unterrichten zu lassen . Es war der Kanzler . Ich wiederholte meine Lehre mit mehr Verwirrung – könnet Ihr es glauben ? – als vor dem Könige ; denn mir wurde bange , da er , aufmerksam lauschend , mich ganz ausreden ließ , und mir schien , als ertöne meine einsame Rede viel zu keck und laut in der hochgewölbten Halle . › Eure Gnade ‹ , endigte ich , › ist ein Gelehrter und hat wohl kein Gefallen an Kriegszeug ? ‹ Er senkte die dunkeln Augen und antwortete leutselig : › Ich liebe das Denken und die Kunst und mag es leiden , wenn der Verstand über die Faust den Sieg davonträgt und der Schwächere den Stärkeren aus der Ferne trifft und überwindet . ‹ Mit diesem schönen und einsichtigen Lobe der Armbrust , lieber Herr , köderte mich der Kanzler ohne es zu wollen , und ich hätte ihm meine Lust an seiner Weisheit mit dankbaren Worten bezeigt , hätte ich meine Scheu vor seinem blassen und übermenschlich klugen Antlitz verwinden können . In die Rüstkammer tretend , fand ich dort den Waffenmeister , einen eisgrauen Normannen , der mich wohl um Kopfeslänge überragte . Herr Rollo empfing mich hochfahrend und geringschätzig , beschäftigte sich dann aber eingehend mit meiner Erfindung ; denn er war in Engelland der beste Kenner alles Rüstzeuges . Er brummte etwas Beifälliges zwischen den Zähnen und kam endlich dahin , meine Gedanken zu billigen . Als er mich dann um meine Heimat befragte und erfuhr , ich stamme von unweit des schwäbischen Meeres her , schenkte er mir aus seinen harten Runzeln einen aufmerksamen Blick . › Treue Leute , die Schwaben , und deren sind wir hier zu Hofe bedürftig ‹ , sagte er . › Hältst du dich aufrichtig , Deutscher , so mangelt es hier nicht an Gnaden und Lohn . Du trittst in eines gewaltigen Herren Dienst . ‹ Und er hob an , das Wesen der normännischen Könige mit großen Worten zu preisen und mir ihre Reiche und Herrschaften aufzuzählen . › Diesseits und jenseits des Meeres sind sie mächtig ‹ , rühmte er , › und was sie ergreifen , das lassen sie nimmermehr los . ‹ Dabei zeigte er mir die Panzerhemden und Kronhelme des Eroberers und seines Sohnes , welche , an den Mauern der langgestreckten Halle , zuvorderst in einer endlosen Reihe von Rüstungen und Waffenstücken hingen . › Eines nur ‹ , fuhr er kopfschüttelnd fort und wehrte mir , einen verrosteten Pfeil zu berühren , der unter der Rüstung des zweiten Königs auf den Steinfliesen lag , › eines nur , das letzte , mißrät ihnen . Die hohen Herren haben allesamt ein böses Sterben . Dieser Bolz – Gott und der Teufel wissen , wer ihn abschoß – hat Herrn Wilhelm dem Rothaarigen mitten im lustigen Jagen den Lebensfaden zerschnitten . Aber was tut ' s ? Glänzende Sonnen gehen blutig unter . ‹ So ritt ich denn von nun an in Jagd und Fehde hinter meinem Herrn und Könige her und fand ihn , wie er sich mir am ersten Tage gezeigt hatte : von wechselnden Launen wie April harsch , ungeduldig , aufbrausend , schrecklich im Zorn , aber auch wieder von mitteilsamem Gemüte , zugänglich und leutselig , so daß man zur guten Stunde einen Scherz wagen durfte und es geschehen konnte , daß der erhabene Herr mit seinem Gesinde lachte , bis ihm die hellen Tränen über die Backen liefen . Daß ich aber aus dem Stalle und der Gewehrkammer in das Vorzimmer gelangte und mich zuletzt auf die Schwelle der königlichen Schlafkammer wie ein Rüde betten durfte , das geschah nicht sprungweise , sondern allmählich von Schritt zu Schritte . König Heinrich war ein gewaltiger Nimrod , der es liebte , in gestrecktem Jagen auf den Fährten eines Hirsches zu fliegen , sein Gefolge weit hinter sich lassend , und der dann , von wenig Bedürfnissen wie er war , bei einbrechender Nacht mit dem ersten besten Lager vorliebnahm . Da war ich , auf meinem schnaubenden Tiere mich dicht hinter ihm haltend , oft der einzige in der Nahe , ihn zu bedienen und brachte ihn auch trunken zu Bette wann er , nach dem Schweiße der Jagd , dem Becher zugesetzt hatte . So gewohnte er sich an meinen Dienst und mich , und , wenn ich mich auch nicht mit bösen Listen einschmeichelte , war ich doch witzig genug geworden , um mir mein gutes Spiel nicht täppisch zu verderben . Dreierlei aber kam mir dabei zugute : daß ich weder Normanne noch Sachse war , daß ich von niemandem als meinem Herrn Miet und Gabe nahm – einzig den Kanzler , dem keiner etwas weigern durfte , zuzeiten und unter Umständen ausgenommen – und daß ich , ohne gerade den dummen Hans zu spielen , mich etwas einfältiger stellte , als ich von Natur war , und etwas neuer , als mich die Erfahrung gelassen hatte . Dergestalt fand Heinrich ein Wohlgefallen an meiner schwäbischen Treuherzigkeit . Doch auch Herr Thomas half mir weiter in der Gunst des Königs dadurch , daß er seine Blicke gnädig auf mir ruhen ließ – denn der König sah mit den Augen seines Kanzlers – und dadurch , daß er mir zuweilen ein scherzendes , sinnvolles Wort zuwarf , welches er in seiner Ehrerbietung an Herrn Heinrich nicht richten durfte und von welchem er doch wünschte , daß dieser es vernehmen möge . Das Wohlwollen des Kanzlers aber fiel mir zu an einem Tage da er und ich den Finger an den Mund legten . Im ersten Jahre meines Königsdienstes nämlich begab es sich , daß : Herr Heinrich an einem schwülen Sommernachmittage in seinem Gemache sich zum Schlummer gelegt hatte , als der Kanzler in dringenden Geschäften ihn aufsuchte . Ich trat Herrn Thomas entgegen und flüsterte , den Finger auf die Lippen legend : › Herrlichkeit , der König schläft ... ‹