, und sie streckte den Hals . » Ich kann dich nicht richten , Törin « , sagte Stemma sanfter . » Aus drei Gründen nicht . Merk auf ! Als du deine Tat begingest , lebte und regierte noch der Judex mein Vater . Nach seinem Ende und dem des Comes , da ich das Richtschwert erbte , habe ich laut verkündigt : › Ab ist alles Geschehene ! Von nun an sündige keiner mehr ! ‹ Aber auch wenn ich dieses nicht hätte ausrufen lassen , könnte ich dennoch dich nicht richten und du gingest frei aus , denn seit deiner Tat sind fünfzehn völlige Jahre in das Land gegangen und hier ist uralter Brauch , daß Schuld verjährt in fünfzehn Jahren . « » Verjährt ? was ist das ? « fragte Faustine verblüfft . » Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert . « Ein höhnisches Lachen lief blitzend über die weißen Zähne der Räterin . » Also zum Beispiel « , sagte sie , » wenn ich gestern noch meinen Mann vergiftet hatte und über Nacht wird die Zeit völlig , so bin ich heute keine Mörderin mehr . Diese Dummheit ! « » Doch , du bleibst eine Mörderin « , belehrte sie Stemma langmütig , » aber du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen , sondern nur noch mit dem himmlischen . Sühne durch gute Werke ! Du hast den Anfang gemacht : fünfzehn mühselige und rechtschaffene Jahre wiegen . « » Nichts wiegen sie ! « zürnte Faustine . » Ich sehe schon , du willst meiner schonen ! Du heißest die Richterin , aber du bist die Ungerechte , du machst Ausnahmen , du siehst die Person an ! « » Schweige ! « befahl die Richterin . » Ich bin denn doch klüger als du und ich sage dir : deine Sache ist nicht mehr richtbar . Noch aus einem letzten Grunde . Ich kann dich nicht verdammen , auch wenn ich dir den Gefallen tun wollte , denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine törichte Zunge . Aber weißt du was : gehe nach Chur und beichte dem Bischof . Er ist der Hirte und du bist das Schäflein . Er mag dir die härteste Buße auflegen : Fasten , schwere Dienste , härenes Hemde , blutige Geißelungen . Fordere sie , ist er dir zu milde ! Dann aber gib dich zufrieden ! Unterwirf dich ganz der Kirche : sie vertritt dich und du hast eine sichere Sache ! « Sie sagte das mit einem überzeugenden Lächeln . » Ich weiß nicht « , schluchzte Faustine , » Gott sei davor , daß eine Missetäterin wie ich seinere heiligen Kirche nicht gehorche . Aber anders wäre es einfacher gewesen . Geplagt habe ich mich schon und im Schweiße meines Angesichtes zerarbeitet fünfzehn Jahre lang mit dem Trost und Vorsatz , sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann gekommen , stracks in den Himmel zu fahren . Jetzt verrückst du mir die kurze Leiter und vertrittst mir den Weg . « » Der nach Chur ist kurz und der an unser Erde ist nicht lang Gehorche , Faustine ! « Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen vorauf . Faustine folgte wie eine Seele in Pein . Unter dem Burgtor , das sich wie von selbst öffnete , denn der Wärtel hatte die wandernde Helle wahrgenommen , blickte die Richterin in die Nacht hinaus und sagte zu Faustinen : » Lege die Schuhe ab und laß die scharfen Kiesel deine Sohlen zerreißen , denn du bist eine große Sünderin ! « Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an . Frau Stemma hatte recht gesagt . Da sie die hochgelegene Burgkammer betrat , schlief Palma . Neben ihren tiefen Atemzügen glomm auf einem Dreifuß eine hütende Flamme . Das Mädchen lag in ihrem ganzen Gewande auf dem Polster , die Hand über das Herz gelegt . Sie hatte das freudig pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert . Die Mutter betrachtete die Gebärde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren . Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas hatte die noch nicht zwanzigjährige Richterin die Regierung ihres Erbes mit entschlossener Hand ergriffen . Die dem jungen und schönen Weibe unter einem verwilderten , begehrlichen Adel von selbst entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer über ihre Jahre scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen ihrer Lehensleute gebändigt . Helm und Schwert und die gerechte Sache der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Händen gesegnet . Nach einigen stürmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt und es trat eine große Stille ein . Jetzt rächte sich die überhetzte Natur und Stemma verlor den Schlummer . Wenn sie nicht selbst ihn verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten . Nicht weit von dem Lager ihres Kindes , auf einer schmalen Bank in der tiefen Fensterwölbung saß sie damals oft mit verschlungenen Armen oder dann konnte sie lange , lange mit zwei Fläschchen spielen , welche sie in der Mauer verwahrte , und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf Malmort zurückgelassen hatte , da er von dannen zog , um spurlos im Gebirge zu verschwinden . Beide waren von starkem Kristall und hatten über den gläsernen Zapfen goldene Deckel , auf deren einem das Wort » Antidoton « mit griechischen Lettern eingekritzt war , während auf dem andern ein winziges Schlänglein sich krümmte . Mit diesen Fläschchen zu spielen bis der Tag anbrach wurde Stemma zu einem Bedürfnis . Da geschah es einmal , daß sie darüber einnickte und , als das Frühlicht sie weckte , das eine Fläschchen , das unbeschriebene , aus ihrer halbgeöffneten Hand verschwunden war . Sie geriet in entsetzliche Angst und suchte und suchte . Endlich fand sie es in dem Händchen ihres Kindes . Die kleine Palma