etwas verdeckten Altstimme dem Tenor sekundierend . Die Mutter saß inzwischen emsig an ihrer Näherei . Erich hatte die Hände ineinandergelegt und hörte andächtig zu . Als das Lied zu Ende war , legte Reinhard das Blatt schweigend beiseite . – Vom Ufer des Sees herauf kam durch die Abendstille das Geläute der Herdenglocken ; sie horchten unwillkürlich ; da hörten sie eine klare Knabenstimme singen : Ich stand auf hohen Bergen Und sah ins tiefe Tal ... Reinhard lächelte : » Hört ihr es wohl ? So geht ' s von Mund zu Mund . « » Es wird oft in dieser Gegend gesungen « , sagte Elisabeth . » Ja « , sagte Erich , » es ist der Hirtenkaspar ; er treibt die Starken heim . « Sie horchten noch eine Weile , bis das Geläute oben hinter den Wirtschaftsgebäuden verschwunden war . » Das sind Urtöne « , sagte Reinhard ; » sie schlafen in Waldesgründen ; Gott weiß , wer sie gefunden hat . « Er zog ein neues Blatt heraus . Es war schon dunkler geworden ; ein roter Abendschein lag wie Schaum auf den Wäldern jenseit des Sees . Reinhard rollte das Blatt auf , Elisabeth legte an der einen Seite ihre Hand darauf und sah mit hinein . Dann las Reinhard : Meine Mutter hat ' s gewollt , Den andern ich nehmen sollt ; Was ich zuvor besessen , Mein Herz sollt es vergessen ; Das hat es nicht gewollt . Meine Mutter klag ich an , Sie hat nicht wohlgetan ; Was sonst in Ehren stünde , Nun ist es worden Sünde . Was fang ich an ! Für all mein Stolz und Freud Gewonnen hab ich Leid . Ach , wär das nicht geschehen , Ach , könnt ich betteln gehen Über die braune Heid ! Während des Lesens hatte Reinhard ein unmerkliches zittern des Papiers empfunden ; als er zu Ende war , schob Elisabeth leise ihren Stuhl zurück und ging schweigend in den Garten hinab . Ein Blick der Mutter folgte ihr . Erich wollte nachgehen ; doch die Mutter sagte : » Elisabeth hat draußen zu tun . « So unterblieb es . Draußen aber legte sich der Abend mehr und mehr über Garten und See , die Nachtschmetterlinge schossen surrend an den offenen Türen vorüber , durch welche der Duft der Blumen und Gesträuche immer stärker hereindrang ; vom Wasser herauf kam das Geschrei der Frösche , unter den Fenstern schlug eine Nachtigall , tiefer im Garten eine andere ; der Mond sah über die Bäume . Reinhard blickte noch eine Weile auf die Stelle , wo Elisabeths feine Gestalt zwischen den Laubgängen verschwunden war ; dann rollte er sein Manuskript zusammen , grüßte die Anwesenden und ging durchs Haus an das Wasser hinab . Die Wälder standen schweigend und warfen ihr Dunkel weit auf den See hinaus , während die Mitte desselben in schwüler Mondesdämmerung lag . Mitunter schauerte ein leises Säuseln durch die Bäume ; aber es war kein Wind , es war nur das Atmen der Sommernacht . Reinhard ging immer am Ufer entlang . Einen Steinwurf vom Lande konnte er eine weiße Wasserlilie erkennen . Auf einmal wandelte ihn die Lust an , sie in der Nähe zu sehen ; er warf seine Kleider ab und stieg ins Wasser . Es war flach , scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihn an den Füßen , und er kam immer nicht in die zum Schwimmen nötige Tiefe . Dann war es plötzlich unter ihm weg , die Wasser quirlten über ihm zusammen , und es dauerte eine Zeitlang , ehe er wieder auf die Oberfläche kam . Nun regte er Hand und Fuß und schwamm im Kreise umher , bis er sich bewußt geworden , von wo er hineingagangen war . Bald sah er auch die Lilie wieder ; sie lag einsam zwischen den großen blanken Blättern . – Er schwamm langsam hinaus und hob mitunter die Arme aus dem Wasser , daß die herabrieselnden Tropfen im Mondlicht blitzten ; aber es war , als ob die Entfernung zwischen ihm und der Blume dieselbe bliebe ; nur das Ufer lag , wenn er sich umblickte , in immer ungewisserem Dufte hinter ihm . Er gab indes sein Unternehmen nicht auf , sondern schwamm rüstig in derselben Richtung fort . Endlich war er der Blume so nahe gekommen , daß er die silbernen Blätter deutlich im Mondlicht unterscheiden konnte ; zugleich aber fühlte er sich wie in einem Netze verstrickt ; die glatten Stengel langten vom Grunde herauf und rankten sich an seine nackten Glieder . Das unbekannte Wasser lag so schwarz um ihn her , hinter sich hörte er das Springen eines Fisches ; es wurde ihm plötzlich so unheimlich in dem fremden Elemente , daß er mit Gewalt das Gestrick der Pflanzen zerriß und in atemloser Hast dem Lande zuschwamm . Als er von hier auf den See zurückblickte , lag die Lilie wie zuvor fern und einsam über der dunkeln Tiefe . – Er kleidete sich an und ging langsam nach Hause zurück . Als er aus dem Garten in den Saal trat , fand er Erich und die Mutter in den Vorbereitungen einer kleinen Geschäftsreise , welche am andern Tage vor sich gehen sollte . » Wo sind denn Sie so spät in der Nacht gewesen ? « rief ihm die Mutter entgegen . » Ich ? « erwiderte er ; » ich wollte die Wasserlilie besuchen ; es ist aber nichts daraus geworden . « » Das versteht wieder einmal kein Mensch ! « sagte Erich . » Was Tausend hattest du denn mit der Wasserlilie zu tun ? « » Ich habe sie früher einmal gekannt « , sagte Reinhard ; » es ist aber schon lange her . « Elisabeth Elisabeth Am folgenden Nachmittag wanderten Reinhard und Elisabeth jenseit des Sees , bald durch die Holzung , bald auf dem hohen vorspringenden Uferrande . Elisabeth hatte von