Schlegel , Dorothea Florentin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Dorothea Schlegel Florentin Vom Herausgeber Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewühle Der Welt , wo Albernheiten ernsthaft thronen , Auf zu des Scherzes heitern Regionen , Verhüllt in sich die heiligsten Gefühle : Umweht ihn einmal Äther leicht und kühle , So kann er nimmer wieder unten wohnen ; Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen , Daß er sich neu im eignen Bilde fühle . Die Wünsche die dich hin zur Dichtung ziehen , Der frohe Ernst in den du da versankest , Das sei dein eigen still verborgnes Leben ; Was du gedichtet , um ihr zu entfliehen , Das mußt du , weil du ihr allein es dankest , Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben . Laß edlen Mut den weißen Altar gründen , Hoch Phantasie in Purpurflammen wehen , Und Liebe wirst du bald im Zentrum sehen , Wo grün die Feuersäulen sich entzünden ; Durch braune Locken wird sich Myrte winden , Der Freund mit goldnen Früchten vor dir stehen , Die Kinder dann in Blumen zu dir gehen , Mit Ros ' und Lorbeer dich die Schwester binden . - Es war der alten Maler gute Sitte , Des Bildes Sinn mit einem Strich zu sagen , Der den Akkord der Farben drunter schriebe ; So mag auch dieses Bild es kühnlich wagen , Zu deuten auf der Dichtung innre Mitte , In Farben spielend um die süße Liebe . Erstes Kapitel Es war an einem der ersten schönen Frühlingsmorgen . Allenthalben , auf Feldern , auf Wiesen und im Wald , waren noch Spuren des vergangnen Winters sichtbar , und der Härte , womit er lange gewütet ; noch einmal hatte er mächtig im Sturm seine Schwingen geschüttelt , aber es war zum letztenmal . Die Wolken waren vertrieben vom Sturm , die Sonne durchgebrochen , und eine laue milde Wärme durchströmte die Luft . Junge Grasspitzen drängten sich hervor , Veilchen und süße Schlüsselblumen erhoben furchtsam ihre Köpfchen , die Erde war der Fesseln entledigt , und feierte ihren Vermählungstag . Mutig trabte ein Reisender den Hügel herauf . Vertieft im Genuß der ihn umgebenden Herrlichkeit und in Phantasien , die ihn bald vorbald rückwärts rissen , hatte er den rechten Weg verfehlt , und nun sah er sich auf einmal vor einem Walde , den er durchreiten mußte , wenn er nicht gerade wieder umkehren und zurückreiten wollte ; ein andrer Weg war nicht zu finden . Er war lange zweifelhaft . » Jetzt wieder umkehren wäre ein unnützes Stück Arbeit . Wäre ich etwa umsonst hierher geraten ? In diesen Wald kam ich ungefähr auf eben die Weise wie ins Leben ... wahrscheinlich habe ich im ganzen auch des Weges verfehlt . Und wie ? wenn mir auch hier wie dort die Rückkehr unmöglich wäre ? ... Sei meine Reise wie mein Leben und wie die ganze Natur , unaufhaltsam vorwärts ! ... Was mir nur begegnen wird auf dieser Lebensreise , oder diesem Reiseleben ? ... Ich rühme mich , ein freier Mensch zu sein , und dieser Sonnenschein , dieses laue Umfangen , die jungen Knospen , das Erwarten der Dinge , die mich umgeben , ist schuld , daß auch ich erwarte ... und was ? ... War ich doch mit allem bunten Spielzeug schon längst Hoffnung und Erwartung entflohen ! ... Närrisch genug wäre es , wenn mich dieser Weg auch endlich an den rechten Ort führte , wie alles Leben zum unvermeidlichen Ziel . « - Unter diesen Betrachtungen , und Spott über sich selbst , ritt er rasch weiter , fühlte aber endlich sein Pferd ermüden , auch war er selbst durchnäßt vom nächtlichen Regen . Er wünschte jetzt , bald irgendein Obdach zu finden , um einige Zeit ausruhen zu können . - » Hab guten Mut , Schimmel ! wir müssen beide weiter ; billig ist es aber , daß du es jetzt nicht schlimmer habest als ich . « - Hiermit sprang er ab , machte Riemen und Schnallen am Sattelzeuge weiter und führte das Pferd hinter sich am Zaum . Der Schimmel wieherte und stampfte , als wollte er Zeichen seiner Zufriedenheit geben . Sein Führer drehte sich zu ihm herum , stand still , legte seine beiden Hände an den Kopf des Pferdes und blickte es ernsthaft an . - » Laß dich umarmen , Schimmel « , sagte er , » du bist ein königliches Tier ! ein Tier für Könige ! Was fehlt uns beiden , um in der Geschichte verewigt zu werden , du als ein Muster der Treue und Unterwürfigkeit , ich als ein Beispiel von menschenfreundlicher Herablassung , als daß ich einen Thron besäße , und du wärest mein Untertan ? Gewiß bist du ganz verwundert und froh , und ohne Zweifel fühlst du dich überaus glücklich , gerade von mir und von niemand anders bis ans Ende deines treuen Lebens geritten zu werden ! Ahndest du etwa , daß ich deine Last bloß deswegen etwas leichter machte , damit du mir nicht völlig unterlägst , und darüber zugrunde gingest , ehe ich dich missen kann ? Ich weiß es freilich , aber du sollst es nie erfahren , denn du sollst glücklich sein ; du sollst , verlaß dich auf meine Wachsamkeit , gewiß nie in dem klugen Glauben gestört werden , daß du in deiner Unvernunft und demütigen Genügsamkeit ein glückliches Tier bist . « - Er ließ den Kopf des Schimmels , und stand gedankenvoll eine Weile an ihn gelehnt . Sein Auge schweifte umher , bald beschaute es die ihn noch umgebenden Gegenstände mit dem innigsten Vergnügen , bald drang es mit Sehnsucht in die Ferne . Es gab für ihn Momente , wo er sich keines drückenden und keines vergangnen Verhältnisses bewußt war . Ihm war , besonders in der Einsamkeit und im Freien , als hätte er alles , was ihm jemals weh getan , zurückgelassen , und ginge nun einer heitern Aussicht entgegen . Er konnte sich einbilden , vor einem Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schöneres Dasein übergegangen zu sein . - » Welche sehnende , ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen ? Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten ? Ist es mir denn nicht bekannt , daß ich dessen , was ich bei euch suche , schon längst überdrüssig bin ? ... Schön ist ' s hier im Wald ! hier möchte ich bleiben , ... O hier , hier sollte ich bleiben ! ... allein ? ... ach , nicht allein ! ... mit ihr ! ... noch hat mein Auge sie nicht gesehn , aber ich kenne sie , ... o sie wird alles verlassen , was sie halten will , und hat sie mich gefunden , mir hierher folgen , und hier mit mir der Liebe leben . Laß dich in meine Arme fassen ! komm , ruhe hier aus an diesem Herzen , das harte Schläge des Schicksals erlitten hat wie deines ; laß mich deine Tränen trocknen , blick um dich . Was du verließest , war nicht die Welt : Fesseln , enge Mauern , nanntest du das die freie schöne Welt ? ... Schwer hast du geträumt , o erwache , erkenne hier , was du suchtest ! ... « Nicht weit von ihm fiel ein Schuß , und bald darauf hörte man ein Rufen nach Hülfe . Im Augenblicke hatte er Sattel und Bügel wieder in Ordnung gebracht , seine Träume , des Schimmels Müdigkeit , so wie seine eigne vergessen , sich aufs Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt , von wo er die Stimme vernahm ; er kam auf einen kleinen runden dicht umschloßnen Platz im dicksten Teil des Waldes ; hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen , der ein gesatteltes Handpferd führte . » Retten Sie meinen gnädigen Herrn ! « rief der Knabe . Unser Reisender sah nach der Gegend hin , wo der Knabe mit ängstlicher Gebärde hinzeigte , und erblickte einen ältlichen Mann , der eben im Begriff war , ein wildes Schwein abzufangen ; er sah eben , wie der Mann noch einen Schritt zurücktrat , um sich mit dem Rücken an einen Baum lehnen zu können , sah ihn an eine Baumwurzel stoßen , rücklings niederfallen , und in der größten Gefahr , von der gereizten Sau zerfleischt zu werden . Im Moment sprang er vom Pferde und feuerte sein Pistol auf das Tier , wodurch er , ohne es zu treffen , seine ganze Wut auf sich zog : das war seine Absicht . Das erboste Tier kehrte um und rannte auf ihn los , er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und Geistesgegenwart auf . Währenddessen war der alte Herr aufgestanden , näherte sich dem Reisenden und ergoß sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und seiner Geschicklichkeit . Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab , erkundigte sich freundlich , ob der Gefallne keinen Schaden genommen , und da dieser mit Nein antwortete , wandte er sich nach seinem Schimmel , der noch ruhig da stand , wo er ihn gelassen . Der Mann wunderte sich über die Demut eines sonst so mutig aussehenden Pferdes . - » So eifersüchtig ich sonst auch bin , nichts von meinem Gefährten sagen zu lassen , als was zu seinem Lobe gereicht « , erwiderte der Reisende , » so muß ich dennoch gestehen , daß er dieses Mal gezwungen ist , tugendhaft zu sein ; das gute Tier ist erschöpft von Müdigkeit . Führt der Weg , auf dem ich hier vorbeikam , ganz durch den Wald , und wo führt er hin ? « - Er hatte sich währenddem wieder aufgesetzt , begrüßte den alten Herrn und wollte zurückreiten . - » Ich hoffte , Sie würden mich nicht so schnell wieder verlassen « , sagte der alte Herr . » Sie haben sich das größte Recht auf meine Dankbarkeit erworben , es würde mich schmerzen , wenn Sie mir alle Gelegenheit rauben wollten , sie Ihnen zu bezeigen . Fügen Sie zu dem großen Dienst , den Sie mir leisteten , auch noch den hinzu , sich meiner Familie vorstellen zu lassen . Meine Gemahlin , meine Kinder würden untröstlich sein , dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu können . Komm , mein Sohn ! « rief er einem jungen Manne zu , der auf einem Seitenwege zu ihnen heransprengte , vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude auf ihn zueilte ; » hilf mir diesen Herrn erbitten , daß er sich nicht in so großer Eile von uns trennt , du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines Vaters . « - » O mein Vater « , rief der junge Mann , » daß ich mich gerade in diesem Moment entfernen mußte , mein Gott , Sie waren so nahe ... mein Herr « , indem er sich zu dem Reisenden wandte , » Sie haben ein kostbares Leben gerettet , verschmähen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen , die durch Ihre Hülfe einem schrecklichen Unfall entging . « - » Es würde unbescheiden von mir sein « , antwortete er , » wenn ich mich länger widersetzte . « - Der alte Herr bezeigte seine Freude über diesen Entschluß in vielen höflichen und verbindlichen Worten , der junge Mann reichte ihm die Hand herüber und sprach einiges , das den Ausdruck der höchsten Empfindung bezeichnete . Der Reisende brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung . Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort , auf dem er zuerst gekommen war . - » Aber wie ging es eigentlich zu ? « fragte der junge Mann , » wie kommen Sie zu dem gefährlichen Abenteuer , mein Vater ? « - » Ganz zufällig ! « antwortete dieser . » Du weißt , daß der Jäger schon seit einigen Tagen angewiesen war , das Lager aufzusuchen , weil die Klagen über Verwüstungen sich täglich mehren ; es war aber bis jetzt noch immer nicht geschehen . Zufällig entdeckte ich es , da ich eben einen Vogel aufnehmen wollte , den ich heruntergeschossen . Ich bezeichnete den Ort , um ihn dem Jäger anzuzeigen , und ging etwas näher hin zum Lager , weil die Alte nicht dabei war ; in dem Augenblick kam sie aber aus dem Dickicht , wo der Schuß sie aufgeschreckt hatte , und gerade auf mich los . « - Und nun erzählte er ferner in prächtigen Ausdrücken den ganzen Hergang und was der Fremde so glücklich ausgeführt hatte . Der junge Mann suchte sich zu entschuldigen , daß er sich so weit von ihm entfernt ; und nun erzählte auch der Jockei seinen Schrecken , als er Ihre Gnaden hätte fehlschießen sehen ; wie er gleich nach Hülfe gerufen habe , und dem fremden Herrn begegnet sei , und wie auch dieser fehlgeschossen ; wie er dann in großer Angst umhergeritten , um den jungen gnädigen Herrn zu suchen , den er endlich auf dem Berge am Ende des Waldes gefunden , wo die Aussicht nach dem Schloßgarten frei sei . Während dieser weitläufigen Erzählungen , die alle nacheinander gehört wurden , die niemanden etwas Neues lehrten , und wovon doch keiner ein Wort verlieren wollte , und die alle mit den größten Lobeserhebungen für den Fremden anfingen und endigten , war dieser still und nahm auf keine Weise Anteil daran . Man kann doch , dachte er , in der Welt nicht einmal mehr zu seiner Lust , oder weil es einem gerade in den Weg kommt , ein Tier erlegen , oder man muß dann viel Langeweile dafür erleben ! Zu seinem Glücke ist der gute Mann gerettet worden : ist es meine Schuld , daß sein Leben an meinem Spiele hing ? Den weitläufigen Dank könnten sie einem größeren Verdienst aufsparen ... Ich hätte die größte Lust von der Welt , ihnen das mit eben dem Pathos vorzutragen , wie sie einander die wundervolle Begebenheit . Bei Gott ! mich machen diese Leute sehr ungeduldig . Der feierliche , umständliche , höfliche Alte ! der empfindsame exaltierte Knabe ! Repräsentanten ihrer Zeit und ihres Standes , ... wenn ich ihre Porträte zu einer Ahnengallerie zu machen hätte , so malte ich den ersten , wie er mit großer Devotion ein von Pfeilen durchbohrtes Herz darbringt , und den andern in erhabenen und rührenden Betrachtungen vertieft über ein Büschel Vergißmeinnicht . Es ist das Lächerlichste von der Welt , außer ich selbst , der ich mich verleiten lasse , ihnen zu folgen , und mich in Prozession aufzuführen ... Was will ich dort ? Was ich nun schon hier bis zum Überdruß anhören mußte , etwa mir von der ganzen Familie wiederholen lassen ? Oder bilde ich mir nicht schon wieder ein , ein geheimer Zug im Innern meines Herzens ziehe mich hin ? ... Ich war mein eigner Narr von jeher . - Der alte Herr unterbrach sein Selbstgespräch . » Der Name eines Mannes « , fing er an , » kann uns zwar wenig mehr lehren , als wovon uns der erste Anblick und sein ganzes Benehmen unterrichtet : indessen haben Sie keine Gründe den Ihrigen verschwiegen zu halten , so möchte ich Sie ersuchen , uns damit bekannt zu machen . Mir sind die besten Familien unsers Landes auf eine oder die andre Weise bekannt ... so wie ich selbst den meisten nicht unbekannt sein werde « ; setzte er mit einer Art von Selbstbewußtsein hinzu . » Mein Name ist Graf Schwarzenberg , ich bin General in Diensten des Kaisers . Dieser junge Mann Eduard von Usingen , ein Sohn meines verstorbenen Freundes , und bald mein geliebter Sohn , Gemahl meiner Tochter . « - » Ich heiße Florentin . « - » Der Name war mir bis jetzt nicht bekannt . « - » Ich bin ein Fremder . « - » Ihre Bekanntschaft ist mir überaus wert , ich darf voraussetzen , daß Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden ; als Ausländer dürften Sie einmal sich in dem Fall befinden , Gebrauch davon zu machen . « - » Ihr Anerbieten « , erwiderte Florentin verbindlich , » fordert meine ganze Dankbarkeit ; ich wünschte nur dieses Mal schon Gebrauch davon machen zu können . « - » Wieso ? « - » Ich will meine Reise durch Deutschland abkürzen , und auf dem kürzesten Wege zum nächsten Hafen , wo ich mich nach Amerika einschiffen will , um den englischen Kolonien dort meine Dienste anzubieten . « - » Nach Amerika ? « rief Eduard . - » Ihr Vaterland hält Sie nicht ? « fragte der Graf . - » Wo ist mein Vaterland ? « rief jener in wehmütig bitterm Ton ; gleich darauf halb scherzhaft : » So weit mich mein Gedächtnis zurückträgt , war ich eine Waise und ein Fremdling auf Erden , und so denke ich das Land mein Vaterland zu benennen , wo ich zuerst mich werde Vater nennen hören . « - Er schwieg , und sein Blick senkte sich trübe und ernst . Bescheiden drang der andre nicht weiter in ihn , und unter Gesprächen verschiednen Inhalts , die bedeutend genug waren , gegenseitig ihre Begierde zu näherer Bekanntschaft zu reizen , langten sie im Park an , der durch eine bloße Weißdornhecke vom Walde getrennt war ; sie überließen hier ihre Pferde dem Knaben . » Meine Gemahlin « , sagte der Graf , » hat durch diese Hecke einen Teil des Waldes als Park erklärt , oder zur Freistatt für die Hirsche und Rehe , die , vom Jäger verfolgt , sich hierher retten ; denn hier darf weder der Huf eines Pferdes , noch das Anschlagen der Hunde oder ein Schuß gehört werden . Allenfalls läßt sie sich ein fröhliches Jägerstückchen gefallen , damit sie mich bei meiner Zurückkunft von fern höre . « Sie gingen den Weg gerade durch den Park auf das große hohe Schloß zu , das in den Zeiten der alten Ritter erbaut zu sein schien , über eine Zugbrücke durch einen großen Vorhof , wo ihnen am Gitter zwei Frauen entgegen kamen : ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren , und die andre eine ebenfalls sehr schöne Frau , die ihre Mutter zu sein schien . Florentin gewann Fröhlichkeit und Zutrauen beim Anblick der beiden Schönheiten , die ihm der Graf als seine Gemahlin und seine älteste Tochter vorstellte . » Du lässest uns lange warten heute ! « rief die Gräfin ihnen entgegen . - » Dafür meine Liebe , wird dir ein werter Gast zugeführt . Heiße Herrn Florentin bei dir willkommen . Und unsre Kleinen ? sie werden ja wohl nicht weit sein ? « - » Sie erwarten noch immer im Garten des Vaters Ankunft . Therese war mit einer langen Kette von Blumenstengeln beschäftigt , mit der sie dich festmachen will , damit du nicht immer von ihr gehest . « - » Du siehst mich nun wieder , meine Liebe , unverletzt und am Leben , ( es hätte leicht anders sein können , ) und du ahndest nicht , wem du es verdankest ? « - » Nächst der Güte Gottes , meinem Gebete und deiner Tapferkeit wüßte ich nicht « - » Verdankst du es dem jungen Helden hier ; komm , ich erzähle dir hernach alles umständlich . « - » Sein Sie mir noch einmal und herzlich willkommen ! « sagte die Gräfin , und reichte dem Fremden freudig die Hand , die er küßte . Währenddem war auch Juliane wieder näher gekommen , die sich nach der ersten Begrüßung einige Schritte mit Eduard entfernt hatte , der ihr lebhaft etwas erzählte , und dem sie , soviel Florentin wahrnehmen konnte , mit Teilnahme zuhörte . Jetzt ging sie auf ihn zu : » Unser guter Engel führte Sie auf diesen Weg ! « flüsterte sie leise und schüchtern errötend . Eben kamen die Kinder aus dem Garten herzugesprungen , zwei Knaben und ein Mädchen ; der Lärm , das Getümmel und Schäkern ward allgemein . Die Kleinen umwanden den Vater mit ihren Ketten und zogen ihn mit ihren Händchen zur Treppe . Der Alte gab sich dem Mutwillen der Kinder ganz hin , und die andern folgten . Es kamen noch einige Hausgenossen hinzu , und man ging zur Tafel . Florentin fühlte sich leicht und wohl bei der allgemeinen Heiterkeit und der gutmütigen Laune , die durch nichts unterbrochen ward . Man begegnete ihm wie einem längst Bekannten , wie einem Hausgenossen . Die Unbefangenheit der Frauen bei seinem Empfang , die wenigen bedeutenden Worte , der herzliche Ton , der Blick von dem sie begleitet waren , hatten ihn leichter zu bleiben bewogen , als die dankbaren Einladungen der Männer . Auch mußte das offne , zutrauliche , arglose Benehmen der Eltern , Kinder , Geschwister , Hausgenossen , Domestiken gegeneinander wohl jeden Zwang und jedes Mißtrauen verscheuchen . Nicht leicht konnte man eine Familie finden , in der so wie in dieser jedes Verhältnis zugleich so rein und so gebildet sich erhielt , die ganz durch einen gemeinschaftlichen Geist belebt zu sein schien , indem jeder einzelne zugleich seinem eignen Werte treu blieb . Hier zum erstenmal bemerkte Florentin die wahre innige Liebe der Kinder zu den Eltern , und die Achtung der Eltern für die Rechte ihrer Kinder . Keiner verleugnete sich selbst , um dem andern zu gefallen , es bestand alles vollkommen gut nebeneinander . Ebenso stimmte alles Äußere zusammen . Allenthalben blickte durch die glänzende etwas antike Pracht die Bequemlichkeit und Eleganz anmutig durch : gleichsam der ernste Wille des Herrn , durch die gefälligere Neigung der Hausfrau gemildert . Ein allgemeines Wohlsein war ringsum verbreitet , eine gewisse Reichlichkeit und unbesorgte Ordnung . Nichts von dem Spärlichen neben der sinnlosen Verschwendung , was man so oft wahrnimmt , wo einseitiges Bestreben nach einem erzwungenen Glanze das übrige armselig erscheinen macht . Jetzt betrachtete Florentin auch die Schönheit der beiden Frauen mit großer Bewunderung . Julianens Gesicht gehörte nicht zu den regelmäßigen Schönheiten , die man anstaunt , aber deren Mangel an Lebhaftigkeit kalt läßt : das feine Spiel der sprechenden Züge , die so sichtbar alles abspiegelten , was in ihrer Seele vorging , war unwiderstehlich anziehend und liebenswürdig . Sie war im vollkommensten Ebenmaß gebaut , obgleich nicht sehr groß ; ein wahrer Reichtum an lichtbraunen Haaren umfloß in vielen Locken und Flechten das schöngeformte Köpfchen und den weißen Nacken ; an den aufblühenden Busen schloß sich in weichen Umrissen der schlanke Hals , der oft mit anmutiger Schalkhaftigkeit sich seitwärts neigte , und dann sich wieder frei und stolz erhob . Eine blühende Farbe , ein schöngeformter Arm , eine länglichte Hand , durch deren Weiße die Adern bläulich hindurch spielten , zarte Finger , die sich in ein fein getuschtes Rot endigten ; der helle und doch biegsame Ton ihrer Stimme ; der kleine Eigensinn in den nah zusammenstehenden Augenbrauen und in dem etwas aufgeworfnen Munde ; die Anmut im Spiel der leicht entstehenden und verschwindenden Grübchen in Wange und Kinn ; große dunkelblaue Augen , die bald voll Seele und frohem Leben blitzten , bald tränenschwer , wie taubenetzte Veilchen sich unter die langen seidnen Wimpern senkten , bald mit kindlicher Unbefangenheit vertrauend in ein andres Auge schauten , bald mit großer , beinah zurückschreckender Hoheit um sich her schauen konnten ; besonders das Feine , Zarte und doch Entschiedne und Mutwillige , gleichsam Durchsichtige , woraus ihr ganzes Wesen geformt zu sein schien : alles das waren ebenso viele Bezauberungen , von deren vereinigter Macht Florentin nicht ungerührt bleiben konnte . Auffallend war es ihm , wie ihr Bau und ihre Reize bei der beinah noch kindlichen Jugend doch schon so vollkommen aufgeblüht prangten ; dieses Wunder glich einem Werk der Liebe , an deren Hauch sich diese junge Knospe eben zu entfalten schien . Auch Eleonore war eine sehr schöne Frau . Ihn dünkte , wie er ihre hohe , etwas reichliche Gestalt erblickte , über die der Ausdruck der Milde , der innern fröhlichen Ruhe , der mütterlichen Liebe und des Segens verbreitet war , als sähe er ein Bild der wohltätigen Ceres : alles an ihr , sogar die runden Hände trugen das Gepräge dieses Charakters . In ihre schönen blauen Augen sah man wie in einen wolkenlosen Himmel , die blendend weiße Stirn umgaben freundlich blonde Haare in kleinen Ringeln ; man konnte sie nicht ansehen , ohne vergnügt zu werden , und jedes Leiden lächelte sie tröstend aus der Menschen Brust . Wer sich nach dieser vielleicht etwas zu ausführlichen Beschreibung ein deutliches Bild der beiden schönen Frauen machen kann , wird es nicht unnatürlich von Florentin finden , daß er seine Reise und seinen Plan etwas weiter hinausschob , und recht gern die Einladung des Grafen annahm , noch einige Zeit bis nach dem Hochzeitfeste bei ihnen zu verweilen . Es war ihm jetzt schauderhaft , an seine Einsamkeit zu denken , die ihm vor wenig Stunden noch so lieb war . Hätte er auch seinem ersten Vorsatz treubleiben wollen , der Einladung der wohlwollenden Eleonore , und dem schmeichelnden Blick Julianens war nicht zu widerstehen , und so versprach er zu bleiben . Nach der Tafel wurden einige schöne Pferde vorgeritten , Florentin lobte sie , und der Graf freute sich , einen Kenner in ihm zu finden . Die Gräfin führte sie nun nach dem Park , wo sie ihnen einige neue Anlagen zeigte , die unter ihrer Aufsicht gemacht wurden . Man ging auf dem Rückwege durch das große schöne Dorf am Fuße des Hügels , worauf das Schloß lag . Auch hier verbreitete Wohlhabenheit und Reichtum sich wie Segen vom Himmel herab . Voll Ehrerbietung , ohne Furcht und ohne knechtische Erniedrigung wurden sie von den Landleuten , die ihnen begegneten , begrüßt . Gesundheit und Vergnüglichkeit leuchtete auf jedem Gesicht , Ordnung und Reinlichkeit glänzte ihnen aus jedem Hause entgegen . Schöne fröhliche Kinder tanzten auf dem Rasenplatze im Schein der untergehenden Sonne ; dem Fremdlinge ward das Herz groß , ihm war , als fände er hier die goldne Zeit , die er auf ewig entflohen geglaubt . Man kam aufs Schloß zurück , nachdem sie im Vorbeigehen die schönen weitläuftigen Wirtschaftsgebäude und einige innere Einrichtungen besehen hatten . Florentin freute sich kindisch an allem , was er sah , und besonders an der freundlichen und leichten Ordnung , mit der alles geleitet wurde . Er hatte , was dahin gehört , immer in so trauriger und widerwärtiger Gestalt gesehen , daß er es für erdrückend und Geist ertötend halten mußte : aber wie ganz anders fand er es hier ! Jetzt erkundigte er sich mit Teilnahme beim Grafen nach mancherlei , was ihm fremd war . - » Wollen Sie sich nicht gleich « , sagte dieser , » an den großen Meister selbst wenden , dessen Schüler auch ich bin ? Alles was Sie gesehen haben , was Sie hier freut , ist das Werk meiner Eleonore , mich hat sie erst zu dem Geschäft einigermaßen gebildet . Eigentlich leben wir wie unsre deutschen Väter : den Mann beschäftigt der Krieg , und in Friedenszeiten die Jagd , der Frau gehört das Haus und die innere Ökonomie . « - » Glauben Sie nur « , sagte Eleonore , » der Mann , der jetzt eben so kriegerisch und wild spricht , muß manche häusliche Sorge übernehmen . « - » Es geziemt dem Manne allerdings « , erwiderte der Graf , » der Gehülfe einer Frau zu sein , die im Felde die Gefährtin ihres Mannes zu sein wagt . « - » Wie das ? darf ich erfahren ? « fragte Florentin . - » Nichts , nichts « , rief die Gräfin , » hören Sie nicht auf ihn ! Er wird Ihnen bald eine prächtige Beschreibung meiner Taten und Werke zu machen wissen , die darauf hinaus laufen , daß ich ihn zu sehr liebte , um mich von ihm zu trennen . Wollen Sie mein Schüler in der Ökonomie werden , Florentin ? dann setze ich mich zur Ruhe und übergebe Ihnen das Hauswesen . « - » Es soll ja den Frauen angehören . « - » Nun gut , so wählen Sie unter den Töchtern des Landes und leben hier in Frieden . « - » Das Recht zu beidem werde ich erst mühevoll erringen müssen , Gräfin Eleonore , jetzt suche ich die Ferne und den Krieg . « - » Bravo « , rief der Graf ; » auch bekömmt die Ruhe nicht eher , bis man ihrer bedarf . « - Eduard schien hier in einiger Verlegenheit , Juliane blickte liebevoll zu ihm hin . Das Gespräch nahm eine andere Wendung , und man ging in einen Gartensaal , wo sich bald alles wieder versammelte , was sich von der Gesellschaft nach der Tafel zerstreut hatte . Juliane setzte sich zum Fortepiano , Eduard und einige andre griffen nach andern Instrumenten : ein recht gut besetztes Konzert war bald zustande gebracht . Juliane spielte vortrefflich , und Eduard war Meister auf dem Violoncell . Eleonore fragte Florentin , ob er nicht musikalisch sei ? - » Ich liebe die Musik als die größte Wohltäterin meines Lebens « , erwiderte er