und trat noch einmal vor des Vaters Bild , dann suchte sie ihr Lager auf . Aus halbem Schlummer erwachte sie jäh , sie hatte so deutlich die Stimme vernommen , die sie heute in der Kirche zum ersten Male gehört hatte ; mit raschem Herzschlag saß sie empor . Nein , es war kein Traum gewesen , was sie heute erlebt hatte ! Wie ein Sonnenblick fiel das freundliche Tun des Unbekannten in diese Welt voll Egoismus und Herzlosigkeit . Und nun blieb sie lange wach . Über das Gebirge zogen die Stürme des Spätherbstes , wehten Regenschauer aus grauen , fliegenden Wolken und schlugen prasselnd auf die welken Blätter des Waldes und gegen die Fenster der festen Menschenwohnungen . Franz Linden saß am Schreibtisch in dem Zimmer , das er sich im oberen Stock eingerichtet hatte , und seine Blicke flogen über die entlaubten Wipfel des Gartens zu den Bergen hinüber . So behaglich es bei einem Junggesellen nur sein kann , war es um ihn her – Bücher und Gewehrschränke , prasselndes Feuer im Kachelofen , gute Bilder an den Wänden , der leichte Duft einer feinen Zigarre , und trotzdem war es ein gar nicht 42 zufriedener Ausdruck , der auf seinem hübschen Gesichte lag . Einen großen Bogen voller Zahlen schob jetzt seine Hand beiseite und ergriff dafür ein Briefblatt , auf dem er rasch zu schreiben begann : » Mein alter Amtsrichter ! Wie würdest Du hohnlachen , könntest Du mich sehen in meiner deprimierten Stimmung ! Draußen regnet es und hier innen strömt die Flut von tausend verdrießlichen Gedanken auf mich ein . Ich bin dahinter gekommen , daß Landwirt zu spielen nur dann eine Freude ist , wenn man ein großes Portemonnaie sein eigen nennt . – Die Ausgaben wachsen mir fast über den Kopf , alles möchte erneuert werden . Na , das ist nun so , aber ich will Dir nichts vorklagen , ich habe anderseits unendliche Freude daran . Ich kann Dir nicht beschreiben , wie wahrhaft poetisch so ein Pirschgang durch die herbstlichen Wälder ist , den ich fast täglich mit der alten Juno unternehme , dank der Erlaubnis des königlichen Oberförsters , mit dem ich mich angefreundet habe . Und wie wonnig es sich dann heimkehrt unter das schützende Dach ! Aber Du prosaischster aller Menschen denkst hierbei wahrscheinlich nur an Rehrücken oder gebratene Krammetsvögel , und die Stimmung à la wilder Jäger kennst Du nur vom Hörensagen . Doch ich wollte Dir ja erzählen , wie recht Du hattest , als Du in bezug auf diesen Wolff ausriefst : 43 › hic niger est ! ‹ › Hüte dich , Römer , vor ihm – er ist ein Bösewicht ! ‹ Vielleicht ist das zuviel gesagt , aber jedenfalls ist er lästig . So schickte er mir gestern ein Konzertbillett und schrieb dabei : Platz 38 bis 40 sei von Familie Baumhagen vorbestellt – › ich empfing Nr. 37 ‹ – . Hinzugefügt hatte er , daß die Baumhagens die angesehensten und wohlhabendsten Patrizier der Stadt seien – also offenbar diejenigen , welche die erste Violine dort spielen . Du weißt , wie ich über sogenannte Geldsäcke denke – immer drei Meilen davon ! Na kurz , ich ärgerte mich und schickte ihm das Billett zurück mit dem Bemerken , daß ich der unmusikalischste Patron der Welt sei . – Er hat schon mehr derartige Attacken auf mich gemacht , vermutlich ist da eine Tochter . Um nun endlich zum Zweck meines Schreibens zu kommen – Du weißt , daß Wolff eine große Hypothek auf Niendorf hat , zu kolossal hohem Zinsfuß . Ich kann das einfach nicht zahlen und will die Hypothek kündigen – würde Deine Schwester zu mäßigen Prozenten sie übernehmen ? . . . Jede Auskunft steht Dir zur Verfügung . Was soll ich Dir noch erzählen ? – Apropos ! die Tante – Du hast ihr schmählich unrecht getan . Ich sah nie ein harmloseres , in sich selbst zufriedeneres Gemüt , wie diese alte Frau . Eine Nichte , die jährlich auf Besuch nach Niendorf kommt und von der sie hoch entzückt scheint , ihr zahmer 44 Stieglitz und ihre Papierblumenfabrikation sind ihre Welt . Sie fragte ganz ängstlich , ob ich ihr die Stube belassen würde , bis sie stürbe ? Was ich mit Wort und Handschlag gelobte . – Sie hat mir mancherlei berichten müssen aus des Onkels letzten Lebensjahren . Er war entschieden ein völliger Sonderling . Wolff sei jeden Tag bei ihm gewesen und habe mit ihm und dem Schulmeister Skat gespielt . Er hat sozusagen am Spieltisch geendet . Die alte Dame erzählte mit einer wahren Grabesstimme , daß er mit Schellenunter und Eichelneune in der Hand gestorben sei ; er habe gerade nach dem Null gesagt : › Bumm ! der liegt ! Ein Bombensolo ! ‹ – da war es vorbei . Ich glaube , sie graulte sich selbst bei diesem Bericht . Nachher will ich , trotz Regen und Sturm , nach der Stadt , um einige Besuche zu machen . Es muß ja doch einmal sein ! Den Verwalter nehme ich mit , er holt ein neues Gespann Ackerpferde , die er vor einigen Tagen dort gekauft hat . – Vielleicht sehe ich zufällig noch einmal meine unbekannte kleine Gevatterin , von der ich Dir neulich schrieb . Bis jetzt war mir das Glück nicht günstig . « Er fügte noch einige Grüße und seine Unterschrift hinzu und eine halbe Stunde später war er im tadellosen Visitenkostüm auf dem Wege nach der Stadt . Im Hotel angekommen , erkundigte er sich nach einer Reihe von Adressen und begann nun seufzend jener wunderbaren Sitte nachzukommen , 45 welche Dame Etikette als unerläßlich für die » gute Gesellschaft « vorschreibt : unbekannte Menschen mittags zu überfallen , und einige sehr banale Phrasen zu wechseln , um sich so bald als möglich wieder aus dem Staube zu machen . Gott sei Dank ! Es war