eines Sterns erkennen sollen ! Dann führte der Musikdirektor seine jungen Scharen vor . Es waren frische , anmutige Stimmen darunter , und sie sangen ihre Tee- und Kaffeeliedchen , in denen sie sich so wohl fühlen , die wie die Sommervögel kommen und verschwinden . Sie sangen aber auch von den Liedern des neuen großen Komponisten , durch welchen Eichendorffs wunderbare Lyrik zuerst in der Musik ihren Ausdruck erhalten hat . Ahnungslos schwebten die jungen Stimmen über dem Abgrund dieser Lieder . – Ich weiß nicht , ob der Kapellmeister Johannes Kreisler davongelaufen wäre ; ich saß ganz still und horchte auf den süßen , taufrischen Lerchenschlag der Jugend . Dazwischen immer behagliches Klatschen und liebkosende Worte der älteren Herren und Damen und laute Komplimente der jungen Kavaliere . Weshalb denn auch nicht ? Und nun – ich glaube fast , daß mir die Brust beklommen war – stand ich selbst am Flügel . Eveline hatte die Geige schweigend vor mich hingelegt und war dann ebenso zurückgetreten . Spohrs neuntes Konzert lag aufgeschlagen . Adolf sah mich an : » Nun , wollen wir ? « Wir kannten uns . Vor Jahren hatte mancher Abend , manche Nacht uns so vereint gesehen . Schon lag mein Bogen an den Saiten ; ein paar Akkorde noch des Flügels , und sicher und kristallhell flog der erste Ton durch den Saal . Und meine Geige sang , oder eigentlich war es meine Seele . Sie sang wie einst der Neck am Wasserfall , von dem die Kinder sagten , daß er keine Seele habe . – Du weißt es , meine Muse , denn du standest mir gegenüber neben dem Bilde deines Lieblings , des Jünglings Goethe , die schönen Hände in deinem Schoß gefaltet . Deine Augen waren hingegeben offen , und ich trank aus ihnen die entzückende Götterkraft der Jugend . Und die Wände des Gemaches schwanden und der rauschende Wasserfall stand , und alle die jungen Vögel , die eben noch so laut geschlagen hatten , verstummten lauschend . Ich war eins mit dir , schöne jugendliche Göttin , hoch oben stand ich herrschend ; ich fühlte , wie die Funken unter meinem Bogen sprühten ; und lange , lange hielt ich sie alle in atemlosem Bann . Wir waren zu Ende . Adolf nahm die Hände vom Klavier , sah zu mir auf und nickte leise . Und da ich den Bogen fortgelegt hatte , blickten die Jungen auf mich , halb scheu , mit erstaunten großen Augen , als hätten sie plötzlich entdeckt , ich sei noch einer von den Ihren , den sie nicht erkannt , der nun plötzlich die Maske des Alters fortgeworfen habe . Erst als Adolf seinen Stuhl rückte und aufstand , wurde die Stille unterbrochen und die Gesellschaft drängte sich zu uns . Nur ich wußte , daß plötzlich Evelinens Hand in meiner lag . Oder war es die Hand meiner Muse , die noch einmal flüchtig mich berührte ? Sie haben dich gescholten , Eveline . Und wenn ihr wahr gesprochen hättet – laßt sie mir ! Auch die Natur , von welcher , gleich der Rose , sie nur ein Teil ist vermag uns nichts zu geben , als was wir selber ihr entgegenbringen . Vielleicht gelangt der Mensch überall nicht weiter und wir sterben einsam , wie wir einsam geboren wurden . Und dennoch , was wäre das Leben , wenn es keine Rosen gäbe ? Weißt du , daß es Vorgesichte gibt ? – Mitunter , als könne sie nicht warten , bis auch ihre Zeit gekommen ist , wirft die Zukunft ihr Scheinbild in die Gegenwart . – Du ahntest nichts davon , aber ich habe es gesehen ; es war mitten im kerzenhellen Saale . Du hattest getanzt und lehntest atmend in der Sofaecke ; da sah ich dein Antlitz sich verwandeln , deine Züge wurden scharf , deine Wangen schlaff und fahl . Schon streckte meine Hand sich aus , um leis die Rose aus deinem Haar zu nehmen ; denn sie saß dort wie ein Hohn für dein armes Angesicht . Aber es verschwand , da ich fest dich anblickte ; du lächeltest , du warst wieder nicht älter als deine achtzehn Jahre . Unmächtig wich das Gespenst zurück ; nur ich sah es noch immer wie eine verhüllte Drohung in der Ferne stehen . O Eveline ! Der Strom der Schönheit ergießt sich ewig durch die Welt , aber auch du bist nur ein Wellenblinken , das aufleuchtet und erlischt ; und alle Zukunft wird einst Gegenwart . Im eigenen Herzen geboren , Nie besessen , Dennoch verloren . Wie seltsam , diese Worte auf meinem Geigenkasten ! Auch das ist nun vorüber . – Hier scheinen in den Aufzeichnungen des Vetters ein oder mehrere Blätter zu fehlen ; denn das Folgende , womit dort ein neues Blatt beginnt , ist augenscheinlich nur der Schluß eines längeren Aufsatzes . – – » Aber ein Hauch der ewigen Jugend , die in mir ist , hat doch dein Herz berührt ; mögen noch so übermütig deine jungen Lippen zucken . Einst , wenn auch du zu den Schatten gehörst , deren Mund vergebens nach dem Kelche dürstet , aus dem vor ihren Augen die Jugend in vollen Zügen trinkt , wird die Erinnerung an mich dich jäh überfallen ; vielleicht am stillen Abend , wenn du hinter abgeheimsten Stoppeln die Sonne sinken siehst , vielleicht – auch das ist möglich – erst in den Schauern des Todes , in jenem letzten Augenblicke , wo alle Erdengeister dich verlassen . – Und nun geh , Eveline ; denn jetzt sind sie alle noch in deinem Dienst ! « Ihre Hand zitterte , die , wie ich jetzt erst fühlte , in der meinen lag . Aber sie zog sie schweigend zurück , und ging . » Gute Nacht , Eveline ! « Du aber , o Muse des Gesanges , verlasse du mich noch