ausschweifungen und unziemende Grundsätze dadurch sollten herbeygelockt werden , scheint es , als flöhen die bösen Geister die Nähe der Anmuth , und gewiß sind in ganz Deutschland keine unbescholtenere Mädchen und keine treuere Frauen , als in Schwaben . Ja junger Freund , in der klaren warmen Luft des südlichen Deutschlands werdet ihr eure ernste Schüchternheit wohl ablegen ; die frölichen Mädchen werden euch wohl geschmeidig und gesprächig machen . Schon euer Name , als Fremder , und eure nahe Verwandtschaft mit dem alten Schwaning , der die Freude jeder frölichen Gesellschaft ist , werden die reitzenden Augen der Mädchen auf