wirklichen Vater habe ich ja nicht gekannt und in meinem Herzen habe ich stets diesen « - er zeigte auf das Bild an der Wand - » so genannt . « » Das hat er auch verdient ... « » Und billigst Du meinen Entschluß ? « » Ich sagte schon : er beglückt mich . Nur das eine fürchte ich : - daß Du ein zu weites Feld bebauen willst , und dadurch vielleicht gerade die Pflanze vernachlässigen wirst , deren Pflege er « mit einem Blick auf das Bild - » uns hinterlassen hat . Ich meine jene ganz bestimmte , umgrenzte Bewegung - - « » Ich weiß , was Du meinst : Schiedsgericht - Weltfrieden - - und das nennst Du umgrenzt ? Es bedeutet nichts geringeres als die Umwälzung aller landläufigen Erziehung , Politik , Moral , Gesellschaftsordnung - - kurz , eine ganze Revolution . Und bemerkst Du nicht , daß wir in einer Zeit leben , in welcher auch wirklich auf allen Gebieten revolutioniert wird ? Seit zehn Jahren etwa ist in Deutschland eine Revolution der Literatur ausgebrochen ; die bildende Kunst nennt ihren Aufstand Sezession ; die Frauen heißen den ihrigen Emanzipation und die Proletarier - Sozialdemokratie , und so nach allen Seiten - - « » Nicht jeder , der eine neue Zeit ersehnt , braucht aber auf allen Seiten mitzuarbeiten . Jeder hilft dem andern am besten , wenn er die eigene Aufgabe gut erfüllt . « » Du , Mutter , interessierst Dich eben nur für die eine Frage - und nicht für den Umschwung in Literatur und Kunst - nicht für die Frauen- noch Arbeiterbewegung ? « » Interessieren ? Doch ! Wer am Wandel der Zeit Anteil nimmt , der horcht und blickt überall mit Spannung hin ... aber kämpfen und wirken , das möchte ich nur in einer Richtung - und wie Du weißt , so weit meine Kräfte reichen , habe ich ' s ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht ... In anderer Richtung fehlt mir das Verständnis - die Auffassungskraft . So gestehe ich Dir , daß mich die neue Kunst vielfach abschreckt ... daß ich noch an allem hänge , was ich in meiner Jugend als schön bewunderte und als gut kennen gelernt ... Ich habe nicht versucht , aus Sylvia eine neue Frau zu machen ; ich bin zu alt , um zu - « » Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns , « unterbrach Rudolf . » Ich bin jung ... Ich bin aufgewachsen in der gährenden Atmosphäre , in dem Sturm der Moderne ... Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Büchern und Zeitungen an , - denn die Menschen , mit denen wir verkehren , die leben noch so sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten , die wissen gar nicht , daß die Welt sich bewegt . Höchstens fühlen sie , daß ein miserabler Plebs an der schönen alten Ordnung zerren will - und das wehren sie verächtlich ab . Bis auf den alten Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen Ideen . Es gibt deren gewiß ein paar Dutzend , aber ich kenne sie eben nicht . « » Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen , « sagte Martha . » Der ist wirklich ein merkwürdiger und herrlicher Typus . Aber nicht , was ich unter modern verstehe : nichts von Dekadententum , nichts von raffiniertem Übermenschentum , nichts von tempelschänderischen Gelüsten . « » Du mußt nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins Auge fassen , Mutter - « » Freilich , Du hast recht ; die meisten Mißverständnisse kommen auch daher : jedes Ding hat so verschiedene Aspekte - und zwei Menschen , die im Grunde eigentlich gleicher Meinung wären , streiten über eine Sache , für die sie nur einen Namen haben , die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten ... Wovon sprachen wir eigentlich ? « » Von Kolnos - « » Ja , richtig ... Wo habe ich seinen Brief ? - Ah , da ... er hat mir sein neuestes Gedicht geschickt ... da lies : er kennt meine schwache Seite , wie Du siehst , sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet . « Rudolf nahm das Blatt und überflog es . Das dreizehn Strophen umfassende Gedicht , betitelt : » Nach X-tausend Jahren « , schildert eine Szene der fernen Zukunft , da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgräbt und darüber Forschungen anstellt , um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden : Gelehrte schreiben dicke Bücher Und streiten sich wie heute auch , Um Wert und Schönheit der Antike Und ihrer Werke Nutzgebrauch . Nun findet man ein rätselhaftes Instrument , über dessen Bestimmung man sich die weisen Köpfe zerbricht . Es ist ein dickes Metallrohr . Sollte es eine Riesenorgelpfeife , ein prähistorisches Flötenstück oder ein Trinkhorn für Giganten gewesen sein ? Oder ein mystisches Symbol - sogar in finsteren Zeiten der Gläubigen Götze ? Endlich ward ein Stein entziffert , worin die Erklärung eingegraben war . Darauf wäre man freilich von selber nie gekommen : man brauchte das Rohr zum Massenmorde , euphemistisch Krieg genannt : Und weil der Totschlag gut kanonisch , ( Das Mittel heiligte den Zweck ) So nannte man das Ding Kanone Und blies damit die Gegner weg . Robert gab das Blatt zurück . » Nun , ich sag ' s ja : ein moderner Mensch , dieser hohe Sechziger . Denn sein Blick ist nach der Zukunft gerichtet . Er weiß , daß wir in Wandlung begriffen sind . Er schaut erkennend und sehnend nach vorwärts , während meine verehrten Genossen , wenn sie schon Ideale haben , sie immer nur in der Vergangenheit sehen . Die meisten sehen überhaupt nicht weiter als ihre Nase . « » Dabei sind aber diese Menschen ihrer Anlage nach vielleicht gerade so gescheit wie Du