Tschun . Und wenn der kleine Kuo wey und die kleine Ying-ying von ihren Streifzügen durch die benachbarten Straßen und Plätze , statt mit allerhand seltsamem Brennmaterial , das jedes chinesische Kind für den Herd zu sammeln versteht , mit Rissen in den Kleidern heimkehrten , so wurde sicher irgendein Zusammenhang zwischen Tschun und diesen bedauerlichen Vorkommnissen entdeckt , wie es ja klar war , daß nur er daran Schuld trug , daß die kleine Schan tai in kindlichem Mutwillen die alten Zeitungsfetzen zerrissen hatte , die doch sorgfältig aufbewahrt werden sollten , um die Löcher in den Laternen auszukleben . Auch hätte natürlich Tschun den Enkel Tschao-So davor warnen sollen , den Boden des Kochtopfes so lange mit einem Stein zu bearbeiten , bis ein Loch entstand , da doch jeder weiß , daß zur rascheren Erhitzung des Inhalts und Vermeidung unnützer Vergeudung von Brennmaterial die Böden der Kochtöpfe sparsamer Familien in China möglichst dünn gestaltet werden . - Am ärgsten hatte es aber auf Tschun die jüngste , noch kinderlose Schwiegertochter des alten Yang hung abgesehen . Mei hoa , der bisher jede , den älteren Schwiegertöchtern nicht zusagende Arbeit aufgebürdet worden war , hatte nun endlich jemand gefunden , der auf der sozialen Rangleiter noch weit unter ihr stand , und dem sie ihrerseits mit schriller Stimme befehlen konnte . Verweise erhielt Tschun von allen Seiten und vielleicht nicht immer mit Unrecht , denn seine Gedanken irrten von den jeweilig anbefohlenen Beschäftigungen nur allzu leicht ab und wanderten unaufhaltsam zurück in die Welt der Taitai . Ja , diesem chinesischen Menschenkind geschah das Seltsame , daß er eine Art Heimweh nach dem ihm doch ganz Fremden empfand . Am liebsten war Tschun noch im eigentlichen Verkaufsladen , der vorne nach der Straße zu lag . Da saß der alte Yang hung und bastelte an den Uhren , die ihm zum Reparieren gebracht wurden , und wenn er mit der großen runden Hornbrille dabei auch wie eine böse Eule aussehen mochte , so wußte Tschun doch bald , daß er eigentlich ein gutmütiger alter Mann war , der sich vielleicht im stillen oft selbst verwunderte ob all der streitbaren Menschen , die ihren Ursprung auf ihn zurückführten . Außer dem Uhrengeschäft betrieb Yang hung noch einen Handel mit allerhand chinesischem Schmuck . In Glaskästen lagen Filigranfutterale für die langen Fingernägel , die das Abzeichen vornehmen , arbeitslosen Lebens sind , Haarnadeln , die mit Fledermäusen und sonstigen Glücksemblemen in Gold oder Silber verziert werden , die runden Kristall- oder Bernsteinkugeln , die unablässig zwischen den Fingern hin und her gedreht werden sollen , um die Gicht fernzuhalten . Die verschiedensten metallenen Kleiderknöpfe gab es und andere aus Nephrit für die Sommerjacken , während die für Trauergewänder bestimmten aus weißem Stein sein müssen . Gürtelschnallen für Männer und Armbänder für Frauen sah Tschun , und kleine Schnupftabakfläschchen aus Porzellan oder Glas , mit feinen , unter der Glasur gemalten Bildchen . Seine kostbarsten Stücke aber stellte Yang hung nicht aus ; die lagen in blaue Baumwollfetzen gewickelt in einem alten Schrank , dessen geschnitzte Türen Drachen wiesen , die sich um den Sonnenball wanden . Große Ringe aus grünstem Nephrit , die am Daumen getragen werden , verwahrte er da , und Mandarinenketten , die immer 108 Kugeln aus Bernstein , Granat oder Nephrit zählen müssen . Diese Schätze bekamen die gewöhnlichen Kunden gar nicht zu sehen , sie wurden nur den bevorzugten gezeigt , den hochgeehrten , die man in ein hinteres Zimmer führt , wo , als Begleitung jedes Geschäfts , Tee , bisweilen auch die Opiumpfeife dargeboten wird . Manche der alt angestammten Kunden brachten ihre Pfeife gleich mit und trugen den Opium in Kästchen am Gürtel . Während sie , auf dem Kang liegend , in dem hinteren Zimmer Opium rauchten , und von der Wand herab das Bild Li Ma-tos , des Schutzgeistes der Uhrmacher und Wirte , über ihr seliges Hindämmern in den duftenden Nebeln wachte , verließ sie Yang hung mit diskreten Schritten . Erst wenn er annehmen konnte , daß die Wolken des Traumrausches sich gelichtet , kehrte er wieder , um nun allmählich den Handel zu bereden , denn Eile beim Geschäft zu zeigen , widerspricht den Regeln höflichen Benehmens . Bei solchen Gelegenheiten servierte Tschun mit artiger Gebärde den Tee oder er kochte die Opiumpille über der Flamme und füllte den Kopf der Pfeife . Dabei erhaschte er manch leises Wort über Gerüchte , die durchs Land liefen , von geheimen Bewegungen und widerstreitenden Einflüssen , die allerwärts , besonders aber um die Allmächtigen unter den goldenen Palastdächern miteinander rangen ; von allerhand die Sitten der Fremden nachahmenden Neuerungen hörte er , die aber , kaum eingeführt , auch schon wieder gefährdet schienen . Besucher , die von diesen Dingen flüsterten , sah Tschun gern einkehren , denn ihre Worte bauten ja Brücken zu jener Welt , in die es ihn gar so mächtig zurückzog . Es kamen aber auch Kunden , die der alte Yang hung in ein nahes Restaurant führte und dort mit warmem Reiswein , Pekinger Ente , Taubeneiern , Fischflossen und Bambuskeimen traktierte , denn durch solch rechtzeitigen tiefen Griff in die Tasche erwirbt sich der weise Kaufmann Freunde , die zu haben immer gut ist , da man bei ihnen dann gelegentlich selbst wieder Geld zu niederen Zinsen borgen kann . Besonders wertvoll aber erscheinen sie in Zeiten , wo im Lande von bevorstehenden Umwälzungen geraunt wird . Viele Stunden verbrachte Yang hung auch über der verwickelten chinesischen Buchführung seines Geschäfts . Und abends ordnete und zählte er die an Schnüren aufgereihten , durchlochten Kupfermünzen , die im Laufe des Tages von Käufern gezahlt worden waren . Das dauerte bisweilen bis tief in die Nacht , und dabei mußte Tschun helfen und mit seinen scharfen , jungen Augen suchen , ob sich zwischen diese gewöhnlichen Cäsch vielleicht eine seltene Münze verirrt habe ; die wurde dann vom Strang abgezogen und anderwärts an Liebhaber verkauft