Vaters vorstellen . Papa hatte sie übrigens noch lieber als ihre Mutter . Zwar lachte er meistens , wenn sie eine Meinung äußerte , aber er zankte doch wenigstens nicht so viel . Eigentlich war es noch ein Trost , dem Gedanken nachzuhängen , sie sei vielleicht gar nicht das rechte Kind ihrer Eltern und darum könne sie sie nicht so heiß lieben , wie es ihr sehnlichster Wunsch war . Denn sonst — sonst wäre sie ja ein ganz schlechtes , verdorbenes Kind gewesen . Frau Heidling erkundigte sich bei anderen vertrauenswürdigen Frauen , wie heranwachsende Mädchen zu behandeln seien . “ Man soll ja nicht murren , ” sagte sie seufzend , “ aber es ist doch recht wunderlich vom lieben Gott eingerichtet , daß die Mutter , die die Kinder geboren hat , nachher gar keine Kraft mehr übrig behält , sie auch zu erziehen . Agathe greift mich furchtbar an . ” Überall riet man ihr “ die Pension ” . Sie sah also , daß das Übel , welches sie quälte , ein weitverbreitetes war , und das beruhigte sie vollständig . Da sie in ihrem früheren Wohnort , der Hauptstadt der Provinz , mannigfache Beziehungen unterhielt , wandte sie sich dorthin , um von einem geeigneten Institut zu hören . Sie wählte , damit ihre Tochter sich in der Fremde nicht verlassen fühlen möge , die Anstalt , wo sich mehrere frühere Freundinnen von Agathe befanden , unter ihnen Eugenie Wutrow . Du — gestehe mal gleich , wer ist denn Dein sweetheart ? So lautete eine der ersten Fragen , die ihre Mitschülerinnen an Agathe richteten , nachdem die Vorsteherin sie in das Arbeitszimmer geführt hatte , wo die jungen Mädchen mit Heften , Büchern und Handarbeiten um einen großen Tisch saßen . Agathe lernte bereits seit einem Jahre Englisch , aber das Wort sweetheart war in der Grammatik noch nicht vorgekommen . Das sagte sie schüchtern und wurde furchtbar ausgelacht . Agathe bewohnte mit Eugenie denselben Schlafsaal . Anfangs wurde sie von der kindischen Furcht beunruhigt , Eugenie könne irgend welche Anspielungen auf die Gespräche machen , die sie als kleine Mädchen miteinander geführt . Aber Eugenie schien die Erinnerung daran vollständig verloren zu haben . Sie war ein hübsches und schon recht elegantes Mädchen geworden . Agathe faßte , zu ihrer eigenen Verwunderung , sofort eine heftige Liebe für sie . Es gab nun kein größeres Vergnügen , als mit Eugenie Wutrow zusammen zu sein , sich an sie zu schmiegen und sie zu küssen . Eugenie behandelte die Zuneigung ihrer Kindheitsgespielin wie die Verehrung eines Mannes . Bisweilen war sie kalt und spröde und wies Agathes Liebkosungen herbe ab . Agathe konnte sie weder durch das Anerbeiten , die Rechenaufgaben für sie zu lösen , noch durch schwärmerische Briefe , die sie auf das Kopfkissen ihrer Freundin niederlegte , erweichen . Plötzlich war Eugenie dann aber wieder entzückend nett . Agathe litt neuerdings viel an Zahnweh und geschwollenen Backen . Wenn sie des Nachts hinter dem Wandschirm — der Schlafsaal wurde in dieser Weise zu verschiedenen Privatkämmerchen geteilt — auf ihrem Lager stöhnte und wimmerte , kam Eugenie mit bloßen Füßen herübergeschlichen , brachte Eau de Cologne oder Chloroform , saß auf ihrem Bettrand und strich ihr langsam und gleichmäßig über die Stirn , bis die Schmerzen nachließen und Agathe unter der magnetischen Wirkung der weichen Mädchenhand einschlief . Eugenie war eine praktisch beanlagte Natur , sie erriet in jeder Lage ohne viel Besinnen , was hier zu thun sei . Sie war allgemein beliebt unter den Backfischen . Agathe wurde viel von Eifersucht geplagt , wenn Eugenie mit anderen ging oder wenn sie gar den Arm um die Taille einer anderen legte . Es war ihr darum auch schrecklich traurig , daß sie in einer Frage , welche die Gemüter der Pensionärinnnen heftig erregte , nicht zu der geliebten Freundin stehen konnte . Etwa zehn der jüngeren , die noch nicht konfirmiert waren , hatten Religionsunterricht bei dem Direktor des Instituts , einem Doktor der Theologie und Philologie , Namens Engelbert . Er gehörte dem Protestantenverein an , war aus Gewissensbedenken nicht Geistlicher geworden und sprach seinen Schülerinnen offen die Ansicht aus : er halte Jesus Christus nur für einen Menschen , den richtigen Sohn der Maria und des Josef . Darob entstand ein großer Aufruhr unter den Mädchen . Die Tochter eines englischen Predigers erklärte , ihre Eltern würden sie sofort zurückrufen , wenn sie so etwas von Dr. Engelbert hörten . Agathes frommer Wunderglaube empörte sich gegen eine so nüchterne Auffassung der Erlösungsgeschichte . Dr. Engelbert gab sich aber besondere Mühe , gerade sie zu seiner Ansicht zu bekehren . Es waren nicht viele unter den jungen Mädchen , die weltgeschichtliche Fragen mit einem so persönlichen Interesse erfaßten , wie Agathe . Zum ersten Mal wurde sie vor eine selbständige Entscheidung gestellt , Dr. Engelbert forderte stets Selbständigkeit von seinen Zöglingen . Agathe blieb hartnäckig ihrem Gott-Heilande treu . Ohne Wunder und ohne das Walten überirdischer Mächte schien die Welt ihr öde und langweilig . Wohin sie schaute , war alles Leben , Geburt und Tod ihr nur ein Wunder , sie fühlte sich umgeben von unbegreiflichen Geheimnissen , an die man nicht zu tasten wagte . In den Religonsstunden gab es leidenschaftliche Disputionen , unbestimmte , aber desto heftigere Auseinandersetzungen , bis Agathe schluchzte und auch Dr. Engelbert , einem weichmütigen Idealisten , die hellen Thränen in seinen großen Vollbart liefen . Der Glaubensstreit wurde in den Freistunden und bis in die Schlafsäle hinein fortgesetzt . Eugenie stellte sich gleich auf die Seite von Dr. Engelbert . Sie äußerte , daß nur ein beschränkter Verstand an Wunder glauben könne . Agathe bebte in der Furcht , Eugenie möchte sie für dumm halten und ihr die Freundschaft kündigen . Aber die Aussicht in ein ewiges Leben voll Engelgesang und himmlischer Glorie konnte sie der Freundin doch nicht opfern . Welches Glück empfand Agathe daher , als Eugenie