und drückte ein zerknülltes , rotes Tuch an die Backe , so daß die bleichgraue Miene seines Gesichtes noch auffälliger wurde . Es lag Sonne im Wege . Es war nach elf Uhr , und die hohen Häuser warfen nur kurze Schatten . Einhart war innerlich belustigt , wie noch nie im Leben . Wie er so dahineilte , überlegte er nur , wohin sich am besten gleich wenden ? Er hastete , daß er ungleiche Schritte nahm , und man einige Augenblicke immer denken konnte , er hinke . Aber das innere Leben war wie außer Rand und Band sozusagen . Als er um das große Modenmagazin herum war , sah er sich noch einmal um , wie um zu prüfen . Er war ein schmächtiger , schlanker Bursche . Die braune Jacke , die er trug , sah anständiger aus , als gewöhnlich , und der Haarsträhn war jetzt doch unter dem flachen , schwarzen Hütchen verborgen , das schief auf dem Schlichthaar saß . Wer ihn jetzt sah , als er der Schule außer Sicht entronnen , hätte über die Augen und über den Mund und die feine Nase lachen müssen . Als wenn er Übles gewittert und hinter sich gelassen , lief er jetzt . Das Taschentuch war längst zu einer roten Fahne in der Hand geworden , die er nun vorwärts schwang . Seine Augen konnten vor Lust gar nicht gerade sehen . Nach allen Seiten auf und um gingen sie und hatten eine Pfiffigkeit im Blicken . Der Mund hatte Eile , sich Hoffnungen vorzumurmeln , und er stieß mitten auf dem Exerzierplatz , über den er mit springenden Schritten hupfte , einen grellen Pfiff aus , ehe er in die Promenade einbog . Er dachte gar nicht zurück . Oder wenn er zurückdachte mit zärtlicher Laune . » O du einziger , guter , dummer , scharfsichtiger Herr Oberlehrer , du dummes , einfältiges Vieh ! « sagte er und lachte er . » Der junge Herr Selle sollte mir schon kommen ! du ... ach , daß du auch gar nicht merktest , was diesem Herrn jetzt durch den Kopf ging ! « Und nun stand er wieder . » Dieser verfluchte Ranzen ! « sagte er vor sich hin . Er nahm seinen flachen Rundhut ab und warf den Ranzen samt dem Hute auf die Erde . Dann überlegte er und sah sich die ganze Welt ringsum und oben an . Eine Linde stand neben ihm , an der er nur bis zur Krone sah , und an deren Stamme Ameisen krochen . Das machte einen Augenblick ganz sich vergessen . » Weißt du nur , warum die Leute noch sitzen und in die Bänke sich zwängen ? - Du nettes Tierdel ! da ... komm ... nur ... einmal ... und bleibe bei mir « , sagte er zu einer Ameise und versuchte sie auf der Hand zu halten , die er drehte . Aber die Ameise merkte den Raubtierhauch der Menschenhand und warf sich kopfüber in einen Abgrund unter ihr , und Einharts Gedanken flogen sofort auch weiter . » Da ... ist ein Versteck für dich , « sprach er den Ranzen an , den er schon aufgenommen , indem er auch sogleich weitersprang . Am Wassergraben wußte er von der Eisbahn her ein Loch in der Mauer , das immer leer war . Dort hing eine volle Weide über , die sich jetzt wunderklar im Wasser spiegelte . Es lockte ihn , daß er auch hier über das eiserne Gitter lange sich bog , als wenn es ein Spiel für ihn gewesen wäre . Er sah auf den dunkelklaren Schattenspiegel und verfolgte , als wie ein Käfer , der an jedem Ästchen emporkriecht , die ganze , dunkle Verzweigung . Dann warf er erst Blättchen um Blättchen hinein , die immer in Kreisen spannen und das klare , scharfruhende , stumme Baumgeäst wie einen Augenblick in ein trübes , feines , rinnendes Bewegen lösten . Einhart ! mein lieber Tagedieb ! was staunst du und kannst nun alles andere vergessen ! Ein Blättchen nach dem andern fiel . Und Einharts Gesicht spannte und lächelte . Dann sprang er über die Eisengitter und schob rasch seinen Tornister in das Erdloch , sprang zurück und lief nun leicht in der Richtung nach dem See . Träumen ist eine Seligkeit und kann auch eine Krankheit sein . Träumen kann mit ewigem Enttäuschen kommen , wenn immer wieder eine graue Megäre Wirklichkeit Ohren findet , die es hören und glauben , daß wir ja nicht träumen dürfen , sondern leben müssen . Aber es kann auch ein Harnisch sein gegen all die leeren , grauen Gedanken von dem Leben , als wäre es in Stücke gerissen , dort ein Deckel , und hier die Dose . Dann ist der Ritter eines mit seinem Harnisch , und kein schales Meinen kann ihm diese seine Welt zertrümmern , die nicht leben hier und träumen dort , die auch nur Eines ist , was immer heimlich oder offen aus der Seele sich hebt und lebt wie ein einiger Brunnen , Kraft und Klarheit so ins Dasein , Sinn und Gestalt schaffend . Aber das wollten die Lehrer nicht anerkennen . Deshalb eilte jetzt Einhart hin . Dem Herrn Geheimrat hätte er jetzt auch nicht begegnen dürfen . » Dieser geliebte , steife Herr Vater , « wie Einharts Augen ihn flüchtig lächelnd sahen . Wenn Herr Selle jetzt leibhaftig erschienen wäre , wäre Einhart eine Ratlosigkeit angekommen . Nicht aus Furcht . Eine vollkommene Demutsmiene ging in dem gelbgrauen Schmalgesichte des Jungen auf , als auch nur von ferne solcher Gedanke sich regte . Durchaus nicht aus Furcht . Aus hellem Verzweifeln . Da hätte er wirklich das Leben , das er jetzt innig in Einem lebte , plötzlich wieder zersprungen gesehen , dort in farblos fahles Gesetzesbestimmen und hier in seinen entfliehenden Glanz , dort nur mürrisch grau , strenggeteilt wie ein Rübenbeet