Fischer , Caroline Auguste Die Honigmonathe www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline Auguste Fischer Die Honigmonathe Von dem Verfasser von Gustavs Verirrungen Erster Theil An die Leser Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag ; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmöglich , sich seiner ganzen moralischen Kraft bewußt zu werden . Wer uns demnach irgend eine dieser wohlthätigen Feindinnen treu darzustellen versucht ; darf sich schmeicheln , nichts Überflüssiges unternommen zu haben . Den Versuch habe ich gewagt ; ob er gelungen ist - mögen die Leser entscheiden . Erster Brief Wilhelmine an Julie Nimm Dich in Acht ! Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen . - Hat sich freylich auf das Beste herausgeputzt , nennt sich Großmuth , Dankbarkeit , Selbstüberwindung , und was der schönklingenden Titel mehr sind . - Aber noch einmal sage ich : nimm Dich in Acht ! - Gewisse Bäume sind nur zum Abhauen gut ; und gewisse Schäden können nicht mit Honig , sondern nur mit Schierling geheilt werden . - Von mir heute kein Wort . Ich weiß mich zu bescheiden . Zweiter Brief Julie an Wilhelmine So ernst , meine Wilhelmine ? Du könntest mich bange machen . - Großer Gott ! sollte ich mich täuschen ? - Sollte alles vergeblich seyn ? - Aber Geliebte ! jeder Mensch hat ja das Bedürfniß , mit sich selbst einig zu werden . Dieser unglückliche Mann allein sollte es nicht haben ? - Ach glaube mir , meine Einzige ! viele Menschen würden gut seyn , wenn es ihnen das Schicksal erlaubte . Laß uns gestehen , dies war bis jetzt Oliviers Fall . Mit dem französischen Leichtsinne gebohren , von seinen Ältern verzärtelt , von den Weibern wechselweise gemißbraucht und vergöttert , durch seine unersättliche Begierde nach Genuß ins tiefste Elend gestürzt , nun bey dem gänzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen . - Sage , wie konnte es anders seyn ? - Dritter Brief Wilhelmine an Julie Ey ! liebes Kind , davon ist ja gar nicht die Rede ! Wer sagt Dir denn , daß sich das alles nicht ganz vortreflich erklären lasse ? - Es frägt sich nur , ob es der Mühe lohne einen Mohren zu waschen ? - und ob man nachher , schwarz oder weiß , mit ihm vorlieb nehmen wolle ? - Das bedenke , mein Täubchen , und laß Dich nicht blenden . Ich weiß recht gut , die Frau Mutter wird alles dazu beytragen . Aus welchen Gründen ? - ist nicht schwer zu errathen . - Mit einem Worte ! man will Dich verhandeln , und zwar so bald und so theuer wie möglich . Ach daß Dein Vater nicht mehr lebt ! es wäre nie dahin gekommen ! - Vierter Brief Julie an Wilhelmine O mein unvergeßlicher Vater ! Wilhelmine ! es war hart , mich daran zu erinnern . Ach wohl war es damals ganz anders ! - Meine Mutter war milder und ich war glücklicher . Ich weiß nicht - es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem Wesen - und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit , suche ihre leisesten Wünsche zu errathen . - Ach ist es denn meine Schuld , daß wir nicht mehr reich sind ? Gott weiß es ! ich gebrauche ja so wenig , und arbeite vom Morgen bis in die sinkende Nacht . Fünfter Brief Wilhelmine an Julie Ob es Deine Schuld ist ? - Du reines unschuldiges Herz ! Siehst Du denn nicht , was ihr fehlt ? - Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurück ; während Du köstliche Lilie , ohne es zu wissen und zu wollen , alles um Dich her versammlest . Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern ? Dich einem Mann hingeben , der Dich nicht einmal begreift ! Dich nimmt , weil Du ein Weib bist , und Deinen heiligen Kindersinn , den er jetzt nur duldet , einst auf das schändlichste verspotten und mißbrauchen wird . Julie ! laß Dir rathen ! - sorge doch nicht für die Zukunft ! Was mein ist ja Dein ! und wie oft soll ich Dir es wiederholen ? ich heurathe nicht , und wenn mein Herr Vater das ganze Haus umkehrt . - Sechster Brief Julie an Wilhelmine Was denkt meine Wilhelmine von mir ? - Ich sollte Schuld seyn , daß eins der reizendsten Mädchen einsam verblühte ? - daß es einen glücklichen Mann weniger in der Welt gäbe ? - Nimmermehr ! Auch ist das alles Schwärmerey . Weißt Du noch , wie wir einmal beyde ins Kloster wollten ? - Ach sage was Du willst ! sind wir mit einem Mann nicht glücklich , ohne ihn sind wir es noch weniger . Bedarfst Du keiner Stütze , keines Schutzes ? Bedarfst Du nicht der Mutterfreuden , und gewiß auch der Mutterleiden , um ganz gebildet zu werden ? Bedarfst Du nicht der Härte , der Ungerechtigkeit eines gröber gebildeten Wesens , um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen , und in ihrem Heiligthume Deinen Himmel zu bilden ? - Ist es nicht deswegen nothwendig , daß es an Deiner Seite stehe , um die Blicke der Menge anzuziehen ? Wie könntest Du sonst , von allen Welthändeln befreit , in der Stille nur Deiner höhern Bildung leben . Ach sage ! merkst Du denn nicht den Willen der Natur ? - Sie haßt alle plötzlichen Übergänge , darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die glücklicheren Wesen der künftigen Welt . Gewiß ! dahin deuten alle unsere Leiden und Freuden ! Ja sogar das Bedürfniß der Männer . Sie verlangen offenbar etwas mehr als blos menschliches von den Weibern . Das gründet sich nicht auf Ungerechtigkeit , sondern auf reinen Instinkt . Wenn wir mit Demuth und kindlichem Sinne dies glauben , werden es die Männer wohl dulden . Siebenter Brief Wilhelmine an Julie Dulden ! Herzchen , darüber habe ich bis zum Weinen gelacht . Allerdings werden sie es dulden ! Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer , wenn man ihren Sclaven die Freuden der künftigen Welt recht anschaulich machte , und ihren elenden Zustand als ein Mittel zur höhern Bildung darstellte . Fahre nur so fort ! und Du wirst bald eine zweite Elise werden . Gott ! ist es nicht himmelschreiend ? daß selbst Weiber unsre Ketten erschweren ! - Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken , als eben diese Elise wie sie seyn sollte ? - Trägt ihr Vermögen - was offenbar ihren unmündigen Kindern gehörte , und um so mehr für sie erhalten werden mußte , da ihr Herr Papa ein ausgemachter Taugenichts war - trägt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn . Zwar bringt dieser Heroismus Fußfälle , Anbetungen und Versöhnungen hervor , und ist , in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren , in dem Romane recht nützlich . Im wirklichen Leben aber mögte er wohl etwas ganz anderes , und höchst wahrscheinlich , eine gänzliche Trennung hervorgebracht haben . Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt , auf ihrem Kothurne im höchstmöglichen Pathos einherzuschreiten , und hatte das Glück von ihrer gutmüthigen Schöpferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden . Meinetwegen mag auch wer da will , ihre Stelzenschuhe erben ! Nur meine Julie soll sie nicht tragen . Soll nicht ? - habe ich ihr denn zu befehlen ? - O ja ! ich habe ihr zu befehlen , daß sie sich nicht unglücklich machen soll - und wenn ich ihr das nicht mehr befehlen darf ; so mag ich nicht mehr leben . Achter Brief Julie an Wilhelmine Du meine treue Einzige ! ich drücke Dich in Gedanken an mein Herz , und bedecke Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Küssen . O mitten unter Deinem Schelten fühle ich wie sehr Du mich liebst . Mein lieber Schutzengel ! sey doch nur ruhig ! Ja , ja ! ich will vorsichtig , behutsam seyn , nicht schwärmen , und Deinem Rathe folgen . Aber sage mir auch , daß Du wieder ruhig bist ! nicht ängstlich für mein Schicksal sorgest . Nein , meine Wilhelmine ! ich werde nicht unglücklich ! gewiß , ich kann es nicht werden . - Gieb doch dem Boten ein paar Zeilen , damit ich weiß , daß Du nicht böse bist . Neunter Brief Wilhelmine an Julie Ein paar Zeilen ? - Sieh , das ist es ja eben was Dich unglücklich machen wird ! dieses Herz voll unzerstörbarer Liebe ! - Was ? ich ? ich soll nicht böse seyn ? - Hast Du denn gepredigt , gescholten , die Hofmeisterin gespielt ? - Sieh ! so verwechselt Dein Kinderherz ! Statt empfindlich und zurückhaltend zu werden , wie ich es wohl verdient hätte , kömmst Du und bittest , ich möge nicht böse seyn . - Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses Engelherz schlägt ; wie wird es bluten ! - Nein ! ich dulde es nicht ! ich kann es nicht dulden ! - Zehnter Brief Der Obriste Olivier an Reinhold Was ich treibe ? Nicht viel Gescheutes ! - Belagern schon seit Jahr und Tag , muß endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln , und werde meinen Zweck wohl nur mit Hülfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen können . Ja ! Ja ! exclamire nur ! - Die Zeiten ändern sich , man ist nicht immer jung , und die Siege werden schwerer . - Am Ende muß man doch auch für einen Heerd sorgen , und die Dämchen , womit man sich am meisten amüsirt , taugen gerade am wenigsten dabey . Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rücksicht verzweifelt eigen ; aber sie wird eine gute Hausfrau . Dafür stehe ich Dir . Etwas ähnliches von Sanftmuth und Geduld ! - Nein , ich versichre Dir , es übersteigt allen Glauben . Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu üben ? - Nein ! nein ! so arg ist es nicht . Aber die Mutter ! - das Weib ist offenbar von sieben Teufeln besessen . Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire , um meine Wuth gegen diesen Beelzebub zu bekämpfen . Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen . Wer weiß ob ich nicht aufs Alter noch ein bischen wunderlicher werde , und wie viel Geduld ich dann verbrauche . - Überhaupt wage ich nicht viel bey der Sache . Das gute Schäfchen besorgt mein Hauswesen und ein paar Buben , die meinen Nahmen fortpflanzen . Wartet mich , wenn ich krank , und zerstreut mich , wenn ich hypochondrisch bin . Übrigens versteht es sich von selbst , daß wenn es mir früh oder spät einfällt , einen kleinen Seitengang zu machen , keine Achs und Ohs vorfallen . Das würde mich wahrhaftig am wenigsten zurückbringen . Aber dafür ist auch gesorgt ; der Mund dieses sonderbaren Mädchens scheint nur zum Lächeln geformt . Wahrhaftig ! ich schäme mich es zu gestehen - aber wenn ich dieses Lächeln sehe - nein , ich kann es Dir nicht sagen , wie mir da wird - und Du glaubst es mir auch nicht . Schreibe doch bald . Eilfter Brief Olivier an Reinhold Eine Entdeckung ! tausend Element , da mußt Du mir dienen ! Höre nur ! in Br ... , und noch dazu in Deiner Nachbarschaft , wohnt eine Amazone , die mit Julien correspondirt . Revolutionäre Grundsätze ! Eine förmliche Empörung gegen das ganze Männergeschlecht ! - Wie ? soll man das dulden ? - Es geht nicht ! Es bringt Unheil ! - Habe ich auch nichts zu befürchten ; so ärgerts mich doch . Mit einem Worte : Du mußt die Juno bekehren ; oder bey Gott ! mit der Correspondenz hat es ein Ende ! - Könnte mir dem Mädchen Dinge in den Kopf setzen , die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrächte Wollen da raisonniren ! - wollen untersuchen , ob wir Recht haben die Herren zu spielen . Eine schöne Geschichte ! - Recht oder Unrecht ! genug , was wir sind , das sind wir , und werden wir , so Gott will , schon bleiben . So etwas ist unerhört - und noch dazu in unsern Zeiten ! wo das Elisiren ordentlich Mode wird . - Das kommt von dem vermaledeiten Aufklären . Könntet ihr dann nur zur rechten Zeit Einhalt thun . Ja ! bändigt einmal den Strom ; wenn ihr die Dämme eingerissen habt . Aus Grundsätzen sollten die Weiber gut seyn ? - Zum Henker mit euren Grundsätzen ! Der Spinnrocken und die Nähnadel , allenfalls die Bibel und das Gesangbuch , und statt aller Grundsätze ein männliches Du sollst ! - So hieß es in alten Zeiten , und unsere Väter befanden sich wohl dabey . Wahrhaftig ! dafür mögte ich noch lieber in Italien geblieben seyn . Man gewinnt doch an Sinnlichkeit , was man an Herrschaft verliert . Die kleinen spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen einen nicht , wie die deutschen Jungfrauen , die Katze im Sacke zu kaufen und ihre ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen . Nun , vergiß nicht meinen Auftrag ! - Zwölfter Brief Reinhold an Olivier Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewußt haben was er wollte ? - Also noch immer der Lobredner voriger Zeiten , und alles dessen was er nicht hat ? - In Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern , in Deutschland nach den Italienerinnen . Dort wurde die Treue , die Reinheit der deutschen Mädchen , das hohe Jungfräuliche in ihrem Wesen gepriesen ; hier scheinen diese belobten Eigenschaften eben so viele Fehler zu seyn . Arme Weiber ! wann werdet ihr den männlichen Egoismus befriedigen ? - Seyd ihr eingeschränkt an Verstande ; so glauben wir uns berechtigt euch als bloße Mittel zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen . Untersteht ihr euch zu denken ; so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als Empörer . Behandeln könnt ihr uns mit der höchsten Vernunft , nur wissen dürft ihr nicht , daß ihr sie habt . Alles Große und Erhabene an euch dulden wir nur als Instinkt , nie als Raisonnement . Aber Olivier , liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur ? und läge er darin , müßten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsünde bekämpfen ? - Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit , wenn wir anders auf wahre Bildung Anspruch machen wollen . Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab für die Cultur einer Nation . Von Deinem Auftrage ein anderes Mal . Nur so viel zur Nachricht : ich kenne Deine Amazone . Sie ist ein höchst interessantes Mädchen . Eben deswegen habe ich mich aber sehr vor ihr gehütet . Unsere Angelegenheiten mit dem F ... schen Hofe werden alle Tage ernsthafter , der Gesandte wirft alles auf mich , und da muß ich schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden . Doch so bald ich wieder Othem hole , besuche ich den Vater . Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf , der seine Tochter und ihr ungeheures Vermögen gern in guten Händen wissen mögte . Aber das Mädchen hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden , und scheint sich wirklich über alle Männer lustig zu machen . Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser ergehen . Dreizehnter Brief Olivier an Reinhold Welch ein verzweifelter Moderomtismus ! - Lenke ein ; wenn Dir an unsrer Freundschaft gelegen ist . Wahrlich ! das käme mir recht ! auch Du auf der Weiber Seite ? - Gott verdamme mich ! es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu werden . Wo will das hinaus ? - Und nun sogar Du ! bist wohl in alten Zeiten ein solcher Frauenlob gewesen . Aber jetzt ! - Ein Mann , der sich acht Jahr in der großen Welt herumgetrieben hat ! - Was ? - Stehe Rede ! beichte ! Du bist verliebt ; aber in Wen ? - In die Amazone ! Pfuy ! ein solcher Jungfernknecht ! Ein Weib das alle Männer verachtet , sollte ich lieben ? - Ich komme ! ich komme ! verlaß Dich darauf ! Mit meinen Augen will ich es sehen und ... Doch davon nachher . Vierzehnter Brief Reinhold an Olivier Hat es noch immer nicht ausgebraust ? Noch immer mit der ganzen Welt , und vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege ! - Komme nur ! Dann wirst Du sehen und hören was Du sicher nicht erwartest . Bis diesen Augenblick war ich noch immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K ... entfernt . Aber das willst Du ja nicht , und so möge Dein Wille geschehen . Für den Ausgang kann ich nicht bürgen . Funfzehnter Brief Olivier an Reinhold Mit der ganzen Welt im Kriege ? Ja ! so bald sie sich meinem Genusse widersetzt . Blick um Dich her ! ist es anders in der großen , ewigen Natur ? - Die abgeschmackten Friedensgedanken ! Nur in Schafsköpfen können sie entstehen . Pestartig würde er wirken ! euer belobter Friede . - Nur Stürme reinigen die Luft . Dafür geben wir euch zu , daß es sich bey Zephyren sanfter einschlummern lasse . Mit mir selbst im Kriege ? O nein ! vormals wohl , jetzt nicht mehr . Euer inkonsequentes Moralsystem verrückte mir den Kopf . Jeden Augenblick war es mit meinen Leidenschaften im Gedränge , und ich wußte mir nicht zu helfen . Jetzt weiß ich was ich will , oder vielmehr , was die Natur durch mich will . Ich Thor wollte klüger seyn als sie , die mich zu ihren Zwecken bildete ! - Gestern Abend war die moralische Drathpuppe , der Xavier bey mir , und demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen . Ich langweilte mich am Fenster , und sah endlich zu meinem Vergnügen , am äußersten Horizonte , ein Donnerwetter sich bilden . Während er noch im besten Declamiren war , trieb es ein Sturm herüber . Die Menschen flohen , Angst und Schrecken in ihren Gebehrden . Der Blitz splitterte die große Eiche auf meinem Hofe , und ein Bauer , der Vater von zehn Kindern , wurde erschlagen . Der arme Schelm dauerte mich , und ich will auch die Kinder versorgen ; aber ich konnte mich doch nicht enthalten dem Schwätzer Xavier zuzurufen : » siehe da den Commentar zu Deiner Abhandlung ! Ihr ohnmächtigen Würmer ! was vermöget Ihr gegen diese große Bildnerin und Zerstörerin ? Von Eurem Willen , von Eurer Freiheit schwatzt Ihr ? - Ein Blitzstrahl , ein Erdstoß ! und Ihr seyd alle zertrümmert . Dann findet Eure Freyheit , Euren Willen in den Millionen Stäubchen wieder , die Ihr vormals Euer Ich nanntet . Versucht , ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewußt werden könnt . - Wahnsinnige ! hört einmal auf zu grübeln ! lebt , genießt ; weil ihr da seyd ! - Das Übrige möge die Unergründliche leiten . « Und darum Krieg ! Krieg gegen alles , was irgend einen Genuß mir verkümmert ! Zum Wohlseyn bestimmte mich die Natur . Dafür seh ' ich die Ameise streiten ; dafür streite auch ich . Will ein stärkeres Wesen mir dieses Wohlseyn rauben ; so fliehe ich . Ein schwächeres ; so unterdrücke ich . Hat es Kraft sich zu wehren ; gut , so mögen wir streiten . Dem Sieger ist wohl , darum strebe ich es zu werden . Wer kann es mir verdenken ? Wohlseyn ist meine Bestimmung . Und , sagt was ihr wollt ! all ' euer Realismus , und Idealismus läuft doch am Ende darauf hinaus . Ihr erzeigt euerm gerühmten Popanz , eurem Knecht Ruprecht , Pflicht genannt , doch nur so viel Ehre ; weil ihr hoft , die Christbescheerung werde darauf folgen . Sechszehnter Brief Olivier an Reinhold Du schweigst ? - glaubst Du ich werde meine Drohung erfüllen ? Ach nein ! diesesmal kommst Du mit dem Schrecken davon . Ich kann nicht . Das wunderbare Mädchen hält mich zu fest - und so unbefangen , als wüßte sie nichts davon . Auch weiß sie es nicht ; sie kennt nicht ihre Gewalt . Noch vor wenigen Monden wäre es mir selbst unglaublich gewesen . Sieh , ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmuth und Güte . Ich sitze still und bewundere . Die Mutter ist seit einigen Wochen krank . - Ach nein , es läßt sich nicht beschreiben ! Sehen müßtest Du ihn diesen tröstenden Engel . - Selbst das bitter böse Weib - Gott mag wissen , wie sie zu der Ehre kommt diese Tochter zu haben ! - scheint von der himmlischen Güte ergriffen . Auch in ihren starren , wilden Furienaugen lese ich Bewundrung . Sieh , es ist wahr , ich bin stolz , ich kann es nicht leiden , daß mich jemand meistert , und ich habe immer gesagt : was ich bin will ich bleiben . Aber , ja ! ja ! ich will es nicht bergen , vor diesem Mädchen könnt ' ich mich demüthigen , könnte ihr alle meine Fehler bekennen . Ach , über ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf , und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe . Auch wenn ich sie nicht sehe , versinke ich glücklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen Liebenswürdigkeit . Ihr großer Verstand , ihre mannichfaltigen Talente , das alles verschwindet , und man ist sich nur ihrer Güte bewußt . Spotte nicht ! das sage ich Dir , und antworte bald . Siebzehnter Brief Reinhold an Olivier Spotten ? - worüber sollte ich spotten ? Meinst Du ich heiße Olivier ? - Ich freue mich , daß ich Recht habe . » Er ist besser als sein System . « Das sagte ich schon vor mehreren Jahren , und das wiederhole ich noch jetzt . Wie abgeschmackt ! mich da hin zu setzen , und Dir vorzudemonstriren , daß Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist . Genug , sie verschiebt sich alle Augenblicke , und jetzt in Gegenwart dieses Engels , den Du mir schilderst , ist sie ja ganz abgefallen . Sonderbar genug , weißt Du nicht einmal etwas davon , und ich habe nun vollkommen Zeit , mir die wohlbekannten Züge wieder einzuprägen . Gehe nur ! nimm sie wieder vor , und spiele die Komödie so lange es Dir beliebt . Ich lasse mich nicht täuschen . Was ? der Mann der da schreibt : » ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmuth und Güte , ich sitze still und bewundere , « das wäre der schändliche Egoist , der wie ein gieriges Raubthier nach Beute hascht , und alles zerfleischt was sich ihm widersetzt ? - Glaube mir ! Du verstehst , Du kennst Dich selbst nicht . - O daß ein edler Mensch in Deiner Nähe , Dich wieder an Größe und Güte glauben lehrte ! - Aber was sage ich ! Da hast ja alles was Du bedarfst . Überglücklicher Mensch ! beynahe hast Du zu viel . Achtzehnter Brief Julie an Wilhelmine Beste Wilhelmine ! meine Mutter ist krank , und Olivier ... ach , Olivier liebt mich nicht mehr . - Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen , dann springt er mit einem male auf , tritt vor mich hin , starrt mich an und versinkt dann wieder in seine vorige Träumerey . Es ist als wäre ich ihm fremd geworden . Sonst war er doch freundlich , jetzt ist er so ernst , mißt mich so sonderbar mit den Augen . - Sollte er denn wirklich glauben , ich mache alles so schlecht , wie meine Mutter es sagt ? - Aber er bedenkt nicht , daß sie krank ist , und daß man ja selten einem Kranken etwas recht machen kann . Wenigstens sollte er doch meinem Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen . Andere loben mich dann wieder so übermäßig . Aber wie kann mir das Freude machen ! - Es sticht gar zu sehr ab , gegen den immerwährenden Tadel meiner Mutter , und ihn , das sehe ich ja , macht es immer tiefsinniger . O meine Wilhelmine ! schreibe mir doch einmal ; damit ich weiß , daß ein menschliches Wesen mich noch liebt . Ich lese den Brief wieder durch - freylich , meine Mutter hat Recht , ich schreibe jetzt sehr schlecht . Aber Liebste ! wie ist es anders möglich ? Kaum alle vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand , und erholt sich meine Mutter nicht bald ; so werde ich das Sprechen eben so verlernen . Selten kann ich etwas sagen , worüber sie sich nicht ärgert . Ach liebe Wilhelmine ! - ich sollte es wohl verschweigen , aber wirklich , ich leide jetzt sehr viel , und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen . Neunzehnter Brief Wilhelmine an Julie Er sollte Dich nicht mehr lieben ? - Nimmermehr ! Aber Du , Du liebst ihn ! das ist leider bewiesen . So muß ich Dich verlieren ? - Dich um dieses Mannes willen verlieren ! - Wie war es möglich ! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand übersehen ! - Aber da liegt das Unglück ! eigentlich liebst Du nicht ihn ; denn das was Du so nennst ist nicht er . Dein eigenes Geschöpf , das Gebilde Deiner Phantasie ist es ; ausgestattet mit allen Eigenschaften , die Dein liebendes Herz bedurfte . Aber wenn nun der Traum verschwindet , wenn Du nun diesen Menschen , mit dem ausgebrannten Herzen , als Deinen Herrn ehren , seinen Launen huldigen , und seinen lasterhaften Wahnsinn den höchsten Verstand nennen sollst ? - Wenn Dein Kindersinn für Dummheit , Deine Sanftmuth für sclavische Furcht , und Dein edles Dahingeben für schwächliche , weibische Anhänglichkeit gelten muß . - Wer wird mich dann trösten ! - Und was schwazte ich vorhin ! Er liebe Dich noch ? Hat er Dich denn jemals geliebt ? - woher käme ihm der Sinn , woher die Kraft dazu ! - Er kann nur zweierley ; Dich sinnlich begehren , oder Dich wie eine fremde Erscheinung anstaunen . Irre ich nicht ; so hast Du ihn gezwungen , sich zu dem letzten zu erheben , und weiter bringst Du es nicht , verlaß Dich darauf . Zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Ich habe sie gesehen , Olivier ! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten , und bekenne , daß sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat . Denke Dir den Körper der Mediceerin - nur etwas größer . - Wirf ein weißes langes Gewand um diesen reitzenden Körper , den Kopf - doch das mögte Deiner Phantasie schwerlich gelingen , Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen . Ein dunkelbraunes , lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne . Zwey lange geistvolle Braunen über ein paar schwarzen durchdringenden Augen , voll Unschuld und jungfräulicher Würde , voll Muth und anziehender Redlichkeit . Sonderbar ! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden Eindruck . Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewußt . Dann aber geht diese Sinnlichkeit nicht , wie bey Andern , in Bewunderung oder in anspruchlose Zärtlichkeit über . Nein , man vergißt ihr Geschlecht , man vergißt , daß diese schöne , kraftvolle Seele in einem weiblichen Körper wohnt . Es ist einem wohl , man wünscht , daß es immer so bleibe . Ohne Leidenschaft , ohne süße peinigende Unruhe . Ist man unglücklich ; so flüchtet man gewiß zu ihr . Man weiß es , sie wird einen nicht verlassen , in Noth und Tod wird sie treu bleiben . So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte , ohne Anspruch dahingeworfen . Ach , da ist an keine Koketterie , weder feine noch grobe , weder erlaubte noch unerlaubte zu denken . So wie sie ist , giebt sie sich , gleichviel was sie dadurch wirkt . An Liebe denkt sie nicht . Das sieht man . Auch - ich gestehe es - bringt sie sie nicht hervor . Schöne genußvolle Ruhe , kindliches herzliches Dahingeben , das fühlt man , und damit scheint sie zufrieden . Ohnedem wäre sie es . - Wahrlich ich glaube sie genüget sich selbst . Ein und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Ich habe geirrt , Olivier ! Nein , sie genüget sich nicht . Eine große Leidenschaft herrscht dennoch in dieser großen Seele . Es ist die Liebe zu ihrer Freundin . Gestern war ich bey ihren Ältern . Von ohngefähr kam die Rede auf Julie von S. Plötzlich überzog ein hohes Roth das schöne Gesicht , und eine Thräne verdunkelte das herrliche Auge . » Sie sind mit einander aufgewachsen « - sagte die Mutter , eine herzensgute Frau - » und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgötterey mit ihr « - » Vor ihr , willst Du sagen « - unterbrach sie der Vater - » deutsch heraus ! sie ist ein wenig vernarrt . Ich glaube , der Weg könnte über Vater und Mutter gehen , wenn er nur zu der angebeteten Julie führte . « Während dieser väterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine . Aber da war keine Spur von Ärger , von