Ich laß es mir nicht nehmen ‹ , sagte sie eines Abends , › hättest du ihm nur das Salzen und Bekreuzen ausgetrieben , die Leute wären nimmer auf das Stück gekommen , den dummen Finger in unserm Bier zu suchen ! Aber konnte er den einen Hokuspokus machen , warum denn nicht den anderen ? Und warum nicht heute oder morgen wieder einen andern ? ‹ Für gewöhnlich ging Derartiges , da mein Vater seine kleine heftige Frau immer bald wieder ins gleiche brachte , ohne weitere Spur vorüber . Das aber sollte diesmal nicht so sein . Es war eben vor dem Abendessen , und beide standen schon an ihren Stühlen , wobei sie die Stubentür im Rücken hatten ; nur ich hatte gesehen , wie diese sich auftat und Lorenz , im Begriff hereinzutreten , plötzlich stehenblieb , eben als meine Mutter jenen wohl nicht ganz unbegründeten Vorwurf aussprach . Bevor ich mich in meinem Schrecken noch besann , hatte schon die Tür sich wieder leis geschlossen ; dann kamen die Kinder und die Magd herein ; aber Lorenz mußte erst durch Christian gerufen werden . Noch heute danke ich meinem Schöpfer , daß ich damals meinen Eltern nichts verraten habe ; denn von nun an war Lorenz wie verwandelt : vor den Gebinden , die im Hausflur lagen , oder hinten vor seiner Braupfanne , oder auch nur vor einem Tisch oder Stuhl im Hause konnte er lange mit starren Augen stehenbleiben ; ging er aber fort , so sah ich mehrmals , wie er mit der Faust sich über beide Augen fuhr . › Was mag denn Lorenz fehlen ? ‹ hörte ich eines Abends meine Mutter fragen , die sonst dem alten Manne herzlich gut war . › Er geht ja umher , als ob er über schwere Dinge brüte . ‹ Mein Vater schüttelte den Kopf . › Ich denke , nichts weiter als uns andern auch ; du weißt , er trägt an unseren Sorgen allzeit schwerer als an seinen eigenen . ‹ Aber am anderen Morgen trat Lorenz vor ihn hin und bat um seinen Abschied ; er wisse einen jungen Menschen , der sogleich an seine Stelle treten könne . Mein Vater äußerte nachher , ihm sei gewesen , als ob sein altes Erbhaus über ihm zusammenbräche . Doch Lorenz wollte sich nicht halten lassen . › Ich habe mich mit meinem Gott beraten . ‹ Auf alle Fragen hatte er nur diese eine Antwort ; er mochte fürchten , sonst nicht stark genug zu sein . Und so ging er denn , nachdem er über ein Menschenalter dagewesen war ; wie er sagte , um einer verwitweten Schwester , die in einem entfernten Dorfe wohnte , in ihrer kleinen Bauernwirtschaft beizustehen . – Aber er hatte die Trennung doch nicht überwinden können ; durch Aufkäufer , die im Lande herumreisten , kamen bald wunderliche Nachrichten von dorther ; und kurz vor Weihnachten mußten wir erfahren , daß unser alter Lorenz als Geisteskranker in die Landesanstalt aufgenommen sei . Das waren trübe Festtage ; einen Weihnachtsbaum ohne Lorenz hatten wir Kinder uns ohnehin nicht denken können . Ich allein wußte , weshalb er das Haus verlassen hatte , in dem allein noch seine Heimat war , und ich trug schwer daran ; denn sein Opfer war umsonst gewesen . Mein Vater plagte sich mit dem jungen Knecht , aber die Kundschaft besserte sich nicht ; es hatte nicht mehr geholfen als die tapferen Kämpfe , die unser Christian unermüdlich für die gute Sache ausfocht . So ging der Winter zu Ende , und so kam der neue Sommer und endlich auch die Erntezeit . Nur für uns war sie es nicht . Wir hatten schon die letzten Tage im August . Unsere zwei Stock hohe Außendiele kam mir so groß und einsam vor , seitdem nicht jeden Augenblick die Haustürglocke läutete ; dennoch konnte ich es nicht lassen , wenn die altgewohnte Verkaufszeit heranrückte , mich dort aufzuhalten , um meistens müßig durchs Fenster auf die Straße hinauszustarren . – So stand ich auch eines Vormittags ; es waren kalte trübe Tage eingefallen , und von dem Lindenbaum , der hier vor dem Fenster stand , wehten schon einzelne gelbe Blätter . Ich merkte wohl , daß mein Vater neben mich getreten war ; aber ich rührte mich nicht ; wir sahen beide , wie die Blätter niederwehten , und mochten beide wohl dieselben Gedanken haben . Da ging draußen ein halb bäuerlich gekleideter Mann mit einem sogenannten Quäkerhut vorüber ; er schien ein Fremder , aber dennoch war mir , als müßte ich ihn schon gesehen haben . Bevor ich mich jedoch darüber noch besinnen konnte , bemerkte ich eine hastige Bewegung an meinem Vater , und als ich aufblickte , sah ich , daß er den Mund fest geschlossen hatte ; aber ich sah auch , wie . seine Lippen zitterten . › Vater ‹ , sagte ich , › fehlt dir etwas ? Wer war doch der Mann ? ‹ Aber er drückte nur heftig meine Hand und ging dann , ohne ein Wort zu sagen , nach dem Hof hinaus . Es war , als wenn uns alles jetzt zum Schrecken wer den sollte . Endlich schlug es wieder einmal elf auf unserer Dielenuhr , und ich ging in die Stube und setzte mich an meine Näharbeit . Eben , als meine Mutter aus der Küche hereintrat , läutete es von der Haustür , und als ich durchs Guckfenster auf den Flur hinaussah , da war es der Fremde von vorhin . Ich erkannte ihn jetzt wohl ; es war ein Hopfenhändler aus Franken , der um diese Zeit zu kommen pflegte , um neue Bestellungen entgegenzunehmen und sein Geld für die alte Ware einzukassieren ; er hatte vor zwei Jahren sogar einen Abend bei uns zugebracht . › Geh ‹ , sagte meine Mutter , › hole deinen Vater und sag ihm , daß Herr