vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamsell Génévion heraufgeschleppt : eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen Wie das Kind erwachte – vielleicht aus einem glücklichen Traum ! – wie es aufrecht saß und sich , verstört zum Bewußtsein kommend , in der Scheußlichkeit ringsumher umsah ; – wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends hinbrachte , wollen wir auch nicht beschreiben . Wir sahen die Großmutter mit ihrem Bündel , von dem Spotte und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt , humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen . Wir malen uns in der Phantasie aus , wie sie vor dem Hause stand , und nach den zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte , wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte trat , und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete : » Sieh ! sieh ! ... Alles hin ! nichts heil , – alles voll Ekel und Graus ; – alles wüste , alles von den schlechten , wilden Menschen zugrunde gerichtet ! « Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache Ihrer Väter gesagt . Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt . Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden ; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische , der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde : Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tische einander gegenüber . Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter dem Tische . » Mein gut Kind , wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses Haus umgestürzt , seit ich Atem ziehe ? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie ich ; wer den tollen Christian und den Tilly , den Herrn von Gleen , die Herzogin von Hessen , den Feldmarschall Holzappel , den Wrangel und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ , der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais ! Ich sehe nur wieder , was ich schon ein Dutzend Male sah . Es ist eine Zeit , in welcher der Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt . Weine nicht , mein liebes Herzchen , du bist jung und magst noch in eine reinlichere , bessere Zeit hineinleben ! « So hatte die Kröppel-Leah getröstet , und währenddem hatte der Pastor zu Sankt Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht gewünscht ; währenddem hatte der Student seinen Tröster im Jammer , den Horatius , dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und Nachtquartier hingehalten ; währenddem – war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte , den wir jetzt erst betreten , die Rede . Am Corveytor in einer Schenke , die im Schilde als Zeichen einen Mann führte , der den Kopf unterm Arm trug , in der Kneipe zum heiligen Vitus wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen . – Der Student , Herr Lambert Tewes , war dreimal in das gebrochene Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet : » Brr ! « hatte er jedesmal geächzt , und zum vierten Mal wiederholte er den Versuch , sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in Höxter zu suchen , nicht . » Basolamano , Messieurs , meine hochgünstigen Herren ! « sagte er höflich beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor ; ein heller Jubel und lautstimmiges Hallo begrüßten ihn dagegen . Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und noch einige ihres Gelichters dazu . Eine saubere Gesellschaft , meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit ! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich , mit dem die Höxteranischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmelzen können ; und dieser , nämlich der Säuberlich , war ' s auch hier , der den Studenten zuerst wieder am Knopf faßte , ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie : » Da haben wir ihn ! Kerl , wo hast du gesteckt ? Seit einer Stunde sehnen wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter . Juchhe , jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig ! Tragt auf , gute Gesellen ; Messer und Gabel heraus ! Du gehst doch mit uns , Lambert ? « » Wohin , Signor Strillone ? « » Keine fremden Zungen jetzo , Alter ! Wir verbitten uns das . Du gehst mit uns , wohin wir dich führen werden . « » Schlecht Wetter draußen « – » Aber gut genug , um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxar ! Sämtliche gegenwärtige , ehrbare und fröhliche Kumpanei , Mann für Mann , geht mit . « » Aber zuerst will ich doch wissen , was es gibt , Gevattern ! « » Hunger und Wut , Herr Doktor ! « schrie ' s aus dem Haufen . » Alles , was die Franzosen uns gelassen haben . « » Und einen elenden Durst dazu ! « » Ja , trinken könnt Ihr , aber es ist das letzte vom Faß , und kein allerletztes gibt es offenkundig in Höxter ! Grade deshalb wollen wir die Kellerschlüssel holen . Die Luth ' rischen fallen auf die Katholiken und umgekehrt . Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen Besuch machen , wirst du sicherlich nicht übelnehmen , Lambert . « » Scabies capiat – der Teufel hole meinen Herrn Onkel ! « rief der Student ; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte