Wieland , Christoph Martin Aristipp und einige seiner Zeitgenossen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Christoph Martin Wieland Aristipp Erster Band . 1. Aristipp an Kleonidas in Cyrene.1 Alle Götter der beiden Elemente , denen du bei unserm Abschied mein Leben so dringend empfahlst , schienen es miteinander abgeredet zu haben , die Ueberfahrt deines Freundes nach Kreta zu begünstigen . Wir hatten , was in diesen Meeresgegenden selten ist , das schönste Wetter , den heitersten Himmel , die freundlichsten Winde ; und da ich dem alten Vater Oceanus den schuldigen Tribut schon bei einer frühern Seereise bezahlt hatte , genoß ich dießmal der herrlichsten aller Anschauungen so rein und ungestört , daß mir die Stunden des ersten Tages und der ersten Hälfte einer lieblichen mondhellen Nacht zu einzelnen Augenblicken wurden . Gleichwohl - darf ich dir ' s gestehen , Kleonidas ? - däuchte mich ' s schon am Abend des zweiten Tages , als ob mir das majestätische , unendliche Einerlei unvermerkt - lange Weile zu machen anfange . Himmel und Meer , in Einen unermeßlichen Blick vereinigt , ist vielleicht das größte und erhabenste Bild , das unsre Seele fassen kann ; aber nichts als Himmel und Meer , und Meer und Himmel , ist , wenigstens in die Länge , keine Sache für deinen Freund Aristipp ; und ich glaube wirklich , daß mir ein kleiner Sturm , mit Donner und Blitz und übrigem Zubehör , bloß der Abwechslung wegen , willkommen gewesen wäre . Du weißt , daß außer dem nah an Kreta liegenden Inselchen Gaudos , kein einziges Eiland zwischen Cyrene und Gortyna2 zu sehen ist ; überdieß wollte auch der Zufall , daß uns auf der ganzen Reise , außer drei oder vier Cyprischen Kornschiffen , und einer für Korinth befrachteten Tyrischen Pinasse , die sich so nah als möglich an der Küste hielten , kein einziges Fahrzeug begegnete , womit wir uns auf eine oder andre Art hätten unterhalten können . Es fehlte mir also , wie du siehest , nicht an Muße , so viele Grillen zu fangen als ich wollte ; und wie weit es endlich mit mir gekommen seyn müsse , kannst du daraus abnehmen , daß ich stundenlang vom Verdeck in die See hinab schaute , ob nicht irgend einer von den Fischgöttern oder Götterfischen , womit ihr Dichter den Ocean bevölkert habt , aus der Tiefe herauffahren , bei unsrer Erblickung in sein krummes Horn stoßen , und die übrigen Meerwunder , seine Gespielen , zusammenrufen werde , um unsre auf den Wellen leicht dahin gleitende Barke zu umkreisen , und durch muthwillige Spiele und Neckereien aufzuhalten . Das Schauspiel , das wir ihnen gaben , ist freilich seit der Zeit , da das erste von Pallas Athene selbst erbaute Schiff3 eine Schaar kühner Göttersöhne nach Kolchis trug , um - ein goldnes Widderfell zu erobern , etwas so Alltägliches für diese Meerbewohner geworden , daß ein unbedeutendes Fahrzeug , wie das unsrige , sich nicht schmeicheln durfte großes Aufsehen bei ihnen zu erregen : aber daß in drei langen Tagen auch nicht ein einziges rosenarmiges Meermädchen mit grünen Locken und milchweißem Busen auftauchen wollte , um meine des Herumschwebens zwischen Luft und Wasser müden Blicke auf ihrer reizenden Gestalt ausruhen zu lassen , das war doch wirklich zu grausam , und bewies mir den großen Unterschied , den die Götter zwischen euch Dichtern und uns andern prosaischen Menschen machen , zu meiner nicht geringen Demüthigung . Wäre mein Freund Kleonidas hier , dacht ' ich , was würd ' er nicht , kraft des Vorrechts , das die Natur den Musolepten4 , ihren Günstlingen , zugestanden hat , in diesen , für mich Unbegeisterten so leeren , Elementen sehen und hören ? Könnt ' er gleich den Nebel , der mir die unsichtbare Welt verbirgt , nicht von meinen Augen treiben , so würde ich mich doch an seinen Visionen und Entzückungen ergötzen : und im Grunde könnte mir ' s ja gleichviel seyn , ob ich das alles unmittelbar mit meinen eigenen Augen , oder im Zauberspiegel der seinigen sähe . Sage dir nun selbst , ob ich nicht auf dich zürnen sollte , daß du dich nicht erbitten ließest , mich auf meiner Reise wenigstens nur bis nach Olympia zu begleiten , wo dich ein Schauspiel erwartete , das auf dem ganzen Erdboden einzig in seiner Art ist , und durch kein anderes ersetzt werden kann , wenn es auch ein Triumphsaufzug Poseidons und Amphitritens mit allen ihren Tritonen und Nereiden wäre . Im ganzen Ernste , Kleonidas , ich kann dir das Unrecht kaum verzeihen , das du durch deine Unerbittlichkeit noch viel mehr an dir selbst , als an deinem Aristipp begangen hast . Wer weiß ob dir die versäumte Gelegenheit in deinem ganzen Leben wieder aufstoßen wird ? und aus der Welt zu gehen , ohne die Olympischen Spiele und den Jupiter des Phidias gesehen zu haben , wahrlich , da verlohnte sich ' s kaum der Mühe da gewesen zu seyn ! - Doch , wem sag ' ich das ? und wie kann ich einen Augenblick vergessen , daß du von einem Zauber gebunden bist , der dir weder Gewalt über dich selbst läßt , noch Augen für einen andern Gegenstand , als die schöne Unerbittliche , deren Blicke die Nahrung deines Lebens sind ? Was ist im Himmel und auf Erden und im Reich des Oceanus , das einen von Amorn verwundeten Dichter von der süßen Quelle seiner Schmerzen entfernen könnte ? Was ist dir die schimmernde Panegyris5 alles dessen was die ganze Hellas Edles , Großes und Schönes hat , ihrer auserlesensten Jünglinge , ihrer berühmtesten Männer , ihrer reizendsten Weiber , ihrer Künstler , Weisen , Staatsmänner , Feldherren und Fürsten ? dir , der das alles unbemerkt bei dir vorbeiziehen lassen würde , um deine Augen auf den bloßen Schatten der schönen Lycänion zu heften , wenn du sie selbst nicht erblicken könntest ? Wundre dich nicht , Kleonidas , daß ich so viel von dem Geheimniß deines Herzens weiß , wiewohl du es , ich weiß nicht warum , so sorgfältig vor mir verborgen hast . Ein Verliebter ist so leicht zu entdecken , wie gut er sich auch zu verstecken glaubt , und die Freundschaft ist scharfsichtig . Befürchte indessen nichts von der meinigen : sie soll dir nie durch Zudringlichkeit beschwerlich fallen , aber auch nie entstehen , wenn du dich aus eigenem Drange nach ihr umsiehst . Alles was ich mir dermalen von der deinigen verspreche , ist , daß du deinen trautesten Jugendfreund nicht ganz vergessen , und ihm gern erlauben werdest , sich während einer Abwesenheit , deren Dauer noch unbestimmbar ist , von Zeit zu Zeit durch Briefe bei dir in Erinnerung zu bringen . Widrige Winde zwingen mich einige Tage länger in Kreta zu verweilen , als meiner Geschäfte wegen nöthig war . Ich werde diese Zeit zu einem Ausflug nach Gnossus6 anwenden , wo , wie man sagt , die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten dieser fabelhaften Insel beisammen sind . Wie dürft ' ich mich auch jemals wieder in Cyrene blicken lassen , wenn ich in Kreta gewesen wäre , ohne den berüchtigten Labyrinth und - das Grab des unsterblichen Königs der Götter und Menschen gesehen zu haben ? 2. An Aritades , seinen Vater . Nach einer glücklichen und größtentheils angenehmen Reise befinde ich mich seit zehn Tagen in dem reichen , gewerbevollen , prächtigen und wollüstigen Korinth , wo ich von dem Eupatriden7 Learchus , vermöge der alten Gastfreundschaft , die seit Perianders Zeiten zwischen unsern Familien besteht , mit der gefälligsten Freundlichkeit aufgenommen wurde . Meine erste Sorge war , mich der Aufträge zu erledigen , womit mein Oheim Alketas mich an seine hiesigen Freunde beladen hatte ; die zweite , die mir zum Behuf meines Aufenthalts in Griechenland mitgegebenen Waaren auf die vortheilhafteste Art zu Gelde zu machen . Die Nähe des großen Marktes zu Olympia kam mir zu dieser Absicht sehr zu Statten , und der Gewinn , den ich dabei gemacht , ist so beträchtlich , daß ich - außer der Summe , die ich für das nächste Jahr nöthig haben mag , um deinem Willen gemäß meiner Vaterstadt und der Würde , die du in unsrer Republik bekleidest , durch einen anständigen Aufwand Ehre zu machen - fünfhundert Attische Minen8 in Golde bei meinem Wirthe hinterlegt habe , über welche ich deine Befehle erwarte . Korinth hat sich seit den vierzig Jahren , da du den Vater des Learchus besuchtest , sehr verändert . Großer und täglich zunehmender Reichthum in einem oligarchischen , äußerst mild regierten und vielleicht nur zu wenig gezügelten kleinen Freistaat , zumal in der glücklichen Lage von Korinth , die es zum Mittelpunkt des Asiatischen und Europäischen Handels bestimmt , muß , wie mich däucht , alle Vorzüge , worauf es stolz ist , und alle Uebel , die seinen Verfall ankündigen , nothwendig hervorbringen . Ich gestehe , daß die Wehklagen , die ich hier , sogar in den reichsten Häusern und von verständigen alten Männern , über die immer zunehmende Ueppigkeit , Verschwendung , Habsucht und Sittenverderbniß führen höre , mir keine hohe Meinung von der Weisheit der Korinther geben . Wo großer Reichthum ist , muß nothwendig auch große Armuth seyn , und von beiden ist sittliche Verdorbenheit die unausbleibliche Frucht . Der Reiche erlaubt sich alles , um gränzenlos genießen zu können , ohne die Quelle seines Genusses zu erschöpfen ; der Arme thut , wagt und duldet alles , um reich zu werden . Daß es so und nicht anders ist , überzeugte mich schon was ich in Cyrene sah , und Korinth hat mich darin bestätiget . Alle Gesetzgeber , Philosophen und Moralisten in der Welt können den Korinthern nicht helfen : es gibt nur Ein Mittel , das sie und ihres gleichen retten könnte , und das ist gerade das einzige , wozu sie keine Lust zu haben scheinen . Sie müßten wieder so arm werden als sie vor dreihundert Jahren waren . Wer weiß aber auch , ob dieß einzige Mittel nicht schon zu spät käme ? Doch wohin versteige ich mich ? Ich bin noch zu neu in der Welt , um tiefe Blicke in den Zusammenhang der Dinge gethan zu haben , und zu jung , um mich in so verwickelte Speculationen einzulassen . Die Zeit der Olympischen Spiele naht heran , und ich rüste mich ungesäumt nach Pisa9 abzugehen , um , wo möglich , noch auf eine leidliche Art unterzukommen ; denn der Zusammenfluß von Fremden soll schon unbeschreiblich groß seyn . Meine Ungeduld nach dem herrlichen Schauspiel , das mich dort erwartet , nimmt mit jedem Tage zu ; auch hoffe ich bei dieser in ihrer Art einzigen Gelegenheit interessante Bekanntschaften zu machen ; was am Ende doch wohl der einzige wahre Vortheil ist , den ich von Olympia zurückbringen werde . 3. An Kleonidas . Kaum bin ich einige Tage in Korinth , und schon hat mir meine leichtsinnige Unbefangenheit ein Abenteuer zugezogen , welches vielleicht Folgen von Bedeutung hätte haben können , wenn mir der Zweck meiner Reise einen längern Aufenthalt erlaubte . Indem ich nach Vollendung einiger Geschäfte in den Straßen dieser großen und prächtigen Stadt umher irre , fällt mir eines von den vielen öffentlichen Bädern , womit sie versehen ist , in die Augen , dessen zierliche Bauart mir Lust macht , mich darin abzuwaschen . Ich gehe hinein , und da sich nicht gleich ein Aufwärter zeigt , öffne ich auf Gerathewohl eine der Badekammern und treffe gerade den Augenblick , da eine junge Frauensperson , die sich ganz allein darin befand , im Begriff war aus dem Bade zu steigen . Dieß war das erstemal in meinem Leben , daß ich vor einem schönen Anblick zusammenfuhr ; gleichwohl weiß ich nicht wie es kam , daß ich , anstatt zurückzutreten , und die Thür , die ich noch in der Hand hatte , vor mir wieder zuzuziehen , sie hinter mir zumachte und meine Verlegenheit dadurch vermehrte . Die Dame , die bei meiner Erblickung plötzlich wieder untertauchte , schien sich an meiner Bestürzung zu ergötzen . » Wie ? ( sagte sie lachend , mit einer Stimme , deren Silberton meine Bezauberung vollendete ) fürchtest du das Schicksal Aktäons10 , daß du vor Schrecken sogar zu fliehen vergissest ? Da ich weder so schön wie Artemis noch eine Göttin bin , darf ich auch weder so stolz noch so unbarmherzig seyn wie sie . Du bist ein Fremder , wie ich sehe , und hast vermuthlich die Ueberschrift über der Pforte dieser Thermen11 nicht gelesen . « Während sie dieß sprach , hatte ich , was du mein unverschämtes Gesicht zu nennen pflegst , wieder gefunden , und erwiederte ihr , von einer so zuvorkommenden Anrede aufgemuntert : da ich das Glück dieses Augenblicks bloß meiner Unwissenheit und dem Zufall zu danken habe , so wär ' es in der That grausam , schöne Unbekannte , mich dafür zu bestrafen , nicht daß ich , wie Aktäon , zu viel , sondern daß ich gesehen habe was man nie genug sehen kann . Nur ein längeres Verweilen , versetzte sie mit einem einladenden Lächeln , würde dich strafbar machen ; denn es ist Zeit daß ich das Bad verlasse . Indem sie dieses sagte , traten zwei junge Sklavinnen herein , die in zierlichen Körben alles , was zum Dienste des Bades erforderlich ist , auf ihren Köpfen trugen . Sie schienen verwundert einen Unbekannten zu finden , und hefteten ungewisse fragende Blicke bald auf mich , bald auf ihre Gebieterin . Was für eine Strafe , sagte die Dame , hat dieser junge Mensch verdient , für die Verwegenheit sich in ein fräuliches Bad einzudringen , das gewiß noch von keinem männlichen Fuße betreten worden ist ? - Die gelindeste wäre wohl , ihn anzuspritzen und in einen - Hasen zu verwandeln , sagte die jüngere . Das wäre eine zu milde Strafe für ein so schweres Verbrechen , versetzte die ältere ; ich weiß eine andere , die dem Verbrechen angemess ' ner ist . Ich würde ihn dazu verdammen , so lange bis wir unsern Dienst verrichtet haben , hier zu bleiben , und dann die Thür hinter uns zuzuschließen . Meinst du ? sagte die Dame , indem sie sich erhob , und , ihre in einen dicken Wulst über der Scheitel zusammengebundenen Locken auflösend , von einer Fülle bis unter die Knie herabfallender gelber Haare , wie von einem goldenen Mantel , umflossen , aus dem Wasser stieg , und sich , eben so unbefangen als ob sie mit ihren Mägden allein wäre , abtrocknen und mit wohlriechenden Oelen einreiben ließ . Und mich , schöne Gebieterin , sagte dein unverschämter Freund mit der ganzen edeln Dreistigkeit , die du an ihm beneidest , mich , den du in Einem Augenblick zu deinem Sklaven gemacht hast , wolltest du hier müßig stehen lassen ? Erlaube mir , deinen Nymphen zu zeigen , daß ich geschickter bin als sie mir zutrauen ; und indem ich dieß sagte , machte ich eine Bewegung , als ob ich einer der Mägde ein Tuch von der schneeweißesten Wolle , womit sie ihre Gebieterin abzureiben begriffen war , aus der Hand ziehen wollte . Aber die Dame warf mich mit einem zürnenden Blick auf einmal wieder in die Schranken der Ehrfurcht zurück , die der Schönheit und dem Stande , von dem sie zu seyn schien , gebühren . Wenn du mein Sklave bist , sagte sie wieder lächelnd , sobald sie mich in gehöriger Entfernung sah , so erwarte schweigend meine Befehle und rühre dich nicht ! Ich gehorchte wie einem wohlerzogenen sittsamen Jüngling zusteht , und erhielt dafür die zweideutige Belohnung , daß man die Mysterien des Bades mit der größten Gelassenheit vollendete , ohne sich um meine Gegenwart , oder wie mir dabei zu Muthe seyn möchte , im geringsten zu bekümmern . Als sie wieder angekleidet war , heftete die Dame im Weggehen einen ernsten Blick auf mich und sagte : vergiß nicht , daß es dem Ixion12 übel bekam , sich kleiner Gunstbezeugungen der Götterkönigin zu rühmen ! - und ohne meine Antwort zu erwarten , stieg sie in eine prächtige Sänfte , die von vier Sklaven schnell davon getragen wurde . Mir war , als ob ich aus einem Traum erwachte . Natürlich durft ' ich es nicht wagen , ihr sogleich zu folgen ; und wie ich mich wieder aus dem Badhause unbemerkt wegschleichen wollte , wurde ich von einem Aufwärter angehalten , der sich , nicht ohne Mühe , durch eine Handvoll neugeprägter Drachmen endlich überzeugen ließ , daß ich ein Fremder , und bloß aus Unwissenheit seit wenig Augenblicken hierher gerathen sey . Als ich mich wieder frei sah , war es zu spät , der Spur meiner Unbekannten nachzugehen , und ich kehrte , ungewiß was ich von meinem Abenteuer denken sollte , nach Hause . Die Dame schien nicht über achtzehn Jahre alt zu seyn , und ihre Gestalt hätte das Glück eines Alkamenes13 machen können , wenn ihn der Zufall so wie mich begünstigt hätte . War sie eine Hetäre14 von der ersten Classe , die zu Korinth unter Aphroditens Schutz einer Freiheit und Achtung genießen , welche ihnen in keiner andern Griechischen Stadt zugestanden werden ? Oder war es eine junge Frau von Stande , die im Bewußtseyn ihrer Reizungen sich eine muthwillige Lust daraus machte , einen Unbekannten für seinen jugendlichen Uebermuth auf eine neue , wollüstig peinliche Art büßen zu lassen ? Das letztere schien mir , allen Umständen nach , das Wahrscheinlichste . Indessen trieb mich doch , ich weiß nicht welche Unruhe , an diesem Abend in allen öffentlichen Spaziergängen herum , wo die Hetären der höhern Ordnung sich gewöhnlich , von ihren Liebhabern umschwärmt , oder von einem Zuge geputzter Mägde und Eunuchen begleitet , mit vielem Prunke zu zeigen pflegen . Aber ich sah mich vergebens unter ihnen nach meiner Anadyomene15 um , und eine schlaflose Nacht war alles , was ich von meinen Nachforschungen davon trug . Am folgenden Morgen , wie ich vom Lechäischen Hafen zurückkehrte , glaubte ich eine von den beiden Sklavinnen aus einem kleinen Myrtengehölz am Wege auf mich zukommen zu sehen . Wir erkannten einander ersten Blicks ; nur zeigte sich ' s , daß die Korintherin meinen Namen besser ausgekundschaftet hatte als ich den ihrigen . Sie grüßte mich beim Namen , und erkundigte sich lachend , wie dem unbefugten Epopten16 der Vorwitz , zu sehen was er nicht sollte , bekommen sey ? Wir wissen , wie du siehest , alle deine Gänge , fuhr sie fort , und meine Gebieterin , welcher nicht unbekannt ist , daß du morgen abzureisen gedenkest , schickt mich zu dir , ein kleines Denkzeichen des gestrigen Zufalls von ihr anzunehmen . Es war ein zierlich geflochtnes Deckelkörbchen von Silberdrath , worin eine ihrer goldgelben Haarlocken , mit einer Schnur von kleinen Perlen umwunden , lag . Du kannst dir leicht vorstellen , Kleonidas , daß ich alle meine Wohlredenheit aufgeboten haben werde , den Stand und Namen der Dame zu erfahren , und die dienstbare Iris17 zu gewinnen , daß sie mir eine Gelegenheit auswirken möchte , ihr meinen Dank in eigner Person zu Füßen zu legen . Ich ging so weit , daß ich bei allen Liebesgöttern betheuerte , meine Reise nach Olympia einzustellen , wenn ich hoffen könnte , einer so großen Gnade gewürdiget zu werden . Aber die lose Dirne spottete meiner vorgeblichen Leidenschaft , mit der Versicherung , daß man sich nur desto mehr vor mir hüten würde , wenn sie ungeheuchelt wäre , und daß alle meine Bemühungen , ihre Gebieterin wieder zu sehen , vergeblich seyn würden . Alles was ich mit vielem Bitten und einem kleinen Beutel voll Dariken18 von ihr erhielt , war ein Versprechen , daß sie sich diesen Abend an einem gewissen Orte einfinden wollte , um eine unbedeutende Kleinigkeit für ihre Dame in Empfang zu nehmen , wodurch ich auch mein Andenken bei ihr lebendig zu erhalten wünschte . Sie sagte mir ' s zu , aber ich erwartete sie vergebens . Was dünkt dich von dieser närrischen Begebenheit , Kleonidas ? - Für mich ist sie denn doch nicht ganz so unbedeutend als sie scheint ; und da ein weiser Mann alles in seinen Nutzen zu verwandeln wissen soll , so denke ich einen zweifachen Vortheil aus ihr zu ziehen . Der erste ist , daß ich mich vor der Hand ziemlich sicher halten kann , daß die Erinnerung an meine reizende Unbekannte nur sehr wenigen Schönen gestatten wird , einigen Eindruck auf mich zu machen ; der zweite , daß ich , vorausgesetzt ich könne das , was ich bei dieser Gelegenheit erfahren habe , als einen Maßstab meiner Empfänglichkeit für leidenschaftliche Liebe annehmen , große Ursache habe zu hoffen , daß ich weder meinen Verstand noch meine Freiheit jemals durch ein schönes Weib verlieren werde . 4. An Demokles von Cyrene . Griechenland zählt nun seit dem ersten Neumond nach der letzten Sommer-Sonnenwende das erste Jahr seiner vierundneunzigsten Olympiade ; die Spiele sind geendigt , und ich habe gesehen - was zu sehen war . In der That große , auffallende , prachtvolle , und , nach der gewöhnlichen Schätzung der menschlichen Dinge , sehenswürdige Schauspiele ! Aber , soll ich dir davon sprechen wie ich denke , Demokles ? - Du hast oft mit mir über meine ( wie ich immer mehr zu glauben Ursache finde ) angeborne Maxime » nichts zu bewundern « 19 gestritten ; und wenn wir am Ende , wie gewöhnlich , jeder mit seiner eigenen Meinung davon gingen , söhntest du dich immer durch ein wohlwollendes Mitleiden mit mir aus , mich durch eine so gleichgültige Gemüthsstimmung des hohen Grades von Vergnügen entbehren zu sehen , welches , wie du sagtest , den gefühlvollen Seelen zu Theil werde , die gerade durch den Affect der Bewunderung zu erkennen geben , daß sie bei großen und schönen Gegenständen ungleich mehr empfinden , als derjenige , der sie ansehen kann , ohne aus seiner gewöhnlichen Fassung gesetzt zu werden . Es mag seyn , daß meine Maxime mich öfters eines lebhaftern Genusses beraubt : aber dafür gewährt sie mir auch den Vortheil , mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden . Auch begegnet mir öfters , daß ich anstatt mit der Menge zu bewundern , mich ( mit deiner Erlaubniß ) nicht wenig verwundere , wie die Leute so gutmüthig seyn mögen , über Dinge in Entzückung zu gerathen , die , bei kaltem Blute aufs gelindeste beurtheilt , nur lächerlich sind , und bei strengerer Prüfung leicht in einem noch ungünstigern Licht erscheinen könnten . Nach dieser Vorrede bist du vermuthlich schon auf das Geständniß gefaßt , daß dieß beim Anschauen der weltberühmten Kampfspiele zu Olympia ganz eigentlich mein Fall war , und daß ich , während alles um mich her in Entzückung zerfloß , mich in aller Stille nicht genug verwundern konnte , wie ein Volk , das sich selbst für das sittigste und aufgeklärteste des ganzen Erdbodens hält , und von andern dafür erkannt wird , vor einer so großen Menge ausländischer Zuschauer sich nicht schämte , einen so hohen Werth auf den Sieg in so kindischen oder barbarischen Wettkämpfen zu legen , aus den dazu angesetzten Tagen sein höchstes Nationalfest zu machen , und sogar seine Zeitrechnung nach ihrer Feier zu bestimmen . Käme , dacht ' ich , ein Perser oder Skythe , der noch nichts von diesem Institut gehört hätte , von ungefähr dazu , wenn im Angesicht einer unzählbaren Menge Volks , in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und angesehensten Männer der Nation , nach einem dem Könige der Götter dargebrachten feierlichen Opfer , die Sieger öffentlich erklärt und gekrönt werden , und sähe das stolze Selbstbewußtseyn , womit sie , von ihren wonnetrunkenen Verwandten , Freunden und Mitbürgern umdrängt , und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer bewillkommt , sich den Kampfrichtern nahen , um die Krone zu empfangen : müßt ' er nicht glauben , diese Menschen könnten nichts Geringeres gethan haben , als ganz Griechenland durch einen Marathonischen20 oder Salaminischen Sieg vom Untergang gerettet , oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend eine außerordentliche That unendlich verdient gemacht zu haben ? Aber wie erstaunt und betroffen würde dann ein solcher dastehn , wenn er hörte daß es weiter nichts ist , als daß der eine dieser gekrönten Helden am besten laufen kann , ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher hat , ein dritter der größte Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen Gegner zu Boden zu ringen ist ? Wahrlich dieser Perser oder Skythe , wiewohl die Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur für Halbmenschen anzusehen , würde sich schwerlich enthalten können , das widersinnische Schauspiel für die Wirkung irgend einer zürnenden Gottheit zu halten , und zu glauben , die ganze Nation müßte entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen , oder , trotz ihrer übrigen Vorzüge , zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt seyn . Daß ein schnellfüßiger Jüngling , ein gewandter Wagenlenker , ein nerviger Kerl der den Kampfhandschuh am kräftigsten zu gebrauchen wußte , oder um den stärksten Gegner zu überwältigen , keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte , in den Zeiten , da der Thebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet haben soll , ein wichtiger Mann für seine kleine Vaterstadt war , ist natürlich , und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprünglichen Wildheit noch langsam sich losarbeitenden Horde leicht zu erklären . Aber daß ein so gebildetes Volk , wie die Griechen dermalen sind , bei so gänzlich veränderter Lage der Sachen , noch immer ein so großes Aufheben von Geschicklichkeiten macht , die entweder ganz unbrauchbar , oder doch verhältnißmäßig von sehr geringem Nutzen geworden sind ; daß der Mensch , der zu Olympia21 öffentlich dargethan hat , daß er den stiermäßigsten Nacken , die stärksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner Zeit besitze , oder mit jedem Hasen in die Wette laufen könne , für die höchste Zierde seiner Vaterstadt gehalten , im Triumph eingehohlt , über alle seine Mitbürger hinaufgesetzt , und als ein Wohlthäter seines Volks öffentlich unterhalten , geehrt und nur nicht gar vergöttert wird , wiewohl die Stärke seiner Muskeln und Knochen , oder die Behendigkeit seiner Füße vielleicht das Einzige ist , was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbürger unterscheidet , - das ist doch wirklich so ungereimt , daß man es kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagt . Damit ich mich durch diesen verwegenen Tadel eines Instituts22 , das allen Hellenen so ehrwürdig und heilig ist , nicht selbst in den Verdacht einer Anmaßung bei dir setze , die mich sehr übel kleiden würde , will ich dir nicht verbergen , daß ich meinem Gefühl vielleicht weniger getraut hätte , wenn ich nicht durch das Urtheil eines weiseren Mannes als ich , mit welchem der Zufall mich bekannt machte , in dem meinigen bestärkt worden wäre . Er schien ein Mann von funfzig Jahren zu seyn , und sein Aeußerliches zeigte eben nichts , was unter einer so großen Menge von Menschen die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte . Er war nach Griechischer Sitte äußerst einfach , nach unsrer Cyrenischen beinahe ärmlich gekleidet , unbeschuht , von etwas finsterem Gesicht , lang , hager , und mit einem dünnhaarigen Barte geziert , der , wo nicht ihm selbst , wenigstens seinem Schatten so ziemlich die tragikomische Miene eines - alten Ziegenbocks gab . Bei dem allen hatte der Mann etwas in seiner Gesichtsbildung , das mir Zutrauen zu ihm einflößte , und den Wunsch erregte bekannter mit ihm zu werden . Es traf sich , daß wir beide auf der Anhöhe , von welcher wir den Wettkämpfern zusahen , so nahe beisammen saßen , daß es nur von ihm abhing , jeden Eindruck , den diese Schauspiele auf mich machten , bemerken zu können . Er selbst zeigte bei allem was zu sehen war immer eben dieselbe Miene , die weder merkliches Wohlgefallen noch Mißbelieben andeutete ; nur zuweilen , wenn die Zuschauer durch irgend eine außerordentliche Probe von Stärke oder Geschicklichkeit zum Ausbruch einer gar zu unmäßigen Bewunderung und Freude hingerissen wurden , verrieth er durch ein leises Zucken der Lippen , daß das allgemeine Gefühl nicht das seinige war . Ich meines Orts überließ mich eine Zeit lang dem Vergnügen , welches der Anblick so vieler schönen Jünglinge , denen die Begierde des Sieges Schwingen an die Knöchel setzte , die Menge auserlesener Rennpferde und prächtiger Wagen , die Geschicklichkeit der Wagenführer , und mehr als alles andere , die unerschöpfliche Kraft und Gewandtheit , womit die Ringer durch die gelehrteste Fertigkeit in ihrer Kunst den entscheidenden Augenblick aufzuhalten strebten , einem jungen Menschen , der das alles zum erstenmale sah , natürlicherweise machen mußten . Sogar das grausenhafte Schauspiel , das uns gegen die Mittagsstunde , während die Sonne über unsrer Scheitel brannte , die kaltblütige Wuth der Faustkämpfer gab , und der furchtbare Handschuh , womit einige Paare neuer Eryxen23 und Herculessen einander zermalmten , erfüllte mich anfangs mit einer seltsamen Art von schauderlichem tragischen Vergnügen , indem es mich in die alte Heldenzeit zu versetzen und mir die Erzählungen der Dichter von den unglaublichsten Thaten der Göttersöhne wahr zu machen schien . Ich wähnte