wohl gar nicht gehört , Herr Markus ? « fragte Frau Griebel , die eben eingetreten war und das Kaffeebrett auf den Sofatisch niedergesetzt hatte . » Und mein Porzellan hat doch mehr , als sich gehört , geklirrt und geklappert ... Sie guckten ja aber auch so verbissen da ' nüber an die Wand , als hätten Sie sich meiner Treu in die Selige verliebt ! « Er lachte und stand auf . » Bis über beide Ohren , Frau Griebel ! Die wär ' s gewesen , gleichviel , ob alt oder jung ! « » I , machen Sie doch keine Streiche , Herr Markus ! « – Sie hielt im Abwischen der Tischplatte inne , wandte schwerfällig den Kopf nach ihm zurück und sah fast böse aus . – » Solch ein Spittelweibchen ! – Von der Ferne sah sie wohl manchmal noch rot und weiß aus wie eine Apfelblüte , aber runzelig war sie doch wie Backobst – der Krauskopf da war schlohweiß geworden , und befehlen tat das schmächtige Frauenzimmerchen zuletzt wie ein General ! « 4. Herr Markus hatte seinen Aufenthalt im Hirschwinkel ursprünglich auf höchstens drei Tage festgesetzt . Er wollte nach der unerläßlich gewordenen Besichtigung des neuen Besitzes eine Wanderung durch den Thüringer Wald bis nach Franken hinein machen ... Nun waren aber drei Tage nach seiner Ankunft verstrichen , und es fiel ihm nicht ein , seine beabsichtigte Reise anzutreten , so wenig , wie er jetzt noch daran dachte , das ferngelegene , ihm unbequeme Gut zu verkaufen , wozu er daheim fest entschlossen gewesen war . Um keinen Preis wäre ihm jetzt der reizende Erdenwinkel feil gewesen , der ihn so heimisch umfing , als sei er in dem alten , trauten Gutshause geboren . Er bewohnte das Erkerzimmer und ein rechts daranstoßendes Schlafgemach . Die Zimmerflucht linker Hand dagegen , die mit dem Arbeitszimmer des verstorbenen Oberforstmeisters begann und in das Laboratorium auslief , wurde nach sorgfältiger Lüftung wie ein Reliquienschrein wieder unter Verschluß gelegt und sollte nie benutzt werden , wie der Gutsherr zu Frau Griebels großem Ärger anordnete . Er kam sich vor wie ein Einsiedler , der sich auf einen einsamen Berggipfel zurückgezogen hat und kaum noch weiß , daß zu seinen Füßen die Brandung des Menschenverkehrs weiter tost , weil er sie nicht mehr hört . So still war es auch im Gutshause . Alles , was zur Landwirtschaft gehörte , war in dem zweiten großen Hof , hinter dem saubergehaltenen , kiesbestreuten Platz untergebracht , auf welchen die Stufen der Haustür führten . Da vorn durften nur die verwöhnten Truthühner umherstolzieren , das buntbemalte Taubenhaus und ein vollästiger Birnbaumwipfel stiegen in die Lüfte , und Sultans Hundehütte stand an dem Torweg wie ein Schilderhäuschen ... So rührig auch Frau Griebel auf ihrem Wirtschaftsposten war , im Vorderhause duldete sie kein geräuschvolles Hantieren , kein Türenschlagen von seiten der Leute , und draußen vor den Fenstern war es noch stiller . Wunderselten einmal geschah es , daß Weiber mit einem Reisigbündel auf dem Rücken oder ein Trupp beerensuchender Kinder auf dem Wege dahinschritten , der den Rasenfleck vor dem Gutshause durchschnitt . Allerdings war es nicht das Wohlbehagen einschließlich , was Herrn Markus auf dem Gute festhielt – es traten auch zu erledigende Geschäftsfragen an ihn heran . Eine längst geplante Eisenbahnlinie , die auch den Hirschwinkel berührte , sollte nunmehr in Angriff genommen und abgesteckt werden . Diese Angelegenheit machte verschiedene Schreibereien nötig . Der Schienenweg bedrohte das beste Stück Ackerland , während er doch nach Pächter Griebels Ansicht ebensogut durch den minder wertvollen Wiesengrund laufen konnte . Herr Markus hatte sein neues Gebiet bereits nach allen Seiten hin beschritten . Wohin er auch kam , überall fand er die musterhafteste Bewirtschaftung und das sichtliche Bemühen , die Güte des Bodens wie ein Kleinod zu behüten . Als Ausläufer dieses fruchtbaren Geländes lag freilich das Vorwerk da wie ein angesetzter ärmlicher Flicken . – » Solange die Frau Oberforstmeisterin noch lebte , sahen die Grundstücke immer ganz leidlich aus , « sagte Peter Griebel ; » der Amtmann hatte einen heillosen Respekt vor unserer alten Dame und ging deswegen gar oft selbst hinter dem Pfluge her . Dazumal hatte er noch einen Knecht ; der ist nun aber auch gleich nach der Magd fortgelaufen , und beim Amtmann hat sich das Alter eingestellt – er geht am Stocke . Von Feldarbeit wär ' keine Rede mehr , wenn sich nicht der Forstwart drüben im Grafenholz erbarmte . Der stammt aus dem Ort , wo der Amtmann früher die fürstliche Domäne in Pacht gehabt hat ; da ist er Taglöhnerjunge gewesen und scheint an seiner alten Herrschaft zu hängen , denn das bißchen freie Zeit , das ihm sein schwerer Dienst übrig läßt , bringt er auf den Vorwerksäckern zu , und – da mag nun seine Frau sagen , was sie will – die fremde Magd hilft tüchtig mit . « Bis in die Nähe der Vorwerksgebäude war Herr Markus noch nicht gekommen . Es war seine Absicht , den letzten Willensausdruck der verstorbenen Gutsherrin zur Geltung zu bringen , wenn das Schriftstück auch im Strickbeutel statt bei der gesetzlichen Behörde gelegen hatte und durch keinerlei Zeugenschaft beglaubigt war . Aber er wollte das erst nach seiner Rückkehr in die Heimat schriftlich abmachen – es widerstrebte ihm völlig , mit dem Amtmann und » dem Erziehungsfräulein « in persönlichen Verkehr zu treten . Er sehnte sich überhaupt nach keinem Umgang in der Einsamkeit , die er zum erstenmal kennenlernte und auszukosten wünschte . Er war durchaus kein Übersättigter – das rauschende Leben der Großstadt hatte tausendfachen Reiz für ihn ; er gab sich ihren schönen Genüssen mit voller Seele hin , denn er war ja ein noch junger Mann , dem die Lebenslust mit dem gesunden Blut durch die Adern strömte ; aber nach all dem aufregenden Treiben des verflossenen Winters und dem geräuschvollen Arbeitsgetöse in seiner Fabrik fand er es köstlich