hinüber . – Wir machen von den Zimmern des Erdgeschosses aus noch einen Rundgang durch die Räume des oberen Stockwerkes , inspizieren im Hof den historischen alten Kaleschwagen , in dem 1812 der damalige Oberst von Knesebeck die berühmte Reise nach Petersburg antrat , um dem Kaiser Alexander zuzurufen : » Krieg und wieder Krieg ! Die Quadratmeilen Rußlands sind die Rettung Europas « – und kehren dann in das Empfangs- und Familienzimmer zurück , dessen bequeme Polsterstühle zu einer kurzen Rast einladen . In diesem Zimmer pflegte Knesebeck auch in seinen alten Tagen noch , die Hände auf dem Rücken und den kurzen Sammetrock durch eine Schnur zusammengehalten , mit großen Schritten auf und ab zu gehen . Hier war die Arbeitsstätte seiner Gedanken , hier , wo er im besten Mannesalter sein Gehirn zersonnen hatte , wie Rettung zu schaffen und dem Feinde seines Landes , zugleich dem Feinde alles echten Lebens siegreich beizukommen sei . Und hier fand er es . Hören wir , was er selber darüber schreibt : » Die Karte von Rußland kam nicht von meinem Pult . Ich sah die unermeßliche Fläche , berechnete die möglichen Märsche des Eroberers , und siehe da , die beiden großen Alliierten Rußlands : der Raum und die Zeit , traten mit einer Lebendigkeit vor meine Seele , die mir keine Ruhe mehr ließ . Zur Gewißheit wurd ' es mir : so ist er zu besiegen und so muß er besiegt werden . « Wir alle wissen jetzt , wie praktisch-richtig das poetisch Geschaute jener nächtlichen Stunden gewesen ist . Das glänzendste Zeugnis aber stellt unserem Knesebeck Napoleon selber aus . Dieser hatte den Knesebeckschen Plan gekannt , aber ignoriert . Im Frühjahr 1813 fand folgende Unterhaltung zwischen ihm und dem bis dahin am preußischen Hofe beglaubigten Grafen von St. Marsan statt . Napoleon : Erinnern Sie sich noch eines Berichtes , den Sie mir im Jahre 1812 von einem gewissen Herrn von Knesebeck geschickt haben ? St. Marsan : Ja , Ew . Majestät . Napoleon : Glauben Sie , daß er im gegenwärtigen Kriege mitfechten wird ? St. Marsan : Allerdings glaube ich das . Napoleon : Der Mensch hat richtig vorausgesehen , und man darf ihn nicht aus dem Auge verlieren . Das war im Frühjahr 1813 . Andere Zeiten kamen , der sechsundvierzigjährige Oberst von dem Knesebeck war ein Siebziger geworden , und statt der Karte von Rußland und vorausberechneter Schlachten und Märsche , lagen jetzt die Memoiren derer auf dem Tisch , die damals mit ihm und gegen ihn die Schlachten jener Zeit geschlagen hatten . Nach einer Epoche reichen und tatkräftigen Lebens war auch für ihn die Zeit philosophischer Betrachtung gekommen . Die Leutnantstage von Halberstadt wurden ihm wieder teuer , das Bild des alten Gleim trat wieder freundlich vor ihn hin , und der Mann , der zeitlebens wie ein Poet gedacht und gefühlt hatte , fing als Greis an , auch jenem letzten zuzustreben , das den Dichter macht – der Form . Ähnlich wie Wilhelm von Humboldt in Tegel , saß der alte Knesebeck auf seinem väterlichen Karwe und beschloß ein bedeutendes und ereignisreiches Leben mit dem Konzipieren und Niederschreiben von Sinn- und Lehrgedichten , von Episteln und Epigrammen . Sprecht mir doch nur immer nicht : » Für die Nachwelt mußt du schreiben ! « Nein , das lass ich weislich bleiben , Denn es lohnt der Mühe nicht ! Was die alte Klatsche spricht , Die ihr tituliert Geschichte , Bleibt , beseh ' n beim rechten Lichte , Doch nur Fabel und Gedicht , Höchstens ein Parteigericht . Das klingt hart , aber wenn irgendwer kompetent war , so war er es . Es nimmt der Wahrheit seines Ausspruches nichts , daß eine leise Bitterkeit seine Sentenzen gelegentlich färbte : Wie du gelebt , so geh zu Grabe , Still , prunklos , wenig nur gekannt . Was du für Welt , für Vaterland , Für andere hier getan , sei stumme Gabe – Des Gebers Name werde nie genannt . So schrieb er am Abend seines Lebens . Bis tief in die Nacht hinein saß er an seinem Pult . Die schwarze Frau kam und ging , aber das Knistern ihrer Seide störte ihn nicht ; er , der dem großen Gespenst des Jahrhunderts mit siegreichen Gedanken entgegengetreten war , war schußfest gegen die Geister . Ein Jahr vor seinem Tode ward er Feldmarschall . Drei Jahre früher war ihm ein erster Enkel geboren worden , zu dessen Taufe der König versprochen hatte , nach Karwe zu kommen . Er kam nicht , aber statt seiner traf ein Entschuldigungsbrief ein , dessen Namenszug mit Hilfe eines angehängten Schnörkels in ein Wickelkind auslief . Vor diesem Wickelkind , das natürlich den kleinen Knesebeck repräsentieren sollte , stand der König selbst ( ein wohlgelungenes Porträt von königlicher Hand ) und machte dem Täufling seine Verbeugung . Darunter die Worte : » Vivat et crescat gens Knesebeckiana in aeternum . « * Wir verließen das Empfangszimmer und traten wieder in den Park . An einer der schönsten Stellen desselben hatte uns die Gärtnersfrau ein Nachmittagsmahl serviert : saure Milch mit einer überaus einladenden , chamoisfarbenen Sahnenschicht . Um uns her standen einundzwanzig Edeltannen und neigten sich gravitätisch in dem Winde , der ging . Diese einundzwanzig Tannen pflanzte der alte Feldmarschall im Sommer 1821 , als die Nachricht nach Karwe kam , daß Napoleon am 5. Mai auf St. Helena gestorben sei . Auch dies Datum schuf noch eine letzte Berührung zwischen den alten Gegnern ; der 5. Mai war der Geburtstag Knesebecks , wie er der Todestag Napoleons war . Unter den Papieren des Feldmarschalls aber fanden sich bei seinem im Januar 1848 erfolgten Hinscheiden nachstehende Zeilen , die der Ausdruck seines Lebens und vielleicht ein treffendes Motto märkischen Adels sind : Mit dem Schwerte sei dem Feind gewehrt , Mit dem Pflug der Erde Frucht gemehrt ; Frei im Walde grüne seine Lust ,