sie gehalten habe ? « sagte Georg . » Für eine angehende Schauspielerin ! « » Herr Baron , Sie sind ein Menschenkenner « , sagte Berthold . » Sie wollte wirklich einmal zur Bühne gehen « , bestätigte Frau Rosner kühl . » Ich bitte Sie , gnädige Frau « , sagte Berthold , » welches junge Mädchen von einiger Phantasie , das überdies in engen Verhältnissen lebt , hat nicht in irgend einer Lebensepoche mit einer solchen Absicht wenigstens gespielt ? « » Es ist hübsch , daß Sie ihr verzeihen « , sagte Anna lächelnd . Berthold fiel es zu spät ein , daß er mit seiner Bemerkung eine noch empfindliche Stelle in Annas Gemüt berührt haben mochte . Aber um so bestimmter fuhr er fort : » Ich versichere Sie , Fräulein Anna , es wäre schade um Therese gewesen . Denn es ist gar nicht abzusehen , wieviel sie für die Partei noch leisten kann , wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn gerissen wird . « » Halten Sie das für möglich ? « fragte Anna . » Gewiß « , entgegnete Berthold . » Für Therese gibt es sogar zwei Gefahren : entweder redet sie sich einmal um den Kopf ... « » Oder ? « fragte Georg , der neugierig geworden war . » Oder sie heiratet einen Baron « , schloß Berthold kurz . » Das verstehe ich nicht ganz « , sagte Georg ablehnend . » Daß ich gerade Baron sagte , war natürlich ein Spaß . Setzen wir statt Baron Prinz , so wird die Sache klarer . « » Ach so ... Jetzt kann ich mir ungefähr denken , was Sie meinen , Herr Doktor ... Aber was für einen Anlaß hatte das Parlament , sich mit ihr zu beschäftigen ? « » Ach ja . Im vorigen Jahre zur Zeit des großen Kohlenstreikes hielt Therese Golowski in irgend einem böhmischen Nest eine Rede , die eine angeblich verletzende Äußerung gegen ein Mitglied des kaiserlichen Hauses enthielt . Sie wurde angeklagt und freigesprochen . Man könnte daraus vielleicht schließen , daß die Anschuldigung nicht besonders haltbar gewesen sein dürfte . Trotzdem meldete der Staatsanwalt die Berufung an , ein anderes Gericht wurde designiert und Therese zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt , die sie übrigens soeben absitzt . Und damit nicht genug , wurde der Richter , der sie in erster Instanz freisprach , versetzt ... irgendwohin an die russische Grenze , von wo es keine Wiederkehr gibt . Nun , über diesen Fall haben wir eine Interpellation eingebracht , sehr zahm meiner Ansicht nach . Der Minister erwiderte , ziemlich heuchlerisch , unter dem Jubel der sogenannten staatserhaltenden Parteien . Ich habe mir erlaubt , darauf zu replizieren , vielleicht etwas energischer , als man es bei uns gewohnt ist ; und da man von den gegnerischen Bänken aus nichts Sachliches erwidern konnte , hat man versucht , mich mit schreien und schimpfen tot zu machen . Und was das kräftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine Ausführungen war , können Sie sich ja denken , Herr Baron . « » Nun ? « fragte Georg . » Jud halts Maul « , erwiderte Berthold mit schmal gewordenen Lippen . » O « , sagte Georg verlegen und schüttelte den Kopf . » Ruhig Jud ! Halts Maul ! Jud ! Jud ! Kusch ! « fuhr Berthold fort und schien in der Erinnerung zu schwelgen . Anna sah vor sich hin . Georg fand innerlich , es wäre nun genug . Ein kurzes , peinliches Schweigen entstand . » Also darum ? « fragte Anna langsam . » Wie meinen Sie ? « fragte Berthold . » Darum legen Sie das Mandat nieder ? « Berthold schüttelte den Kopf und lächelte . » Nein , nicht darum . « » Herr Doktor sind über diese rohen Insulte gewiß erhaben « , sagte Herr Rosner . » Das will ich nicht eben behaupten « , erwiderte Berthold . » Aber immerhin mußte man auf dergleichen gefaßt sein . Der Grund meiner Mandatsniederlegung ist ein anderer . « » Und darf man wissen ... ? « fragte Georg . Berthold sah ihn durchdringend und doch zerstreut an . Dann erwiderte er verbindlich : » Gewiß darf man . Nach meiner Rede begab ich mich ins Büfett . Dort begegnete ich unter andern einem der allerdümmsten und frechsten unserer freigewählten Volksvertreter , dem , der wie gewöhnlich , auch während meiner Rede , der Allerlauteste gewesen war ... dem Papierhändler Jalaudek . Ich kümmerte mich natürlich nicht um ihn . Er stellt eben sein geleertes Glas hin . Wie er mich sieht , lächelt er , nickt mir zu und grüßt heiter , als wäre nichts geschehen : » Habe die Ehre , Herr Doktor , auch eine kleine Erfrischung gefällig ? « » Unglaublich ! « rief Georg aus . » Unglaublich ? ... Nein , österreichisch . Bei uns ist ja die Entrüstung so wenig echt wie die Begeisterung . Nur die Schadenfreude und der Haß gegen das Talent , die sind echt bei uns . « » Nun , und was haben Sie dem Mann geantwortet ? « fragte Anna . » Was ich geantwortet habe ? Nichts , selbstverständlich . « » Und haben Ihr Mandat niedergelegt « , ergänzte Anna mit leisem Spott . Berthold lächelte . Zugleich aber zuckte es um seine Brauen wie gewöhnlich , wenn er unangenehm oder schmerzlich berührt war . Es war zu spät , ihr zu sagen , daß er eigentlich gekommen war , sie um Rat zu fragen wie in früherer Zeit . Und doch , das fühlte er , er hatte klug daran getan , sich gleich beim Eintritt jeden Rückzug abzuschneiden , seinen Verzicht auf das Mandat als bereits vollzogen , seine Reise nach Paris als unmittelbar bevorstehend anzukündigen . Denn nun wußte er ja , daß Anna ihm wieder einmal entglitten war ,