, deutete mit dem Arm zurück nach dem Pavillon und verschwand im Hintergrund der Halle . Dies Alles hatte Lilli wie erstarrt mit angesehen ; aber nun haschte sie angstvoll nach den Flügeln der Jalousie und zog sie heran , denn der Schwarze stürzte wie wütend die Terrassentreppe herab . Sie hatte eben mit unsicheren Händen die Riegel vorgeschoben , als draußen der Kies unter seinen Schritten kreischte ; er schlug mit der Faust gegen den Laden , daß das alte Holz dröhnte , und stieß in gebrochenem Deutsch einen Schwall von Flüchen und Verwünschungen hervor . Die Finger des jungen Mädchens umschlossen krampfhaft den untern Riegel und drückten ihn nieder . Dicht neben ihrem Ohr , durch die Spalten der Jalousie klang die heisere Stimme des zornigen Schwarzen , sie meinte , seinen Atem im Gesicht zu fühlen . Ein unsägliches Grauen bemächtigte sich ihrer , aber sie harrte bewegungslos aus auf ihrem Verteidigungsposten . Zum Glück wurde ihr Heldenmuth auf keine weitere Probe gestellt . Eine befehlende Männerstimme , die aus den Lüften , vermuthlich vom Turm herab scholl , berief den Neger in das Haus ; er verstummte sofort und entfernte sich mit hastigen Schritten . Es war das erste Mal in ihrem Leben , daß sich das junge Mädchen sagen mußte , es habe eine Unannehmlichkeit für Tante Bärbchen herbeigeführt . Jeder Nerv an ihr hatte gezittert bei dem Geschrei des Tobenden , das sicher bis in das Schlafzimmer der Hofrätin gedrungen war , … und morgen , ja morgen rächte sich der Blaubart voraussichtlich auf eclatante Weise , weil man versucht hatte , in sein Geheimniß einzudringen … Sie verließ den Pavillon unter bitteren Selbstvorwürfen und huschte nach dem Hause zurück . Sauer und Dorte standen mit nicht zu verkennender Wißbegierde und langen Hälsen auf einer Gartenbank und versuchten , dem unüberwindlichen Zaun ein Stückchen Einblick abzuringen ; [ 436 ] der Lärm in Nachbars Garten war offenbar sehr interessant für die beiden alten Lauscher gewesen . Sie kehrten Lilli den Rücken zu , und so konnte sie ungesehen durch die Hausflur in ihr Zimmer gelangen . Jetzt schloß sie freilich schnell Laden und Fenster , steckte sogar die buntkattunenen Vorhänge übereinander und vergrub die Augen tief in die Kissen . Der Angstschrei der fliehenden Frau und die Verwünschungen des fürchterlichen Schwarzen drängten sich noch in ihre Träume ; sie hatte vorläufig genug von den Herrlichkeiten da drüben . Wo aber waren sie hin , alle die Schreckbilder der Nacht , als Lilli am anderen Morgen in den Garten trat ? Geflohen vor dem Sonnenlicht , das unerbittlich wie die ewige Wahrheit mit feurigem Schwert die Ausgeburten des Dunkels , die zweifelhaften Gebilde des halben Lichts verjagt . Da drüben hob der Turm sein Zinnengeländer wie eine klare , goldgewebte Spitze in das tiefe Blau des Morgenhimmels . Der Sonnenstrahl tummelte sich auf den bunten Glasscheiben so lustig und harmlos wie auf Tante Bärbchens Stubenfenstern ; das sah nicht aus wie Kerkerwände , in denen das Verbrechen haust . Jenseit des Zaunes , wie hier funkelten die Tautropfen sonnenklar und rein an den Blattspitzen , und der Buchenwald hauchte seinen herzstärkenden , morgenfrischen Duft unparteiisch über beide Gärten … Ach , wie erquickend strömte es durch die weit offene Tür in die Hausflur , und wenn man hinausschritt auf die tief ausgetretenen Steinstufen vor der Tür , wie lag das Tal paradiesisch drunten , tief eingebettet zwischen den waldigen Bergen , blühend , und rosig angehaucht vom Frühlicht , wie ein Kind in der Wiege , das seine jungen Augen nach süßem Schlummer lächelnd öffnet ! Alle Befürchtungen und Aengste waren wie weggewischt aus Lilli ’ s Seele ; nur die wundervollen Cellotöne klangen noch nach in ihr , sie hatten ihr den Eindruck gemacht , wie ein Blick aus tiefen , schwermütigen Augen . Sie ging nach der Laube , in der bei schönem Wetter stets gefrühstückt wurde . Auf dem langen Kiesweg vor dem Eingang derselben wandelte Tante Bärbchen langsam auf und ab . Sie zupfte hier und da ein naseweises Unkraut aus den Gemüsebeeten , oder hob den Zweig eines Johannisbeerstrauches in die Höhe und betrachtete die Träubchen , die noch ziemlich unentwickelt , aber in unglaublichen Massen daran hingen ; ihr Johannisbeerwein war berühmt bei Freunden und Bekannten . Drin auf dem weißen Gartentisch der Laube lag das aufgeschlagene neue Testament ; sie hatte also , wie sie seit vielen Jahren gewohnt war , ihr Morgencapitel hier gelesen . Den nächtlichen Vorfall erwähnte sie mit keiner Silbe , wahrscheinlich hatte sie ihn verschlafen , desto besser ; aber da kam Dorte mit dem Frühstück … wehe , die steifen Bindebänder ihrer weißen Leinwandhaube hingen aufgelöst über dem Rücken ! Das war stets ein Zeichen , daß es ihr von innen heraus warm geworden war ; das heißt , sobald sie sich ärgerte und ereiferte , riß sie die zierlich geknüpfte Schleife unter dem Kinn auf , warf die Bänder kühn nach hinten , stemmte den rechten Arm auf die Hüfte , und die Sturmcolonne war fertig . Ihr Morgengruß klang so alterirt , daß die Hofrätin sich lächelnd erkundigte , ob sie schlecht geschlafen habe . „ Ach , Sauer ist wieder einmal so bockbeinig ! “ entgegnete sie grollend und stellte mit unsicherer Hand die Tassen klirrend auf den Tisch . „ Der denkt auch , weil er die Dorfzeitung mithält , er ist nun auch der Gescheidteste , und ein Anderes darf nicht mucksen . … Und wahr ist ’ s doch , das laß ich mir nicht nehmen ! Die Geschichte ist in Erfurt passirt , und meine Frau Pate war aus Erfurt , die hat sie mir erzählt , und die log nicht . Das war eine Frau , so resolut , vor der konnten zehn Männer wie Sauer nicht aufkommen … Da soll in Erfurt ein General gewesen sein , das war ein wahrer Unmensch . Er hat von früh bis in die Nacht gespielt und