sie samt und sonders eine starke Abneigung gegen den großen Unbekannten hatten und nie begreifen wollten , daß Eifersucht in diesem Fall ganz sinnlos war . Ja , lieber Freund , der fremde Mann ist ein inhaltsschweres Kapitel in meinem Leben und eines , das ich immer gerne wieder lese - aber nicht alle dürfen dabei mit ins Buch sehen wie Sie . Wenn Sie es doch nur einmal anerkennen wollten , wie sehr ich Sie verwöhne . 8 Also auch Sie , Brutus - neigen zu eifersüchtigen Betrachtungen , wenn Sie des fremden Mannes gedenken . Wie dumm von Ihnen - Verzeihung für das harte Wort , aber ich bin so daran gewöhnt , daß Sie immer intelligent sind . Vielleicht kann ich auch darüber nicht mitreden , ich habe kein oder sehr wenig Organ für Eifersucht - das ist mir schon häufig wie ein schwerer Defekt vorgehalten worden . » Dann haben Sie noch nie wirklich geliebt « - wie oft habe ich das zu hören bekommen - und nichts darauf geantwortet . A quoi bon ? - Das weiß doch nur Gott allein . Richtiger gesagt wäre wohl : nie lange genug geliebt . Für mich dauert jede Liebe , auch die ganz ernsthafte , nur so lange , wie ich eben die stärkste Attraktion für den in Frage kommenden Mann bin . Dann hört sie ganz von selbst auf . Und daß er meine Hauptattraktion war , ist immer schon vorher zu Ende gewesen . Auch habe ich nie das Verlangen gehabt , einen Menschen ganz zu besitzen oder ihn über Gebühr festzuhalten . Dazu ist das Leben zu kurz . Und wer mich festhalten wollte - es kam hier und da vor - ist niemals sehr zufrieden mit dem Erfolg gewesen . Meine Unbeständigkeit ist also eigentlich ein schöner und altruistischer Zug , es macht mir gar kein Vergnügen , anderen Leiden zu verursachen . Ebensowenig gereicht es mir zur Freude , wenn man mich mit Eifersucht plagt , ich habe nie recht begriffen , warum die Menschheit diese unangenehmen Emotionen so kultiviert . - Treue ist vielleicht eine besondere Begabung , ein Talent . Wie kann man Talent von jemand verlangen , der es nicht hat ? Aber ich meine , es läßt sich durch Takt und Diskretion ersetzen . Es ist doch jedesmal etwas anderes , was uns zu den verschiedenen Menschen hinzieht : der fremde Mann ist tiefe Sensation ohne Gemütsbeteiligung - ein anderer geht ans Herz und weckt wahres Gefühl - ein junger Knabe lockt uns zu einem romantischen Frühlingserlebnis - dann gibt es wieder jemand , mit dem man sich nur amüsiert , oder es läuft zufällig und geschwind irgendein heiteres Abenteuer über den Weg ... Doktor , ich kann Ihnen beim besten Willen nicht alle die vielen bunten Möglichkeiten an den Fingern herzählen , aber Sie werden zugeben , daß sie sich schwerlich in einem einzelnen Menschen beisammenfinden . Und im Leben lassen sie sich auch nicht so hübsch der Reihe nach anordnen . Es gerät immer alles durcheinander . Sie haben mir einmal einen Vortrag über typische Erlebnisse gehalten . Ich glaube , der andere , die anderen sind von jeher mein typisches Erlebnis gewesen . Und deshalb kam ich nie dazu , einem treu zu bleiben . Schon allein der fremde Mann hat es auch in den stabilsten Zeiten unmöglich gemacht . Ein harmloses Beispiel : A ... holt mich ab , zu irgendeiner Unternehmung . B ... , der mich auch abholen will , kommt dazu . Wir gehen also alle drei miteinander . Zu merken : ich stehe beiden noch ganz unbescholten gegenüber . - In bezug auf A ... habe ich meine Vermutungen - er lädt mich denn auch auf übermorgen ein , aber es interessiert mich einstweilen noch nicht besonders . B ... begleitet mich heim - ich habe gar keine Vorahnungen , aber es folgt une de ces heures und so weiter ... und dann natürlich auch eine Verabredung auf übermorgen . Der Abend mit A ... geht in Szene und endigt schicksalsvoll , wir verlieben uns heftig und auf Dauersache . Ich fühle auch gar kein Verlangen , ihn gleich von vornherein zu hintergehen , aber ich habe B ... auch sehr gerne und würde es ungerecht finden , ihn nun umgehend wieder zu versetzen . Wie peinlich außerdem , ihm beim ersten Rendezvous zu sagen : ich habe mich gestern in A ... verliebt - leben Sie wohl ! Am meisten Kopfzerbrechen hat mir die Frage gemacht , welcher von ihnen nun eigentlich der andere war . Und das ist immerhin noch ein einfacher Fall , die Sache kann auch komplizierter liegen . Nein , guter Freund , es ist , weiß Gott , nicht immer leicht , seinen erotischen Verpflichtungen nachzukommen . Monogamie und Treue sind sicher eine große Vereinfachung des Problems . Sie möchten wissen , was es mit der irdischen und himmlischen Liebe für eine Bewandtnis hat . Es ist eine häufige Erscheinung - ich kenne mehr als einen Mann , in dessen Liebesleben diese sinnige und zweckmäßige Zweiteilung eine Rolle spielt . Ob sie auch bei Frauen vorkommt , weiß ich nicht . Von Frauen weiß man überhaupt sehr wenig , wenn man selber eine ist . Die himmlische ist natürlich ein Wesen , das weit über allen anderen steht und das er aus irgendwelchen Gründen nicht in realere Sphären hinabziehen kann oder will - so etwa , was man eine Lichtgestalt nennt . Es gehört dazu , daß sie für ihn und sein irdisches Treiben die nötige Auffassung hat , er darf schuldbeladen zu ihr kommen und fühlt sich durch ihr Verstehen entsühnt . Das haben ja manche Männer gern . Die irdische ist - nun , einfach eine Frau , mit der man intim liiert ist . Vor allem muß sie einer Bedingung entsprechen : sie darf ihn nicht ganz für sich haben wollen und nicht neugierig auf die himmlische sein . Es ist