längst vergessen , taucht es plötzlich wieder auf , den Lebenden zum Unheil . Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus ; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich Katharinen schützen . ‹ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten Bilder , an denen mein Gemüthe sich erquickte . So weilte ich derzeit in dem stillen Saale , wo um mich nur die Sonnenstäublein spielten , unter den Schatten der Gewesenen . Katharinen sah ich nur beim Mittagstische , das alte Fräulein und den Junker Wulf zur Seiten ; aber wofern Bas ' Ursel nicht in ihren hohen Tönen redete , so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl , so daß mir oft der Bissen im Munde quoll . Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen war deß Ursach , sondern es lag zwischen Bruder und Schwester , als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen . Katharina , nachdem sie fast die Speisen nicht berührt , entfernte sich allzeit bald , mich kaum nur mit den Augen grüßend ; der Junker aber , wenn ihm die Laune stund , suchte mich dann beim Trunke festzuhalten ; hatte mich also hiegegen und , so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß , überdem wider allerart Flosculn zu wehren , welche gegen mich gespitzet wurden . Inzwischen , nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen , geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des Dorfes , allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen seiner Voreltern ruhen , mit denen der Höchste ihnen dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren ! Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen , von Angehörigen aber fast wenige und auch diese nur entfernte , maßen der Junker Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht hiesigen Geschlechts gewesen ; darum es auch geschahe , daß in der Kürze alle wieder abgezogen sind . Der Junker drängte nun selbst , daß ich mein aufgetragen Werk begönne , wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte . Zwar kam Bas ' Ursel , die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte , und meinete , es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen , so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung ; ich aber , solcher Gevatterschaft gar gern entrathend , hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund dagegen , und konnte alles Reden ihr nicht nützen . Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei , die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu stellen , so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten Tagen angefertigt . Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt , öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus ' Zimmer , und Katharina trat herein . – Aus was für Ursach , wäre schwer zu sagen ; aber ich empfand , daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen ; aus der schwarzen Kleidung , die sie nicht abgeleget , schaute das junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf . » Katharina « , sagte ich , » Ihr wisset , ich soll Euer Bildniß malen ; duldet Ihr ' s auch gern ? « Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne , und sie sagte leise : » Warum doch fragt Ihr so , Johannes ? « Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz . » Nein , nein , Katharina ! Aber sagt , was ist , worin kann ich Euch dienen ? – Setzet Euch , damit wir nicht so müßig überrascht werden , und dann sprecht ! Oder vielmehr , ich weiß es schon . Ihr braucht mir ' s nicht zu sagen ! « Aber sie setzte sich nicht , sie trat zu mir heran . » Denket Ihr noch , Johannes , wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset ? Das thut dießmal nicht noth , obschon er wieder ob dem Neste lauert ; denn ich bin kein Vöglein , das sich von ihm zerreißen läßt . Aber , Johannes – ich habe einen Blutsfreund – , hilf mir wider den ! « » Ihr meinet Eueren Bruder , Katharina ! « – » Ich habe keinen andern . – – Dem Manne , den ich hasse , will er mich zum Weibe geben ! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den schändlichen Kampf mit ihm gestritten , und erst an seinem Sarg hab ich ' s ihm abgetrotzt , daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag ; aber ich weiß , auch das wird er nicht halten . « Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz , Herrn Gerhardus ' einzigen Geschwisters , und meinete , ob die nicht um Schutz und Zuflucht anzugehen sei . Katharina nickte . » Wollt Ihr mein Bote sein , Johannes ? Geschrieben habe ich ihr schon , aber in Wulfs Hände kam die Antwort , und auch erfahren habe ich sie nicht , nur die ausbrechende Wuth meines Bruders , die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte , wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt ; aber der gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket . « Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet , und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen . So kamen wir zu ruhiger Berathung ; und da ich , wenn die Arbeit weiter vorgeschritten , nach Hamburg mußte , um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen , so stelleten wir fest , daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete . Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern . Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherren