Heldin im Roman nach einem Herzenssturm , wie ihn Marie erlitten , bleich , angegriffen und deshalb um so interessanter erscheint . Ich kann jedoch mit dem besten Willen diesen Brauch nicht berücksichtigen , wenn ich wahr sein will . Maries Gesundheit war viel zu fest , ihre Jugendblüte zu kräftig , als daß eine schlaflose , durchwachte Nacht den Glanz ihrer Augen erlöschen und die rosige Frische auf ihren Wangen zerstören konnte – sie war nie schöner gewesen als heute . Aus dem braunen , raschelnden Laub auf den Rabatten nickten noch einige blaue , vom Wind geschonte Zwergastern ; die pflückte sie und trat dann durch die kleine Gartentür auf den Kirchhof . Wie gern aber wäre sie ebenso schnell geflohen und hätte sich hinter der Mauer geborgen , wenn es nur nicht gar so auffällig gewesen wäre ; denn seitwärts , den ziemlich steilen Bergweg herauf , kam die Schulzenfamilie , in der Mitte Frau Sanner und ihr Sohn . Alle erwiderten ihren ernsten Gruß sehr freundlich , nur Margarete ging ziemlich hochmütig an Josephs Seite vorüber . Oh , wie zuckte Maries Herz , wie bäumten sich ihre aufgeregten Gefühle gegen den schwachen Damm der Selbstbeherrschung ! ... Mit umflorten Blicken trat sie in die Kirche , wo ihr schon voller Orgelton entgegenscholl . Noch nie hatte dieser erhabene Klang seine Wirkung auf ihr Gemüt verfehlt , und so stieg sie denn auch jetzt , wunderbar schnell gefaßt und erhoben , die Treppe hinauf , die zum Chor führte . Der erste Choral war verhallt . Der Geistliche hatte die Liturgie gesprochen , und nun begann Marie den Psalm . Der erste Ton , glockenrein und voll , bebte von ihren Lippen . Der mächtige Widerhall ihres wirklich schönen Soprans wirkte erschütternd , aber auch begeisternd auf sie zurück , und sie schwebte , all ihr Leid vergessend , selig auf den Wellen des Gesanges , der ihr ja von jeher als das Herrlichste in der Welt erschienen war – sie sang einfach , aber tief ergreifend . Als der letzte Ton verklungen war , blickte sie auf ; aber im Innersten erbebend , senkte sie schnell den Blick wieder zu Boden und wandte sich zum Gehen . Nicht weit von ihr saß Joseph . Über die Brüstung geneigt , schien er alles um sich zu vergessen – sein Blick haftete unverwandt und glutvoll auf ihrem Gesicht – , wie tief bewegt waren seine Züge ! ... Was hätte sie nicht darum gegeben , wenn es ihr vergönnt gewesen wäre , noch einmal hinüberzusehen , um sich ganz gewiß zu überzeugen , ob dieser Blick auch wirklich ihr gegolten habe oder ob es vielleicht nur ein Spiel ihrer Einbildungskraft war . Aber sie mußte fort , mußte hinunter in die Weiberstühle , denn die Predigt begann bereits . Als sie nach Beendigung des Gottesdienstes aus der Kirchtür trat , eilte ihr auf dem Friedhof ein hübsches junges Frauenzimmer in städtischer Tracht entgegen und umarmte sie herzlich . Es war Anna , die einzige Tochter des Wirtes , die seit ihren Kinderjahren in der Stadt bei einer alten , kinderlosen , aber sehr vermögenden Muhme lebte , aus welch letzterem Grunde der Tannenwirt seine Tochter sehr gern bei ihr wußte . » Marie « , sagte Anna leise , aber dringend , » ich gehe jetzt gleich mit zu euch hinüber . Glaube mir , ich halte es nicht länger aus – monatelange Trennung ! ... Ich meinte schon , ich müsse vergehen vor Sehnsucht . « » Aber dein Vater ? « » Er weiß darum . Zwar brummte er gewaltig , wie immer , als ich ihm ankündigte , daß ich dich jedenfalls besuchen würde ; aber da die Muhme vorbat und erklärte , daß auch sie heute nachmittag zu deiner Mutter gehen wolle , da schwieg er ... Komm nur , komm ! ... Ich bin auf der Folter ! « Beide huschten in das Haus , und so konnte Marie nicht sehen , daß Margarete mit den Ihrigen und Frau Sanner allein nach Hause gehen mußte . Sie tat dies mit einem schmollenden , mürrischen Gesicht und wandte sich oft zurück nach dem Kirchhof , wo Joseph anscheinend sehr eifrig die Inschriften der Leichensteine studierte . Nachmittags waren Anna und ihre Muhme bei der Schulmeisterin . Anna hatte den kleinen Pflegling auf dem Arm und sprang singend und lachend mit ihm in der Stube herum . Die Muhme und Frau Lindner saßen gemütlich plaudernd am Fenster , und letztere war zum erstenmal nach langer Zeit ganz vergnügt und aufgeheitert . Es tat ihrem Herzen unendlich wohl zu sehen , daß es Leute gab , die an ihre Unschuld glaubten und dies ungescheut an den Tag legten . Draußen zogen die Burschen und Mädchen unter schmetternder Musik und unaufhörlichem Juchheschreien nach dem Tanzboden ... Na , das gab eine Pracht ! Die Tanzjungfern strahlten förmlich mit ihren goldenen Ketten , Nadeln , reichgestickten Mützenstückchen , so daß die kleine Christel entzückt meinte , man könne gar nicht lange hinsehen , denn es flunkere einem ordentlich vor den Augen . Am prächtigsten und in den Augen der Ringelshäuser am schönsten aber war die rotbackige Schulzens Margarete . Die schritt einmal stolz daher im seidenen Kleide und von zahlreichen Haubenbändern umrauscht , die an Schwere und Breite alles übertrafen , was Ringelshausen jemals in seinem Bereiche gesehen . Joseph ging an ihrer Seite . Sie blickte lächelnd und vertraulich zu ihm auf ; aber er schritt so still und einsilbig dahin , daß sie sich endlich unwillig abwandte . » Schulzens können sich über den künftigen Schwiegersohn freuen « , sagte die alte Muhme , indem sie dem Paar nachsah . » Ich kenne die Frau Sanner recht gut – sie besucht mich öfter und ist eine ganz prächtige Frau ... Da steckt ein Vermögen ! Ich glaube , die weiß selbst nicht , wieviel sie hat ... Der Joseph ist ein bildschöner , grundgescheiter Mensch