der letzten Stunden fast nicht mehr begriff . Weshalb sich einem schiefen Urtheile aussetzen , wenn man sich bewußt ist , nicht einmal in Gedanken gesündigt zu haben ? Und um welche Gemeinheit handelte es sich ! All ’ den allerliebsten Skandalgeschichtchen , die auch jetzt von Mund zu Mund schlüpften , hing man mit feinem , verständnißinnigem [ WS 1 ] Lächeln „ das seidene Mäntelchen “ um – es waren ja insgesammt noble Passionen und Verirrungen , die man geißelte , bei dem Verdachte eines gemeinen Attentates auf den Geldschrank des Schloßmüllers aber ließe sicher alle diese Leute den ohnehin in ihren Kreis Eingeschmuggelten gnadenlos fallen . … Allerdings durfte er sich jetzt nicht mehr damit trösten , daß sein Verschweigen Niemand schade ; es drohte scheidend zwischen zwei Menschen zu treten , die bereits durch den Verlobungsring an einander gekettet waren – bah , Flora war ein exzentrisches Wesen ! Bei der nächsten Auszeichnung , die Bruck zu Theil wurde – und die konnte bei seinen Verdiensten , seinem Wissen nicht ausbleiben – , besann sie sich eines Bessern . … Er schlürfte ein Glas köstlicher Bowle , und das spülte die letzte Scrupel gründlich weg . 3. Der Schloßmüller hatte in der That seine Enkelin , Katharina Mangold , testamentarisch zu seiner Universalerbin ernannt und den bereits von ihrem verstorbenen Vater für sie bestellten Vormund auch seinerseits bestätigt . – Dieser Vormund war der Kommerzienrat Römer . Bei der Eröffnung des Testamentes war diesem doch sehr wunderlich zu Mute gewesen , und er hatte den Kopf geschüttelt über die Widersprüche , die ungeahnt in der Menschenseele neben einander liegen . Der alte Mann , der ihn in dem jähen Wahne , er wolle ihn seines Goldes berauben , nahezu erwürgt , hatte ihn kaum eine Stunde zuvor bezüglich der Verwaltung des Vermögens mit beinahe unumschränkter Vollmacht betraut . Er hatte verfügt , daß , falls die beabsichtigte Operation seinen Tod nach sich ziehe , sofort sein gesammter Besitz an Liegenschaften , [ WS 2 ] mit Ausnahme der Schloßmühle , verkauft werde . In Betreff dieser Ausnahme hatte er bemerkt , die Mühle habe ihn zum reichen Manne gemacht , und seine Enkelin , selbst wenn sie „ so stolz und hochnäsig , wie ihre Stiefschwestern “ geworden sei , brauche sich nicht zu schämen , sie ihrem künftigen Ehemanne mitzubringen . Das Rittergut sollte zerschlagen , die Waldungen , Ländereien und die Wirthschaftsgebäude inmitten der weiten Gras- und Gemüsegärten je einzeln an den Meistbietenden veräußert werden ; bezüglich der Villa und des dazu gehörigen Parkes solle jedoch der Kommerzienrat Römer , sofern er darauf reflectiere , die Vorhand haben , und sei ihm der Besitz mit fünftausend Thalern unter dem Taxwerth zuzuweisen . Diese fünftausend Thaler habe er nicht allein als Entschädigung für seine vormundschaftliche Mühewaltung , sondern auch als ein Zeichen der „ Erkenntlichkeit “ des Testators anzusehen , da er sich niemals hochmüthig , wie „ die Anderen in der Villa “ , sondern weit eher wie ein anhänglicher naher Verwandter bezeigt habe . Ferner sollte auf Grund des Testamentes das Gesammtvermögen in Staatsobligationen und anderen soliden Papieren angelegt und die Wahl derselben dem Ermessen des Vormundes , als eines tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmannes , überlassen sein . Die junge Erbin lebte seit sechs Jahren entfernt von der Heimath . Ihr sterbender Vaters hatte sie der Gouvernante , einem Fräulein Lukas , übergeben , welche die Erziehung des Kindes seit dessen erstem Lebensjahre in den Händen gehabt und in der That Mutterstelle an ihm vertreten hatte . Banquier Mangold hatte sehr wohl gewußt , daß er seinen Liebling , der sich stets scheu von den weit älteren Stiefschwestern ferngehalten , dieses Schutzes nicht berauben dürfe , und deshalb verfügt , daß Katharina mit nach Dresden gehen solle , wo die Erzieherin nach langjährigem Brautstand mit einem Arzte gerade um jene Zeit ihren eigenen Hausstand begründete . … Das junge Mädchen hatte in ihren Briefen an den Vormund nie den Wunsch ausgesprochen , die Heimath wiederzusehen ; ebenso wenig war es ihrem Großvater , dem Schloßmüller , eingefallen , sie je zurückzufordern ; er war damals vollkommen mit ihrer Uebersiedlung nach Dresden einverstanden gewesen , weil ihr Anblick den Gram um das einzige Wesen , das er geliebt , um seine Tochter , stets erneute . Nun , nach seinem Tode , hatte der Vormund ihre Rückkehr auf einige Zeit gefordert ; er hatte ihr zugleich mitgetheilt , daß er sie selbst mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit , Ende April , abholen wolle , weil – was er selbstverständlich verschwieg – die Präsidentin Urach sich entschieden gegen eine etwaige Begleitung der ehemaligen Gouvernante verwahrte . Die Mündel war mit allem einverstanden gewesen , und hatte ihn nur auf seine Frage , ob sie bei Ausführung der testamentarischen Bestimmungen irgend einen persönlichen Wunsch habe , dringend gebeten , bei Verpachten der Schloßmühle die große Eckstube nebst Alkoven zu reservieren und beide Räume genau zu belassen , wie sie zu des Großvaters Lebzeiten eingerichtet gewesen seien . Das war geschehen . – – Es war im Monat März , da kam eine junge Dame von der Stadt her . Sie ging auf der Chaussee , die mit den letzten vereinzelten Ausläufern der Straße , hübschen , kleinen Landhäusern , zu beiden Seiten besetzt war , und bog in den breiten Fahrweg ein , der nach der Schloßmühle führte . Noch war das Schmelzwasser des letzten Schneefalles nicht ganz versickert ; es stand in den breiten Furchen , welche die Räder der Mühlenwagen gewühlt hatten , und in den tiefeingedrückten Spuren der vielen Sohlen , die hier verkehrten ; aber die schlanken Füße des junge Mädchens steckten in festen Lederstiefelchen , und das schwarze Seidenkleid war so hoch aufgeschürzt , daß der elegant bordierte Saum mit dem triefenden Geröll nicht in Berührung kam . Es war durchaus keine Elfe oder Sylphide , das Menschenkind , das so kräftig und sicher dahergeschritten kam , weit eher eine Gestalt