Aermelaufschlag seiner Uniform und saß noch ein Weilchen , mit fest zusammengekniffenen Lippen ins Leere starrend . Endlich stand er auf . „ Das ist schon ein großes Unglück , wenn es reiche Leute trifft , Tante , aber hier hier - Ottilie hat Mutter immer unterstützt . Ich weiß nicht , wie es werden soll - - armes Mädel ! Arme Mama ! “ „ Wir Kerkows haben alle kein Glück , mein Junge - wenn man so denkt , wie es manchem in den Schoß fällt ! Ich muß immer Toni Ribbeneck ansehen und mich dabei fragen , wie der eigentlich jetzt zu Mute sein mag , nachdem sie vorgestern die Nachricht bekam , daß ihr Onkel gestorben und sie nun Herrin eines netten Vermögens geworden ist - so jung noch , höchstens siebenundzwanzig Jahre . Es giebt ein so sicheres Gefühl in der Welt , weißt du , “ fuhr sie fort , „ natürlich ! Findest du nicht , Heinz , daß sie jetzt eine sehr distinguierte Sicherheit zur Schau trägt , diese kleine Person ? Woran denkst du , Heinz , “ fragte sie ungeduldig den vor ihr Stehenden , und als er wie aus schweren Gedanken auffuhr , sagte sie , „ ich sprach von Toni Ribbeneck . “ „ So - ja - was sagtest du doch - daß sie geerbt habe - Kann froh sein , ohne Geld geht ' s eben nicht . Gute Nacht , Tante , den Brief lese ich oben , ich kann ja augenblicklich doch nichts thun . Habe Dank für deine Teilnahme ! “ In seinem Zimmer droben warf er sich auf ' s Sofa und stöhnte auf wie unter körperlichen Schmerzen . Vor seinen Augen stand so deutlich das Bild seiner Angehörigen weit von hier in der kleinen märkischen Stadt ; die Wohnung in der öden Gasse , bestehend aus drei Stuben , Küche und Vordiele im einstöckigen Hause des Krämers Busch , dessen Laden die Zimmer ausgiebig mit den Gerüchen des Materialgeschäftes versorgte . Die Wände des Fachwerkbaues etwas schief , die Tapeten billigster Sorte , alt , rissig und geschmacklos , und darin die erblindeten Mahagonimöbel . Im Salon ein verschossener großblumiger Teppich , im Wohnzimmer der Maltisch seiner jüngsten Schwester , die Luft erfüllt von dem Duft des Terpentins , dessen sie zur Porzellanmalerei bedurfte , am andern Fenster der Lehnstuhl der Mutter vor dem Nähtisch , auf dem bunte Wolle liegt und eine angefangene Arbeit , denn wie Hede für Geld malt , so stickt die Mutter für Geld . Lieber Gott , wie mochte es da aussehen seufzte er . Was mochte geschehen sein ? Ottilie , die blasse , stille , vernünftige Schwester . die für jeden einen guten Rat gehabt , für jeden von ihnen Hilfe und Trost , Ottilie wahnsinnig ! Er nahm den Brief , öffnete ihn und rückte die Lampe näher . Es war Hede , die schrieb , ganz zitterig die Hand und Thränenspuren auf dem Papier . „ Lieber Heinz ! Uns hat Schweres betroffen ! Wenn Du diesen Brief erhältst , weißt Du es schon , denn ich bat Doktor Allers , es Tante mitzuteilen , damit sie Dich vorbereite auf das Traurige . Die Details sind so schrecklich , Heinz , ich kann Dir nicht beschreiben , wie Ottilie aussah , als sie unser Zimmer vor vier Tagen betrat , so unerwartet , so unkennbar . Ihre Briefe waren bisher ganz vernünftig gewesen , es fiel uns zwar auf , daß sie stets darin von einem großen Glück erzählte , das sie erwarte . Wir fragten aber nicht , was es sei , gaben uns vielmehr der Hoffnung hin , daß sie sich vielleicht verloben würde . Sie hatte vor zwei Jahren einmal die Andeutung gemacht , als interessiere sich der Bruder der Frau Hennigs , bei der sie bis jetzt Gesellschafterin war , für sie , derselbe ist Bankier in Berlin und soll sehr reich sein . Es wäre ja ein großes Glück für uns gewesen . Nun , denke Dir unsern Schrecken , tritt sie am Dienstag plötzlich ins Zimmer , wo wir sie doch in Berlin glaubten , in einem ganz unmöglichen Rembrandthut , blaß wie der Tod , mit flackernden Augen und sagt , als ob wir sie erst gestern gesehen hätten ihr Bräutigam käme gleich nach , um sich das Jawort der Mutter zu holen , und in acht Tagen sei die Hochzeit , wir sollten ein Souper besorgen und den Champagner nicht vergessen . Dann wirft sie den Hut auf den Tisch , geht zu Mutters Servante und holt Tassen und Teller heraus , und wie Mutter , zitternd vor Entsetzen , ihr wehren will , wird sie wütend und zertrümmert die Scheiben des Schrankes , wirft alles vom Tisch und tobt , daß wir unsere Wirtsleute zu Hilfe rufen müssen - der Mann hielt sie fest , bis Doktor Allers kam ; der eine Wärterin holen ließ und - - - Ach , Heinz , wie grauenhaft ! - Vor zwei Stunden ist sie nach Halle übergeführt . Man redete ihr vor , sie solle nach Berlin reisen , wo ihr Bräutigam sie erwarte . Sie ging willig mit , sie sagte uns zärtlich , glückstrahlend Adieu , und wir sollten sie bald besuchen . Mama liegt im Fieber zu Bett vor Erschütterung , ich mußte Ottilie allein Fremden überlassen auf der entsetzlichen Reise , Mama ist so gebrochen , ich konnte nicht von ihr gehen . Heinz , was muß ihr angethan sein , daß sie so wurde ? Wird es sich je aufklären ? [ 027 ] Ein Brief von der Dame , bei der sie in Stellung war , teilt mit , daß sie heimlich davonging und in letzter Zeit bereits ein paarmal ganz ohne Grund in Wut geraten sei . Und nun , Heinz , sei nicht böse ! Die Oktoberzulage kann Dir Mama nicht schicken , wir haben schon