Und hast auch keine Sehnsucht ? Ich meine nach deiner Mutter . Oder hattest du sie nicht lieb ? « » O ja , ich hatte sie lieb . Aber ich bin doch nicht traurig . « » Und warum nicht ? « » Ich weiß es nicht . Aber mir ist , als wäre sie nicht tot . Ich seh sie noch und höre sie noch . Und dann hab ich ja euch . Es ist besser hier und nicht so still und so kalt . Und du bist so gut , und Martin ... « » Und der Vater ... « » Ja , der auch . « Ohne weitere Zwischenfälle verlief der Winter , und als Ostern , das in diesem Jahre früh fiel , um eine Woche vorüber war , packte Martin nicht bloß seine Mappe , sondern auch Hildens , und mit erwartungsvoller und beinahe feierlicher Miene gingen beide neben dem Bach hin auf das mitten im Dorf gelegene Schulhaus zu , das schwarze Balken und weißgetünchte Lehmfelder und oben auf dem Dach eine kleine Glocke hatte . Die läutete eben , als sie eintraten . Hilde kam nach unten , denn sie wußte nichts , und selbst die Kleinen lachten mitunter . Auch schien es nicht , als ob sie die lange Versäumnis im Fluge nachholen werde , denn sie war oft träge und abgespannt und machte Krickelkrakel im Rechnen und Schreiben , und nur im Lesen und Auswendiglernen war sie gut . Und siehe da , das half ihr , und als kurz vor der Erntezeit eine Schulinspektion angemeldet wurde , mußte sie die Fabel von der Grille und der Ameise vorlesen , was ihr neben der Zufriedenheit des Lehrers auch eine besondere Belobigung des alten Sörgel eintrug . Und was diesen anging , so sollte sich ' s überhaupt jetzt zeigen , daß er des Kindes und seiner Zusage nicht vergessen habe , denn er schrieb denselben Tag noch ein Zettelchen , worin er dem Heidereiter vorschlug , ihm jeden Dienstag und Freitag die Hilde herüberzuschicken , und natürlich auch den Martin , damit er ihnen etwas aus der Bibel erzählen könne . Das geschah denn auch , und die zwei Stunden beim alten Sörgel waren bald das , worauf sich die Kinder am meisten freuten . Es war alles nach wie vor so still und behaglich drüben , und der kleine Zeisig , der in seinem Bauer zirpte , schien nur dazu da , zu zeigen , wie still es war . Dazu lagen über die ganze Stube hin lange , von Tucheggen geflochtene Streifen , sogenannte Läufer , alle weich genug , einen jeden Schritt zu dämpfen , auch den schwersten , selbst wenn der alte Sörgel nicht kniehohe Sammetstiefel und bei rechter Kälte sogar noch ein Paar Filzschuhe darüber getragen hätte . Das erste Mal , als er so kam , waren Martin und Hilde dicht am Lachen gewesen , aber der alte Herr , der wohl wußte , wie Kinder sind , hatte nur mitgelächelt und im selben Augenblicke gefragt : » Nun , Hilde , sage mir , wie hießen die zwölf Söhne Jakobs ... ? Richtig ... Und nun sage mir , wie hieß sein Schwiegervater ... ? Richtig ... Und nun sage mir , wie hieß seine Stiefgroßmutter ... ? « Auf diese letztere Frage war er nun , wie sich denken läßt , einer Antwort nicht gewärtig gewesen ; als aber Hilde mit aller Promptheit und Sicherheit ihm » Hagar « geantwortet und noch hinzugesetzt hatte : » Die meint Ihr , Pastor Sörgel ; es ist aber eigentlich nicht richtig « – da war er schmunzelnd an einen nußbaumenen Eckschrank herangetreten und hatte von dem obersten Brett eine Meißener Suppenterrine herabgenommen , darin er seine Biskuits aufzubewahren liebte . » Da , Hilde , das hast du dir ehrlich verdient ... Und das hier , Martin , ist für dich , damit dir das Herz nicht blutet . « So ging es geraume Zeit , es war schon der zweite Winter , und da Sörgel eine Vorliebe für das Alte Testament hatte – eine Vorliebe , die nur noch von seiner Abneigung gegen die Offenbarung Johannis übertroffen wurde – , so konnte es keinen verwundern , die Kinder fest in der alten biblischen Geschichte zu sehen , und zwar um so fester , als sie nicht bloß zuhören , sondern auch alles frisch Gehörte sofort wiedererzählen mußten . In ihrem Wissen waren sie gleich , aber in Auffassung und Urteil zeigte sich Hilde mehr und mehr überlegen , so sehr , daß der alte Pastor immer wieder in die vielleicht verwerfliche Neigung verfiel , sie , wie damals mit der Hagarfrage , durch allerlei Doktorfragen in Verlegenheit zu bringen . » Sage , Hilde « , so hieß es eines Tages , » du kennst so viele Frauen von Eva bis Esther . Nun sage mir , welche gefällt dir am besten und welche am zweit-und drittbesten ? Und welche gefällt dir am schlechtesten ? Gefällt dir Mirjam ? Oder gefällt dir Jephthahs Tochter ? Oder gefällt dir Bathseba ? Du schüttelst den Kopf und willst von des Uria Weib nichts wissen . Aber du darfst es ihr nicht anrechnen , daß der König ihren Mann an die gefährliche Stelle schickte . Das tat eben der König . Und sie konnt es nicht ändern ... Oder gefällt dir Judith ? « » Auch die nicht . Judith am wenigsten . « » Warum ? « » Weil sie den Holofernes mordete , listig und grausam , und seinen Kopf in einen Sack steckte . Nein , ich mag kein Blut sehen , an mir nicht und an anderen nicht . « » Ich will es gelten lassen . Aber wer soll es dann sein , Hilde ? Wer gefällt dir ? « » Ruth . « » Ruth « , wiederholte Sörgel . » Eine gute Wahl . Aber du weißt doch ,