. Sie hatte in ihrem Leben noch kein so prächtiges Zimmer gesehen , keine so reine Atmosphäre geatmet . Die Staatsrätin hieß sie , sich auf einen der grünen Damastdivans legen , was sie jedoch nur nach langem Sträuben und erst tat , nachdem sie ihre staubigen Stiefel ausgezogen hatte , ohne zu be ­ denken , daß dadurch ihre zerrissenen Strümpfe zu Tage kamen , und als nun die Staatsrätin mit einem freund ­ lichen „ Schlafe wohl , liebes Kind ! “ weggegangen und sie allein war , da brach eine Flut neuer Empfindungen über sie herein . Die Bitterkeit des eben Erlebten , die schmerzliche Freude über die Güte der Staatsrätin , der Zauber , den Pracht und Reichtum auf jedes Kinderherz üben , das Alles wogte in dem kleinen Kopfe wirr durcheinander . Die Einsamkeit in dem kühlen Gemach wirkte jedoch bald beruhigend auf sie . Das grüne Dunkel tat ihren ver ­ weinten , sonnengeblendeten Augen so wohl , sie fühlte sich so selig geborgen vor den bösen stechenden Blicken ; es war so kühl und still hier , so still , daß sie das Rauschen ihres eigenen Blutes zu hören glaubte . Sie dachte an ihre Plättstube und an des Vaters dumpfes Krankenzimmer daheim . Welch ein Unterschied war das ! Ach , hätte sie für immer hier bleiben dürfen ! „ Wie ist es möglich , daß Menschen böse sein können , die es so gut haben , und daß sie sich über ein armes Kind lustig machen können , das dies Alles entbehrt ? “ Aber die Frau Staatsrätin , der die Zimmer ge ­ hörten , die war doch gut , — ach , wie gut ! Aber so ganz anders , als Alle daheim , — so — wie nur ? So vor ­ nehm ! — Ja , zu Hause waren Alle mit ihr verglichen gemein — und Ernestine selbst war gemein , und wenn die Dame sie es auch nicht fühlen ließ , sie fühlte es doch und schämte sich auch vor der gütigen Frau . Und wenn diese Dame nun erst gesehen hätte , wie unge ­ zogen sie heute war , wie sie ihr Kleid abgerissen und mit Füßen getreten und Frau Gedike ein böses Weib ge ­ schimpft hatte . Sie wurde rot bei dem Gedanken und nahm sich vor , nie und in keinem Augenblick mehr so zu sein , daß die Frau Staatsrätin sie nicht sehen dürfte ! Das ästhetische Gefühl war plötzlich in dem Kinde erwacht , aber es flatterte noch wie ein scheuer Vogel hin und her ; von den Ihren fühlte es sich abgeschreckt , an die neue Umgebung wagte es sich nicht anzuschließen , weil sie ihm noch zu fremd war . Welch ’ ein innerer Adel sie vor Tausenden ge ­ wöhnlicher Kinder auszeichnete , dessen war sich die Kleine nicht bewußt , sie war nur tief zerknirscht über den Ver ­ gleich , den sie zwischen sich , jener Frau und jenen glän ­ zenden Kindergestalten , die sie so anmutig auf der Wiese umherschweben gesehen , anstellte und diese Zerknirschung , dieser Ekel vor sich selbst war eben der Beweis , wie fern ihrer jungen Seele das Gemeine , das Unschöne war , das man ihrer Außenseite anerzogen . — Über all diesen und ähnlichen Gedanken kam ihr der Schlaf , sie streckte sich auf dem weichen Lager behaglich aus . Das Klopfen ihres Herzens , der schmerzhafte Andrang gegen das Gehirn ließ nach und das allmälig schwächer werdende Sausen und Brausen in ihren Ohren sang sie , wie ein eintöniges , sanftes Schlummerlied , ein . — Vor dem Hause war indessen von nichts anderem die Rede , als von dem Kinde und seiner Familie . Man fand es unerhört , daß ein Freiherr von Hartwich seine Tochter so verwahrlosen ließ , man hatte ihn zwar nie für einen echten Aristokraten gehalten , denn seine Mutter war von niederer Herkunft , die sie auch dadurch bekundete , daß sie als Wittwe des alten Hartwich wieder in ihre kleinbürgerlichen Kreise zurückkehrte und den herunter ­ gekommenen , gleichfalls verwittweten Fabrikanten Gleißert ihrem adligen Sohn zum Stiefvater gab , daß sie die verschuldeten Fabriken des Gatten an sich kaufte und sie dem jungen Hartwich mit der Bedingung hinterließ , sie fortzuführen , was diesem sehr unlieb war . — Gleißert besaß einen Sohn aus erster Ehe Namens Leuthold , welcher studiert und seinem Bruder nicht viel Ehre ge ­ dacht haben sollte — es war derselbe , der hier bei ihm lebte . — Das Gespräch wurde unterbrochen durch die Ankunft eines ältlichen Herrn , der in einer bestäubten , aber eleganten Equipage vorfuhr . Eine Menge Ordensbänder zeigten , daß er eine bedeutende Stellung bekleide , aber daß sein Erscheinen noch von besonderer Wichtigkeit für die Frau des Hauses sei , bewies die Hast , mit der sie ihm entgegeneilte und das leise Zittern der Hand , die sie ihm entgegenstreckte . „ Vivat “ , rief er ihr entgegen , „ Ihr Johannes hat die erste Note bekommen — glänzendes Examen — seit zehn Jahren kein solches erlebt ! “ „ Gott sei Dank ! “ — hauchte die Staatsrätin aufatmend . „ Ja , ja ! “ — fuhr der freundliche Herr fort . „ Superber Junge — können sich gratulieren zu solch einem Sohn . Nicht eine Frage gefehlt — nicht eine ! Und mit einer Ruhe und Sicherheit geantwortet und ohne die leiseste Spur von Arroganz — Potz Tausend noch einmal — ich wollte , ich hätte geheiratet und hätte nun auch solch einen Sohn . — Na “ , sagte er , sich zu einem Knaben von ungefähr vierzehn Jahren , der mit ihm gekommen war , umwendend — „ wirst vielleicht auch einmal so — halte Dir nur den Johannes immer vor Augen . Sie erlauben doch meine Gnädige , daß ich Ihnen den Sohn eines verstorbenen Freundes , Ferdinand