abseits , zwei Säufer , nicht in guten Umständen , aber einigermaßen erstaunt über die acherontische Sippe . Denn sie empfingen schließlich doch am Samstag ihren Wochenlohn , und jene lebten sichtlich ohne Lohn dahin , seit Jahren . In einer halbdunklen Ecke vor dem Klavier aber saß einer und hämmerte gewaltig auf die Tasten . Er hatte keine Notenblätter vor sich , er spielte aus dem Gedächtnis . Das Instrument röchelte ; die Saiten schepperten kläglich ; die Pedale ächzten ; doch der Spieler war so behext von seiner Produktion , daß ihn die Mängel der Materie wenig kümmerten . Wie sinnlos auch das Getöse klang , die schrill tobenden Akkorde , die wüsten Aufschreie des Diskants , die gejagten Triolen und brodelnden Tremolos im Baß , so gab doch die Ergriffenheit des Spielers , die Ekstase und der erdferne Rausch , worin er sich befand , der Szene eine Melancholie und eine Feierlichkeit , die des grünen Kellers und der troglodytisch fahlen Zuhörerschaft nicht bedurft hätte , um so zu wirken , wie sie wirkte . Marianne hatte in dem Spieler sogleich Daniel erkannt . Sie mußte sich am Fenstergitter festhalten und die Knie gegen das Gesimse stemmen . Jason Philipp galt nicht umsonst für einen Mann von humoristischer Anlage ; das Bild von Daniel in der Löwengrube war zu verführerisch , und er raunte die Worte in Mariannes Ohr . Aber das Fenster war offen und da sich das Musikstück eben zu einer Fermate gesteigert hatte , drang seine Stimme bis hinunter und einige an der Tafelrunde schauten hinauf . Marianne war unbesonnen ; sie glaubte , der Vortrag sei zu Ende und rief , matt und furchtsam : » Daniel ! « Daniel sprang empor , starrte nach der Ruferin , sah Jason Philipps höhnisches Gesicht , stürzte zur Tür , zur Treppe und in drei Sätzen die Treppe hinan . Er stand in der Torwölbung und seine Lippen wollten Worte rufen . Der unselige Mensch , dachte Marianne , und ihr war , als könne sie das Wort , vor dem sie zitterte , zurückzwingen in die Brust , in der es geboren wurde . Vergebens , das Wort wurde ausgesprochen . Er wolle die Mutter nicht mehr sehen ; er wolle mit sich selber und für sich selber leben , er wolle frei sein , er brauche niemand , er wolle frei sein . Jason Philipp schleuderte dem Frevler einen Blick der Verachtung zu und zog Marianne mit sich fort . Noch an der Ecke des Gäßchens vernahmen sie die aufgeregten Stimmen der Leute vom Jammertal . Am andern Morgen kehrte Marianne nach Eschenbach zurück . Feinde , Brüder , Freund und Maske 1 Daniel hatte sich bei dem Bürstenmachersehepaar Hadebusch eingemietet , auf dem Jakobsplatz hinter der Kirche . Damals im März war es noch recht kalt geworden , und Frau Hadebusch hatte eine abergläubische Furcht vor Kohlen , die sie als Teufelsdreck bezeichnete . Hinten im Hof war das Holzlager , davon nahm sie die Scheite , mit denen die Öfen geheizt wurden . Aber diese Scheite waren teuer ; hätte Daniel das eiserne Öfchen in seiner Mansardenstube mit so kostbarer Nahrung gespeist , so hätte die Monatsrechnung eine unerschwingliche Höhe erreicht . Er zahlte sieben Mark für die Stube und rechnete immer wieder , um seine Freiheit durch keinen vergeudeten Groschen zu verkürzen . So saß er frierend bei seinen Büchern und Heften , bis endlich Frühlingswärme durch die offenen Fensterluken zog . Die Bücher holte er sich gegen Entrichtung von sechs Pfennigen für den Band von einer Leihbibliothek am Königstor . Achim von Arnim und Jean Paul waren in jener Zeit seine Dichter ; bei dem einen fand er die Welt außen wunderbar geschmückt , bei dem andern innen . Mit dem Meldezettel Daniels , auf welchem er sich Musiker nannte , kam Frau Hadebusch in die Wohnstube , die , wie alle Räume im Haus , wie für Zwerge gebaut war und , wie gleichfalls alle Räume , nach Leim und Laugenwasser duftete . Es hatten sich dort , da es Feierabend war , Herr Francke und Herr Benjamin Dorn niedergelassen , die Mieter des Mittelstocks , ferner der Sohn der Frau Hadebusch , der schwachsinnig war und grinsend auf der Ofenbank hockte . Herr Francke war Stadtreisender für ein Zigarrengeschäft und galt bei den weiblichen Dienstboten der Umgebung als ein gefährlicher Herzensdieb ; Benjamin Dorn war Schreiber bei der Versicherungsgesellschaft Prudentia , gehörte einer Methodistengemeinde an und stand wegen seiner gottgefälligen Lebensführung bei allen respektablen Leuten in Respekt . Das Schriftstück wurde von den Herren eingehend und mit gerunzelten Stirnen geprüft , und Herr Francke äußerte sich dahin , daß ein Musiker , von dem man keine Musik vernehme , mit nichten als Musiker zu betrachten sei . » Wird die Baßgeige oder das Flügelhorn , oder was er sonst gelernt hat , ins Pfandhaus getragen haben , « sagte er geringschätzig ; » vielleicht kann er nur trommeln , und das kann ich auch , wenn man mir eine Trommel gibt . « » Ja , eine Trommel muß man haben , um trommeln zu können , « bemerkte Benjamin Dorn ; » es ist jedoch die Frage , ob sich so ein Gewerbe mit den Grundsätzen christlicher Bescheidenheit verträgt . « Er legte den Finger an die Nase und fügte hinzu : » Es ist eine Frage , die ich , in aller Demut versteht sich , in aller Demut verneinen möchte . « » Er hat gar keine Verwandten , sagt er , und gar keine Bekannten , « jammerte Frau Hadebusch mit einer Stimme , die klang , wie wenn man Rüben auf einem Reibeisen schabt , » und gar keine Stellung und gar keine Aussichten und von Stiefeln und Kleidern nichts , als was er auf dem Leibe trägt . Mein Lebtag hab ich keinen solchen Zimmerherrn gehabt . « Der Meldezettel flatterte auf den Boden , von wo ihn der schwachsinnige Hadebusch