Fischer , Caroline Auguste Gustavs Verirrungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline Auguste Fischer Gustavs Verirrungen Ein Roman Man erzählt uns oft , was die Menschen sind ; man beschreibt uns noch öfter - vielleicht ein wenig zu oft wie sie seyn sollen ; aber man sagt uns , wie mich dünkt , noch immer nicht oft genug : auf welche Weise sie das werden , was sie sind . Ist diese letzte Bemerkung richtig , so hoffe ich , sie werde eine Entschuldigung für die Herausgabe des gegenwärtigen kleinen Romans enthalten . Erstes Buch Erstes Kapitel Ich war achtzehn Jahr alt , und die ganze Welt lag wie ein Paradies vor mir . Meine Familie , meine Figur , mein Vermögen , alles versprach mir die glänzendsten Aussichten . Meine Aeltern waren sehr frühzeitig gestorben , und ich wurde bey einer Tante erzogen . Sie war seit vielen Jahren Wittwe und außerordentlich reich . Meine Vormünder hatten mich ihr gänzlich überlassen , und sie machte ihren Abgott aus mir . Meine Figur war bezaubernd , und ich floß von Gesundheit über . Ich schien alle Reitze der Jugend und die ganze Kraft eines Mannes zu haben . Aber mein Temperament war noch unentwickelt , und ein rasches Pferd war mir lieber , als alle Mädchen in der Welt . Doch die Natur blieb ihrem Plane getreu , und mein ganzes Wesen verwandelte sich . Ein neues Blut schien meine Adern zu durchströhmen , ein neues Herz in meiner Brust zu klopfen . Alle Bilder des Lebens schienen mir gleichsam aus der Dämmerung hervorzutreten , und eine Menge unbekannter Empfindungen wachten plötzlich in meiner Seele auf . Ohne zu wissen , was mir fehlte , fing ich an eine Leere , eine Unruhe , eine Sehnsucht zu fühlen , die mich unglücklich machte . Alle meine vorigen Beschäftigungen , alle meine bisherigen Vergnügungen konnten mich nicht mehr befriedigen . Alle meine Gedanken und Empfindungen schienen einem geheimnißvollen Ziele zuzufliegen , und alle Pulse meines Körpers klopften demselben mit Ungeduld entgegen . Plötzlich fingen die Weiber an mir interessant zu werden , und es bedurfte nur eines Gegenstandes , um diese unbestimmte Neigung zu entwickeln . Zweytes Kapitel Der glückliche Zeitpunkt war näher , als ich dachte . Eine halbe Stunde von unserm Guthe lag ein Städtchen , das von jeher sehr viel Anziehendes für mich gehabt hatte . Oft fand ich mich mitten zwischen den kleinen reinlichen Häusern , ohne zu wissen , wie ich dahin gekommen war . Träumend ging ich dann in den Gasthof , ließ mein Essen unter die große Linde bringen , und bezahlte der dicken Wirthin gern die doppelte Zeche ; wenn sie mir nur erlaubte , so wenig als möglich auf ihr Geschwätz zu antworten . Nein , man sage , was man wolle ! es giebt Ahnungen . - Unter dieser Linde .... doch welch eine Ausschweifung ! Zurück : zu dem schönsten Abende meines Lebens ! Es war ein Mayabend . Ich drängte mich mit meinem Pferde durch duftende Hecken , und jeder Athemzug vermehrte die Lebensfülle , die meine Brust mit schmerzhaftem Entzücken hob . Achtzehn Jahre und der May ! - was brauche ich mehr zu sagen ? - - Schon erblickte ich die Linde ; aber es war nicht mehr die sehnsüchtige Träumerey , die mich vormals bey ihrem Anblicke ergriff . Ich zitterte vor brennender Ungeduld , und sprengte mit dem heftigsten Galloppe in den Gasthof hinein . Da flohen zwey weiße Gestalten vor mir auf die Wiese . Die letzte schlug die kleine Gatterthüre schnell hinter sich zu - aber wie glücklich ! ihr Kleid ward von der Thüre festgehalten . » Ach ! « rief sie - und ein Engelgesicht strahlte mir entgegen . » Ach ! « - rief ich - und der Zügel sank mir aus der Hand . Ich vergaß ihr zu helfen , und sie vergaß ihr Kleid , vergaß , daß sie fliehen wollte . - Endlich erwachte ich , sprang vom Pferde und eilte die Thür zu öffnen . Sie stammelte etwas von Dank und erröthete . Ohne zu wissen , was ich that , drückte ich einen brennenden Kuß auf das Kleid , aber plötzlich fühlte ich es von meinen Lipven entfliehen , und als ich wieder aufblickte , war auch sie verschwunden . Drittes Kapitel » Wo bleibst du denn Marie ? « - rief eine Stimme hinter der Laube - » Marie ! « - wiederholte ich - und streckte meine Arme sehnsuchtsvoll nach der Laube aus . Aber wie ? sah , hörte mich auch jemand ? - der Gedanke trieb mir alles Blut in die Wangen , ich hatte nicht den Muth der Stimme zu folgen , und schlich träumend zu meiner Linde zurück . Die dicke Wirthin hatte mich schon erwartet und kreischte mir nun zärtliche Vorwürfe wegen meines schnellen Reitens entgegen . Aber ob ich mich gleich dem Streicheln ihrer unsaubern Hände Preis gab ; so konnte ich doch keine befriedigende Nachricht wegen der Frauenzimmer von ihr erhalten . Im Gegentheil klagte sie sehr bitter über ihr geheimnißvolles Wesen , und meinte : es müsse - da sie eine Wohnung auf dem Lande suchten - mit ihrem Stande wohl nicht viel zu bedeuten haben . - » Auf dem Lande ! « - wiederholte ich , und plötzlich keimte in meinem Herzen die Hoffnung auf . Entzückt überließ ich mich diesem Gedanken , und hörte nicht mehr auf das Geschwätz der Wirthin . Sie begriff endlich , daß sie keine Antwort mehr von mir erwarten konnte , und ließ mich nun mit meinen Plänen allein . Mit welchen Plänen ! es galt nichts Geringeres als Marien die Wohnung meiner Tante anzubieten . Aber wie ? - durch wen ? - nun durch wen anders als durch mich selbst ? - war ich nicht schön und liebenswürdig ? sagte mir meine Tante das nicht täglich ? - hatten es mir die Blicke der Mädchen nicht oft genug wiederholt ? und mußte ich nicht auf Marien selbst einen vortheilhaften Eindruck gemacht haben ? - Es war beschlossen : ich wollte sie aufsuchen , und - im Fall ich sie nicht fände - sie zu sprechen verlangen . Viertes Kapitel » Es kann nicht fehlen ! « - sagte ich - und eilte im Fluge auf die Wiese . Aber wo blieb mein Muth und meine Selbstgenügsamkeit als mir die Graziengestalt entgegen kam ! - ich zitterte so heftig , daß ich genöthigt war , mich an einen Baum zu lehnen ; und so , mit dem Huthe in der Hand , in der Stellung eines demüthig Bittenden , erwartete ich sie . Was ich sagte ? was man mir antwortete ? in der That , ich weiß es nicht mehr . Ich fand mich mit einem Mahle unter der Linde , Marien gegenüber . Freilich ward mein Antrag verworfen , freilich ahnete ich den Schmerz , der meiner wartete : aber voll seeliger Trunkenheit in Mariens Nähe , wie hätte eine unangenehme Empfindung die herrschende bey mir werden können ! - Aber jetzt stand Marie auf . » Du siehst sie nicht wieder « - dachte ich , und mein Rausch war verschwunden . - Mit dem äußersten Ungestüm , die Augen unverwandt auf Marien - als wollte ich sie damit festhalten - gerichtet , ergriff ich die Hand ihrer Begleiterinn . » Wäre es möglich Madam « - sagte ich mit einem Tone der das Mittel zwischen Befehl und Bitte war - » wäre es möglich daß Sie mir Ihren künftigen Aufenthalt verbergen , daß sie mir die Erlaubniß , Sie wieder zu sehen , versagen könnten ? « » Sie vergessen mein Herr « - erwiederte sie mit Kälte , - » daß man Gründe haben kann , gewisse Dinge zu verschweigen . « - Jetzt hatte ich alle Fassung verloren . » Madam « - sagte ich ; und trat ihr gerade in den Weg - » wenn sie einen Augenblick bedenken wollten . « - » Was wäre hierbey weiter zu bedenken ? « - antwortete sie empfindlich . » Ach Madam ! « - fuhr ich fort - » wenn Sie wüßten wie sehr . « - » Ich weiß ! ich weiß mein Herr ! « - unterbrach sie mich mit einem Lächeln , das mir durch die Seele ging . » Mein ganzes Schicksal ! « - rief ich aus . » Es wird spät mein Herr . « - sagte sie mit einer Verbeugung , nahm Marien bey der Hand , und da stand ich . - - Fünftes Kapitel » Mein Pferd ! « - rief ich , aus meiner Betäubung erwachend der Wirthinn entgegen - und stürmte - ohne mich weiter durch ihre Fragen aufhalten zu lassen - aus dem Städtchen hinaus . Wie heftig erschrack meine gute , schwache Tante , als sie mich blas und entstellt in ihr Zimmer treten sah . Das ganze Haus gerieth in Bewegung . Es wurden Expresse zu dem Arzte und zu dem Chirurgus gesandt , und mir selbst schien es von Augenblicke zu Augenblicke gewisser : daß meine Gesundheit dieser heftigen Erschütterung nicht widerstehen würde . Welch ein unerhörter Zufall - es war der erste Wunsch in meinem Leben , der nicht augenblicklich erfüllt wurde . - » Nein ich dulde es nicht « - rief ich aus - ich lasse sie mir nicht entreißen ! ich will wissen , wer sie ist , wo sie bleibt , und wenn die ganze Welt sich dawider setzte ! « » Wer denn ? - sagte meine Tante - zitternd vor Angst . » Wer denn ? « - liebstes Kind ! - ich will ja den Augenblick Anstalt machen . Ach hätte ich doch nur Ludwig nicht weggeschickt ! « » Nicht Ludwig , nicht Sie , kein Mensch kann mir helfen ! « - rief ich , indem ich mich verzweiflungsvoll auf das Sopha warf und , taub gegen ihre Bitten , in ein langes , mürrisches Stillschweigen mich vertiefte . Endlich sprang ich auf , lief zur Klingel , und schellte so heftig , daß die Fenster klirrten . » Was befehlen Ihro Gnaden ? - rief ein allerliebstes kleines Figürchen in einem grünen Corsette zur Thüre hinein . - » Ist mein Pferd « - hub ich an - und mein Ton wurde plötzlich sanfter . - » O ja ! - unterbrach sie mich - indem sie herzhaft vortrat und mir ein paar große schwarze Augen entgegenleuchten ließ ; die keinen Augenblick an ihrer Allmacht zu zweifeln scheinen - » Das Pferd ist so eben in den Stall gebracht . « » Der gnädige Herr werden doch wohl nicht wieder ausreiten wollen ? - das arme Thier schien äußerst ermüdet . « Die Figur war mir fremd , dieser zurechtweisende Ton war es noch mehr . Mit einem fragenden Blick wandte ich mich an meine Tante . » Die neue Kammerjungfer « - sagte sie entschuldigend . - » Aber « - fuhr sie mit einer bittenden Miene fort - » liebster Gustav ! wäre es denn nicht möglich ? daß Du vorher etwas ausruhen könntest ? « - » Das dächte ich auch « - fiel das grüne Corsettchen ein , und würde seine Beredtsamkeit aufs neue geübt haben ; wenn nicht meine Tante mit der Hand auf die Thüre gedeutet hätte . Jetzt da wir allein waren , und da sie mich in einer mildern Stimmung fand ; gelang es ihr , mich zu einer ordentlichen Erzählung zu bewegen . Wir berathschlagten bis tief in die Nacht und meine Tante entschloß sich , an Mariens Begleiterinn zu schreiben . Sie trug ihr in den schmeichelhaftesten Ausdrücken unser Landguth , und wenn sie dies nicht annehmen wollte , einen sehr angenehmen Meyerhof an , der eine Viertelstunde davon entfernt lag . Noch vor Tagesanbruch ward ein Bothe mit diesem Schreiben abgeschickt , und mit einem Herzklopfen , das mir fast den Athem benahm , hörte ich ihn vom Hofe reiten . » Ach ! « - dachte ich - » welch eine Antwort wird er dir bringen ? « Sechstes Kapitel » Wird es denn nimmermehr Tag werden ! « - rief ich aus - indem ich die Thüre des Balkons auseinander schlug und mich trotzig - als müsse die Sonne meinen Befehlen gehorchen - auf das eiserne Gitter lehnte . Aber ach ! noch verweilte die Sonne ! - noch war kein Bothe zu hören . Halb vier Uhr war er weggeritten , jetzt repetirte meine Uhr - wie ? sollte sie unrecht gehen ? - erst vier ! ! - ach ! das begriff ich nun wohl : vor einer Stunde war keine Antwort zu hoffen . Unmuthsvoll streckte ich mich auf das Sopha , und der junge Despot , welcher vor einigen Augenblicken der Sonne gebiethen wollte ; lag nun bald vom Schlummer überwunden , seiner Stärke , wie seiner Schwäche sich nicht mehr bewußt . Als ich erwachte , sah ich meine Tante mit einem offnen Briefe an meiner Seite sitzen . » Sie haben ? « - fragte ich - und streckte die Hand zitternd nach dem Briefe aus . - » Ja , sie haben es angenommen « - fiel meine Tante ein - » aber mit einer Bedingung . « » O alle mögliche ! alle mögliche Bedingungen « - rief ich , und sprang vom Sopha auf . Die Tante . Es wird dir schwer werden , lieber Gustav - aber es ist nun einmahl nicht anders . Ich . Was ? um Gottes willen ! was wird mir schwer werden ? Sie . Sie nicht zu sehn . Ich . Sie nicht zu sehen ! - wie , haben Sie recht gelesen ? sieht das da ? Sie . Lies selbst . Wie ich dir sage : nur unter dieser Bedingung . » Ach ich bin verloren ! ich bin ein unglücklicher Mensch ! « - Mit diesen Ausrufungen übertäubte ich jetzt alle Trostgründe meiner Tante . Doch endlich legte sich der Sturm , ich fing an mich zu sammeln , und sah nun freilich wohl ein : daß meine Lage bey weitem nicht so hoffnungslos war ; als sie es anfangs geschienen hatte , daß sich noch mancher bedeutender Vortheil von Mariens Nähe ziehen ließe , und daß es nichts weniger als unmöglich seyn würde , sie zu sehen ; ohne von ihr gesehen zu werden . Das unterscheidentste Kennzeichen der ersten , so wie der wahren Liebe - vielleicht sind diese beyden Worte gleichbedeutend - ist Genügsamkeit . Es bedurfte nichts als die Hoffnung , Marien sehen und beobachten zu können ; um den schwärzesten Unmuth durch die beseeligendste Phantasie zu verdrängen . Den folgenden Abend wollten die Frauenzimmer nach dem Pachtergütchen abgehen : ich eilte daher , mich noch zuvor an dem Anblicke der Zimmer zu laben , welche nun bald alle meine Wünsche in sich schließen sollten . Meine Tante machte alle Vorkehrungen zur Einrichtung des kleinen Hauses : aber ob ich gleich jetzt zum ersten Mahl etwas der Dankbarkeit ähnliches für sie empfand ; so war es mir dennoch nicht möglich , meine Begierde bis zu ihrer Abreise bezähmen zu können , und ich sprengte vom Hofe , noch ehe ihr Wagen vorgefahren war . Siebentes Kapitel » Die Kammer linker Hand , « hatte mir meine Tante gesagt . Jetzt stand ich in der Kammer . Ach , Marie sollte sie bewohnen ! - hier ein Clavier , dort ein Sopha , gegenüber ein grünes , seidnes Bettchen . Lange schon hatte ich es mit trunknem Auge betrachtet - endlich wagte ich es , mich zu nähern , die Vorhänge zu öffnen , und - plötzlich von einer Menge unbekannter Empfindungen ergriffen - sank ich mit einem Strohme von Thränen darauf hin . Ach , welche Thränen ! - gehörten sie dem Schmerze ? dem Entzücken ? - Ihr , die ihr die wahre Liebe kanntet , ihr mögt entscheiden . Das Geräusch eines Wagens weckte mich endlich aus meinem Taumel . Es war meine Tante , die , mit einer wirklich rührenden Sorgfalt nun alles anwendete , das einfache Häuschen zu einem kleinen Elysium umzubilden . Indessen durchlief ich das ganze Gebieth , umarmte den Pachter , seine Frau , und alles , was mir in den Weg kam , beschenkte die Kinder , liebkosete dem Hunde , lachte und weinte , fragte , und hörte keine einzige Antwort . Ach , ich war glücklich , unaussprechlich glücklich ! was kann man mehr seyn ? - Aber nun kam es darauf an , einen Ort aufzufinden , von welchem aus ich Marie beobachten könnte . Nach langem Suchen fiel meine Wahl auf eine große dickbelaubte Eiche , Mariens Zimmer gegen über . Zwar trennte sie ein Bach von dem Häuschen , aber ich konnte von ihrem Gipfel den Garten und beynahe das ganze Gütchen übersehen . Mehr als einmal bestieg ich sie , und berauschte mich in der reinen Lust , die ihre Zweige belebte . Je höher ich stieg , desto mehr schienen sich meine Empfindungen zu läutern , desto ruhiger klopfte mein Herz , und desto fester ward mein Entschluß : nichts zu thun , wodurch ich mich Mariens Liebe unwürdig machen könnte . Achtes Kapitel » Der Wagen ! sie kommen , sie kommen ! « - rief mein Heinrich , den ich auf den Weg geschickt hatte , mir am folgenden Abend entgegen . Mit einem Sprunge war ich aus Mariens Fenster , über den Bach , und schnell bis zum äußersten Gipfel meiner Eiche hinauf . Der Wagen hielt , Heinrich öffnete den Schlag , und - o Gott , wie ward mir ! - umfaßte Marie mit einer unerhörten Dreistigkeit , und hob sie , wie im Triumphe , aus den Wagen . » Wer ist er , mein Freund ? « - fragte Mariens Begleiterin , und Mariens Auge ruhte auf der herkulischen Gestalt . - Ach , wie mir der Gedanke das Herz zerriß ! er war doch noch männlich schöner , als ich - freylich auch ein Jahr älter . - » Ich bin des Pachters Sohn , « - antwortete er mit einem Anstande , der mich zur Verzweiflung brachte , - » der junge Herr und ich wir sind Milchbrüder , und nun soll ich ihn begleiten , wenn er auf Reisen geht . Sollte noch irgend etwas fehlen , « - fuhr er fort , indem er die Hausthür öffnete - » so will ich bitten , daß Ihro Gnaden mich mit Ihren Befehlen beehren : es wird augenblicklich herbeygeschafft werden . « Jetzt waren sie im Hause , und jetzt kochte mein Blut . Wie viel kostete es mich auf meiner Eiche den Augenblick abzuwarten , wo Marie in ihr Zimmer treten würde ! - ach , ein Augenblick , nach dem ich so lange geschmachtet hatte . Endlich öffnete sich die Thür , und - sollte ich meinen Augen trauen ! - nur Marie und Heinrich traten herein , und sogleich schloß sich die Thüre wieder . Mariens Blick fiel zuerst auf einen großen Rosenstrauch , den ich auf ihren Tisch hatte setzen lassen . Sogleich pflückte Heinrich die schönste Rose davon ab . » Ach , Schade ! « - rief Marie . » Schade ? « - wiederholte Heinrich - indem er ihr die Blume anboth - » o mein Gott ! was wäre wohl Schade ! « - und seine großen , brennenden Augen vollendeten die Ausrufung . Jetzt trat das andere Frauenzimmer in die Thür , und jetzt konnte ich mich nicht mehr halten . Unvermerkt sprang ich vom Baume , und eilte den Verräther - so nannte ich ihn in meinem Herzen - aufzusuchen , und ihn augenblicklich zur Rede zu stellen . Neuntes Kapitel » Hier her ! « - sagte ich im gebietherischen Tone , als er um die andere Ecke des Gartens biegen wollte - » wer hat dir erlaubt , in Mariens Zimmer zu treten ? « Er . Ihre Tante . Ich . Das ist eine Lüge ! Er . - Indem er mich mitleidig ansah - » Meynen Sie mich ? « Ich . » Dich ! « - sagte ich - und griff an den Hirschfänger . Er . Wollen Sie hauen oder schlagen ? - beydes wäre lächerlich ; denn ich wette , Sie wissen nicht warum . Ich . » Bube ! « - rief ich , und jetzt flog der Hirschfänger aus der Scheide . - » Bube , ich werde ! « - » Was wirst du , Gustav ? « - wiederholte er , indem er ruhig vor mich hin trat - und plötzlich fiel mir die große Narbe in die Augen , die er davon trug , als er mich - ich war damals zehn Jahr alt - vom Pferde riß , in dem Augenblicke , da ich in Gefahr war , geschleift zu werden . » Was wirst du ? « - fragte er noch einmal - und ich lag in seinen Armen . Nein , ich war nicht böse ! - verzärtelt , verzogen , heftig , aufbrausend war ich ; keinen Widerspruch konnte ich dulden : darum hatte man auch Heinrich schon vor drey Jahren aus der Gegend entfernt . Aber jetzt , da er , mit so mannichfaltigen Kenntnissen bereichert , zurückkehrte , so fest und doch so sanft , so männlich und doch so kindlich sich anschließend - jetzt mußte ich ihn lieben . » Ach , Heinrich ! « - sagte ich , und drückte ihn fest an meine Brust - » Heinrich ! was denkst du von Marien ? « - Er . Daß sie ein Engel ist , und daß ich sie haben müßte , wenn ich sie bekommen könnte , und wenn du sie nicht schon hättest . Ich . Ach , Gott ! ich habe sie noch nicht ! Er . Geduld ! Geduld ! es wird alles gut werden . Ich . Ja ; aber wann ? - Er . Nun das weiß man freylich nicht ; aber sey nur ruhig : ich glaube wirklich , sie liebt dich . » Heinrich , « - rief ich , und erstickte ihn fast mit meinen Küssen - » woher glaubst du das ? woher vermuthest du das ? Er . Ey nun , das läßt sich nicht gut sagen ! genug - das war nicht zu verkennen - ihr Auge suchte etwas , was es nicht fand - sie war unruhig , und wollte es verbergen . - Nun ? warum denn mit einem Male wieder so tiefsinnig ? Ich . Aber Heinrich , du gabst ihr doch die Rose - warum thatest du das ? Er . Ey , mein Gott ! weil ich es nicht lassen konnte . » O Heinrich ! « - rief ich erschrocken - » also thust du doch manchmal etwas blos weil du es nicht lassen kannst ! « - Er . Allerdings ! alles Unschuldige , alles , was weder mir noch andern schaden kann , thue ich ohne Bedenken , wenn mich meine Neigung dazu treibt . Oder - wie ich vorhin so leichtfertig weg sagte - wenn ich es nicht lassen kann . Ich . Ach , Heinrich ! du wirst sie lieben . Er . Ey das versteht sich ! ich liebe sie ja schon jetzt . Ich . Sie wird dich wieder lieben . - Er . Hahahaha ! ich dachte gar ! mich , den Pachterssohn ! - mich in meiner grünen Jacke ! - Ich . Höre , Heinrich , du mußt mir etwas versprechen . Er . Nun ? Ich . Du darfst sie nie wieder anrühren . - Wie du schweigst ? - Heinrich , was sagtest du vorhin ? Du würdest nie etwas Schädliches thun - sieh , dies wäre sehr schädlich ; denn , bey Gott , dein oder mein Leben ! - Er . Nun ! nun ! nur nicht wieder so hastig ! Ich . Heinrich ! liebst du mich nicht mehr ? Er . Das ist ja eben das Unglück ! gerade weil ich Sie liebe - Ich . Wie ? gerade deswegen wirst du nicht versprechen ! Er . Werde ich versprechen » O Heinrich ! « - rief ich , und schloß ihn aufs neue in meine Arme - » was soll ich für dich thun ? was willst du haben ? « Er . Haben ! - ich will doch nimmermehr hoffen - » O sey nicht böse ! sey nicht böse ! « - sagte ich , und zog ihn mit auf den Weg nach unserm Guthe - » laß uns überlegen , was jetzt anzufangen ist . « Zehntes Kapitel » Wecke mich ehe die Sonne aufgeht « - hatte ich zu Heinrich gesagt . Aber noch ehe Heinrich erwachte war ich auf dem Wege zu meiner Eiche . Ach Mariens Vorhänge waren dicht geschlossen , alles lag noch im tiefen Schlummer , auch die Sonne verweilte und nur der freundliche Haushund kam mir schmeichelnd entgegen gesprungen . Ich bestieg meine Eiche , und beschloß : sobald die Sonne hinter dem Berge hervorgegangen seyn würde , Marien mit meiner Flöte zu wecken . Aber schon lange war das liebliche Thal erleuchtet ; und noch zitterten meine Lippen unentschlossen an der Flöte . Wie ? sollte ich ihren Schlummer unterbrechen ! - ich konnte es nicht wollen , ich konnte es nicht lassen - anfangs stahlen sich nur einzelne Töne aus der Flöte : aber ehe ich es gewahr wurde bewegten sich meine Finger unwillkührlich , und bald fand ich mich mitten in einem Adagio , in welches sich meine ganze Seele ergoß . Mariens Vorhänge bewegten sich , meine Flöte schwieg , und von dickbelaubten Zweigen beschattet ; starrte ich jetzt unverwandt nach ihrem Fenster . Jetzt öffnete es sich . O Gott ! wie ward mir ! Sie war es selbst . - Ohne zu wissen was ich that , breitete ich meine Arme aus - und ach , da ließ ich meine Flöte fallen . Aber wie glücklich ! Marie bemerkte es nicht , und noch ehe ich mich von meinem Schrecken erholen konnte - sah ich sie in den Garten treten : wahrscheinlich um den unsichtbaren Flötenspieler zu suchen . Noch wehten die langen blonden Locken ungefesselt um den schönen Hals , und das dünne Morgengewand raubte mir keine Bewegung des reizvollsten Körpers . Welch ein Zauber liegt doch in einer vollendeten weiblichen Schönheit ! - jede thierische Begierde verstummt , die Seele versinkt in tiefe Ruhe , und der sinnlichste Mensch begreift bey ihrem Anblicke : daß es noch etwas wünschenswertheres als Sinnlichkeit gebe . Marie durchsuchte den ganzen Garten . Endlich kam sie an eine kleine Brücke die über den Bach nach der Wiese führte ; wo mich meine Eiche vor ihren Augen verbarg . Sie schien unentschlossen : ob sie sich über die Brücke wagen sollte - aber ein Bologneserhund , der sie begleitete , war ihr schon zuvorgekommen . Er tummelte sich mit einem Stück Holze - o Himmel es war meine Flöte ! - auf der Wiese herum . » Eine Flöte ! « - rief Marie ; und eilte schnell hinter dem Hunde her . Aber jedes Mal wenn sie nahe daran zu seyn glaubte ihn zu erhaschen ; machte er sich plötzlich mit possierlichen Sprüngen auf und davon . Jetzt näherte sich der Hund dem Bache , und jetzt wollte Marie das Aeußerste versuchen : aber indem sie sich hinüber beugte um die Flöte zu retten , verlor , sie das Gleichgewicht und sank tief in das hohe Schilf hinein . Ein Schrey , ein Sprung , und sie lag in meinen Armen . - Nein , dieser Augenblick war einzig in meinem Leben , und wird es bleiben . Eilftes Kapitel » O mein Gott ! « - rief sie ; und wand sich aus meinen Armen . » Können Sie mir verzeihn ! « - sagte ich und umfaßte ihre Knie . » Es wird unsre Abreise beschleunigen « - antwortete sie wehmüthig , und wollte sich entfernen . » Marie ! « - rief ich außer mir - Marie ! verlassen Sie mich nicht ! verlassen Sie mich so nicht ! Sie . Welche Unvorsichtigkeit von mir , hier her zu kommen ! - aber wie konnte ich vermuthen ! - Sie hatten Ihr Wort gegeben . Ich . Ich werde es halten ! ich werde es von nun an halten ; und sollte es mir das Leben kosten ! - aber um Gottes Willen sprechen Sie nicht von Abreisen , von Entfernung ! Sie . Sie zwingen uns dazu , wenn auch unsre Umstände ..... Ich . Ach werde ich nie etwas davon erfahren ? - werde ich nie wissen wem ... Sie . Das hängt nicht von mir ab . Ich . Marie ! theure Marie ! ich heiße Gustav . - Sie lächeln ? - o Marie ! ein einziges Mal , nur ein einziges Mal sagen Sie : Gustav ich hasse dich nicht - - Marie hassen Sie mich ? - Marie ! Marie ! können Sie mich lieben ? - - » Meine Mutter ist aufgestanden « - rief sie erschrocken - » Ihre Fenster sind offen . - O mein Gott ! warum bin ich hier her gekommen ! » Bereuen Sie es Marie ? « sagte