nie zu tun gewagt hatte , das tat ihre Seele jetzt nach nahezu vollendeter Buße : sie reckte und dehnte sich natürlich – sie schüttelte sich sogar . Sie wendete sich schaudernd von der Aussicht in dem Zimmer des Onkels Püterich ab ; – mit dem Gesicht gegen die Wand , mit der Rückseite gegen die Hinterseite der Tapete gedreht , fuhr sie auf und ab an der Mauer ; Innocentia , die Tänzerin , hätte ihr ihre Schattensprünge nicht nachgemacht – – Meine Damen , man muß dreißig Jahre lang selber als prüde , prätentiöse deutsche Jungfrau hinter der Tapete geklebt haben , um ihr diese Gefühle nachempfinden zu können – – – – – ! Was uns , den Gewährsmann , angeht , so entnehmen wir , wie gesagt , nur unsere gegenwärtige Stimmung daraus . Unser Geschick bewahre uns gnädig davor , in ähnlicher Weise festgenagelt zu werden . Wenn uns der Nagel nicht durch das Herz geht , so wird er uns sicherlich durch die Stirn getrieben werden ; aber , bei den Unsterblichen , es gelüstet uns nichtsdestoweniger , zu wissen , für wessen Bild er durch die Tapete und unser Hirn in die Mauer geschlagen werden wird ! » Stecken Sie sich doch gefälligst hinter die Tapete , « wird die freundliche Leserin lächelnd raten ; und wir brechen ab , das heißt wir fahren anlautend fort , den Gefühlen Fräulein Rosas weiter Folge zu geben . » Es ist mir im Leben schwer geworden , mich zu äußern , wie ich empfand , « hauchte der gelöste Geist ; » jetzt möchte ich schreien können , um zu sagen , wie ich mich fühle ! Ich habe mich immer nur ahnen lassen wollen und habe in Verdrießlichkeit und trübseligem Schmollen meine Tage verbracht , wenn meine Umgebung nicht fähig war , mich zu fassen . O Gott , frei , frei , frei von der Wand ! Frei von diesem fürchterlichen Nagel ! Ah ! – ah ! – oh ! « Und Rosas Geist sah den Onkel Püterich Toilette machen , sah ihn seine bessere Perücke aufsetzen , sah ihn nach seinem Hut und Stock suchen und sah ihn abziehen . Er hörte ihn die Treppen hinunterhuschen ( ist es nicht seltsam , daß wir von Rosas innerstem Wesen als einem Er reden müssen ? ) , und er hörte die Droschke fortrollen , die den einstigen Geliebten zur Villa Piepenschnieder führte . Er zögerte noch ein Weilchen , dann wagte er ' s bangend und streckte die Zehenspitze durch die Tapete ( unsichtbar natürlich , da es noch Tag war ! ) , das Knie folgte , eine Hand folgte , es folgte die andere – der Nasenspitze folgte der Rest des Gesichtes und sonstigen Körpers : Rosa von Krippen stand mit einem Geistersprung inmitten des Gemaches Philibert Püterichs ! » Ah ! « – Wenn wir auch einmal die Wohligkeit einer solchen oder ähnlichen Erlösung gekostet haben werden , sind wir vielleicht imstande , den Zustand ganz genau zu schildern , und finden auch vielleicht jemand , dem wir ihn in die Feder diktieren können . Was wir heute angeben können , ist nur ein verhältnismäßig Äußerliches : Rosas Geist drehte sich drei Minuten mit der Geschwindigkeit eines Kreisels um die eigene Achse ; Rosas Geist hob die linke Fußspitze gegen die Decke und hob die rechte . Rosas Geist hüpfte auf und drehte sich von neuem ein halb Dutzend Mal in der Luft um sich selber . Rosas Geist war eben im Begriff , sich auf den Kopf zu stellen , was selbst Innocentia in ihrem Erdendasein nur in ihrer kindlichsten Jugend öffentlich getan hatte , als leider Gottes jemand – vielleicht der Briefträger – an die Tür pochte , und – er ( Rosas Geist ) in einem jähen Rückfall in die alte Erdenschüchternheit sich blitzschnell zurück hinter die Tapete rettete . Der Pochende marschierte , da niemand ihm öffnete , verdrießlich wieder ab ; aber Rosa von Krippen fühlte es durch ihren ganzen Schatten , daß sie sich von dem Schrecken zu erholen habe , blieb bis Mitternacht an der Stelle , wo sie dreißig Jahre lang gewesen war , und wagte sich dann erst zum zweiten Mal hervor , ihrerseits den Leuten zum ersten Mal im Verlaufe ihres Banns einen Schrecken einzujagen . An dem Herausfliegen des Nagels und dem Herunterfallen der Lithographie vorhin war sie ja nicht schuld , – durchaus nicht ! – aber die Sünderin Innocentia kann vielleicht Auskunft darüber geben ; – sie will aber vielleicht nicht . Es ist jetzt für uns Mitternacht . Am anderen Ende der Stadt schlummern in der Villa Piepenschnieder Papa und Mama sänftiglich . Die Dienerschaft schläft , leise rauschen die dunkeln Bäume und Büsche um das Haus . Die Rosen duften auch in der Nacht , und der Springbrunnen vor Ernestas Fenster treibt gleichfalls im Dunkeln sein munter Spiel weiter . In der Villa Piepenschnieder , in ihrem Kämmerlein sitzt nur das Fräulein des Hauses wach in ihrem Bette . Eine Viertelstunde nach Ankunft des guten Onkels hat man sie aus dem Garten in den Salon zitiert , und sie hat schöne Dinge zu hören bekommen . Um Mitternacht überlegt Ernesta immer noch diese Dinge und sucht vergeblich sich in sie zu finden . Um Mitternacht schläft im Püterichshofe der Onkel Püterich den Schlaf des Gerechten , der irgendeinen , ihm selbst recht löblich erscheinenden Vorsatz wieder einmal zur Ausführung gebracht hat . Er schnarcht , und Rosas Geist hört ihn durch drei Wände hindurch schnarchen . Die zwölf feierlichen Schläge sind eben verhallt , und – Rosas Geist wagt es zum zweiten Mal , aus der Tapeten hervorzutreten . Aber er muß durch des Onkels und einstigen Geliebten Schlafgemach , um in die Wohnung des Assessors bei der Regierung Hilarion zu gelangen , und er zittert auf der Wand , wie jeder andere Schatten hinter einem flackernden Lichte . Er muß ! er fühlt