“ „ So jung – und schon so bitter ? “ „ Erfahrungsreich wollen Sie sagen . “ „ Nein , das wollte ich durchaus nicht sagen ; ich müßte denn diese Erfahrungen doch erst kennen – von Ihrer Vergangenheit aber weiß ich sehr wenig . “ „ Es ist auch der Mühe gar nicht werth , sie näher zu besichtigen . “ „ Wenn ich mir nun aber doch diese Mühe nehmen wollte ? “ „ So würden Sie alsbald finden , daß Sie schon viel zu lange mit mir gesprochen haben . “ „ Ich könnte in diesem Augenblick leicht in den Fall kommen , Ihre Bitterkeit für Unhöflichkeit zu halten , die mir die Thür weist . “ „ Wenn Sie vielleicht wissen , daß ein armes , unbedeutendes Mädchen auch Tact haben kann , so brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen , daß eine solche Unhöflichkeit in diesem Augenblick nicht denkbar ist . “ Magdalene hatte während dieses Gespräches die linke Hand auf den Fenstersims gelegt . Sie stand halb abgewendet und bog nur den Kopf stolz nach dem Sprechenden zurück . An das , was er sagte , reihte sich ihre Antwort stets wie ein Blitz ; nur ihr Auge und ein jäher Farbenwechsel auf den Wangen verriethen ihr rasches Denken , ihre innere Bewegung , sonst blieb das Gesicht völlig ruhig . Die Seejungfer war indessen ängstlich hin und her getrippelt , dann und wann einen scheuen Blick auf die Sprechenden werfend . Magdalenens Haltung , ihre kurzen Antworten wollten ihr ganz und gar nicht gefallen . Wo , in aller Welt , nahm dies junge Ding den Muth her , dem Herrn , der so vornehm und in so seinem Rock vor ihr stand , so knapp und bündig auf Alles , was er sagte , zu dienen ? Die unglückliche alte Jungfer verstand von dem , was gesprochen wurde , nicht ein Wort . Es summte um ihre Ohren , bis das verhängnißvolle „ die Thür weisen “ ihr plötzlich Licht über Lenchens unseliges Beginnen verschaffte . Sie verließ eiligst das wohlthätige Dunkel hinter dem Kachelofen , das sie soeben aufgesucht , und sagte mit einem Anflug von Strenge , der aber sehr kläglich ausfiel : „ Ja , Lenchen , was fällt denn Dir ein , daß Du so grob bist mit dem Herrn ? “ „ Beruhigt Euch , Jungfer Hartmann , “ sagte Werner , gelassen lächelnd , während er das große , blaue Auge auf Magdalene richtete . „ Ich bin so eine Art Schatzgräber und lasse mich nicht so leicht zurückschrecken , wenn es sich darum handelt , Gold zu finden . “ Du lieber Gott , der sprach ja fast noch verwirrter , als das Leuchen ! … „ Ein Schatzgräber “ hatte er gesagt , einer der ’ s mit der schwarzen Kunst hielt ! … Arme Seejungfer ! ihr wirbelte der Kopf , und sie zog sich schleunigst in ihr Versteck zurück , denn ihre Prüfung war noch nicht am Ende . „ Wenn Sie Gold suchten , mein Herr , “ nahm Magdalene das Wort , und ein ironischer Blick glitt über das enge Stübchen mit der verräucherten Decke und den getünchten Wänden , „ so werden Sie sich nun wohl überzeugt haben , daß Ihre Wünschelruthe den Ort schlecht angezeigt hat … Indeß , die Sage wird Ihnen vielleicht nicht unbekannt sein , daß dies Kloster unterirdische Gänge hat , in denen die zwölf Apostel , massiv von Silber , versteckt liegen , bis ein glücklicher Finder sie an ’ s Tageslicht bringt . … Wenn ich Ihnen rathen dürfte … “ „ Ich danke Ihnen für den freundlichen Wink . Da ich jedoch bis jetzt nicht den mindesten Appetit nach diesen todten Schätzen hege , so werde ich mich an den Apostel halten , in dessen wundervoller Lehre mir ein neues Leben aufgeht , der zu allen Zeiten die Welt durchstreift und liebliche Botschaft bringt . Er entzündet plötzlich ein strahlendes Licht in den armen Menschenkindern , die bis dahin in Blindheit wandelten . “ [ 580 ] Die Seejungfer dachte in ihrer dunklen Ecke , das sei geradezu gottlos gesprochen ; denn die zwölf Apostel , die jeder Christenmensch schon in der Schule auswendig lernen müsse , seien längst im Himmelreich , und Zeichen und Wunder geschähen nicht mehr . Sie hütete sich indeß wohlweislich , ihre Selbstbetrachtungen laut werden zu lassen , und begnügte sich , in ihrer Aufregung mittelst des Schürzenzipfels die dicke Rostschicht von dem alten Kirchenschlüssel abzureiben – eine Restauration , die sie später , bei ruhigem Nachdenken bitter bereute , denn sie kostete eine frische Schürze . Magdalene sah den jungen Mann an , als er so mit tiefer , wohlklingender Stimme sprach . Aus seiner mehr breiten , als hohen Stirne , die aber glatt und fest wie von Erz sich wölbte , lag eine merkwürdige Klarheit und Ruhe ; das ganze übrige Gesicht trug dasselbe Gepräge , und nur ein leises Zucken der sehr beweglichen , seinen Nasenflügel und ein leichten Beben der festgeschlossenen Kippen ließen dann und wann einen erhöhten Wellenschlag in seinem Inneren vermuthen . Auch jetzt erschien jener eigenthümliche Zug , begleitet von einem seltsamen Aufleuchten seiner Augen , und Magdalene , die durchaus , trotz alles Nachdenkens , den Sinn seiner Worte nicht zu erforschen vermochte , fand in dieser einen Bewegung den Schlüssel zu seinen Reden – es war Spott , abscheulicher Spott . Er sprach absichtlich in nebelhaften Bildern , auf die sie nichts erwidern konnte , um sie für ihre ersten , raschen Antworten büßen zu lassen . Ihr südliches Blut wallte auf . Sie wandte sich hastig und unmuthig ab und sagte , indem sie die kleine , naseweise Weinranke von draußen abriß : „ Ihr Apostel scheint sehr parteiisch zu sein , was seine Gnadenbeweise betrifft . An unserem armen Kloster wenigstens ist er bis jetzt vorübergegangen , und doch thäte gerade hier