. « » Und ich will es dir nicht nehmen , Grete , jetzt nicht . Aber ich denke , der Tag soll kommen , wo du mir es geben wirst . Denn verstehe wohl : wir sollen sein Kreuz tragen , aber keinen Splitter von seinem Kreuz , und nicht auf unserm Herzen soll es ruhen , sondern in ihm . Und nun laß uns gute Freunde sein . Ich sehe , du hast einen offenen Sinn und bist anders , als ich dachte . Aber es geht noch um in dir , und die Regine , mit der ich sprechen will , hat nicht gebührlich gesorgt , den alten Spuk mit seinen Ränken und Listen auszutreiben . Ich denke , Grete , wir wollen die Tenne reinfegen und die Spreu von dem Weizen sondern . Du hast das rechte Herz , aber noch nicht den rechten Glauben , und irrt der Glaube , so irrt auch das Herz . Und nun geh , Grete . Und die Gnade Gottes sei mit dir . « Sie wollte seine Hand küssen , aber er litt es nicht und begleitete sie bis an die Stufen , die von der Diele her zu der Haustür hinaufführten . Hier erst wandt er sich wieder und ging über Flur und Hof auf den Garten zu , wo Trud , inmitten eines Buchsbaumganges , in stattlicher Haltung auf und nieder schritt . Beide begrüßten einander , und die Magd , die von ihrem Küchenfenster aus sehen konnte , wie der Alte sich aufrichtete und grader ging als gewöhnlich , verzog ihr Gesicht und murmelte vor sich hin : » Nicht zu glauben ... ! Und ist so alt und so fromm ! « Und dabei kicherte sie und ließ an ihrem Lachen erkennen , daß sie den Gedanken in ihrer Seele weiterspann . Trud und Gigas waren inzwischen den Garten hinaufgegangen und hielten vor einem runden Beet , das mit Rittersporn und gelben Studentenblumen dicht besetzt war . » Ich kann Euch nicht folgen , Frau Trud , in dem , was Ihr mir über das Kind gesagt habt « , sagte Gigas . » Ihr verkennt es . Es ist ein verzagtes Herz und kein trotzig Herz . Ich sah , wie sie zitterte , und der Spruch , den sie sagen sollte , wollt ihr nicht über die Lippen . Nein , es ist ein gutes Kind und ein schönes Kind . Wie die Mutter . « In Truds Auge zuckte wieder ein gelber Strahl auf , denn sie hörte nicht gern eines andern Lob , und in herbem Tone wiederholte sie : » Wie die Mutter ... Ich muß es glauben , daß sie schön war . Ihr sagt es , und alle Welt sagt es . Aber ich wollte , sie wär es weniger gewesen . Denn damit zwang sie ' s und hat unser Haus behext und in den alten Aberglauben zurückfallen lassen . So fürcht ich . Und daß ich ' s offen gesteh , ich traue dem alten Jacob Minde nicht , und ich traue der Regine nicht . Und widerstünd es mir nicht , den Horcher und Späher im eigenen Haus zu machen , ich glaube , daß ich noch manches fänd wie Bild und Splitter . « » Saget das nicht , Frau Trud . Euren Vater , den alten Ratsherrn , kenn ich von Beicht und Abendmahl und hab ihn allemal treu befunden . So das Unwesen aber im Mindeschen Hause umginge , was Gott in seiner Gnade verhüten wolle , so müßt ich Euch verklagen , Frau Trud , Euch , zu der ich mich alles Besten versehen habe . Denn ihr beherrschet das Haus . Euer Vater ist alt , und Euer Eheherr ist ein Wachs in Eurer Hand , und Ihr wißt es wohl , aller Samen , der vom Unkraut fällt und wuchert , ist ein Unheil und schädigt uns das Korn für unsre himmlischen Scheuren . « Sie hatten ihren Gang um das Rondel herum wiederaufgenommen , aus dessen kleinen dreieckigen Beeten die junge Frau jetzt einzelne Blumen pflückte . Beide schwiegen . Endlich sagte Trud : » Ich beherrsche das Haus , sagt Ihr . Ja , ich beherrsch es , und man gehorcht mir ; aber es ist ein toter Gehorsam , von dem das Herz nicht weiß . Das trotzt mir und geht seinen eigenen Weg . « » Aber Grete ist ein Kind . « » Ja und nein . Ihr werdet sie nun kennenlernen . Achtet auf ihr Auge . Jetzt schläft es , und dann springt es auf . Es ist etwas Böses in ihr . « » In uns allen , Frau Trud . Und nur zwei Dinge sind , es zu bändigen : der Glaube , den wir uns erbitten , und die Liebe , die wir uns erziehn . Liebt Ihr das Kind ? « Und sie senkte den Blick . 6. Kapitel . Das Maienfest Sechstes Kapitel Das Maienfest Ein Jahr beinah war vergangen , und die Tangermünder feierten , wie herkömmlich , ihr Maienfest . Das geschah abwechselnd in dem einen oder andern jener Waldstücke , die die Stadt in einem weiten Halbkreis umgaben . In diesem Jahr aber war es im Lorenzwald , den die Bürger besonders liebten , weil sich eine Sage daran knüpfte , die Sage von der Jungfrau Lorenz . Mit dieser Sage aber verhielt es sich so . Jungfrau Lorenz , ein Tangermünder Kind , hatte sich in dem großen , flußabwärts gelegenen Waldstück , das damals noch die Elbheide hieß , verirrt , und als der Abend hereinbrach und noch immer kein Ausweg sichtbar wurde , betete sie zur Mutter Gottes , ihr beizustehen und sich ihrer Not zu erbarmen . Und als sie so betete , da nahte sich ihr ein Hirsch , ein hoher Elfender , der legte sich ihr zu Füßen und sah sie an , als spräch er :