daß das kleine Waisenmädchen aus dem armen Tagelöhnerhause auch in ihrem Stande bliebe ; sie sollte später als Magd im Hause dienen , aber Frau Erving konnte und mochte es doch nicht verhindern , daß die drei Kinder zusammen spielten und sich zwischen den beiden Mädchen eine innige Freundschaft entwickelte , die mit den Jahren immer fester wurde . Der Knabe seinerseits hielt gute Cameradschaft mit den beiden Söhnen , die drüben im Schlosse emporwuchsen und die Baronin Derenberg liebte den blondlockigen Jungen so sehr , daß sie die Eltern bestimmte , ihn an dem Unterrichte ihrer Söhne theilnehmen zu lassen . So kam der kleine Friedrich aus der Dorfschule in das Lehrzimmer des freiherrlichen Schlosses , und es hat wohl schwerlich jemals einen dankbareren Schüler gegeben . Später , als die Derenberg ’ schen Söhne erwachsen waren und längst die große Tour im Auslande gemacht hatten , der Aelteste bereits das Besitzthum angetreten , das sein Vater ihm hinterlassen , und der Jüngere ein flotter Reiterofficier geworden war , auch da kamen sie immer gern einmal wieder in das alte Haus , um den Freund zu besuchen . Die kleine Lisette war indessen zur stattlichen Jungfrau herangewachsen ; sie besaß die sprüchwörtliche Schönheit der Müllerstöchter in vollstem Maße und konnte mit ihren großen Augen , die so tief und blau waren wie der See in den Derenberg ’ schen Forsten , Jeden so herzgewinnend anschauen . Mariechen war auch groß geworden , ein Prachtmädel , wie die Hausfrau sagte ; sie sprang und sang in Küch ’ und Keller umher und hatte dabei ein so neckisch – freundliches Wesen , daß man dem muntern Ding mit den rothen Wangen gut sein mußte . Sie durfte zwar jetzt die Spielgefährtin nur „ Mamsell “ und „ Sie “ anreden , aber heimlich kam doch das traute Lisett und Du wieder einmal über die Lippen , und gar manchen Sommerabend saßen sie eng umschlungen in der Jasminlaube dort unten am Wasser , wie sie es schon als Kinder gethan . Und in dieser Zeit war es , wo ein schweres Geschick über die Familie hereinbrach , so schwer , daß die gebeugten Eltern es kaum zu tragen vermeinten ; aus dem muntern Mariechen ward ein ernstes , stilles Mädchen ; es betraf ja auch das Kleinod des Hauses , die schöne Lisett . Das reizende Kind hatte zwar oft genug von ihrer sprüchwortkundigen Mutter den Reim gehört : „ Gleiches Gut , gleiches Blut , Gleiche Jahre giebt die besten Paare . “ aber wie konnte sie dessen gedenken , als wirklich die Liebe in das junge Herz zog , die von Rang und Stand so gar nichts wissen will . Und sie liebte zum erstem Male mit dem reinen vertrauensvollen Kinderherzen , und die Liebe , die ihr entgegengebracht wurde , war nicht minder ernst und heilig gemeint , als die ihre . Da griff eine Hand rauh und frevelnd in das eben erblühte Glück ; es war eine feine , schöne Frauenhand , aber sie riß die beiden Herzen so jäh aus einander , daß das eine seinen Wunden erlag – Lisett schloß ihre wundervollen blauen Augen nach einem kurzen , schweren Krankenlager für immer . Von Stund an wurden alle Beziehungen zwischen Mühle und Schloß abgebrochen , und wenn die trauernde Marie den jungen Gutsherrn an der Seite seiner schönen Gemahlin drüben am Waldwege vorbeisprengen sah , dann seufzte sie wohl leise in sich hinein : „ Sie ist ja aus dem leichtsinnigen Italien – wie kann sie wissen , wie einem deutschen Herzen zu Muthe ist , wenn es Jemand so recht innig lieb hat ? Aber die Vergeltung schläft nicht . “ – – Das war nun lange , lange her , und die Menschen , die damals in der Mühle gelebt hatten , waren längst todt . Marie [ 672 ] war alt geworden und bei den Ervings geblieben , geachtet und geliebt , als gehöre sie zur Familie . Friedrich Erving , der jetzige Besitzer der Mühle , der Neffe der schönen Lisett , hatte in ihr eine zweite Mutter gefunden , denn als seine Eltern früh starben , da nahm sie ihn an ihr sorgendes Herz und zog ihn zärtlich groß . Er war frisch herangewachsen unter ihrer Obhut , und als er eines Tages ein liebliches Weib heimführte , da trat sie dem jungen Paare auf der Schwelle der väterlichen Wohnung freundlich entgegen , und der junge Gatte legte ihr sein eben gewonnenes Kleinod herzlich in die Arme : „ Da , Muhme “ – denn so nannte er sie stets – „ nun hab ’ sie auch ein wenig lieb und ersetz ’ uns Beiden die Mutter ! “ So war es denn auch geworden . Und als nun gar die Muhme am Taufsteine in der alten Dorfkirche stand , ein Töchterchen des jungen Paares über die Taufe hielt und ein paar große blaue Kinderaugen zu ihr aufschauten , da fielen Freudenthränen hernieder auf das Bettchen der Kleinen , und ein heißes Dankgebet für all das Glück , das ihr beschieden , stieg zum Himmel auf . Die Kleine erhielt den Namen : Lieschen . Um diese Zeit brach die Katastrophe über die Bewohner des Schlosses herein und erschütterte die Herzen in der stillen Mühle – der jähe Tod des Baron Derenberg . Die Muhme saß schweigend vor ihrem Spinnrade und dachte , wie doch Gottes Mühlen so gerecht mahlen . Und als eines Tages ihr Liebling , das kleine vierjährige Lieschen , und noch ein ebenso kleines blondes Lockenköpfchen Hand in Hand über den Mühlweg getrippelt kamen , gefolgt von einem bildhübschen Jungen mit schwarzem Haare und trotzigen Augen , der verlegen an seiner kleinen Holzpeitsche spielte , da ging sie ihnen entgegen , nahm das süße Lockenköpfchen auf den Arm , und als die Kleine auf die Frage , ob sie oben auf dem Schlosse wohne , genickt hatte , da trug sie das Kind in die Wohnstube zu