Brentano , Clemens Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Clemens Brentano Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter Ein verwilderter Roman von Maria Den schönen Launen der lieblichen Minna , dem guten Geiste Juliens und dem stillen heitern Sinne Henriettens weihe ich dies Buch ohne Tendenz Erster Band Ihr schönsten Launen , du guter Geist , und du heiterer Sinn , ihr seid mein ganzes Publikum , oder wenigstens , was es bedarf , aus mir einst einen leidlichen Dichter zu machen . Neckerei , freundliche Strenge und Duldung können mich von allen moralischen und künstlerischen Fehlern heilen . Enthusiasmus ist in mir , ihr kennt und liebt seine schöne Quelle . Ich sagte euch ohnlängst , daß ich euch dies Buch geweiht , die Dedikazion aber vernichtet hätte , weil ich fühlte , wie sehr wenig mein Buch es verdiene . Aber seit ich einen schönen Abend in einer schönen Umgebung zubrachte , fühle ich , daß ihr alles hören dürft , was ich weiß und wußte , ja daß es mir sehr heilsam wäre , wenn ihr alles hörtet , denn ich würde mir dann Mühe geben , alles so gut zu sagen , als ich kann . Du holde Dreieinigkeit stehst also nicht hier , meinem nachlässigen Buche einen schönen Vorredner zu geben , auch steht mein Buch ebenso wenig wie eine üble Nachrede hinter deinem guten und lieben Namen , noch weniger soll mit den wenigen guten Gedanken darin dir eine spärliche Ehre erwiesen werden . Nein , wie drei gute Feen stelle ich euch hierher an die Wiege meiner jüngsten Torheiten ( denn das Buch ist schon ein Jahr alt ) , damit ich in eurer Miene das Schicksal meines Buchs in der schönsten Welt ergründen möge . Am meisten aber verführte mich meine große Sehnsucht dazu , eine von euch dreien Du zu nennen , was ich öffentlich nur unter dem Verluste meiner ewigen Freiheit erlangen könnte , und hier in meiner poetischen Freiheit mit Recht nach Herzenslust darf . Welche es ist , die kann es sicher fühlen , doch wird keine je erraten können , ob es die andre ist . So wende ich mich denn zu dir , liebliche Minna , und rede deine schönsten Launen , nicht ohne einige Begeisterung , folgendermaßen an : » Ihr Leichtbeflügelten , die ihr ihr schönes Bild im ewig neuen Wechsel von tausend glühenden Farbenschimmern in dem bunten Staub eurer Psychen-Flügel zerstreut , sammelt euch freundlich in ihrem Herzen , wenn sie mein Buch in die Hand nimmt . « Warum ich sie alle gern in dein Herz herein hätte , will ich dir gleich sagen . Es ist , weil ich sie dann förmlich drinne belagern möchte , denn ich empfinde , daß sie im freien Felde nicht zu bezwingen sind und mir manche bange Stunde machen . Etwas würde ich in jedem Falle gewinnen , entweder würden deine Launen sich ergeben , und du würdest mich in dein Herz hereinlassen , auf das ich so unendlich begierig bin , oder sie würden siegreich sterben , und dann brauchte ich nicht mehr herein , denn dein Herz würde sich deutlich auf deiner Oberfläche aussprechen . Du kannst nicht begreifen , wie ich es wage , gar nicht von der Gewalt deiner schönen Augen zu sprechen , die deine Lieblinge , wie du meinst , wohl bald entsetzen würden . So will ich denn von ihnen sprechen . Deine Augen ! auf die verlasse dich nimmer . Du hast keine Macht als deine Launen , deine Augen sind gerade , was den Feind zu dir hinziehen wird . Es liegt für mich eine dunkle Tiefe darin , wie in den Augen der Ossianschen Mädchen , in die man leise hinabgezogen wird . Auch schlägst du sie selbst zu oft nieder , und sind sie zu weiblich schön , als daß sie je streitbar werden sollten . Du selbst weißt nicht , was du mit diesem Buche anfangen sollst ; das ist ja eben die Klage , daß du nicht weißt , was du mit mir anfangen sollst . Du sollst es lesen und auf den zweiten Teil hoffen , der mehr für dich allein sein wird . Aber wirst du das je können , wenn deine Launen nicht eingesperrt sind , die dich zwingen werden , in meinem Buche hin und her zu blättern , bald den Anfang , bald das Ende vorzunehmen , Druck- und Schreibfehler drinne zu zeigen , und es wieder von dir zu werfen , was zwar dies Buch , ich aber nie verdiene . So nimm sie dann zusammen in dein Herz , die launigten Kinder , nimm ihnen das gefährliche Spielzeug , deine Waffen , aus den Händen , und laß sie lieber mit sich selbsten als mit deinem Besten spielen . Sei nicht unwillig , daß ich wie ein Pädagoge auf die wilde Natur deiner Lieblinge schmäle , die in holder Verwirrung über dir herumirren , und sich in deine einzelnen Reize mutwillig vermummt haben . Sieh , es tut mir nur leid , daß du dir selbst zur Beute wirst ; es ist mir oft , als wäre dein Schmuck nicht an seiner rechten Stelle , wenn Kinder mit ihm spielen , auch möchte ich dich einmal selbst sehen . Aber du fragst : » Was sollen meine mutwilligen Launen in meinem Herzen anfangen ? Sie werden mein ruhiges Herz auslachen . « Wenn du mich je hineinlassen wolltest , so wäre dem geholfen , ich würde ihnen Märchen erzählen , bis sie einschliefen . Willst du aber das alles nie zugeben , so verzeihe mir wenigstens , wenn ich mich unter deine Launen mische , Blindekuh mit ihnen spiele , und wenn ich gehascht werde , nicht etwa die Binde mit ihnen wechsle ; nein , ich will mich betragen , als wäre ich Meister geworden , will der Laune etwas Mutwilliges ins Ohr flüstern , und wohl auch ein solches Kind in der Eile küssen . » Oder gar wie der Popanz in den italienischen Kindermärchen eine solche Königstochter aufessen , mein Herr , « sagst du . - Fliehet nicht , fliehet nicht , ihr Leichtbeflügelten , bin ich denn der Schreckliche , vor dem die Spiele des üppigsten Frühlings , die Blumen , sterben ? Du guter Geist ! mein guter Geist hat mich mehr verlassen , da ich dies Buch schrieb , als da ich es dir weihte ; nicht als verdiene es , vor dir zu erscheinen , nein , es ist fast lauter Eigennutz . Es war weniges in dem Buche , was ich leiden mochte , aber seitdem dein Name davorsteht , habe ich selbst Freude an ihm , so wie ich manche Freude an mir habe , seitdem ich öfter , doch oft sehr unerkannt , vor dir stehe . Das einzige , was dir bei dieser Dedikazion , du guter Geist , gehört , ist , daß ich dir mit diesem Buche wie mit meiner Bekanntschaft die Freude mache , deine Lieblingsbeschäftigung zu üben , dein Herz auf Unkosten deines Geistes sprechen zu lassen ; denn dein Geist hat die Oberhand dein Herz aber die Vorhand . Ich hätte euch alle drei zugleich angeredet , wenn du guter Geist nicht so allein stehen müßtest , denn du bist sehr schön wenn du allein stehst , sonst wärst du nie schön . Denn nach meiner Meinung stehst du in der Welt mutterseeligallein , und kannst es , weil , könntest du je aus dir heraustreten und dich selbst betrachten , wärst du weniger unteilbar und konsequent , du vor Selbstliebe verschwinden , du so zu dir selbst hingerissen werden würdest , daß du nach außen alle Tätigkeit verlieren und verschwinden müßtest . Du würdest nach dir selbst streben , du würdest sehen , daß du den Umriß und das Kolorit , das Vorzutragende und den Vortrag der Weiblichkeit erschöpft hast . Du hast mir oft meine bisarre Äußerung vorgeworfen , denn du warst zu bescheiden , um zu gestehen , daß ich meistens so vor dir stehe , wie ich sage , daß du selbst vor dir stehen würdest , in dich selbst verloren . Meine Erscheinung ist vor dir zertrümmert , unharmonisch und halb von dir aufgehoben , denn ich bin eins von den Wesen , die nur bei einer scharfgezogenen kalten Trennungslinie oder in der schönsten Auswechslung rein tätig erscheinen , und dies ist , Gott sei Dank und leider ! hier nicht der Fall . Sei meinem Buche freundlich , doch lasse an ihm alles aus , was du mir verzeihst , denn dies Buch hat wenige meiner Tugenden , und alle meine Fehler . Da ich es schrieb , kannte ich dich noch nicht . Es hat dir daher so wenig , als ich vieles , zu danken , wovon du guter Geist wohl gar keine Ahndung hast , und was , sagte ich es hier , du nicht verstehen würdest . So lebe wohl , und denke , daß mein Buch diesen Zeilen , wie ich dir , gegenüberstehe . - Was habe ich dir endlich zu sagen , mit dem stillen heitern Sinne , und warum stehst du hier ? Ich bedarf das unbefangenste Urteil , und das ist das deinige , denn du bist unbefangen , duldend und gerecht . Wenn ich es recht betrachte , so müßtest du eigentlich im Buche selbst stehen , oder in mir , damit das Buch oder ich dir nur einen Augenblick gefallen könne , denn beiden fehlt stiller heitrer Sinn , Duldung , Gerechtigkeit und Fröhlichkeit . Glaube nicht , ich wolle den Lesern verraten , wer du bist , damit sie dich anhören und ansehen können , um ihnen zu ersetzen , was mein Buch vermißt , denn wenige werden vermissen , was darin fehlt , und diese wenigen sind die Vorzüglichern , denen du so ähnlich bist , und denen ich hier vor dir als einem Repräsentanten des ruhigen , gesunden Verstandes und der Lesefähigkeit in der Vorrede ein Selbstbekenntnis ablege . Fahre fort , mit mir freundlich zu sein , damit ich lerne , das Tiefste auf die Oberfläche zu führen , und mich bestrebe , einstens wie die Natur selbst das dem Menschen zum frohen erlaubten Genusse hinzugeben , wovor das Vorurteil , wie man sagt , zurückbebt . Aber man sagt nur so , der Inhalt der ganzen Welt ist immer der schönste , heiligste , oder freudigste , nur der Vortrag , die Unbeholfenheit des Vortrags , ist verboten . Vorrede Dies Buch hat keine Tendenz , ist nicht ganz gehalten , fällt hie und da in eine falsche Sentimentalität . Ich fühlte es itzt . Da ich es schrieb , kannte ich alles das noch nicht , ich wollte damals ein Buch machen , und itzt erscheint es nur noch , weil ich mir in ihm die erste Stufe , die freilich sehr niedrig ist , gelegt habe . Ich vollendete es zu Anfang des Jahres 99 , hatte mich damals der Kunst noch nicht geweiht , und war unschuldig in ihrem Dienste . Ich werde sie an diesem Buche rächen , oder untergehen . Diese Blätter gebe ich nicht wie ein Opfer hin , nein , sie sollen die Flamme nähren , in der ich ihr einst mein reines Opfer bringen will . Du wirst mir darum wohlwollen , lieber Leser , daß ich mich mit diesem Buche , das nur zu sehr mehr von mir als sich selbst durchdrungen ist , gleichsam selbst vernichte , um schneller zur Macht der Objektivität zu gelangen , und von meinem Punkte aus zu tun , was ich vermag . Es ist mir schon itzt ein inniger Genuß , alle Mängel , die ich vor zwei Jahren hatte , zu übersehen ; sie alle zu verbessern , dazu müßte ich auf der letzten Höhe stehen , die ewig vor uns flieht . Doch will ich schneller , kunstreicher und begeisterter immer vorwärts schreiten , damit der Raum , der mich vom Ziele trennt , stets kleiner wird , und endlich nur dem Seher sichtbar bleibt . 1800 . Juni . Maria Erster Brief Godwi an Römer Schloß Eichenwehen Hu ! es ist hier gar nicht heimisch , ein jeder Federstrich hallt wider , wenn der Sturm eine Pause macht . Es ist kühl , mein Licht flackert auf einem Leuchter , der aus einem in Silber gefaßten Hirschhorne besteht . In dem Gemache , in dem ich sitze , herrscht eine eigene altfränkische Natur ; es ist , als sei ein Stück des funfzehnten Jahrhunderts bei Erbauung des Schlosses Eichenwehen eingemauert worden , und die Welt sei draußen einstweilen weitergegangen . Alles , was mich umgiebt , mißhandelt mich , und greift so derb zu wie ein Fehde-Handschuh . Die Fenster klirren und rasseln , und der Wind macht ein so sonderbares Geheule durch die Winkel des Hofes , daß ich schon einigemal hinaussah und glaubte , es führen ein halb Dutzend Rüstwagen im Galopp das Burgtor herein . Diesem äußern Sturme hast du meinen Brief zu danken , er stürzt sich zwischen mir und meiner Umgebung wie ein brausender Waldstrom hin , und alle Betrachtungen liegen am jenseitigen Ufer . So muß ich dann meine Zuflucht in mich zurück , in mein Herz nehmen , wo du noch immer in der Stellung der Abschiedsstunde gegen mir über in unserm Garten sitzest und mir gute Lehren giebst . Es ist oft so , wie in diesem Augenblicke , und ich glaube , daß der Sturm in der Natur und dem Glücke , ja daß alles Harte und Rauhe da ist , um unsern unsteten Sinn , der ewig nach der Fremde strebt , zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen . Wenn draußen der wilde Sturm in vollen Wogen braust , dann habe ich nie meinen so oft beklagten Drang nach Reisen empfunden . Mein Ideal - kennst du es noch ? - verschwindet in der Nacht . Ich wünsche nicht , zwischen hohen schwarzbewachsnen Bergwänden , ein liebliches leichtsinniges Weib an meiner Seite , auf weißer mondbeglänzter Bahn , im leichten Wagen hinzurollen ; daß mir die schönste Heimat in dem Arme ruht , die mich nie mit trägen Fesseln bindet , wo , Ring an Ring gereiht , höchstens ein bewegliches Einerlei entsteht ; daß vor mir laut das muntre Horn des Schwagers die lockenden Töne nach der Fremde glänzend durch die Büsche ruft , und Echo von allen Felsen niederspringt , und alles frei und froh die verbotenen Worte durch die Nacht ruft : So weit als die Welt , So mächtig der Sinn , So viel Fremde er umfangen hält , So viel Heimat ist ihm Gewinn . Nein , alles dieses nicht ; ich empfinde dann fast die Zulänglichkeit von guten Familiengemälden , wo es ohne Zugluft hergeht , und keiner in die Hitze trinkt , und jeder Husten oder Schnupfen von gutem Adel ist und viele Ahnen zählt . Wenn die Katzen vor den Türen Minnelieder singen , und ein Käuzchen vor dem Fenster das Sterbelied von ehrlichen Bürgern singt , die ohne die Anlage des Schwans , das letzte Leben in Melodien auszuhauchen , doch ohne Singen nicht sterben mögen , dann drängt sich wohl das Weib zu dem Manne furchtsam hin , es wird die Furcht zur Liebe , in der sich alles löst , und alles bindet sich in dieser schönen Minute ; die Sinne , die in Träumen wie in fremden Feenländern schwebten , sie kehren in sich selbst in die eigentlichste Heimat zurück , und in dem Traum , der das höchste Wachen unter sich sieht , ersteht nun hier das Denkmal jener schönen Mythe , wo Gott sich mit dem ersten Menschen im Schlafe dicht verband , und sich seinem Herzen das Schöne , die Poesie , das Weib entwand . Wie hier Furcht zwischen der Ehe und ihrer Pflicht stand , so steht sie hier zwischen der Freundschaft und diesem Briefe . Das Blatt Postpapier vor mir und ich , wir sind wohl die leichtesten Wesen in dem ganzen Umkreise , den ich überschielen kann , denn um mich sehen könnte ich um alles in der Welt nicht ; von allen Seiten bin ich eingeschlossen , die Ahnherren schließen ein Bataillon carré um mich . Vor mir vereinigt sich die Linie mit Anfang und Ende . Rechts hängt der bärtige Herr Kunz von Eichenwehen , vom Kopfe bis zum Fuße in Eisen gehüllt , er hat im eisernen Zeitalter dieses Schloß erbaut , zur Linken kommt Frau von Eichenwehen mit bloßer Brustman schoß in ihrem Zeitalter nicht mehr mit eisernen Pfeilen ; dann kommt ein Hirschkopf , der in die Wand eingemauert ist , und ach ! wer kommt nun ? - das liebe schöne Mädchen , das mich hier verließ , sie hat eine Rose in der Hand , neben mir auf meinem Tische liegt auch eine - wenn ich der Maler gewesen wäre , so hätte ich der Mutter eine Spindel in die Hand gegeben , und der Tochter ein Buch , um anzuzeigen , wie Flachs Leinewand , Leinewand Lumpen , und Lumpen Bücher werden . Sie hat ein weißes Kleid an - das war der letzte freundliche Lichtstrahl , den ich heute erblickte . Mein Blick stand auf der räucherigen Wand , als sie verschwunden war , und das Ächzen der ungeheuren Türe verschlang ihre freundliche gute Nacht und meinen Seufzer . Die Rose vor mir sieht mich so freundlich an , - o du verfluchtes Tischbein ! Der Tisch hat Beine , die sich mit meinen leichten Füßen gar nicht vertragen . - Sonderbar , kaum spreche ich dieses Wort mit Schmerz und Unwillen aus , so bin ich auch schon wieder mit ihm versöhnt . Unter dem Gemälde des freundlichen Mädchens steht : Tischbein pinxit . Doch was soll das ! Ich bin in der Burg irgend eines Landedelmannes , das merkst du wohl , und fühle nur zu sehr , wie viel langweiliger es hier ohne ein gewisses Etwas wäre als bei den himmlischen Einfällen in den geschmackvollen Gemächern der einzigen Molly in B. : aber das gewisse Etwas wird in der unangenehmen Atmosphäre , wie die Rose vor mir in diesem ungeheuren Saale , wie ein einziger kleiner Stern in der dunkelsten Gewitternacht , so reizend , so freundlich , daß ich es lieber anschaue als die Sonne im Glanze des Mittags . Die Rose , der Stern tröstet mich , indes die Sonne mich nur blendete . Pfui ! keine Ungerechtigkeit , sie erwärmte mich . Dir zulieb , kalter Freund , steig ich wieder von den Stelzen herab , auf denen ich das gewisse Etwas anredete , das du am Ende dieses langen langweiligen Briefes kennen lernen sollst . Geduld ! Dein letzter Brief machte mir Vorwürfe , daß ein Weib wie Molly ( du kennst sie aber gar nicht ) meinen Aufenthalt in B. vierzehn Tage verlängern konnte , machte mir Vorwürfe , daß ich ein Weib bis zu den Sternen erhöbe , die frei und ohne Fesseln des Geistes , oder irgend eines Verhältnisses mit andern , die verlassene Bahn der Menschlichkeit wieder betritt ; die allein da steht , wo alle stehen sollten , und wo auch ich bei ihr gestanden habe . Sich selbst genug , und den meisten zuviel , lebt sie glücklich und wahr , obschon ihre Geschlechtsgenossen sie einseitig beurteilen , weil ihrem kurzsichtigen Blicke die Übersicht einer so großen , so ganzen , so harmonischen Oberfläche zu unermeßlich ist . Du sprachst als ein Freund mit mir , du wolltest retten , aus Gefahren retten , die es nur dem Schwachen werden können . Du glaubtest , ich hätte mich in die Arme der zügelloseren Liebe gestürzt - o dann hätte ich bei Molly nicht um alles bitten müssen , die nur giebt , wo sie liebt , und nur liebt , wo ihre Liebe im vollen Verstande Belohnung ist . Molly befriedigt nie Leidenschaften , wo ihre Befriedigung Menschen schaden kann . » Godwi ! « sagte sie an einem Abende , an dem ich , durch ihre Freundlichkeit , durch die trauliche Anschmiegung ihrer Ideen an die meinigen und meiner Sinnlichkeit an die ihrige kühner , sehr verwegne Hoffnungen wagte : » Sie sind hier um meinetwillen , Sie sind hier ohne Zweck , erwarten Sie mehr ? Ich kann Ihnen nicht mehr geben , als ich Ihnen gab , ich gab Ihnen mein Herz - nur dem , der es fassen kann , der es ganz kennt , bin ich alles , bin ich ein Weib ; Sie sind weit , sehr weit davon entfernt . « Hier ward sie ruhig , und reichte mir ihre Hand , die in der meinigen bebte , in ihrem Auge glühte eine reine Flamme , die in der Träne , ach ! in der Träne des Abschieds erlosch . » Sie reisen morgen , ich befehl es Ihnen « , sprach sie ernst , und stand vor mir wie mein Herr . - » Ich bitte Sie um meinet- und Ihrentwillen , folgen Sie meinen Befehlen « , fuhr sie mit einer unwiderstehlichen Anmut fort ; sie hatte sich , wie die Liebe , sanft über mich herabgebogen , und nun konnte ich ohne Kühnheit die Träne des Abschieds von ihrer Wange küssen - seltsam süßer Widerspruch von Gefühlen , ihr Befehl macht mich zum Sklaven , ich muß gehen , ihre Bitte umarmt mich , hält mich fest an sie gefesselt , und indem sie mich zum Gehen bittet , wird es so süß , ihren Willen zu tun , und ich möchte doch nicht gehen . Der Kuß des Abschieds , er war so inhaltreich , es lag das Bleiben so deutlich darin , er hatte ja die Scheideträne weggeküßt , denn was ist Scheiden anders als eine Träne , und Wiedersehen anders als ein Kuß . Ach hätte ein Kuß kein Ende , Molly hätte mich gerne behalten , und vertrocknete eine Träne nicht , so könnte ich sie nicht vergessen . Es lag viel Wahrheit in dem Kusse , und da er offenbar ganz anderer Meinung als Molly war , so mußte wohl ein anderer Umstand sie zwingen , vielleicht gar die Furcht , bald durch die sinnliche Wahrheit der Küsse im Rausche der Leidenschaft die geistreiche Heuchelei ihrer Enthaltsamkeit im Rausche der Eitelkeit enthüllt zu sehen . - Süß waren ihre Lippen , es schwamm ein stilles liebendes Hingeben auf ihnen , und im Gefühle des Übergehens eines andern Wesens und seines Genusses in mich und den meinigen lag der entzückende Traum einer Ewigkeit der Wollust des Kusses . - Doch auf dem Gipfel des Rausches entsinkt uns der Becher , kalt strömt die Wirklichkeit zwischen unserer glühenden Lippe und seinem Freuden-Rande durch , reißt den letzten Tropfen los , und wir erwachen . So löste sich die Raserei des ersten und letzten Kusses . Stumm stand Molly , um sie her die Trümmer ihres stolzen Befehls , Scham färbte ihre Wange , Blässe folgte . Der Kuß hatte die Scheideträne und nicht die Scheidestunde weggenommen . Sie richtete sich auf , und so wie etwa Ludwig der Achtzehnte aussieht , wenn er in Reval über Frankreich regiert , erschien sie mir in ihrer Armut , in diesem kleinen Schiffbruche ihres Plans , der mir nicht entging bei folgenden Worten : » Godwi ! Sie gehen morgen , ich bin dem Jünglinge gut , aber ihm darf nie werden , was Belohnung des handelnden Mannes ist , gekrönte Liebe . Es ist Verdienst , im Arme des Weibes ruhen zu dürfen ; es ist Elend , vom Arme des Weibes ruhen zu müssen . Müssen Sie nie um zu dürfen . « Ach wie klangen diese Sentenzen so kalt und gezwungen nach einem Kusse , der ihr Verräter war . Mir war dabei zu Mute wie dem Gaste eines geizigen Wirts , der seinen Gast berauscht glaubt , und die spätere Weinflasche , die also nach ihrer Herkunft aus dem Keller die jüngere ist , auch immer die jüngere nach ihrer Herkunft aus dem Weinberge , das heißt , ein bißchen saurer sein läßt ; er denkt , der Rausch der älteren mag die jüngere betten ; sehr weislich - der Chirurg betäubt uns erst die Ohrläppchen , ehe er uns die Ohrlöcher sticht ; wer gern Ohrringe trägt , wer gern zu Gaste geht , und wer gern küßt , muß sich das alles gefallen lassen . Ich teile gern mit dir , sehr gern , aber nur meine Freuden . Laß mich deswegen von der Nacht schweigen , die ich gepeinigt durchwachte . Du kennst mein Talent , alles von allen Seiten anzusehen , die lachenden und weinenden Seiten jedes Gefühls und jeder Geschichte hervorzuziehen , so daß ich nie ganz glücklich und nie ganz unglücklich werden kann . Auch diese Nacht zerriß mich ein steter Gefühlswechsel . Den freundlichen Traum , der meinen Morgenschlummer umgaukelte , kann ich nicht beschreiben ; wer kann das süße Licht der ersten Sonnenstrahlen nach dem Gewitter , wer den lächelnden Frieden und die holde Versöhnung malen ? Ich selbst fühle nur noch unbestimmt und verwischt die rosigten Fußtapfen dieses Traums in meiner Erinnerung . Ich saß auf meinem Pferde , die Regentropfen schlugen mir um die Nase , und der wache Donner weckte mich aus dem Seelenschlummer , in den ich versunken war . Wir können uns durch innen von außen verhüllen ; eine vollfühlende Seele bedeckt den Körper mit Gefühllosigkeit . Ich kenne kalte Gesichter , ruhige Oberflächen , unter denen ein warmes Herz pocht . Stille Wasser gründen tief . Wohl dem , der kalt von außen ist , weil alle seine Flammen im Innern brennen ; er ist Feuer unter der Asche , und wird keinen entzünden , sicher ruht er auf dem häuslichen Herde des Lebens . Weh dem , dessen Oberfläche kalt ist , weil Jammer und Elend eine Eisrinde um ihn gezogen haben . Scheint die Sonne , so wird leicht die Eisbahn zum Grab , und wird der Winter kälter , so stirbt das Leben auf dem Grunde des Stroms . Mein Tiefsinn hatte mich dichter umhüllt als mein Mantel . Dieser hing über meine Schulter und ich ward über und über naß . » Was weckst du mich nicht , Conrad ! « rief ich meinem Purschen zu ; » da es so stürmt , und da es dir doch selbst lieb sein muß , bald in eine Herberge zu kommen . « » Nun , Herr Junker , unsereiner tut selten , was ihm selbst lieb ist , ich habe nun einmal meinen Willen vermietet , und der Unterschied zwischen Herrn und Diener besteht darin , daß der eine seinen Willen aus Armut versetzt , und der andere ihm auf dieses Pfand geliehen hat ; darüber dachte ich nun so nach und lobte Gott den Herrn , daß Sie nicht immer so große Intressen von dem Pfande nehmen als jetzt . « » Und deswegen wecktest du mich nicht ? « » Nichts vor ungut , Junker , ich dachte , wen dies liebe Wetter nicht wecken kann , der schläft nicht zum Wecken ; wer von der schönsten Frau von der Welt wegreitet , der reitet nicht schnell ; wer dabei einen Kuß von einer so charmanten Dame auf den Weg hat , ach ! der ist so beladen , daß sein Pferd den Schritt kaum aushält . « » Von einem Kusse weiß ich nichts . « » Wenn Sie was davon wüßten , so hätten Sie ihn nicht gekriegt , so wüßte ich nichts davon , und hätte auch nichts gekriegt . « » Conrad , sprich deutlich , oder ich werde Intressen von meinem Pfande nehmen . « » Sie drohen ein Geheimnis heraus , das Sie heraus locken sollten . So will ich denn sprechen , um auch einmal großmütig gewesen zu sein . Ich war heute nacht immer um Sie her und packte ein , und konnte nicht recht begreifen , wie Sie nun so auf einmal fortwollten . Sie wälzten sich im Bette und konnten nicht schlafen , und ich dachte , wohl eben deswegen , weil Sie reisen müßten . Heute morgen überfiel Sie endlich der Schlummer , und Sie waren so freundlich dabei , daß ich mich mitfreute über den verliebten Traum , den Sie wohl haben mochten . « » Du vergißt die Intressen ; keine Bemerkung . Ja , ich träumte . « » Nu , Herr , ich träumte fast dasselbe , nur mit halb offnen Augen . Die Türe geht leise auf , und , nun kömmts , es kommt Milady auf den Fußspitzen hereingetrippelt , in der Hand hatte sie einen Brief , den steckte sie in Ihre Brieftasche , die auf dem Nachttische lag , und , ach ! nun « - » Du kannst dir denken , lieber Römer , mit welcher Eile ich den Brief aus der Tasche zog . Welche sonderbare Adresse ! » Ich beschwöre meinen lieben Godwi , diesen Brief nicht eher zu öffnen , als bis ichs ihm selbst erlaube . « Schwer , sehr schwer ward meinem Gehorsam der Sieg . Nur ihrem Befehle kann man bei dem Reize , den sie selbst gegeben , gehorchen . Nun weiter ! » Nun schlief ich fest , bis alles vorbei war , dann wacht ich auf , weil ich eben nicht dumm bin ;