Kathrin solle zum nächsten Quartal definitiv gekündigt werden . Es zögerte sich mit dieser Kündigung freilich noch ein wenig hin , bis sie eines schönen Abends unter heftiger Entladung eines häuslichen Gewitters dennoch erfolgte . Die Großeltern waren an jenem Sonntag ausgebeten , und als sie gegen Abend zurückkehrten , um einige Stunden früher , als Kathrin gedacht – weil Großvater sich nicht wohl fühlte – , fanden sie auf dem braunen Ripssofa der Wohnstube einen riesigen Kürassier der benachbarten Garnison , dessen mit Kreide eingestäubter weißer Koller bei seinem schleunigen Rückzug einen großen Fleck auf dem dunkeln Bezug hinterließ , den Großmutter ein paar Minuten lang anstarrte , ehe ihre Empörung Worte fand . Kathrin stand indes ahnungslos in der Küche und briet Schweinefleischklößchen für den Schatz , die sie ihm , im Verein mit Kartoffelsalat , vorsetzen wollte . Sie entschuldigte sich sehr demütig , indem sie hervorhob , daß ihr das Kochen gar so schlecht gelänge , wenn ihr einer dabei auf die Finger gucke , und darum habe sie ihn geheißen , sich derweilen im Vorzimmer die Jagdbilder anzusehen . Sie habe sich doch nicht denken können , daß der Affe – wie sie sich lieblos ausdrückte – gleich so frech sein würde , sich aufs Sofa zu setzen . Gnädige Frau möge doch um Gottes willen nicht böse sein ! Er gefiele ihr so wie so nicht , und es solle nicht mehr vorkommen , und das Sofa wolle sie schon gründlich abbürsten . Aber so glatt ging ' s diesmal nicht ab . Die erzürnte Herrin 41 kündigte und beteuerte , daß es ihr überhaupt schon längst nicht mehr passe , sich über das Tanzbodenlaufen und Vordertürstehen der dicken Kathrin zu ärgern . » Ich versäume ja doch meine Arbeit nicht drum , « hatte diese hierauf verwundert entgegnet . » Es kann Sie doch ganz egal sein , gnä ' Frau , ob ich die Nacht schlafe oder tanze , wenn ich sonst meine Sachen ordentlich mache ? « Und mit dem Vorwurf , daß sie ja alle Wochen lang mit ihren Schätzen wechsle , kam die vorwurfsvolle Antwort : » Ja , was kann denn ich dafür , daß sie alle nichts taugen bei näherer Bekanntschaft ? « » Aber ich dulde so etwas nicht ! Ich will anständige Mädchen in meinem Hause haben ! « hatte Großmutter erklärt . » Nun , dann kann ich ja abziehen , « war die Antwort gewesen . » Ich bin nicht schuld daran , daß mein Vater kein Oberjägermeister nich war , und daß die Freier nich in die gute Stube kommen dürfen , um mich kennen zu lernen , und ich sie . Und Leute , die sie in meinem Interesse auf ' m Zahn fühlen , ob sie ordentlich sind oder nich , habe ich auch keine , das muß ich selbst besorgen , und anders als vor die Haustür oder auf dem Tanzboden habe ich keine Gelegenheit dazu . – Dann kann ich ja gehen zu Ostern . « Großmutter erzählte diese Antwort , halb belustigt , halb empört , bei Tische , und Großvater meinte seufzend : » Na , wenigstens ist sie nicht scheinheilig , und ihr Kartoffelsalat ist geradezu 42 großartig . Am letzten Ende – so unrecht hat sie nicht mit ihrer Lebensauffassung , sie untersteht anderen Sitten . « Aber da kam Großvater schön an bei der Großmutter . Durchaus nicht ! Das sei durchaus nicht der Fall ! Ob Dienstmädchen oder Fräulein , die Moral sei dieselbe , und sie dulde nicht dieses Gebaren . Ihres Wissens sei kein Knecht , kein Waldläufer und kein Bauernsohn in der ganzen Umgegend , der nicht schon auf der Heiratsliste der dicken Kathrin gestanden habe ; es sei zu arg , und sie müsse gehen . » Schön ! Sie muß gehen , Anita – es ist ja deine Angelegenheit ! « » Gewiß ! Und außerdem – ich fühle mich für die Moral meiner Mägde verantwortlich , « erklärte Großmutter . » Diese ist unverbesserlich , darum Schluß der Debatte und fort mit Schaden ! « Die dicke Kathrin war wie gebrochen in der nun folgenden Zeit . Onkel Leo , der gerade zum Besuch kam , meinte , sie wäre wie eine geknickte Lilie , und unser altes Flickdorchen schüttelte den Kopf , halb tadelnd , halb mitleidig . Aber Großmutter blieb fest . Sie sprach nur das Nötigste mit der Sünderin und ließ sich weder durch ihre geradezu verführerischen Mehlspeisen und Braten , noch durch ihr de- und wehmütiges Wesen rühren . Um diese Zeit grassierte eine bösartige recht ansteckende Grippe in der Umgegend und kehrte auch im Lenkwitzer Forsthause ein . Zuerst legte sich Großvater und dann , als er halbwegs auf der Besserung war , die Großmutter ; es wurde ein schweres Krankenlager . Bei mir daheim lagen Mutter und Schwestern , niemand von uns konnte die alten Leute pflegen , denn ich hatte alle Hände voll zu tun , und der Lenkwitzer Onkel , damals schon Witwer , vermochte auch nicht zu helfen , weil er ebenfalls die garstige Krankheit durchmachte . So sah ich denn stets mit Bangigkeit der Rückkehr meines Vaters entgegen , der täglich nach Lenkwitz fuhr , und atmete jedesmal auf , wenn er sagte : » Sie sind bestens verpflegt , die Kathrin opfert sich auf . Ich wollte , solcher Mädchen gäb ' s mehr ! Keine Nacht Schlaf , und immer auf dem Posten , und von einer Zartheit und einer Sanftmut – man kennt das Ungetüm gar nicht wieder . « 45 Als ich nach ein paar Wochen zum ersten Male wieder nach Lenkwitz kam , fand ich die lieben Alten schon nebeneinander im Sofa sitzend , die Füße sorglich in Decken gewickelt , vor sich auf appetitlich gedecktem Tischchen Bouillon mit Ei und gelbbraun gebratene Täubchen , alles schön zerteilt und zierlich hergerichtet , wie man es schwachen Kranken mundgerecht macht , und