« wenn Klagen über meinen unregelmäßigen Schulbesuch einliefen , welches unerhörte Verbrechen , wie man mit sittlicher Entrüstung erklärte , einzig und allein meinem heimlichen Umherstreifen in Wald und Flur und auf den Ufern des Rheins zuzuschreiben sei . In solchen Fällen behauptete er kaltblütig , bereits in meiner allerfrühesten Kindheit eine große Vorliebe für die Natur an mir entdeckt zu haben , eine Vorliebe , die , wenn man sie nicht gewaltsam unterdrücke , von bedeutender Tragweite für meinen ganzen künftigen Lebensberuf werden könne , und daß höchst wahrscheinlich ein hervorragendes Genie in mir verborgen sei . Er bedauerte dann auch wohl , daß die Leiter der Schulen nicht besser verstanden , die Jugend durch das Baud der Liebe an sich und die Bänke zu fesseln , und verfehlte nie , hinzuzufügen , daß er selbst zu seiner Zeit der nichtswürdigste Galgenstrick gewesen sei , und es dennoch bis zum Oberstlieutenant und zum eisernen Kreuze gebracht habe . Gegen derartige schlagende Beweise ließ sich freilich nichts einwenden ; die Leute gingen , doch glaube ich nicht , daß sie einen sehr hohen Begriff von der Erziehungsmethode des alten Kriegers mit fortnahmen . Unter solchen Umständen konnte es nicht fehlen , daß ich mit innigster Liebe an meinem Vormunde hing und ihm zu Gefallen , wer weiß was hätte aus mir machen lassen . Leider sah ich ihn nur selten , indem ich der Schule wegen in der Stadt wohnte , während er , mit dem Posten eines Oberförsters betraut , an einem der anmuthigsten Punkte des Siebengebirges sein Domicil aufgeschlagen hatte . Ich brachte indessen , zur größten Genugthuung meiner sparsamen Pensionsvorsteherin , stets die Ferienzeit bei ihm zu , und beobachtete sehr strenge das zwischen uns stillschweigend getroffene Uebereinkommen , ihm erst am Tage meiner Abreise nach der Stadt und schon mit der Mütze in der Hand , meine Censur zur gefälligen Unterschrift zu überreichen . Der gute , alte Vormund , durch seine Nachsicht und Milde bin ich wahrhaftig nicht schlechter geworden . Leider , leider war er nur zu bejahrt , als daß ich hätte hoffen dürfen , ihn bis in mein reiferes Alter hinein als meinen Katechismus betrachten zu können . Ja , er zählte damals , als ich zur Universität abging , bereits einundsechszig Jahre ; doch mochte die Zeit seine spärlichen Haare und den mächtigen Schnurbart hagelweiß gefärbt haben , mochten Runzeln sein ausgewettertes , gutes Gesicht nach allen Richtungen hin durchkreuzen und die männliche Fülle der Glieder allmälig einer mumienartigen Hagerkeit gewichen sein , eine straffere Haltung und einen festeren Schritt hätte man bei einem jungen Gardelieutenant nicht finden können . Dabei blitzte das eine graue Auge – das andere war ihm bei Jena von einem » unvorsichtigen Granatsplitter « ausgeschlagen worden – so jugendlich und doch so wohlwollend unter der buschigen , roth und weiß gemischten Braue hervor , und klirrten die Sporen – er hatte bei der Kavallerie gestanden – so lustig an seinen Stiefeln , und prangte das schönste aller Ehrenzeichen so stattlich auf seiner hohen , breiten Brust , daß der leibhaftige Kriegsgott Mars über den alten Helden in Extase hätte gerathen können , und die selige Bellona sich nicht gescheut haben würde , ihn persönlich an den Pforten des Himmels mit einem derben Handschlag zu begrüßen und zu ihrem Adjutanten beim nächsten Manöver zu ernennen . Doch im Himmel wird ja nicht manövrirt , und damals befand sich mein lieber alter Vormund ja noch nicht in der Lage , die himmlischen Freuden für sich herbeizuwünschen . Er nahm das Gewisse für das Ungewisse und lebte so glücklich und sorglos auf seiner Oberförsterei , wie es seine Mittel nur immer gestatten wollten , und ihm zur Seite lebte ebenso glücklich und zufrieden seine bejahrte Gattin , eine herzensgute , alte Dame , der man vielleicht nur den einzigen Vorwurf machen konnte , daß sie die himmlischen Freuden zu sehr von der strengen Beobachtung irdischer kirchlicher Formen abhängig glaubte . Sie war Katholikin , betrachtete die Geistlichkeit als etwas Ueberirdisches , glaubte an Wunder und betete und beichtete sehr viel , obwohl sie kaum andere Sünden zu beichten hatte , als etwa , daß sie ihrem » Allen « hin und wieder einmal nicht rechtzeitig den brennenden Fidibus zu seiner stereotypen Morgenpfeife darreichte , oder in ihrem Eifer , Alles zugleich zu besorgen , die Milch überkochen ließ . Zu welchem Glauben der Oberstlieutenant sich bekannte , gab er vor , selbst nicht zu wissen . Er schwur aber darauf , an seinem Einsegnungstage mit einigen Kameraden über alle Berge gelaufen zu sein , in Folge dessen sein älterer , schon eingesegneter Bruder ihn habe vertreten müssen und zum zweiten Mal eingesegnet worden sei , während er , um die Sache nicht ruchbar zu machen , sich mit dem auf seinen Namen lautenden Konfirmationsschein begnügt habe . Trotzdem hoffte er sehr stark auf die ewige Seligkeit , um so mehr , da sein zweimal konfirmirter Bruder bei Jena gefallen war und , nach seiner festen Ueberzeugung , die kleine Verwechselungsgeschichte beim lieben Gott bereits rapportirt und zu Aller Zufriedenheit geordnet habe . Nach solchen Aeußerungen zu schließen , war mein Vormund also Protestant . Doch was er auch immer sein mochte , die Form der Gottesverehrung hatte nie Veranlassung zu Mißhelligkeiten zwischen den beiden ehrwürdigen Leuten gegeben . Der alte Herr ließ seine Gattin für sich mit beten , und dafür erlaubte er sich , – wie er sich sehr zart ausdrückte – gelegentlich für seine treue Ehehälfte ein kleines Donnerwetter unter das Hausgesinde zu dirigiren und auf diese Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen . Mein Vormund war also duldsam und liberal in Religionsangelegenheiten , und nachsichtig gegen Holzfrevler , namentlich wenn sie die Kriegsdenkmünze trugen und ihn , statt mit » Herr Oberförster , « » Herr Oberschleitnamp zu Befehl « anredeten . Bei aller seiner Güte und Nachsicht besaß er aber auch eine empfindliche Seite – was übrigens ganz natürlich und erklärlich – die man nur schief