Engel , Johann Jakob Herr Lorenz Stark www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johann Jakob Engel Herr Lorenz Stark ein Charaktergemälde I. Herr Lorenz Stark galt in ganz H ..... , wo er lebte , für einen sehr wunderlichen , aber auch sehr vortrefflichen alten Mann . Das Äusserliche seiner Kleidung und seines Betragens verkündigte auf den ersten Blick die altdeutsche Einfalt seines Charakters . Er ging in ein einfarbiges , aber sehr feines Tuch , grau oder bräunlich , gekleidet ; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz , oder wenn ' s galt , eine wohlgepuderte Troddelperücke ; mit seinem kleinen Hute kam er zweimal ausser die Mode , und zweimal wieder hinein ; die Strümpfe waren mit grosser Zierlichkeit über das Knie hinaufgewickelt ; und die stark besohlten Schuhe , auf denen ein Paar sehr kleiner , aber sehr hell polirter Schnallen glänzten , waren vorne stumpf abgeschnitten . Von überflüssiger Leinewand vor dem Busen und über den Händen war er kein Freund ; sein grösster Staat war eine feine Halskrause mit Spitzen . Die Fehler , deren dieser vortreffliche Mann nicht wenig hatte , und die denen welche mit ihm leben mussten , oft sehr zur Last fielen , waren so innig mit den besten seiner Eigenschaften verwebt , dass die einen ohne die andern kaum bestehen zu können schienen . Weil er in der That klüger war , als fast Alle mit denen er zu thun hatte , so war er sehr eigenwillig und rechthaberisch ; weil er fühlte , dass man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen gegründeten Vorwurf machen könnte , so war er gegen Andre ein sehr freier , oft sehr beschwerlicher Sittenrichter ; und weil er , bei seiner natürlichen Gutmüthigkeit , über keinen Fehler sich leicht erhitzen , aber auch keinen ungeahndet konnte hingehen lassen , so war er sehr ironisch und spöttisch . In seiner Casse stand es ausserordentlich gut ; denn er hatte die langen lieben Jahre über , da er gehandelt und gewirthschaftet hatte , den einfältigen Grundsatz befolgt : dass man , um wohlhabend zu werden , weniger ausgeben als einnehmen müsse . Da sein Anfang nur klein gewesen , und er sein ganzes Glück sich selbst , seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirthlichkeit schuldig war : so hatte er in frühern Jahren sich nur sehr karg beholfen ; aber auch nachher , da er schon längst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte , von denen er zu sagen pflegte , dass sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichthum geworden , blieb noch immer der ursprüngliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend : und dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachsthum seines Vermögens . Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben : ein Sohn , der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte ; und eine Tochter . Letztere war an einen der berühmtesten Ärzte des Orts , Herrn Doctor Herbst , verheiratet : einen Mann , der nicht weniger Geschicklichkeit besass , Leben hervorzubringen , als zu erhalten . Er hatte das ganze Haus voll Kinder ; und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten , der ein grosser Kinderfreund war . Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte , die Herr Stark zu besuchen pflegte : so war es ausgemacht , dass er jeden Sonntag bei dem Schwiegersohn ass ; und seine Frömmigkeit hätte zuweilen wohl gern die Kirche versäumt , wenn nur seine Grossvaterliebe den Anblick so werther Enkel und Enkelinnen hätte versäumen können . Es ging ihm immer das Herz auf , wenn ihm der kleine Schwarm , beim Hereintreten ins Haus , mit Jubelgeschrei entgegensprang , sich an seine Hände und Rockschösse hängte , und ihm die kleinen Geschenke abschmeichelte , die er für sie in den Taschen hatte . Unter dem Tischgebete schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher , und er pflegte ihnen dann leise zuzurufen : Andacht ! Andacht ! ; aber der gerade am wenigsten Andacht hatte , war er selbst : denn sein ganzes Herz war , wo seine Augen waren , bei seinen Enkeln . Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener . Auf der einen Seite war er ihm zu verschwenderisch , weil er ihm zu viel Geld verkleidete , verritt , und verfuhr ; insbesondere aber , weil er zu viel auf Caffeehäuser und in Spielgesellschaften ging . Auf der andern Seite verdross es Herrn Stark , dass der Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist , und als Mensch zu wenig von der Wohlthätigkeit und Grossmuth seines eigenen Charakters hatte . Er hielt ihn für ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender : zwei Eigenschaften , die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute . Er selbst war der wahre Sparsame , der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowohl das Geld , als vielmehr das viele Gute im Auge hat , das mit Gelde bewirkt werden kann . Wo er keine Absicht fand , da gab er sicherlich keinen Heller ; aber wo ihm die Absicht des Opfers werth schien , da gab er mit dem kältesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin . Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdross , war der Umstand : dass dieser noch in seinem dreissigsten Jahre unverheiratet geblieben war , und dass es allen Anschein hatte , als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren würde . Der Vater hatte den Sohn zu keiner Heirat bereden , der Sohn keine Heirat ohne des Vaters Einwilligung schliessen wollen : und beide waren in Geschmack und Denkungsart allzuverschieden , als dass ihre Wahl oder ihr Wunsch je hätte übereinstimmen können . Herr Stark hatte seine ganze Handlung der Aufsicht des Sohns übergeben , und ihm zur Vergeltung für seine Mühe , einige nicht unwichtige Zweige derselben völlig abgetreten . Nur die Geldgeschäfte , deren er viele und sehr beträchtliche machte , hatte er sich selbst vorbehalten . Indess unterliess er nie , besonders weil er in die kaufmännische Klugheit seines Stellvertreters nicht das meiste Vertrauen setzte , sich um die übrige Handlung , so wie um das ganze Leben des Sohns , zu bekümmern ; und da er ohne Unterlass etwas versäumt oder nicht ganz nach seinen Grundsätzen fand , so gab dies zwischen Vater und Sohn zu sehr unangenehmen Auftritten Anlass , die am Ende von beiden Seiten ein wenig bitter und beleidigend wurden . Man sehe hier zur Probe nur einen der letzten Auftritte , der für die Ruhe und Glückseligkeit der Familie die bedeutendsten Folgen hatte . II. Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben , im öffentlichen Concert zu erscheinen , und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit goldgestickter Weste geworfen . Er hatte sich über dem Anziehen ein wenig versäumt , und fuhr jetzt mit grosser Eile in das gemeinschaftliche Arbeitzimmer , wo eben der Alte beim Geldzählen sass . - Friedrich ! Friedrich ! rief er , indem er die kaum zugeworfene Thüre mit Geräusch wieder aufriss . Gott sei bei uns ! sagte der Alte ; was giebts ? - und nahm die Brille herunter . Der Sohn forderte Licht zum Siegeln , warf sich an seinen Schreibtisch , und murmelte dem Alten , seitwärts die Worte zu : Ich habe zu arbeiten - Briefe zu schreiben . So eilfertig ? sagte der Alte . Ich wiederhol ' es dir schon so oft : bedächtig arbeiten und anhaltend , hilft weiter , als hitzig arbeiten und ruckweis . - Doch freilich ! freilich ! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft , desto früher - - Kömmt man zum Spieltisch , wollte er sagen ; aber weil eben Friedrich mit Licht hereintrat , so besann er sich , und verschluckte das Wort . An wen schreibst du denn da ? fing er nach einiger Zeit wieder an . An Eberhard Born in S * * . Den Sohn ? Der Vater heisst August , nicht Eberhard . Gut ? Meine Empfehlung an ihn ! - Ich denke noch oft an die Reise von vorigem Sommer , wo ich ihn kennen lernte . Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann . O ja ! murmelte der Sohn in sich hinein . Wer nur auch so wäre ! Ein ordentlicher , arbeitsamer , gesitteter Mann , wie geboren zum Kaufmann . Voll Muths , etwas zu unternehmen , aber nie ohne Bedacht ; in seinem Äusserlichen so anständig , so einfach : von Sammt und Stickereien kein Freund , und was ich an ihm ganz vorzüglich schätze - kein Spieler . Ich denke , er soll in seinem Leben noch sein erstes Solo verlieren . - Wenn er ja einmal spielt , so ist es nicht in der Karte , sondern mit seinen Kindern . Er hat so liebenswürdige Kinder ! - Ach , und der Alte , sein Vater ! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater seyn . Das ist ein glücklicher Mann ! - Ich kenne Väter , fuhr er ein wenig leiser fort , die sich an ihm versündigen , die ihn beneiden könnten . Schreib , oder - ! sagte der Sohn , indem er eine Feder nach der andern auf den Tisch stampfte und hinwarf . Der Alte sah das eine Weile mit an . - Du bist ja ganz ärgerlich , wie es scheint ? Wer ' s nicht wäre ! murmelte der Sohn wieder in sich . Bin etwa ich daran Ursache ? Hab ' ich deinen Geschmack nicht getroffen ? - Er stand auf , und ging zum Tische des Sohns . - Ich weiss , du bist von Winken und von Anspielungen eben kein Freund , und ich kann ja auch deutlicher reden . O , es braucht dessen nicht , sagte der Sohn , und schrieb fort . Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand , sprützte sie aus , und legte sie hin . - Sieh ! fing er dann an : es wird mir von Tage zu Tage immer ärgerlicher , dass ich einen Menschen von so weitläuftigem Kopfe und von so engem Herzen zum Sohn haben muß . Einen Menschen der für seinen Putz , sein Vergnügen , der in L ' hombre und Whist ein Ducätchen nach dem andern , oft auch wohl dutzendweise , vertändelt ; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht gespielt hat , und der , wenn er eine grossmüthige Handlung thun sollte , vielleicht keines Thalers Herr wäre ; - einen Menschen , der ewig ledig bleibt , weil keine Partie ihm reich genug ist , und der doch immer übrig hat , zu fahren , zu reiten , den Cavalier zu machen , Sammt und Stickereien zu tragen . - Ich muss wohl nicht Unrecht haben , fuhr er nach einigem Stillschweigen fort ; denn du kannst mir nicht antworten . O , ich könnte , sagte der Sohn , indem er mit Hitze aufstand ; aber - - So sprich ! Was verhinderte dich ? Bei Gott ! ich bin es müde , so fortzuleben . - Dass ich das hoffen dürfte ! Ich bin nun , denk ' ich , ein Mann , und kein Kind mehr . Warum wird mir denn noch immer begegnet , wie einem Kinde ? Sohn ! Sohn ! Es giebt alte Kinder . Ich bin aufmerksam ; ich versäume nichts , was zu thun ist : ich setze nie die Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen - Nur den Gehorsam ein wenig . Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit und mit Treue : und doch - doch kann ich keine Stunde in Ruhe leben ; doch wird mir durch Vorwürfe ohne Ende jeder Augenblick meines Daseins verkümmert ; doch wird mir jede Zerstreuung , jedes elende Vergnügen gemissgönnt . Du sprichst sehr hart , aber sehr wahr . Jedes elende Vergnügen ! Elend - weil es mir nichts , oder eine Wenigkeit kostet . Was hab ' ich denn verloren , wenn ich verlor ? Das Kostbarste , was wir haben : die Zeit . Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben ? Soll ich immer so fortarbeiten , wie Sie ; mich eben so tragen , eben so einschränken , wie Sie ? eben so - - Nun , was stockst du ? Sprich aus ! Eben so - bei Thalern zusammensparen , um bei Hunderten wegzuwerfen ? Wegzuwerfen ! sagte der Alte , dem nichts in der Welt so unerträglich schien , als dass Kinder ihre Eltern über den freien Gebrauch eines selbsterworbenen Vermögens richten sollten . - Dacht ' ich es doch , dass der junge Mensch noch würde mein Vormund werden ! Wegzuwerfen ? Was verstehst du darunter ? Was heisst bei dir wegwerfen ? Sprich ! - Er ging ihm nach , und hielt ihn etwas unsanft am Arme . - Seinen Beutel für jeden ehrlichen Mann offen halten , der Beistand braucht ; etwa das ? Ehrlich ! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme . Wenn sie es alle wären ! O , ich bin noch wenig betrogen . Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht , ehe ich gebe . Und was nennst du denn wegwerfen ? Sprich ! Sie borgen Allen - ohne das Geringste davon zu haben . Thor ! Ohne das Geringste davon zu haben ? - Er zog die Hand von seinem Arme , und gab ihm einen Blick voll Verachtung . - Ich habe das davon , zu sehn , dass es meinem Mitmenschen wohl geht . Rechnest du das für nichts ? - Und wenn sie mich einst die lange Strasse hinabtragen , und ich hier Alles dahintenlasse ; so hoff ' ich , es soll da Mancher mit Thränen in seinen Augen sprechen : » Schade um den rechtschaffenen Mann ! Ich hab ' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand zu danken . Ich war in Noth und kam zu ihm ; da half er mir auf , und ich konnte bei Ehren bleiben . « - Bei dir hingegen . - - Doch was stehe ich da und predige in den Wind ? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie , und wollte Gott , dass es eine gescheidtere wäre ! - Nur immer wieder an deine Arbeit ! Schreib ! Schreib ! III. Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch , und achtete wenig darauf , dass der Sohn eine geraume Zeit mit grossen , heftigen Schritten umherging . Er hatte den Grundsatz , dass man einem geschlagnen , weinenden Kinde Zeit lassen müsse , um auszuschnucken , und dass es unvernünftig sei , von einer aufgeregten Leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern . Der Kampf im Herzen des Sohnes würde sich auch wahrscheinlich , wie schon so oft , zum Vortheil der kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden , und Alles würde seine vorige Gestalt angenommen haben : wenn nicht unglücklicher Weise ein Mensch hereingetreten wäre , der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache verhasst war . Es war ein gewisser Herr Specht , einer der kleinen Anfänger , die auf die Güte des alten Herrn bei jeder Gelegenheit Anspruch machten , und die für die Wünsche des Sohns nur allzuoft darin glücklich waren . Dieser hier hatte den Vorzug vor allen Übrigen ; denn er war Pathe und Gevatter zugleich : Verhältnisse , die dem Herrn Stark , nach alter Sitte , noch sehr wichtig und ehrwürdig schienen . Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte , war der aus gewissen aufgefangenen Reden geschöpfte Verdacht , als ob Herr Specht eine junge liebenswürdige Witwe , Madam Lyk , die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater sehr wenig galt , bei letzterm angeschwärzt , und ihm Veranlassung zu allen den bittern Glossen gegeben hätte , womit er dann und wann über sie herzufahren pflegte . Ei ! sagte nach seiner gewöhnlichen gleissnerischen Art der Herr Specht , indem er gerade beim Hereintreten zu seinem grossen Verdruss auf den Sohn stiess , der noch immer umherging : - Ei mein werthster Herr Stark ! Gleich hier an der Schwelle bin ich so glücklich - - ? Seine tiefen Verbeugungen und seine süssen Mienen hatten dem Sohne noch nie so fade und unausstehlich geschienen , als jetzt . - Was giebts ? Was solls ? fuhr er den ganz erstaunten und erschrocknen Besuch ein wenig unartig an . Himmel ! sagte Herr Specht , und griff wieder nach dem Drücker der Thüre ; ich hoffe doch nicht , dass ich ungelegen komme ? dass ich Störung verursache ? Es wäre möglich . Die Zeit ist edel , mein Herr . - . Ja wohl ! ja wohl ! Schon bei unser einem ; und erst vollends bei Ihnen ! bei einem Manne , der solche Geschäfte macht , solch ein Werk führt ! - Wahrlich , ich begreife oft nicht - - Was es giebt ? Was Sie wollen ? Hab ' ich gefragt . - Borgen etwa ? noch ehe die alte Schuld ganz getilgt ist ? - Oder wieder Nachrichten von der Witwe , Ihrer Nachbarinn , bringen ? - Da ! Wenden Sie Sich an meinen Vater , und nicht an mich ! - Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war , und nicht wusste , ob er gehen oder bleiben , ob er schweigen oder antworten sollte , drehte der alte Herr Stark , dem nachgerade das Gehör ein wenig schwach ward , und der nicht wusste , ob er etwas und was er hörte , sich auf seinem Stuhle herum , und half ihm durch ein freundliches Willkommen ! von seiner Herzensangst . - Der Sohn warf sich wieder an seinen Tisch , um weiter zu schreiben . Nun ? Und was steht denn zu Diensten ? sagte Herr Stark , nach mehrern unbedeutenden Fragen ; - denn umsonst pflegt Er nicht zu kommen , mein lieber Pathe . Ich - ich wollte so frei seyn , stotterte dieser , indem er schielende , misstrauische Blicke nach dem Sohn zurückwarf - ich habe , diese Tage über , Gelegenheiten gefunden - so allerhand kleine Gelegenheiten - - Das versteh ' ich ja nicht . Was für Gelegenheiten ? Ich meine : einen vortheilhaften Handel zu schliessen , mir einen kleinen Gewinn zu verschaffen - Ja so ! - das ist mir lieb ; das ist schön . - Immer zugegriffen , mein lieber Specht ! Aber - wie ' s denn bei Anfängern geht - die Beutel sind so eng und so flach . So wie man hineingreift , hat man auch auf den Boden gegriffen . - Dies war , beiläufig zu sagen , einer der eigenen Einfälle des Herrn Stark , die Herr Specht sich sorgfältig zu merken und gelegentlich bei ihm selbst , mit immer gutem Erfolg , wieder anzubringen pflegte . - Und da wollt ' ich denn also - wenn ' s ohne Beschwerde geschehen könnte - - Frischen Vorrath holen . Nicht wahr ? - Nur heraus mit der Sprache ! Herr Specht lächelte , und schlug den Alten mehrmalen hinter einander , mit den äussersten Fingerspitzen , sanft und schmeichlerisch auf die Schulter . - Sie sind doch ein vortrefflicher Mann , liebster Herr Pathe - Ja , ja ! Weil ich ein so guter Prophet bin . - Aber was war ' s denn , das Er vorhin mit meinem Sohne absprach ? Hat Er Sich dem schon entdeckt ? Ich wollte . - Ich hatte die Absicht ; aber - der junge Herr - Wird vermuthlich bedauert haben ? wird sich ausser Stande gesehen haben , zu dienen ? So schien ' s beinahe . - Es kann Ernst damit seyn . - Die Zeiten sind sich nicht immer gleich , und ich denke , es mag ihm jetzt selber fehlen . Hehehe ! - liebster , bester Herr Stark ! Wie Sie doch manchmal zu spassen wissen ! Zu spassen ? sagte der Alte , und wies nach dem andern Tisch auf die reichgestickte Weste hinüber . - Sieht Er denn nicht , dass mein Sohn sein Gold hat verarbeiten lassen ? - Ein jeder freilich nach seinem Geschmack ! Der Eine hält ' s mit einer vollen , der Andre mit einer flimmernden Tasche . Dieses Wort , in keiner ganz üblen Laune und mit einem ziemlich gutmüthigen Tone gesagt - denn Herr Stark war wohl Spötter , aber kein hämischer ; und wenn er im Verdrusse erst wieder witzig ward , so war das immer ein Zeichen seiner schon wiederkehrenden Ruhe - dieses Wort folgte auf zu bittre , zu ernstliche Vorwürfe , und ward in Gegenwart eines zu gehassten , zu verachteten Menschen gesprochen , als dass es auf das Herz des Sohns nicht eine sehr unglückliche Wirkung hätte thun sollen . Er sprang mit Ungestüm auf , murmelte heftige unverständliche Worte zwischen den Zähnen , und warf die Thüre . IV. Mein Gott ! sagte Herr Specht , dem vor Schrecken beide Arme am Leibe niedersanken : der junge Herr war ganz erhitzt , ganz ergrimmt . Ich will doch nicht hoffen , dass meine Gegenwart - Nicht doch ! tröstete ihn der Alte , den seine Übereilung schon innerlich zu gereuen anfing : es ist nur seine Art so ; er machts nicht anders . - Dann gab er Herrn Specht die benöthigte Summe , mit hinzugefügter Warnung , dass er sein Geld nicht verstecken , sich nicht in mehr oder in grössere Geschäfte verwickeln sollte , als die er verstände , und übersehen könnte . - Übrigens , sagte er , wünschte ich , um Lebens- und Sterbenswillen , eine kleine Verschreibung . Er kann sie mir diesen Nachmittag bringen . Gewiss ! gewiss ! sagte Herr Specht ; und klopfte ihm wieder , wie zuvor , mit leichter schmeichelnder Hand , auf die Schulter . - Ich dacht ' es doch gleich , liebster Herr Pathe , dass mir von Ihnen würde geholfen werden . Auch meine Frau sagte : Geh immer ! So ein Mann , sagte sie , wie der Herr Stark ist , lebt auf der Welt nicht weiter . - Nun , guten Morgen ! guten Morgen ! Er hätte ein Vieles darum gegeben , wenn er das unglückliche Wort von der Frau hätte zurückholen können : aber es war heraus , und mit dem Forteilen wollt ' es nicht glücken . Herr Stark winkte ihm wieder umzukehren , und drohte ihm , nicht ohne Ernst , mit dem Finger . - Weil Er doch Selbst von ihr anfängt , mein lieber Specht , und weil ich ' s bisher immer vergessen habe ; - sag ' Er mir einmal recht aufrichtig : wär ' Er nicht ein wenig verliebt in die Frau ? Je nun , stotterte dieser - ein junger Ehemann - freilich - Der selige Lyk , denk ' ich , war ' s auch . Und nun , die Witwe - die ihm das Seinige vertändelte , verputzte , vertanzte , verschmaus ' te - Er weiss ja wohl besser , als ich ' s Ihm sagen kann , was dort für Umstände sind . Gar nicht mehr so glänzende , als vordem . - Nehm ' Er Sich also in Acht , lieber Specht ! Sei Er auf Seiner Hut ! Aber wie so , bester Herr Pathe ? wie so ? - Meine Frau - - Ist mir gar sehr nach der Mode . Alles was nur aufkömmt , das macht sie mit . Und darum stell ' ich mir vor - weil Er doch nur ein Anfänger ist , und weil ich Ihn doch sonst als guten Haushälter kenne - ich stelle mir vor : Er hat so eine gewisse schwache Seite , und die junge Frau hat die ausgekundschaftet . - Hab ' ich ' s getroffen ? Liebster , bester Herr Pathe - - Man gesteht das nicht gern . Schon gut ! - Aber ich bitt ' Ihn , als Freund , lieber Specht ! nehm ' Er Sich in Acht ! Sei Er ein Mann ! - Bei einer schlechten Wirthinn , geht der beste Wirth von der Welt zu Grunde ; da ist kein Haltens . Er füllt da in ein löcheriges Sieb : und wenn Er Sich auch zu Schanden füllte ; Er bringt in Ewigkeit nichts hinein . - Ich weiss zwar wohl , fuhr er nach einem Weilchen mit Schmunzeln fort , wie ' s die Weiber zu machen pflegen - Ja freilich , freilich , seufzte hier Specht , und fuhr sich mit dem Finger hinter die Ohren . Da steckt ' s ! Wie sie den jungen Mann in die Enge treiben ; Launen haben , Zufälle haben , Beklemmungen und Ohnmachten haben - Gott weiss , was Alles ? - , und wie dann auf einmal wieder das Wetterglas steigt und heitre Sommerluft wird ; wie sie da schmeicheln , liebkosen , tändeln , und dann so unversehens , als wenn ihnen nichts drum wäre , damit herausrücken : die da , die trägt dies und trägt das ; die geht hier hin und dort hin ; die macht dies mit und das mit : - die Närrinn ! - Unser eine ist doch eben , was sie ist . - Nun wahrhaftig ! rief Specht , dem über die gute Laune des Alten das Herz wieder ganz leicht ward : Es ist , als ob Sie hätten dabei gestanden . Und wenn sie dann den guten Tropf in der Schlinge haben : wie sie da küssen , liebäugeln , herzen - Ganz , wie sie ' s zu machen pflegen ! - indem er die grösste Verwunderung vorgab - ganz nach der Natur ! Zug vor Zug ! Ei , ich weiss das . Ich bin ja alle die Schulen durchgegangen . - Aber zum Henker , Pathe ! Der Mann muss Mann seyn ; er muss ein Herz von Stahl und von Eisen haben . - Immer , liebreich , nie verliebt : ist die Regel . - Und was verliert man denn nun , wenn man sich darnach hält ? Man gewinnt ! Denn wer der Frau nachgiebt , der hat nur dann und wann gute Tage ; wer sein Ansehen behauptet , der hat sie immer . - Oder meint Er etwa , dass die junge Frau des Mannes nicht eben so bedürftig ist , als der junge Mann ihrer ? - Possen , Possen , mein lieber Specht ! Eben so bedürftig ; und unter uns : oft wohl mehr ! Nun wart ! - sagte dieser , indem er hinter sich sah , und die strengste Miene zog , die in sein flaches Gesicht nur hineinwollte - an das Gespräch will ich denken . Ich will dich mir künftig anders ziehen . Aber mit Art , versteht sich . Mit Art ! Ei freilich ! die Art ist die Hauptsache . Die muss nicht vergessen werden . - Und nun wandt ' er Geschäfte vor , die ihn eiligst nach Hause riefen , und ging . Des festen Vorsatzes vermuthlich , nichts zu wagen was ihn vielleicht gereuen , und nichts anzufangen was er vielleicht nicht durchsetzen mögte . V. Während Herr Stark über seinen Streifzug gegen das schöne Geschlecht aller Sorgen vergass , ging der Sohn , voll der äussersten Erbitterung , auf seinem Zimmer umher . - So mich zu misshandeln , rief er : seinen einzigen leiblichen Sohn ; und das in Gegenwart eines so verächtlichen , eines so nichtswürdigen Menschen ! Eines so unbedeutenden , armen Wichts ! hätte er sagen können : der sich mit Bücklingen und Schmeicheleien durch ' s Leben windet , und der übrigens noch eine ganz gute , ehrliche Haut ist . - Mich der Verachtung , dem Spott , dem bittersten Hohngelächter Preis zu geben ; und das auf eine so hämische , so gesuchte , so recht ausgekünstelte Art ! Auf eine freilich ärgerliche , aber dem Alten nun einmal gewöhnliche , und hier von selbst sich darbietende Art , wobei doch , wie sonst immer , der Ehre und des guten Namens geschont ward . - Mir in dem Augenblicke , wo ich mich hinsetze und für ihn arbeite , so grundlose , so aus der Luft gegriffne , so abscheuliche Vorwürfe zu machen ! Grundlos nun in der That , wenigstens was Spiel und was Nachtschwärmen betraf ; aber darum nicht aus der Luft gegriffen : denn unmöglich konnte der Vater von den jetzigen geheimen Gängen des Sohns anders , als nach Ähnlichkeit der ehemaligen , urtheilen ; und so waren sie , in seinen Gedanken , noch immer auf die Caffeehäuser und zum Spieltisch gerichtet . - Dass jetzt wirklich die müssigen Augenblicke des Sohns , und mitunter auch halbe Nächte ; zu sehr lobenswürdigen , sehr edlen Handlungen verwandt wurden : das war niemanden weniger , als dem Vater , bekannt ; und diese lobenswürdigen , edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses Aber , dass sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen bekannt werden lassen . - Doch zu Bemerkungen , die den Vater hätten entschuldigen oder gar rechtfertigen können , war füritzt der Sohn nicht gestimmt : er sprach vielmehr sich selbst durch die heftigsten , überspanntesten Ausdrücke