und Künstlerberuf hatte und ihn in ihrem spießbürgerlichen Kreis festhalten wollte . Es zeugt immerhin von Charakter , daß er den Mut hatte , diese Fesseln zu zerreißen , und den Kampf mit dem Leben aufnahm , um , ganz auf die eigene Kraft gestellt , seinem inneren Drange zu folgen . « Ein unendlich bitteres Lächeln zuckte um Ernsts Lippen , er begriff jetzt , auf welche Art sich sein Bruder » interessant « gemacht hatte in den Berliner Kreisen . Ein junger Maler , der stets als ein Wunderkind von den Seinen verwöhnt und verhätschelt worden war , der in aller Behaglichkeit , mit reichlichen Mitteln versehen , seine Studien vollendete , war eben nichts Besonderes . Aber das ringende , kämpfende Genie , das die unwürdigen Fesseln zerbrach und in die Welt hinausging , um sich mit eigener Hand Leben und Zukunft zu erobern , das erweckte Interesse und Bewunderung . Max mußte die Dame seines Herzens wohl ziemlich genau kennen , bei ihr war das Manöver entschieden geglückt , das zeigte ihre lebhafte Parteinahme . » Das wußte ich in der That nicht , « sagte Raimar langsam . » Ich hörte nur , daß der junge Maler einen älteren Bruder besitzt , der ihn teilweise erzogen hat . Vermutlich ist dieser Bruder das › Hemmnis ‹ in seinem Leben gewesen . « Edith zuckte mit sehr verächtlicher Miene die Achseln . » Vermutlich ! Ein alter , verknöcherter Hagestolz , der von der Welt nichts weiß und in seinem Heilsberg lebt und stirbt , wo er , glaube ich , Notar ist . Von dem ist allerdings nicht zu erwarten , daß er Höheres auch nur begreift . Ich habe dies kleine weltverlorene Städtchen kürzlich bei der Durchfahrt kennen gelernt , Raimar hatte es mir auch bereits geschildert – man ist ja wie lebendig begraben an einem solchen Orte ! « » Lebendig begraben – jawohl ! Dort ist man tot für die Welt und das Leben . « Die junge Dame richtete den Blick groß und fragend auf den Sprechenden . Die Worte waren ja zustimmend , aber es klang darin wie ein dumpfer , mühsam niedergehaltener Groll , und in den dunklen Augen blitzte es auf , fast wie eine Drohung . Eine andere hätte das vielleicht befremdend und unheimlich gefunden , Edith Marlow wurde gefesselt dadurch . Der Mann fing an , sie zu interessieren , er war offenbar nicht wie » all die anderen « , über die sie heut morgen so verächtlich den Stab gebrochen hatte . In seiner Haltung , seinem ganzen Wesen lag etwas , das dem an sich so gleichgültigen Gespräch den Charakter des Ungewöhnlichen gab , oder war es nur dieser Ort und diese Stunde , die so ganz der Alltäglichkeit entrückt schienen ? Draußen lag der Wald in schweigender Mittagsruhe , die hohen , düsteren Tannen standen so dicht ringsum , als wollten sie die kleine vergessene Ruhestätte schützen und verbergen vor der Welt da draußen , aber auf dem grasbewachsenen Boden und den eingesunkenen Hügeln lag goldenes Sonnenlicht . Bunte Falter gaukelten darüber hin , wilde Bienen summten und hingen sich an Blumen und Gesträuche , der ganze Friedhof war ein blühender Garten . Von der einstigen Waldkapelle standen nur noch die äußeren Mauern , und innen war ein ganzer kleiner Frühlingswald lustig emporgewachsen . Aus dem Maiengrün schimmerten überall die weißen Blüten des Holunders , und hundertjähriger Epheu umspann die Trümmer mit seinen dichten Netzen . Er umrankte auch das uralte Grabdenkmal , das , in die Mauer eingefügt , den Verfall überdauert hatte . Es war bemoost und verwittert , man unterschied nur noch ein Kreuz und darunter eine Inschrift , die sich nicht mehr entziffern ließ , aber es schien ein frommer Spruch zu sein , von dem noch hie und da ein Buchstabe zu erkennen war . Nur ein einziges Wort stand noch deutlich lesbar in dem schwarzgrauen Gestein : Erwachen ! Tiefe Stille ringsum , nur das leise Wehen und Flüstern der Gesträuche , das Summen der Insekten , das wie ferne Musik klang , und jetzt der helle Ruf einer Amsel . Er kam aus jener grünen Wildnis , inmitten der zerfallenen Mauern , erst in einzelnen Locktönen , dann ward er zum Gesange . Ein Lied , so einfach süß und doch so voll jubelnder Maienlust , als gäbe es an dieser Stätte des Todes nur Licht und Leben . Edith stand regungslos und lauschte den Tönen , die sie noch nie gehört . Der Amselschlag erklang ja nur in der Stille , der Einsamkeit , und das gab es nicht in ihrem glänzenden , bewegten Leben . Da gab es auch nicht so seltsame Stunden , wie diese hier , so ernst , zwischen den halbversunkenen Gräbern , und so traumhaft schön mit ihrem leisen Frühlingsweben , eine Stunde , wie aus einem Märchen emporgestiegen . Es war ein minutenlanges Schweigen eingetreten . Edith fühlte , daß die Augen ihres Gefährten unverwandt auf ihr ruhten , es war kein neugieriges Anstarren , das sie verletzte , aber es wachte eine rätselhafte , halb beklemmende Empfindung auf unter diesem Blicke , als übe er irgend einen Zwang aus . Sie empfand das , ohne sich Rechenschaft davon zu geben , und in diesem langen Schweigen lag auch etwas Lastendes , Bedrückendes . Sie brach es deshalb mit der in gleichgültigem Gesprächston hingeworfenen Frage : » Sie kannten den kleinen Waldfriedhof bereits ? « » Jawohl ! « lautete die ruhige Antwort . » Ich versuchte vorhin , die alte Inschrift dort zu entziffern , es ist aber nicht mehr möglich , nur ein einziges Wort ist noch erkennbar . « Er wies auf das verwitterte , moosbedeckte Denkmal an der Kirchenmauer , Edith folgte der Richtung seiner Hand . » Erwachen ! « las sie halblaut . » Ein verheißungsvolles Wort ! « » Für die Toten , gewiß ! « ergänzte Raimar mit schwerer Betonung .