, alles zu ertragen , und es konnte ihr dann beinah Freude machen , wenn sie ungerecht gescholten wurde . Als Ellen vierzehn Jahre alt war , kam wieder etwas Abwechslung in ihr Dasein : sie sollte Tanzstunde bekommen . Das gehörte ebenso unabänderlich in das Erziehungsprogramm wie längere Kleider und reine Hände , die jetzt von ihr verlangt wurden . Es war ihr ganz neu und zuerst etwas beängstigend , mit so vielen Kindern zusammenzukommen . Aber wenn der langbeinige , immer etwas angetrunkene Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal stand und die ganze Schar um ihn herumwirbelte , kam es wie ein Rausch über sie , und sie vergaß , daß das Leben sonst so schwer war . Den andern Mädchen gegenüber fühlte sie sich etwas zurückgeblieben , vor allem war es unangenehm , als Schloßfräulein so schlecht angezogen zu sein . Dafür hatte ihre Mutter gar keinen Sinn - jahraus , jahrein dieselben alten Kleider , die immer wieder ausgebessert , verlängert oder gewendet wurden und niemals nach der Mode . Ellen hatte sich bisher nicht viel darum gekümmert , aber jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und über ihr Äußeres nachdenken . Wenn Mama sie dabei ertappte , gab es wieder ein Donnerwetter : » Gib dir nur Mühe ordentlich auszusehen und nicht alles zu zerreißen . Das andere ist Nebensache . « Aber das war nicht der einzige Punkt , in dem die Stadtkinder ihr überlegen waren : sie hatten Liebesgeschichten , Rendezvous , gingen mit den Schülern spazieren und zum Konditor . Alle diese lustigen Dinge , von denen Ellen jetzt immer erzählen hörte , schienen ihr so verlockend und begehrenswert , daß sie Detlev verleitete , mitzumachen . Sie erfanden immer neue Vorwände , um in die Stadt zu kommen , und gingen dann mit den andern bummeln . So wundervoll sündig kam man sich vor bei diesen heimlichen Streifzügen unter Lärm und Gelächter , oder in dem dunklen Hinterzimmer der kleinen Konditorei , bei all den Neckereien und Anspielungen , die da hin und her flogen , - bei all dem Herzklopfen vor Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen während der Tanzstunde unter Mamas Augen . Es bekam alles eine andere Perspektive . Ellen hatte bis dahin nur in sich selbst hineingelebt in dem engen Kreise , den man um sie zog . Jetzt fing die Welt an , sich zu weiten , sie sah : es gab noch ein Leben , das jenseits der Mauer lag , das rascher pulsierte und reich an lockenden Erregungen war . Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf längere Zeit . Ellen genoß die Septembertage im Gefühl eines großen Triumphs , denn Cläre Huhn war krank geworden , und das empfand sie als ihr Werk . Vier Jahre hindurch hatten sie sich Tag für Tag an dem großen runden Schultisch gegenübergesessen , und vier Jahre hindurch hatte Ellen das arme , bleichsüchtige Geschöpf buchstäblich gemartert mit allen Schikanen , die der rücksichtslose Haß eines Kindes ersinnen kann . Sie ließ sich kein Lächeln , keinen Fleiß , kein Eingehen auf irgend etwas abgewinnen , begegnete aller Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben steinernen , ablehnenden Hartnäckigkeit und betete allabendlich , daß Gott Cläre Huhn mit seinem Zorn treffen möge . Als die Nachricht kam , daß sie erkrankt war , lag Ellen in ihrem Zimmer auf den Knien und dankte Gott . Am Fenster sangen ihre Kanarienvögel , die Sonne lachte , und sie brauchte nicht in die Stunde . Das Werkzeug ihrer Qual war verstummt und unterlegen . Nun kam eine Reihe von Festtagen . Marianne regierte mit Milde und fand , daß die Kinder sich dann auch viel besser lenken ließen . Sie war sich immer gleich geblieben als die sanfte , ruhige Älteste , zu der alle mit ihren Anliegen kamen . Und sie hatte nicht immer einen leichten Stand dabei - die Mutter war hitzig und parteiisch , Papa konnte keinen Ärger vertragen , und die junge Meute stürmte fortwährend dagegen an , mit allen ihren Forderungen , Wünschen und Unbotmäßigkeiten . Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden . Ellen und Detlev saßen halbe Tage in den Obstbäumen oder lagen im Gras und lasen verbotene Bücher . Sie deklamierten sich gegenseitig die Räuber vor und stritten darum , wer den Faust besser verstände . Hier und da mußten sie auch alle der Schwester bei Gartenarbeiten helfen , und manche Vorübergehende blieben am Gitter stehen und sahen hinein , denn war das heranwachsende Geschlecht der Olestjernes vollzählig beisammen , so konnte man jederzeit ein stürmisches , weithinschallendes Gelächter hören , besonders wenn die » jungen Leute « , wie sie in liebevoller Respektlosigkeit ihre Eltern nannten , nicht dabei waren . In dieser Zeit gab es für Ellen viel Gelegenheit , unbemerkt zu entkommen , und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen besonderen Hintergrund . Denn Ellen liebte , und alle ihre Gedanken gingen darauf hin , einem rothaarigen Primaner zu begegnen - an den nebelverschleierten Herbsttagen , wenn die junge Welt in den dämmerigen Gassen oder im Stadtpark auf- und abging . Ellen wußte , daß ihre Liebe unglücklich und hoffnungslos war , denn er stand auf der fernen , unerreichbaren Höhe des Erwachsenseins . Aber es war schon lähmende Seligkeit , ihn nur zu sehen , von ihm gegrüßt zu werden und dann abends an ihn zu denken , wenn sie im Bett lag . In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen . Bald nachdem die Freifrau zurückgekehrt war , wurde sie von wohlmeinenden Bekannten darauf aufmerksam gemacht , daß ihre beiden Jüngsten sich eines schlimmen Rufes erfreuten . Nicht einmal Ladenklingeln und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen , und was das Ärgste war , Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum . Nun wurde Ellen plötzlich aus allen Himmeln geschleudert ; aber diesmal fand sie den Mut zu offener Auflehnung , und es gab eine heiße Szene zwischen ihr und